Zweiter mit Sternchen

Christian Karn. Mainz.
Holstein Kiel ist (neben Fortuna Düsseldorf) die große Überraschung der zweiten Bundesliga. Nach einem holprigen Start mit einem Punkt aus zwei Spielen hat der Aufsteiger bis auf ein einziges 0:1 nur noch gewonnen, häufig deutlich gewonnen, er steht schon wieder auf dem zweiten Platz. Die Einschränkung dabei: Die Gegner waren ausnahmslos Mannschaften, die auch sonst eine Menge Spiele verlieren. Gegen den Tabellenführer und den Dritten hat Kiel noch nicht gespielt, gegen den Vierten bis Sechsten nur einen Punkt geholt. Das macht es noch schwieriger, den Gegner des FSV Mainz 05 im heutigen Pokalspiel ernsthaft einzuschätzen.

So recht interessieren sich die Mainzer nicht für das Pokalspiel, das ihnen heute abend angeboten wird. Man kann sie verstehen, einerseits: Das ungemütliche Wetter, die späte Anstoßzeit, das nahe Derby gegen die Eintracht (auch spät, auch kalt, aber eingangs des Wochenendes), die Kosten für ein Spiel, das nicht mit der Dauerkarte sowieso bezahlt ist, für viele der weite Weg und der weite Rückweg mitten in der Nacht, und am Ende gibt's auch noch Verlängerung, für manch einen vielleicht sogar die Chance, ein paar Stunden früher in Wiesbaden Schalke 04 zu sehen, der vordergründig langweilige Gegner, das alles sind Faktoren, die das Pokalspiel um 20.45 Uhr gegen Holstein Kiel nicht gerade attraktiv machen. Wenn dann noch der Restfrust von der Niederlage auf Schalke dazukommt, der Aberglaube um die Serie verlorener Zweitrundenspiele gegen Zweitligisten, wenn dann noch dazukommt, dass es in der Arena noch nie Pokalatmosphäre gab, sondern überhaupt erst vier Heimspiele, von denen die 05er drei verloren, dann ist es kein Wunder, dass noch nicht annähernd 10.000 Karten verkauft wurden.

Andererseits ist es schade, denn die Partie gegen den Aufsteiger aus der dritten Liga könnte ein hochinteressantes Fußballspiel werden. Mit Fortuna Düsseldorf, die von zwölf Pflichtspielen zehn gewonnen hat, streiten sich die Kieler um die Rolle als Zweitliga-Überraschungsmannschaft. Sie starteten torreich, aber unglücklich in die 2. Liga, glichen zwar am ersten Spieltag in der 95. Minute das 0:2 gegen Sandhausen aus, ärgerten sich dann am zweiten Spieltag über das 3:4 gegen Union Berlin, gewannen seitdem (bis auf das 0:1 gegen St. Pauli) jedes Spiel. Gern deutlich: 3:1 gegen Fürth, 3:0 in Aue, 3:1 in Duisburg, 3:0 gegen Bochum, 5:3 in einem wilden Spiel in Heidenheim. Zuletzt am Freitag 2:1 gegen Bielefeld. Und sie gewannen ihre acht Spiele nicht zufällig, sondern mit einem eindrucksvollen Offensivstil, mit dem bisher besten Angriff der Liga.

Die zweite Liga macht Holstein Kiel bisher großen Spaß. Das 4:3-Führungstor von David Kinsombi (vorne links) in Heidenheim war das 25. von bisher 28 Toren, die der KSV Holstein in elf Spielen bejubelte. Foto: imagoDer Eindruck liegt schon nahe, dass es im kommenden Jahr zum ersten Mal einen Bundesligaklub in Schleswig-Holstein geben könnte, aber der Weg ist noch weit für den Aufsteiger. Und der Eindruck könnte täuschen, denn die interessanten Spiele, die Topspiele fehlen noch. Erst im November und Dezember wird Kiel mit den anderen beiden Spitzenmannschaften aus aus Düsseldorf und Nürnberg konfrontiert. Gegen den Vierten und Sechsten der Tabelle hat der KSV Holstein verloren, gegen den Fünften nur einen Punkt geholt. Alles von Platz 7 abwärts haben sie konsequent geschlagen, gegen den Letzten, den FCK, dazu wiederum ein Eigentor in der 93. Minute gebraucht... Umso mehr dürfte es auch die Kieler interessieren, was in Mainz möglich ist, bei diesem strukturell schon starken, aber personell instabilen Bundesligaklub, bei ihrer ersten Chance, auch mal einen Favoriten zu schlagen - einen Favoriten, den sie schon einmal geschlagen haben, im bisher einzigen Aufeinandertreffen der beiden Profiteams, drei Tage vor Heiligabend 2011.

Die Aufgabe war freilich nicht leicht für den Bundesligaklub beim Drittligaverein. Der Rasen in Kiel war nahezu unbespielbar; mangels einer Rasenheizung hatte der KSV Holstein sich größte Mühe gegeben, das Spielfeld irgendwie herzurichten, aber das fiese Dezemberwetter hatte den Spielern einen teils matschigen, teils knallhart gefroreren Platz beschert, einen Platz, der klar stellte: Konstruktiver Fußball ist schwer, das erste Tor kann entscheiden. Das erste Tor schoss Anthony Ujah, der junge nigerianische Stürmer der 05er, schon in der sechsten Minute, ein herrliches Kopfballtor, nahe an den kurzen Pfosten, unhaltbar. Für Heinz Müller. Es war das falsche Tor, ein Eigentor für die Kieler. Die 05er kamen nicht mehr zurück, hatten Probleme mit dem Platz, mit dem Gegner, mit dem Rückstand, mit sich selbst, hatten weder Matchglück noch Qualität, kassierten irgendwann das 0:2, flogen raus.

Aus der Verlierermannschaft dieses Dezembertags wird heute niemand mitspielen. Bis auf Niko Bungert haben alle die 05er früher oder später verlassen und der Innenverteidiger ist verletzt. Die Kieler können mit zwei Mann antreten, die damals gegen die 05er gewonnen haben. Tim Siedschlag, der die Flanke zu Ujahs Eigentor geschlagen hat, spielt allerdings in dieser Saison bislang gar keine Rolle beim KSV Holstein. Der Rechtsverteidiger Patrick Herrmann könnte wieder dabei sein, außerdem drei Ex-05er: Steven Lewerenz, im Aufstiegsjahr 2013/14 mit sieben Toren und 16 Vorlagen ein wichtiger Leistungsträger der Mainzer U23, ist auf dem rechten Flügel der Kieler gesetzt. Aaron Seydel, vor wenigen Wochen nach Kiel ausgeliehen, stand in Heidenheim als Linksaußen zum ersten Mal in der Startelf. David Kinsombi, der talentierte Innenverteidiger aus der 05-Jugend, der sich einst mit dem Wechsel zu Eintracht Frankfurt verzockte, weil dort die U23 wenig später abgeschafft wurde, hat sich inzwischen in der 2. Liga etabliert, zuletzt aber seinen Stammplatz an Dominic Peitz verloren.

Der 33-Jährige, fast zwei Meter große Routinier ist eine Schlüsselfigur im Kieler Team. Mit der gleichen Garstigkeit, mit der Peitz einst Milorad Pekovic seinen einzigen Platzverweis untergejubelt (und im Rückspiel selbst Rot gesehen hat - "manchmal trifft's den Richtigen", dachte damals ganz Mainz), geht er heute noch als zentraler Spieler im 4-1-4-1 von KSV-Trainer Markus Anfang dem gegnerischen Angriff auf den Geist. Alexandru Maxim, Yoshinori Muto, Kenan Kodro, Robin Quaison, wer halt im Zentrum aufgestellt wird, sollte sich auf den einen oder anderen blauen Fleck einstellen. Den wird es geben. Peitz hält Dominick Drexler den Rücken frei. Mit sechs Toren in elf Spielen ist der offensive Mittelfeldspieler im dritten Anlauf in der 2. Liga angekommen; als Fürther und Aalener hatte er einst noch seine Mühe. Heute wird er in der Torjägerliste lediglich von zwei Mann übertroffen: vom Nürnberger Mikael Ishak, der seit seinem Hattrick in Duisburg im September in jedem Spiel sein Tor macht, und vom eigenen Mittelstürmer Marvin Ducksch, der in ebenfalls elf Spielen bereits neunmal traf. Der 1,88 Meter große 23-Jährige ist vom FC St. Pauli ausgeliehen, dürfte nicht zu halten sein - es sei denn, vielleicht, er schießt Kiel in die Bundesliga. Und im Pokal weit genug.

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