Womit man sich so arrangiert

Christian Karn. Mainz.
Die Heimstärke der Hinrunde ist fort. 1:1 trennte sich der FSV Mainz 05 nur vom VfL Wolfsburg, es ist im fünften Heimspiel des Jahres das vierte, das die 05er nicht gewonnen haben. Das lag weniger am frühen Rückstand, den die Gastgeber schnell mit einem feinen Kontertor ausglichen, sondern vor allem an der missglückten zweiten Hälfte, in der die Wolfsburger zwar so gut wie gar keine Herausforderung stellten, die Mainzer aber auch fast nichts Konstruktives mehr auf den Platz brachten - bis zur dicken Chance in der 88. Minute. Daher müssen sie sich nach einem unterm Strich nicht zufriedenstellenden Auftritt mit einem 1:1 arrangieren.

FSV Mainz 05 - VfL Wolfsburg 1:1 (1:1)

Samstag, 4. März 2017, 27.238 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Ramalho, Bussmann - Frei, Latza - Öztunali, de Blasis (90. Gbamin) - Muto (67. Jairo), Córdoba (90+2. Quaison).
Reserve: Huth, Bojan, Brosinski, Bungert. Trainer: Schmidt.

VfL Wolfsburg: Casteels - Blaszczykowski, Bruma (75. Horn), Knoche, Rodríguez - Bazoer, Luiz Gustavo - Didavi (78. Mayoral), Arnold, Malli - Gómez.
Reserve: Grün, Vieirinha, Ntep, Gerhardt, Horn, Möbius. Trainer: Jonker.

Schiedsrichter: Cortus (Röthenbach).

Tore: 0:1 Gómez (20., Rodríguez), 1:1 Córdoba (24., Öztunali).

Auch die zweite Chance, mit einem Heimsieg gegen einen seit Wochen erfolglosen Abstiegskämpfer einfach alle Probleme zu lösen, hat der FSV Mainz 05 verpasst. Dass es mit 1:1 in die Halbzeit des Spiels gegen den VfL Wolfsburg ging, hatte noch mit ein bisschen Pech zu tun. Die Wolfsburger gingen mit ihrer zweiten Chance in Führung, die 05er glichen schnell aus und zeigten, mit diesem Spielstand noch nicht zufrieden zu sein. In der zweiten Hälfte aber ging den Mainzern jede Spielkultur verloren. Es gab immer mal wieder Einzelaktionen, es gab durchaus auch weiterhin den Wunsch, das Spiel zu gewinnen. Und in der 88. Minute tatsächlich sogar die dicke Chance zum Siegtor, einen schönen Schuss von Jairo, eine schöne Reaktion des Torwarts. Es war der einzige konstruktiv gespielte Mainzer Angriff nach der Pause. Immerhin war der VfL nach vorne auch nicht gefährlicher. So beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz zumindest sech Punkten - oder acht, oder neun, je nachdem, was der Hamburger SV am Sonntagabend noch macht. Und der Vorsprung auf den VfL blieb stabil.

Während der VfL den nur vor dem Spiel von den 05-Fans überwiegend freundlich begrüßten Yunus Malli ganz nach außen auf die linke Seitenlinie stellte, spielten die 05er in exakt dem gleichen Kader wie zuletzt beim 2:0 in Leverkusen - und auch in den ersten Minuten ähnlich angriffslustig, allerdings gegen einen weit weniger fehlerhaft verteidigenden Gegner. Levin Öztunalis Freistoß auf André Ramalho war ein Stückchen zu lang (2.), an die Flanke von Pablo de Blasis kam die Innenverteidigung heran (3.).

Freistöße gab es oft in den ersten Minuten, der VfL trat hart auf und nicht immer geschickt in den Zweikämpfen. Weil Robin Knoche aber auch die zweite Flanke von de Blasis kurz vor dem Tor wegspitzelte und der Eckball mit Stürmerfoul endete, stand es nach 11 Minuten diesmal nicht 2:0, sondern noch 0:0. Tatsächliche Torschüsse gab es noch nicht, auch nicht von Wolfsburg, weil Ramalho mit einem sehr langen Bein einen Querpass auf Mario Gómez abfing (12.). Erst in der 15. Minute gab Malli den ersten Schuss ab, mit dem Jonas Lössl nur einen kleinen Moment jonglieren musste; kein Problem für den 05-Torwart, ebensowenig wie der Ball, den Lössl in der 18. Minute dem schwungvoll anfliegenden Gómez vom Kopf holte. Und wäre Yoshinori Muto nicht die ausgezeichnete Vorlage von Danny Latza versprungen, hätten die 05er in der 20. Minute auch ihre erste Torchance gehabt.

In Führung ging der VfL. Unerwartet in dieser Situation. Eckball von links, nah ans Tor, eigentlich nicht besonders gut geschlagen. Giulio Donati hätte wohl klären können, zog den Kopf ein, irritierte die Kollegen. Am offenen langen Eck rannte Gómez in den Ball und drückte ihn über die Linie. Aber der Fehler des Italieners war schnell repariert. In der 24. Minute hatte Öztunali nach einer Balleroberung gegen Ricardo Rodríguez vorne rechts erstaunlich viel Platz, die Wolfsburger Abwehr spekulierte auf Dinge, die nicht passierten, und öffnete ihm jede Tür. Frei vor dem Wolfsburger Torwart Koen Casteels, aber vielleicht etwas zu weit rechts, hätte der Rechtsaußen selbst schießen können, Öztunali entschied sich aber für die allersicherste Variante, spielte nochmal quer, nahm damit den Torwart aus dem Spiel und überließ Jhon Córdoba den Treffer.

Der Kolumbianer spielte ansonsten merkwürdig, brauchte oft lange, um aus dem Abseits zu kommen, wirkte, als wolle er nicht laufen, wenn es nicht absolut notwendig war - irgendetwas muss ihm wehgetan haben. De Blasis kompensierte das. Der Argentinier war schlecht gelaunt nach einer frühen Freistoßentscheidung, war auch in den Spielunterbrechungen noch angriffslustiger als sonst, legte sich immer wieder mit dem kantigen Robin Knoche an, hatte um die 30. Minute herum zwei Torchancen. Bei der ersten verfehlte er den zu scharfen Querpass von Muto, bei der zweiten das Tor. Die Mainzer wollten das 2:1, und sie wollten es nicht irgendwann, sondern schnell. Und sie zeigten das, trugen damit zu einem bis dahin noch flotten, in vielen Phasen unterhaltsamen Spiel etwas mehr bei als die Gäste. Etwas kühlere Köpfe, so wie beim 1:1, hätten ihrem Fußball jedoch gut getan. Zu viele Freistöße aus dem Mittelfeld landeten im Niemandsland, zu viele Flanken hinter dem Tor. Die Ansätze waren ständig da, aber die 05er machten zu wenig daraus. Aber auch ein aufmerksamerer Schiedsrichter wäre hilfreich gewesen. Benjamin Cortus war in seinem sechsten Bundesligaspiel viel zu konfus, fand keine Linie, vermochte es überhaupt nicht, die immer wieder entstehende Hektik zu beruhigen.

Yoshinori Muto, Benjamin Cortus, Danny Latza und Riechedly Bazoer brachten einfach zu viel Konfusion ins Spiel. Die erste Hälfte war nicht schlecht, die zweite durchaus. Foto: imagoNach der Halbzeit verlor das Spiel daher erst einmal jedes Niveau. Einzige Szene, die etwas mit hochklassigem Fußball zu tun hatte: Das Solo von Riechedly Bazoer, der einen Weg in den Strafraum fand, aber einen Schuss losließ, der leicht zu halten war (55.), immerhin nicht ganz so leicht wie der von Luiz Gustavo in der 58. Minute. Es gab viele Unterbrechungen, es hätte ruhig auch mal eine Gelbe Karte geben dürfen, für irgendjemanden. Die 05er jedenfalls hatten mit der Partie in der Phase um die 60. Minute wenig zu tun. Sie hatten ihre Ballkontakte, aber überhaupt nichts Konstruktives. In solchen Phasen verliert man Spiele - im Strafraum immerhin waren die 05er wach. Und Lössl holte sich alle Flanken, die nicht schon vorher geklärt waren.

Jairo Samperio kam in der 67. Minute für den etwas zu konfusen Muto. Und hatte schon nach Sekunden eine Art Torchance, sein Schuss wurde jedoch abgeblockt. Einwürfe gab's. Massenhaft. Zeitspiel. Gestocher. Rückpässe. Fouls - und Dinge, die wie Fouls aussahen. Einen Zwischenstand, mit dem man sich arrangieren könnte, aber auch einen Öztunali, der ihn noch nicht akzeptieren wollte. Wenn nach vorne etwas ging, hatte es mit dem Torvorbereiter zu tun. Nicht mit Córdoba, der im Konter Jairo frei vors Tor hätte bringen können, die Flanke aber 15 Meter zu lang spielte. Die 05er konnten nur froh sein, dass der VfL in der Offensive genauso überfordert war in dieser zweiten Hälfte.

Und der VfL, dass Casteels in der 88. Minute so ein Glück hatte. Jairo spielte im Konter nicht nochmal nach links, was auf den ersten Blick sinnvoller ausgesehen hatte, sondern zog aus 20 Metern einfach mal ab. Der Schuss hätte gepasst, war schön platziert - der Torwart bekam die Hand dran. Und dennoch wäre der Ball fast noch im Tor gelandet. Nach dem folgenden Eckball kam der Kopfball von de Blasis zu hoch. Es war die letzte Chance. Lössl hatte noch eine Flanke zu fangen, der Rest des Spiels verhedderte sich im Mittelfeld. Die 05er versuchten zwar eine Schlussoffensive, fanden aber einfach nicht die Mittel. Und arrangierten sich halt mit dem Ergebnis.

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