„Wir suchen den richtigen Rhythmus“

Jörg Schneider. Mainz.
Die kleine Medienrunde unter der Woche am Bruchweg ist eigentlich ein Relikt aus der vergangenen Trainer-Ära. Thomas Tuchel hat das Treffen eingeführt und ein Forum geschaffen, in dem ein reger Meinungsaustausch stattfindet. Kasper Hjulmand hat diesen Termin bereitwillig übernommen. Der Cheftrainer spricht erkennbar gerne und leidenschaftlich über das Spiel und dessen Hintergründe. Das Treffen im Journalistenkreis ist allerdings nicht die einzige Tradition, die der neue Cheftrainer fortsetzt. Auch inhaltlich sei im Spiel des FSV Mainz 05 vieles wie bisher. Das Verteidigungsverhalten der Mannschaft unterscheide sich nicht grundsätzlich von dem unter Tuchel. „Eine andere Philosophie“, sagt der 42-Jährige, „aber die Ideologie bleibt.“

05-Trainer Kasper Hjulmand braucht Zeit, um den richtigen Rhythmus mit seiner Mannschaft zu finden, aber der Däne braucht zunächst einmal dringend ein positives Resultat. Foto: Jörg SchneiderKasper Hjulmand spricht gerne über Fußball. Bei diesem Thema wirkt er entspannt, aber auch motivierend. Liebend gerne würde er alles detailliert erklären. Seine Vorstellungen von einem Spielstil für den FSV Mainz 05. Seine Gedanken über die Balance zwischen konsequenter Verteidigung und konstruktivem Aufbauspiel. Die ganzen Details in Mainz verständlich machen, für seine Philosophie werben. Doch da gibt es noch diese Sprachbarriere. Hjulmand hat erstaunlich gut Deutsch gelernt in der kurzen Zeit. In gewissen fußballspezifischen Ausdrücken wechselt er ins Englische. Doch das reicht ihm nicht.

Das größte Problem ist noch die Sprache

„Ich versuche immer, sehr klar zu sein mit den Spielern und in meinen Äußerungen nach außen“, sagt er. „Mein größtes Problem im Moment, an dem ich am meisten arbeite, ist die Sprache. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich meine Sprache einsetze, um ein Gefühl für die Spieler und den Fußball zu kriegen und zu vermitteln. Doch es ist noch sehr schwierig, die Nuancen zu erklären und rüberzubringen.“ Er habe als Trainer stets die Sprache massiv eingesetzt. Ähnlich wie auch Jürgen Klopp und Thomas Tuchel dies als einen der wichtigsten Bestandteile einer Mannschaftsführung betrachten. Hjulmand nimmt Deutschstunden, um sich verständlicher ausdrücken zu können. Die Fortschritte sind enorm, „aber wenn es um Fußball geht, ist es einfach schwierig.“

Vieles von dem, was Hjulmand erzählt, muss deshalb meist interpretiert werden. Die Botschaft des Trainers ist dennoch klar. Und in einem Teil unterscheidet sich sein Verständnis vom Spiel dann doch von der Tuchel-Philosophie. Hjulmand möchte kein derart laufintensives Dauerpressing. „Es ist leichter, immer auf den Ball zu gehen, aber das ist auch immer hektisch. Wir wollen mehr Ruhe am Ball, dann aber Tempo und Rhythmuswechsel. Daran arbeiten wir.“ Der eigene Ballbesitz soll die Hektik rausnehmen. „Natürlich wollen wir sehr aggressiv im Pressing sein und so schnell wie möglich dann nach vorne kommen und Betrieb machen. Das ist alles sehr gut, wenn wir Platz haben. Wenn es aber keinen Raum gibt, dann brauchen wir Ruhe und Kontrolle im Aufbau“, erklärt er. „Aufbau mit viel Positionsspiel, um die gegnerische Abwehr herauszulocken und zwischen die Linien zu passen. Das ist etwas schwerer als reines Umschalten. Da suchen wir den richtigen Rhythmus.

45 Zu-Null-Spiele in Dänemark

Die Ideen, wie man am besten verteidigt, sagt Hjulmand, haben sich jedoch nicht geändert unter seiner Regie. Die Abwehr stehe etwas anders im Strafraum. Aggressives Anlaufen und Gegenpressing seien unverändert. „Wir arbeiten in der Viererkette etwas anders. Aber dass Situationen eintreten, wie in Chemnitz, eins gegen eins ohne Absicherung, „das ist ganz sicher nicht unsere Philosophie. Das ist schlechte Verteidigung. Wenn die Außenverteidiger in Not geraten, muss der Sechser dazu. Die Innenverteidiger sollen nicht aus dem Zentrum. Und wenn doch, muss auch da der defensivste Sechser mithelfen.“ Das funktionierte im Pokal überhaupt nicht.

„Ich habe in den letzten drei Spielzeiten mit dem FC Nordsjaelland 99 Spiele absolviert“, erklärt der Däne. „Das Team hat dabei 101 Tore kassiert und 45 Mal zu Null gespielt. Ich bin zwar ein sehr angriffsfreudiger Trainer, aber Verteidigung ist ein großer Aspekt für mich. Und zwar mit derselben Philosophie, die auch diese Mannschaft hat. Mit viel Druck auf den Ball. Den brauchen wir. Ich glaube aber auch, was wir dringend benötigen, weil wir den Ball etwas mehr und öfter haben wollen, ist besseres Positionsspiel und mehr Kontrolle. Diesen Rhythmus zu finden, ist im Moment noch etwas schwierig.“
Alle diese neuen Elemente benötigen Zeit. Trainings- und Wettkampfzeit, um richtig zu greifen. Ein sensibles Thema. Das weiß der 05-Trainer selbst. Nach dem Ausscheiden aus zwei lukrativen Pokalwettbewerben muss Hjulmand dem Klub Ergebnisse in der Bundesliga bringen. „Ich sehe die Schritte, die wir beispielsweise seit dem Test gegen Besiktas gemacht haben. Wenn wir das Vertrauen behalten und den Glauben an das, was wir tun, dann können wir vieles und kommen voran“, erläutert Hjulmand. „Wenn aber alles unter Druck steht und die Zweifel überall da sind, die klare Sicht auf die Dinge getrübt ist, dann wird alles noch ein Stück schwieriger. Ich kann nur sagen, ich bin zuversichtlich.“
Das Vertrauen in die ganze Geschichte, das räumt der 05-Trainer selbst ein, sinkt rapide, wenn die Ergebnisse ausbleiben. „Schlechte Resultate bedeuten, es wird schwieriger, die Entwicklung fortzuführen. In der Bundesliga geht es nur ums Gewinnen. In jedem einzelnen Spiel. Deshalb brauchen wir Resultate, auch am Sonntag um uns vorwärts zu bewegen. Je mehr du verlierst, desto weniger Zeit hast du. Ganz klar.“  

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