„Wir funktionieren als Mannschaft“

Jörg Schneider. Mainz.
Mehr Europapokal geht gar nicht: Seit über einem halben Jahrhundert spielt der RSC Anderlecht Jahr für Jahr international. Am Donnerstagabend ist der belgische Rekordmeister nun erstmals zu Gast beim FSV Mainz 05 im Top-Spiel dieser Gruppe C der Europaliga, zum Gipfeltreffen der beiden punktgleichen Tabellenführer. In der Pressekonferenz am Mittwoch hat sich Stefan Bell mit dem renommierten Spitzen-Klub und seinem eigenen Team auseinandergesetzt. „Wir kriegen es mit einem Gegner zu tun, der mit uns und Saint-Etienne auf Augenhöhe ist und im Normalfall mit uns und den Franzosen um die zwei Plätze zum Weiterkommen spielt“, sagte der Vize-Kapitän, der ein Plädoyer auf seine Kader-Kollegen hielt.

Wie schon vor dem Start in die Europa Liga vor einigen Wochen hat die Uefa wieder das Kommando in der Opel Arena übernommen. Der Ablauf vor dem zweiten Heimspiel in der Gruppe C, in dem die beiden führenden Klubs am Donnerstagabend um 21.05 Uhr aufeinandertreffen, ist genauestens geregelt. Pressekonferenzen, exakt festgelegte Trainingszeiten. Komplett veränderte Räumlichkeiten. Der FSV Mainz 05 muss seine Sponsoren und deren Präsentationen verstecken. Der Verband rückt seine eigenen Werbepartner in den Vordergrund. Die Uefa schreibt zudem vor, dass neben dem Trainer auch immer jeweils ein Spieler der beiden Klubs an den Pressekonferenzen auf dem Podium sitzt. Am Mittwochnachmittag stand Stefan Bell den Medien-Vertretern Rede und Antwort vor diesem Spitzenspiel der 05er gegen den belgischen Rekordmeister RSC Anderlecht. Einer Partie, die richtungsweisend sein wird für den möglichen Einzug ins Achtelfinale der Europa League. Beide Mannschaften stehen mit vier Punkten vorne in ihrer Gruppe.

Souveräner Auftritt in der Pressekonferenz vor dem Europapokal-Spiel der 05er gegen RSC Anderlecht: Vize-Kapitän Stefan Bell. Foto: Jörg Schneider„Wir kriegen es mit einem Gegner zu tun, der mit uns und Saint-Etienne auf Augenhöhe ist und im Normalfall mit uns und den Franzosen um die zwei Plätze zum Weiterkommen spielt“, sagt der Vize-Kapitän. „Sie sind in der Liga Tabellenführer, spielen eine sehr gute Saison. Wir erwarten einen Gegner, der uns richtig fordern wird, auf jeden Fall.“ Ein Gegner, der vor allem die Mainzer Defensive um den Innenverteidiger fordern wird, der zuletzt trotz solider Leistungen häufig vom Pech verfolgt war. „Wir haben bisher viele Tore geschossen“, sagt der 26-Jährige. „Uns ist immer bewusst, dass wir nicht über die ganze Saison so viele Tore schießen werden, dass die Effizienz da vorne nicht immer so da ist, deshalb haben wir immer kommuniziert, dass wir hinten stabiler werden müssen, um Punkte zu holen. Ich denke das haben wir in den letzten beiden Spielen auch gezeigt in der Bundesliga. In Wolfsburg zu Null gespielt, gegen Darmstadt bis auf Standardsituationen so gut wie gar nichts zugelassen. Da haben wir die Kurve bekommen. Die Tendenz stimmt. Wir müssen nun in der Defensive wieder ähnlich spielen wie gegen Saint-Etienne, wo wir über sehr weite Strecken sehr wenige Chancen zugelassen haben.“ Er selbst und die übrigen 05-Spieler seien sehr selbstkritisch. „Wir sind alles Spieler, die sich am meisten über Fehler aufregen und ärgern. So realistisch sind wir schon.“ Trotzdem stehe die Mannschaft in der Bundesliga und im Europapokal sehr ordentlich da.

Martin Schmidt hat mit seinem Team darauf hingearbeitet, die Fehler in der Abwehr zu reduzieren. Der Trainer sieht keinen Anlass, die Patzer von Bell und anderen Verteidigern extra zu thematisieren. „Du kannst auch etwas heraufbeschwören. Das hört auch wieder auf“, sagt der Schweizer. „Es ist halt so, wenn dir ein, zwei Fehler passieren, stellt sich der nächste Gegner voll darauf ein und spielt die Bälle dahin, um etwas zu provozieren. Das macht den Spieler auch nicht sicherer. So, wie gegen Darmstadt mit den vielen hohen Bällen, und dann kriegt Bello noch einen unberechtigten Elfmeter gegen sich. Aber er hat bis jetzt viele solide Partien gespielt und zuletzt vieles weg verteidigt. Den einen oder anderen Wackler haben wir doch alle“, betont Schmidt. „Ich kann nicht den Jhon Cordoba aufhängen, weil er vorne das leere Tor nicht trifft. So kann ich nicht den Bello verurteilen, weil er hinten mal einen von vielleicht 30 Zweikämpfen verliert. Ich bin überzeugt, dass er sich da weiter rausarbeitet. Wolfsburg war schon überzeugend von ihm, Darmstadt bringt ihn auch einen Schritt weiter.“ Er sei mit seinen Innenverteidigern sehr zufrieden. Besonders mit Bell und Alexander Hack, die zuletzt das Stopper-Duo der 05er bildeten. „Gerade wenn wir den Ball haben. Das sind unsere zwei Besten, wenn wir von hinten raus spielen im Spielaufbau.“ Hack, der durch die Verletzung von Leon Balogun in die Mannschaft gekommen war, hat sich beim 05-Coach mit seiner Leistung viel Ansehen verschafft. „Hack hat sich im mentalen Bereich weiterentwickelt. Jetzt hat er etliche Spiele solide absolviert. Ihm gelingt es nun, die Konzentrationsfähigkeit über mehrere Spiele hochzuhalten und mit der guten Leistung umzugehen. Er ist stabiler, robuster geworden, passt sich gut an Bello an“, sagt Schmidt.

Beeindruckend und in der Breite brutal ausgeglichen

Stefan Bell jedenfalls vermittelt nicht den Eindruck, dass ihn die diversen Pannen im Spiel großartig belasten. Der Vize-Kapitän ist inzwischen ein routinierter Bundesliga-Profi geworden, den auch solch schwierige Phasen nicht aus der Ruhe bringen. Der die Belastungen dieser Englischen Wochen wegsteckt und der vor allem große Stücke auf seine Kollegen hält. „Diese Saison mit den vielen Spielen, das ist für 80 bis 90 Prozent der Mannschaft komplettes Neuland und sehr spannend, weil wir es nicht gewohnt sind“, sagt Bell. „Wir hatten im ersten Block die Situation, dass wir viele Ausfälle hatten. Dadurch ist natürlich für den Trainer die eine oder andere Option weggefallen. Der positive Nebeneffekt ist aber, dass jeder, der fit war, auch seine Einsatzzeiten bekommen hat. Dadurch war die Stimmung immer sehr gut. Und diejenigen, die dann mehr Einsatzzeiten bekommen haben in den letzten Wochen, haben auch direkt gute Leistungen gezeigt. Es ist dieses Jahr schon bemerkenswert, dass keiner von denen, die reingeworfen werden, irgendwelche Probleme hat. Wir funktionieren als Mannschaft und jeder der reinkommt, egal, wieviel Einsätze er hatte, ist direkt da und zeigt seine Leistung. Das ist wirklich beeindruckend. Ich glaube, das wird für den Trainer noch eine schwere Aufgabe, wenn mal alle fit sind, den Kader zu nominieren und die erste Elf. Weil wir in der Breite wirklich brutal ausgeglichen sind.“

Ein Vorteil der 05er ist nach Ansicht des Verteidigers die Jugend des Teams. „Wir sind eine sehr junge Mannschaft. Man sieht, dass viele Spieler die Belastungen sehr gut wegstecken. Es ist natürlich auch stark positionsabhängig. Unsere Außenbahn- und Zentrumsspieler müssen bei unserem Spielsystem sehr viel laufen, müssen sehr viel Defensivarbeit verrichten. Da ist es nicht immer möglich, sieben Spiele in einem Block hintereinander zu bestreiten. Als Torwart oder Innenverteidiger sieht es vielleicht da ein bisschen anders aus.“  Vieles sei auch eine Sache der Gewöhnung. Fabian Frei, der solche Situationen aus seiner Zeit beim FC Basel kennt, habe den Kollegen berichtet, nach dem zweiten und dritten Block gewöhne man sich an das System und die vielen Spiele, stecke das Ganze immer besser weg. „Jeder Spieler kann es einordnen bei uns, dass es Phasen gibt, in denen es besser ist, mal auszusetzen. Wir haben das bis jetzt gut bewältigt und sind guter Dinge, dass uns das auch weiter gelingt.“

Der 05-Trainer ist vor dem Top-Spiel gegen die Belgier erstmals seit einiger Zeit in der komfortablen Situation aus dem Vollen schöpfen zu können. Und das, obwohl noch immer Leistungsträger wie Yoshinori Muto, Danny Latza oder André Ramalho verletzt fehlen. „Ich habe für die Partie gegen Anderlecht 19 fitte Spieler“, sagt Schmidt. „Ich muss erstmals wieder den Kader verkleinern.“ Frei und Leon Balogun sind fit und drängen ins Team. „Fabi und Leon haben die letzten Einheiten hundertprozentig absolviert unter voller Belastung. Wer es letztlich in den Kader schafft, werden wir sehen. Es muss auch taktisch ins Konzept passen. Wir müssen gucken, wie wir Anderlecht angehen. Ich kann jetzt nur sagen: Es sind alle bereit.“

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