Zwei Abwehrfehler, zwei Jokertore

Christian Karn. Baku.
Der FSV Mainz 05 hat am zweiten internationalen Spieltag den ersten Europa-League-Sieg dieser Saison geschafft. Der Qäbälä FK drehte zwar in Baku die 05-Führung durch Yoshinori Muto dank zweier Abwehrfehler der Mainzer, diese aber schlugen durch die Jokertore von Jhon Córdoba und Levin Öztunali zurück und setzten sich mit einem 3:2-Auswärtserfolg erst einmal an die Tabellenspitze der Gruppe C.

Qäbälä FK - FSV Mainz 05 2:3 (0:1)

Donnerstag, 29. September 2016, 8.500 Zuschauer in Baku.

Qäbälä FK: Besotosnij - Mirzabayov, Santos, Stankovic, Ricardinho - Sadiqov (81. Mammadov), Wernidub (86. Camalov) - Qurbanov (81. Franjic), Ozobic, Zenjov - Dabo.
Reserve: Pietrzkiewicz, Musayev, Hüseynov, Abbasov. Trainer: Grigortschuk.

FSV Mainz 05: Lössl - Brosinski, Bell, Hack, Bussmann - Rodríguez (67. Córdoba), Frei - Clemens (67. Öztunali), Malli, de Blasis - Muto (84. Serdar).
Reserve: Huth, Donati, Onisiwo, Bungert. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Mazeika (Litauen).

Tore: 0:1 Muto (41., Bussmann), 1:1 Qurbanov (57., Foulelfmeter, Lössl an Ozobic), 2:1 Zenjov (62., Dabo), 2:2 Córdoba (68., Bussmann), 2:3 Öztunali (78., Frei).

Gelbe Karte: Ozobic, Zenjov, Stankovic - Hack, Lössl, Öztunali.

Spannend war's. Aufregend war's. Unterhaltsam, das Europa-League-Spiel des FSV Mainz 05 in Baku gegen den Qäbälä FK. Sehr gut machten die 05er ihre Sache, bis die nächsten beiden Abwehrfehler das Spiel nach einer Stunde ohne Vorwarnung komplett kippen ließen, aus der 1:0-Führung einen 1:2-Rückstand machten. Aber die Mainzer kamen zurück, zwei Jokertore sicherten ihnen den Auswärtssieg, der sie einstweilen an die Tabellenspitze der Gruppe C bringt - der RSC Anderlecht und die AS Saint-Étienne können erst am späten Abend nachziehen.

Auf vier Positionen hatte Martin Schmidt die Mannschaft nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen verändert. Oder zumindest auf dreieinhalb - Alexander Hack für Leon Balogun aufzustellen, war nach der frühen Verletzung des nigerianischen Nationalverteidigers am Sonntag eigentlich keine Veränderung. Außerdem spielte rechts hinten erstmals in der Saison nicht Giulio Donati, sondern der Allrounder Daniel Brosinski, für den der in der Liga gesperrte, international aber spielberechtigte José Rodríguez ins defensive Mittelfeld kam. Vorne rechts und als Mittelstürmer spielten anstelle der späteren Torschützen Levin Öztunali und Jhon Córdoba diesmal Christian Clemens und Yoshinori Muto.

Den Japaner zu bringen, schien lange die falsche Entscheidung gewesen sein. Muto war nicht nicht der Mittelstürmer, den die Mainzer in diesem Spiel brauchten. Die Gastgeber neutralisierten ihn einfach; der zehn Zentimeter größere und viel mit den Händen arbeitende serbische Manndecker Vojislav Stankovic war eine unüberwindbare Mauer. Bis er in der 41. Minute nicht am Mann war. Da hatte Hack einen langen Ball ein paar Meter innerhalb des Spielfelds die linke Linie entlang gespielt, Gaetan Bussmann mit dem ersten Kontakt an den Strafraum verlängert. Der Franzose lief sofort als Mittelstürmer in Position, aber Muto, der zum ersten Mal ein bisschen Platz hatte, brauchte keinen Mittelstürmer, schoss von links selbst aufs lange Eck. Besotosnij war noch mit der Hand am Ball, aber da war schon nichts mehr zu retten.

Die Mainzer spielten nicht schlecht, kontrollierten die Partie, hatten hinten fast alles unter Kontrolle. Zweimal nur bekamen sie die Räume nicht zu: In der dritten Minute flankte der estnische Nationalspieler Sergei Zenjov nach einem Pass des Mittelstürmers Bagaliy Dabo, Jonas Lössl war im Zentrum alleine mit zwei Angreifern, holte sich aber den Ball. In der 24. Minute dagegen stand Lössl im Niemandsland vor dem Tor, als Ruslan Qurbanov von rechts flankte und der diagonal in den Strafraum mitgelaufene Linksverteidiger Ricardinho mit einem Kopfball-Lupfer weit über den Torwart - wohl eher als Vorlage gedacht - den langen Pfosten traf. Dort verfehlten Dabo und Brosinski im Zweikampf den Ball, Zenjov schoss den Abpraller weit vorbei. Außerdem schoss Qäbäläs Kapitän Rashad Sadiqov weit drüber (5.), außerdem ging der Kullerball von Witalij Wernidub neben das Tor (45.) - zwei harmlose Schüsse aus eher aussichtslosen Situationen.

Der Qäbälä FK war ein unbequemer, ein geschickter Gegner in der ersten Hälfte. Der in seiner Liga seit Monaten ungeschlagene Tabellenführer Aserbaidschans lief geschickt an, suchte die gelegentlich wiederkehrenden Ungenauigkeiten der 05er zu nutzen. Diese bauten ohne die ganz große Eile von hinten heraus ihr Spiel auf, das hatte Martin Schmidt so bestellt. Die 05er sollten den Gegner nicht überfallen, sie sollten mit viel Verschieberei Löcher reißen. Das gelang lange nicht. Durch Mutos Unterlegenheit gegen Stankovic, gegen Rafael Santos, gegen den langen Ukrainer Wernidub war in der Mitte selten jemand anspielbar. Die 05er mussten immer wieder auf die Flügel gehen, waren dabei links aktiver als rechts, Bussmann war ungewöhnlich häufig an der Grundlinie. Den Franzosen brachten die 05er immer wieder ins Spiel, er sollte von links die Bälle hinter die Abwehr bekommen. Daniel Brosinski war kein Spiegelbild Bussmanns, der Rechtsverteidiger ging nicht so weit mit. Bussmanns viele Hereingaben hätten allerdings gefährlicher sein dürfen.

Der serbische Innenverteidiger Vojislav Stankovic hatte Yoshinori Muto meistens gut im Griff. Als der Japaner aber einmal Platz hatte, stand es prompt 1:0 für die 05er. Foto: Mainz 05Die erste ging nicht auf den Mittelstürmer, weil es in dieser zehnten Minute keinen Mittelstürmer gab. Rechts außen versuchte Clemens, den Querpass zu erreichen, kam aber nicht dran. Die zweite Flanke holte sich der Torwart (16.), Yunus Malli schoss nach der dritten übers Tor (28.), die vierte führte zum Führungstor; unmittelbar davor hatte der Linksverteidiger eine Malli-Ecke nicht allzu platziert aufs Tor geschossen. Das war für Besotosnij kein Problem.

Malli hatte zwischendrin zweimal quer auf de Blasis gespielt, der erste Versuch kam nicht an (18.), beim zweiten schoss der Argentinier übers Tor (20.) - die erste richtig gefährliche Szene fürs Tor der Aserbaidschaners kam vom Kopf des eigenen Manns: Sadiqov hätte beinahe den Torwart mit einer Rückgabe überlupft, Besotosnij musste sich strecken und erreichte den Ball (34.). Zwei Minuten darauf kamen die 05er auch selbst zu einer guten Torchance: Weil die Gastgeber offenbar selbst den Ball wieder ins Spiel bringen wollten, ließen sie sich von den 05ern überrumpelten, alles rechnete mit einer Flanke von Clemens, der lupfte vom Strafraumrand, nicht weit von der seitlichen Linie, aufs kurze Eck, verfehlte es um einen Meter.

Nach der Halbzeit wollten die 05er offenbar das Spiel schnell entscheiden. Pablo de Blasis hatte nach zwanzig Sekunden den ersten Ansatz einer Torchance, minutenlang quetschten die 05er den Gegner an dessen Strafraum fest. Malli empfing den gleichen Pass wie Muto beim Führungstor, brachte den Ball aber diesmal nicht am Torwart vorbei (50.), es gab Eckball, nochmal Eckball, nochmal Eckball...

...und dann lösten sich die Aserbaidschaner aber. Und in der 57. Minute hatten die 05er den Salat, war Jonas Lössl schon wieder der Leidtragende seiner Verteidigung: Stefan Bells Versuch einer Kopfballrückgabe zum Torwart war viel zu kurz, Lössl musste raus, Filip Ozobic (der für einen klassisch kroatischen Ellbogenschlag gegen Alexander Hack in der 48. Minute mit Gelb noch glimpflich davon gekommen war) lupfte über den Torwart ins Leere, wollte ohnehin nichts anderes als den Elfmeter, ließ sich umrennen. Der Strafstoßpfiff ging in Ordnung, Gelb gegen Lössl war nicht zwingend. Qurbanov schoss den Elfmeter nicht mal gut, aber auf die Seite, gegen die sich Lössl entschieden hatte - 1:1.

Und gleich 2:1. Qäbälä blieb in der Offensive, seitens der 05er hatte nur noch der Torwart Zugriff. Lössl holte sich Eckbälle, fing Flanken, war aber alleine auch nicht in der Lage, den Laden zusammenzuhalten, der vor ihm zerbröckelte. Zenjov traf schon der der 62. Minute zur Führung. Diesmal machte Frei den entscheidenden Fehler, die rechte Abwehrseite war bei Dabos Pass auf den Esten nicht da und der nutzte die komplette Breite des Tors, schoss flach an den langen Innenpfosten, unerreichbar für Lössl.

Mit einem Doppelwechsel brachten die 05er jedoch schnell den Impuls zur erneuten Wende. Jhon Córdoba und Levin Öztunali kamen für Clemens und Rodríguez und der Kolumbianer schoss nach wenigen Sekunden mit dem ersten Ballkontakt den Ausgleich: Bussmann verlängerte einen Eckball von Malli auf Córdobas Fußspitze - 2:2 (68.). Die 05er machten nun wieder Druck, verschoben das Spiel wieder an den gegnerischen Strafraum, und sie gingen durchs nächste Jokertor in Führung. Der Angriff in der 77. und 78. Minute entwickelte sich schleichend, wurde sukzessive gefährlicher. Frei spielte am Ende auf Öztunali. Der Offensiv-Opportunist wartete geduldig auf Ricardinhos Abwehrversuch, wartete, für welche Seite sich der Brasilianer entschied (die äußere), zog ein paar Schritte in die andere Richtung. Und als die enge Schussbahn aufging, mit der auch Besotosnij nicht rechnete, schob Öztunali den Ball fein ins kurze Eck. 3:2. Die Entscheidung?

Qäbäläs Trainer Roman Grigortschuk wechselte jetzt auch, brachte zwei neue Offensive, Martin Schmidt wiederum war gezwungen, den angeschlagenen Muto vom Platz zu holen und schickte für ihn Suat Serdar aufs Spielfeld - die zwischenzeitlich verringerte Defensive galt es wieder zu stärken. Doch es ging vorne weiter: Córdobas Schuss in der 84. Minute lenkte der Torwart an die Latte, Mallis Schuss in der 85. Minute ging vorbei. Qäbälä ging spürbar die Kraft aus. Für die Gastgeber ging es darum, nicht nur die 05er, sondern auch sich selbst zu überwinden. Die waren kaputt. Die hatten nichts mehr. Trotzdem blieb's spannend, blieb's packend, lautete die erste Frage sowieso: Haben die wirklich nichts mehr? Oder haben sie doch noch die eine Patrone? Kommt noch einmal der Kraftakt in der Nachspielzeit? Die war zuletzt nicht immer der Freund der 05er. Diese wollten den Ball halten, ihn laufen lassen, die Zeit ablaufen lassen. Viele Bälle gewannen die 05er weit vorne, einer ging gefährlich weit hinten verloren. Serdar wollte einen letzten tödlichen Pass spielen und schaffte es nicht. Am Ende reichte es zum Auswärtssieg, saison- und wettbewerbsübergreifend, wenn wir ausnahmsweise das Elfmeterschießen in Unterhaching mitzählen wollen, zum fünften innerhalb der letzten sechs Auswärtsspiele. Und elf Jahre nach dem 2:0 in Reykjavík zum zweiten im Europapokal.

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