„Wer hier kein Ticket kauft, hat verloren“

Jörg Schneider. Mainz.
Für schwache Nerven sind die Heimspiele des FSV Mainz 05 in der Opel Arena definitiv nichts. Das Team lief auch vor 26.573 Zuschauern gegen den SC Freiburg Gefahr, den eigentlich komfortablen 2:0-Vorsprung zu verspielen. Doch die 05er erzielten am Ende zum richtigen Zeitpunkt zwei weitere Tore und feierten einen 4:2-Sieg gegen den spielerisch starken Aufsteiger. Wie schon in den Heimspielen zuvor sorgten die Mainzer wieder für ein großes Spektakel im eigenen Haus. „Jeder, der hier kein Ticket kauft, hat schon verloren“, sagte Martin Schmidt nachher. Weitere Stimmen zum Spiel.

Mehr als eine halbe Stunde nach dem Anpfiff rollten die Sanitäter, begleitet vom Notarzt, den schwer lädierten Caglar Söyüncü mit der fahrbaren Trage zur Rettungswagen. Hinterher schleppten zwei Betreuer Maximilian Phillip zum Krankenwagen. Zwei Freiburger Profis, für das Auswärtsspiel in der Opel Arena in der Mainzer Uni-Klinik endete. Der Innenverteidiger war kurz vor dem Ende beim Abwehrversuch mit dem Gesicht gegen den Hinterkopf von André Ramalho geprallt, war kurze Zeit bewusstlos und musste mit einer schweren Gesichtsverletzung in der Kabine lange behandelt und mit Infusionen versorgt werden, konnte aber mit den Kollegen im Mannschaftsbus nach Hause fahren. Philipp war bereits ganz früh in der Partie im Zweikampf mit Niko Bungert umgeknickt und hatte sich die Bänder im Fußgelenk gerissen. Die Verantwortlichen des SC Freiburg, allen voran Trainer Christian Streich, waren in der Schlussphase dieser aufregenden Begegnung kaum noch zu beruhigen. Und vielleicht war auch deshalb Streichs Blick getrübt als er in der Nachspielzeit vehement einen Elfmeter forderte als Jean-Philippe Gbamin im eigenen Strafraum angeschossen worden war. Der Schiri pfiff nicht, Streich tobte. „Körpervergrößerung, Ellenbogen raus, da haben wir gelernt:  darf man nicht.“ Er habe diese Szenen gar nicht gesehen, hielt Martin Schmidt dagegen, „aber ich habe gesehen, dass Yunus Malli nicht im Abseits stand.“ Malli war auf dem Weg zum vierten Tor zurückgepfiffen worden. Seine nicht-Abseitsstellung war erheblich deutlicher als das vermeintliche Handspiel. Zwei Szenen, die verdeutlichen, was mehr als 94 Minuten lang abging in dieser Partie, in der Karim Onisiwo schließlich den Deckel drauf machte, den vierten Treffer erzielte und dem FSV Mainz 05 einen 4:2-Sieg in einer höchst turbulenten und komplizierten Partie bescherte.

Niko Bungert eröffnete mit seinem Kopfball-Treffer nach Ecke von Yunus Malli ein weiteres Heimspiel-Spektakel in der Opel Arena, das die 05er dank großer Effizienz und ihrer Standardstärke am Ende 4:2 gewannen. Foto: Ekkie Veyhelmann „Tja, was für ein Spiel war das“, sagte Christian Streich nachher in der Pressekonferenz wieder ganz sachlich und ruhig, aber schwer gefrustet und angeschlagen. „Wir haben uns katastrophal verhalten bei den Standards, und das hat das Spiel entschieden. Wenn ich die Daten sehe, 20 Torschüsse, 55 Prozent gewonnen Zweikämpfe. Die ganze Statistik kannst du in den Papierkorb werfen. Mainz hat vier Tore geschossen mit elf Schüssen, davon einmal an die Latte und einmal an den Pfosten. Wir haben zwei Schwerletzte und haben das Spiel verloren. Das ist das Ergebnis vom heutigen Tag“, fasste der SC-Coach zusammen. „Standards gehören leider dazu zum Fußball. Da waren wir ganz schlecht, auch beim zweiten Mainzer Tor. So geht‘s ja nicht. Wir können ja in Mainz nicht fünf Tore schießen, um ein Spiel zu gewinnen.“

Der Mainzer Trainer hatte ja schon im Vorfeld befürchtet, dass es eine intensive und hektische Partie werden würde. „Ist ja klar, wenn man so ein hektisches und wildes Spiel letztlich gewinnt, ist die Freude groß“, sagte Schmidt. „Die frühe Führung durch den Standard und dann den Konter, der zum Elfer führte, hat uns gut getan. Diese Führung hat natürlich ab da den Freiburgern den Ballbesitz gegeben. Sie haben uns dann vor sehr hohe Hürden gestellt. Vor der Pause haben wir gemerkt, dass sie im Zentrum ins Drittel rein spielen, dass wir da verdichten müssen. Wenn du es zu sehr verdichtest, gehen aber die Seiten auf, kommen die Flanken rein, wird die Box voll. Das war so und hat uns in allen Belangen gefordert“, betonte der 05-Trainer. „Wir haben etwas umgeändert und konnten das Ganze etwas bremsen, den Gegner vom Tor weg halten, aber es war immer gefährlich. Dennoch hat es zwei Fehler von uns gebraucht, um den Gegner wieder ins Spiel zu bringen. Wichtig ist aber für mich, dass wir heute nach zweifacher Führung nicht wieder einen Punkt abgegeben haben, sondern dass wir standhaft geblieben sind, dass wir nach dem Gegentor noch ein Drittes gemacht haben. Gut für die Entwicklung der Mannschaft, dass wir das geschafft haben und es zu Ende verteidigt haben gegen einen spielerisch sehr starken Gegner. Ich glaube, man muss heute unsere Effizienz rausstreichen, aber auch die Defensive, gerade in der zweiten Reihe kritisch ansprechen. Da gibt es genügend Hebel, die wir aufarbeiten müssen, die etwas die Euphorie über den Sieg nehmen. Wir bleiben kritisch. Wir haben öfter schon darüber geredet, dass du dir das Glück erkämpfen musst. Heute haben wir das gemacht. Du musst das Glück auf deine Seite ziehen. Im richtigen Moment die Tore geschossen. Deshalb haben wir uns das erzwungen, was wir zuletzt nicht gemacht haben. Was überwiegt, es war das fünfte Heimspiel, drei Siege, ein Unentschieden, das ist eine ganz gute Quote. Und die Spiele hier im Stadion sind alle unheimlich spannend und interessant. Jeder, der hier kein Tickt kauft, hat schon verloren.“

Rouven Schröder geschafft nach dem Erfolg: „Das ganze Spiel war eine heiße Nummer. Viele Emotionen, Torchancen. Für die Zuschauer ein sehr rasantes Spiel. Ich bin froh, dass wir es mit drei gewonnenen Punkten beendet haben“, erklärte der 05-Sportdirektor. „Du hast nie das Gefühl gehabt trotz Führung, dass du das Spiel sicher hast. Von daher war es bis zum Schluss extrem spannend. Wir haben uns dagegen gestemmt und gewonnen. Mein Pulsschlag war Wahnsinn. Ich wusste gar nicht, wo ich noch reinschreien, wen ich noch anfeuern sollte von außen. Weil wir ja in dieser Saison schon einige Spiele hatten, die auf Messers Schneide standen. Dass wir dann am Ende noch den Punch setzen, war Klasse. Ich freue mich besonders für Karim Onisiwo, der immer unheimlich viel arbeitet, dass er nun mal getroffen hat. Es war enorm wichtig für die Stabilität in der Liga, diesen Dreier nachzulegen. Das ist ein sehr guter Zwischenstand mit 17 Punkten. Wir wissen ja, was da noch auf uns zukommt in den nächsten Wochen an Gegnern. Jetzt können wir mit einem guten Gefühl nach Saint-Etienne gehen.

► Alle Artikel zum Spiel gegen den SC Freiburg

► Zur Startseite