Wo es dem Gegner wehtut, fehlt die Power

Jörg Schneider. Mainz.
Die Gesamtleistung war okay. Kämpferisch, läuferisch, mental zeigte der FSV Mainz 05 eine klare Leistungssteigerung. Der Mannschaft gelang es, den FC Schalke 04 zu dominieren, aber die Mainzer waren dabei nicht in der Lage, einen eigenen Treffer zu erzielen. „Am Ende war es ein Defensivfehler zu viel und ein Tor zu wenig“, sagte der Trainer ernüchtert. „Wir hatten die Power, den Gegner zurückzudrängen, aber halt nicht dahin, wo es ihm weh tut. Bis zum Sechzehner ging‘s gut. Wir kamen aber mit zunehmender Dauer nicht zu Großchancen. Unsere paar Halbchancen waren zu wenig. 18 Schüsse aufs Tor, neun davon daneben, das ist zu viel. Die müssen rein, wenn wir punkten wollen.“

Christian Heidels Rat an seinen Ex-Klub, sich nicht so viel mit der Tabelle und dem Abstand zum Relegationsplatz zu beschäftigen, sondern sich auf die Punkte zu konzentrieren,  klingt vernünftig. Elf Punkte aus den noch zu vergebenden 27 Zählern müsse der FSV Mainz 05 holen, rechnete der frühere Manager vor, dann kriege die Mannschaft nichts mit den zwei so gefürchteten Duellen mit dem Zweitligadritten zu tun. Elf Punkte also aus neun noch zu spielenden Bundesliga-Begegnungen. Das erscheint machbar, auch wenn nach der jüngsten 0:1-Niederlage gegen den FC Schalke 04 der Frust groß ist und das Umfeld eher pessimistisch gestimmt ist.  Acht Punkte aus acht Rückrundenspielen lautet die aktuelle Bilanz der Mannschaft von Martin Schmidt. Das sind drei weniger als zum selben Zeitpunkt in der Vorrunde. Um auf ihr  Hinrunden-Ergebnis zu kommen, müssten die 05er in den neun noch folgenden Spielen 13 Zähler einfahren. Dann wäre alles gut. Mit 42 Punkten wäre die Gefahr gebannt. Sicherlich aber auch schon mit den von Heidel errechneten 40.

Keine Lösung für das Problem, den Ball ins Schalker Tor zu befördern: Jhon Cordoba und seine offensiven Nebenleute schafften es nicht, die Abwehr um Benedikt Höwedes und Ralf Fährmann in Not zu bringen. Foto: ImagoSich mit der Situation auseinandersetzen, intern offen alle Defizite ansprechen und aufarbeiten, eng zusammenrücken. Das hat Rouven Schröder als Forderung und Maßgabe für die nun einsetzende Länderspielpause bis zum Auswärtsspiel beim FC Ingolstadt ausgegeben. Das große Defizit liegt dabei offen auf der Hand: Die Mainzer schießen zu wenig Tore, sie erarbeiten sich zu wenig Chancen aus dem Spiel heraus. Die Offensive kommt in dieser Rückrunde nicht auf den Punkt. Gegen Schalke stimmte die Leistung in den meisten Bereichen. Selbst im bisher meist problematischen Spielaufbau. Doch die Kunst war allzu oft am Strafraum des Gegners zu Ende. „Wenn man über das Datenblatt dieser Partie drüber guckt, sieht es gut aus. Wenn man auf das Resultat schaut, sieht‘s nicht gut aus“, sagte der 05-Trainer nach der Partie. „Wir hatten die Power, den Gegner zurückzudrängen, aber halt nicht dahin, wo es ihm weh tut. Bis zum Sechzehner ging‘s gut, Wir kamen aber mit zunehmender Dauer nicht zu Großchancen. Unsere paar Halbchancen waren zu wenig. 18 Schüsse aufs Tor, neun davon daneben, das ist zu viel. Die müssen rein, wenn wir punkten wollen. Dass wir den Kampf annehmen, hat man gesehen. Es war eine klare Leistungssteigerung“, betonte der 05-Trainer. Den 05ern gelang es den Europapokal-Viertelfinalisten zu dominieren, aber sie waren dabei nicht in der Lage, ihre über weite Strecken gezeigte Überlegenheit mit einem eigenen Treffer zu dokumentieren.

Umso größer war die Niedergeschlagenheit der Profis nachher in der Kabine. Kaum einer der Spieler fand Worte für diese Niederlage und dafür, was im Moment einfach nicht funktioniert und nicht gelingen mag. „Die Niedergeschlagenheit ist deshalb so groß, weil man sich viel vorgenommen hat, auch viel getan hat in diesem Spiel. Jeder merkt, dass er komplett ausgepumpt ist, es aber trotzdem zu wenig war. Das ist eigentlich das Schlimmste. Wenn du zehn Hundertprozenter hast und keinen reinkriegst, denkst du, was sind wir blöd. Wenn du aber alles gibst, alles rauspowerst und es reicht nicht, ist die Ernüchterung groß. Wir hatten es nicht so oft bisher, dass wir die Zweikampfstatistik gewinnen, dass wir in über 250 Sprints kommen. Daran sieht man, die Spieler haben alles in dieses Spiel reingehauen. Aber am Ende war es ein Defensivfehler zu viel und ein Tor zu wenig“, erklärte der 49-Jährige. „Der Fehler beim 0:1 wurmt die Spieler zusätzlich, weil die Hälfte der Mannschaft beteiligt war. Von der Mittellinie an waren fünf Spieler involviert, die nicht zugriffen und am Schluss steht dann der Schalker blank.“

Ein Ziel in diesem Spiel sei gewesen gegen die Schalker besser Fußball zu spielen als zuletzt. „Damit haben wir auch nach dem ersten Druck von ihnen begonnen. Wir hatten anfangs Lösungen, wollten immer wieder in ihren Rücken, kamen auch außen vorbei. Wir wollten Standards generieren, um darüber mal wieder einen reinzudrücken. Wir haben sehr vieles gemacht und auch gut gemacht. Aber das Tor haben wir nicht gemacht“, so Schmidt. „Nach der Pause ist das Gegentor zu früh gefallen. Ab da haben die Schalker gut gestanden, gut verteidigt, uns vom Strafraum weggehalten. Und wir haben die Lösung nicht mehr gefunden. Falsche Entscheidungen, verspringende Bälle, unsaubere Pässe. Da wird‘s dann schwierig“, betonte der Trainer. „Klar ist, dass da mittlerweile auch der Kopf mitspielt. Jeder will unbedingt, jeder ist voll emotional dabei. Jeder will zu viel und hat dann nicht den Blick für den letzten Pass. Das sind alles Sachen, die im Moment nicht wollen.“

Die eigene Offensiv-Abteilung sei jung und derzeit sicherlich in dem Prozess, in dem sie lernen müsse. Und schnell lernen müsse. „Wir hinterfragen da ständig alles und bleiben dran. Wir gehen aber nicht hin und fangen plötzlich an 3-5-2 zu spielen und etwas komplett anderes zu machen. Wichtig ist, dass das Team Fixpunkte an der Hand hat, Strukturen hat, an denen es sich festhalten kann, wenn es härter wird. Hektik und Hysterie wäre jetzt das komplett Falsche. Das Ganze geht bis zum letzten Spieltag. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir konzentriert und fokussiert bleiben und uns nicht durch Rundumschläge auch noch die Trainingswochen stören. Das Ganze ist jetzt eine Entwicklung und eine neue Erfahrung, die wir miteinander machen. So, wie im Herbst die Spiele der Europaliga kamen, kommen nun die Tage mit Spielen, in denen wir auf den Punkt bereit sein müssen.“

Und dann sorgte der 05-Coach am Ende ungewollt mit einem Versprecher doch noch für etwas gute Laune in der allgemeinen Tristesse, als er sagte: „Wichtig ist, auch im Umfeld nicht die Panik zu verlieren.“

 

 

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