Wer folgt auf Malli, wenn das Spiel stillsteht?

Christian Karn. Mainz.
Die Wahrscheinlichkeit steigt mit jedem weiteren Tag, dass Martin Schmidt am Sonntag die Startelf gegen den 1. FC Köln aus dem bisherigen Kader zusammenbauen wird. Personell gibt es auch ohne den gesperrten Jhon Córdoba mehrere Offensivvarianten (Yoshinori Muto vor Fabian Frei, Muto hinter Aaron Seydel, Muto neben Seydel oder Pablo de Blasis). Jedoch werden die 05er nach dem Abgang von Yunus Malli einen anderen Ansatz finden müssen: Mit dem Türken ging eine hohe Standard-Qualität verloren, die 05er werden wieder häufiger aus dem laufenden Spiel heraus treffen müssen.

Die letzte Ruhephase vor dem ersten Bundesligaspiel des neuen Jahres ist vorbei für die Profis des FSV Mainz 05. Heute beginnt das Training wieder, heute beginnt die unmittelbare Vorbereitung auf das Heimspiel am Sonntagabend, mit dem die 05er und der 1. FC Köln als letzte Mannschaften der Liga die längste Vorrunde von allen nach 149 Tagen abschließen.

Welche Optionen 05-Trainer Martin Schmidt in der Defensive hat, haben wir bereits betrachtet. Was die Offensive betrifft, haben wir mit voller Absicht auf Zeit gespielt, noch zwei mögliche Transfertage abgewartet, in denen Rouven Schröder tatsächlich einen Neuzugang geholt hat - Marin Sverkos schon am Sonntag im Kader zu sehen, wäre eine Überraschung. Den jungen, kaum erfahrenen Linksverteidiger vom KSC wollen die 05er in Ruhe zum Bundesligaspieler aufbauen.

Noch nicht da ist ein möglicher Nachfolger für Yunus Malli - wobei noch zwei Wochen bleiben bis zum Transferschluss. Dabei wird es sicherlich nicht bleiben, die 05er werden nach dem Verkauf des jeweils mit deutlichem Vorsprung besten Torschützen und besten Vorbereiters ihrer ersten 24 Saisonspiele, der gleichzeitig ihr Standard-Spezialist war, die Rückrunde nicht ohne einen weiteren Offensivmann angehen wollen. Es ist nicht mal auszuschließen, angesichts der Diskretion, mit der Schröder seine Transfers über die Bühne zu bringen pflegt, dass jener Neuzugang heute schon ohne jede Vorwarnung gemeldet wird. Aber selbst wenn das in Kürze geschehen sollte: Bis Sonntag wird's knapp. Sofern die Wolfsburger nicht mit einem Umtauschrecht argumentieren und Malli wieder am Bruchweg abstellen, müssten binnen weniger Tage der neue Mann und seine neuen Kollegen sich kennenlernen, er müsste die Spielweise, die Prinzipien, die Abläufe verinnerlichen. Und er müsste nach Möglichkeit direkt aus einer ernsthaften Vorbereitung kommen, aus einer Mannschaft, in der er eine Rolle gespielt hätte - und da die 05er nicht mal eben einem Bundesliga-Konkurrenten den Stamm-Zehner wegkaufen können, ein sofortiger Startelf-Kandidat aber auch sofortige Startelf-Qualitäten braucht, könnte das auf einen schwer auflösbaren Widerspruch hinauslaufen. Gehen wir also, bis das Gegenteil bewiesen ist, davon aus, dass Martin Schmidt seine Startelf aus dem aktuell bekannten Kader zusammenbauen wird.

Der Trainer hat mehrere Optionen, hat diese auch in der Vorbereitung vorgeführt. Der Haken an der Sache: Meist hingen sie mit Mittelstürmer Jhon Córdoba zusammen und der ist ja gegen den FC und anschließend gegen Borussia Dortmund gesperrt. Schröder hat das nach dem abschließenden Test gegen den FC Thun mit Humor genommen: "Wir sind uns alle sicher, dass er am Sonntag nicht spielen wird." Man habe dem FC nicht zu viele Details verraten wollen.

Während Yoshinori Muto (hinten) wieder ein Schlüsselspieler in der 05-Offensive werden dürfte, ist Daniel Brosinski nicht nur durch sein Elfmetertor gegen Thun einer der neuen Standardschützen - sofern er aufgestellt wird. Foto: imagoOhne Malli, ohne Córdoba, sicherlich auch ohne Karim Onisiwo, der große Teile der Vorbereitung verpasst hat, und ohne den Phantom-Neuzugang könnte es auf eine von drei Varianten hinauslaufen. Schlüsselspieler bei allen drei ist Yoshinori Muto. Der Japaner war nach seinem Comeback nach langer Verletzung zwar in den Testspielen nicht wesentlich an Toren beteiligt, hat lediglich Córdoba mit einer Kopfballverlängerung den Ball zum Führungstor gegen ADO Den Haag gegeben, ist aber nach drei 45-Minuten-Einsätzen und einer Generalprobe über 62 Minuten körperlich wieder hergestellt, sollte einen Großteil eines Bundesligaspiels bestreiten können. Muto könnte grundsätzlich Mittelstürmer vor Fabian Frei sein; diese Variante jedoch probierten die 05er in den Testspielen gar nicht aus; der Schweizer spielte als Zehner jeweils eine Halbzeit hinter Córdoba und hinter Aaron Seydel. Muto könnte sich auch mit Seydel die beiden zentralen offensiven Positionen teilen. Dann würde das 4-2-3-1 in ein 4-4-2 übergehen; gegen Den Haag und Thun war der Japaner sogar eher der höher aufgestellte Stürmer neben/vor Córdoba, im Kurzspiel gegen Borussia Mönchengladbach war er mit Seydel klarer auf einer Höhe. In einer dritten Variante würde es einfach gar keinen Mittelstürmer geben, sondern beispielsweise Muto und Pablo de Blasis als zwei flexible Offensivflitzer vor der Doppelsechs und beispielsweise zwischen den Flügelspielern Jairo Samperio und Levin Öztunali.

Möglichkeiten, eine Bundesliga-Elf ohne Neuzugang zu besetzen, hat Schmidt also. Daran sollen die 05er bei ihren ersten Missionen des Jahres nicht scheitern. Es ist auch nicht so, als wäre Malli an allen Treffern beteiligt gewesen; bereits das erste Saisontor (Flanke de Blasis, Kopfball Muto) fiel in Dortmund, nachdem der Zehner ausgewechselt war. Auch mit den vier Treffern gegen die TSG Hoffenheim am zweiten Spieltag hatte der Türke nur bedingt etwas zu tun; seine Eckballflanke vor dem 1:0 war von zwei Hoffenheimern kreuz und quer durch den Strafraum bugsiert worden, ehe de Blasis den Ball auf den Kopf bekam, beim 2:0 arbeiteten Öztunali, Córdoba und de Blasis zusammen, beim 3:0 flog Stefan Bells langer Ball auf den Torschützen Córdoba weit an Malli vorbei und beim 4:1 war Mallis Pass auf de Blasis schiefgegangen, aber Öztunali hatte sich den Abpraller geschnappt - und würde die Aufgabe lauten, schlechte Pässe zu spielen und auf Zufälle zu hoffen, würde sich die 05MixedZone an dieser Stelle für zwei Profiverträge bewerben. Einstiegsgehalt und Punktprämie würde genügen, Ballverluste würden wir garantieren.

Mallis weitere Aufgaben müsste dennoch jemand anderes übernehmen. Seine Sicherheit bei Elfmetern (fünf von vier verwandelt; gegen Freiburg musste Malli ja zweimal schießen) ist weg. Der einzige Elfmeterschütze war in dieser Vorbereitung Daniel Brosinski beim 3:1 gegen Thun; um daraus eine Regel abzuleiten, ist es zu früh, zumal der Defensivallrounder in der Hinrunde nicht zwangsläufig als Stammspieler gesetzt war. Die Eckbälle, mit denen Malli vier seiner sieben Torvorlagen sammelte, verteilen sich auf mehrere Spieler; Brosinski gehört dazu, Frei (auch kein zwangsläufiger Stammspieler) gehört dazu, Öztunali gehört dazu. Jairo könnte dazugehören; Freistöße hat der Spanier schon probiert. Tore gefallen sind auf diese Weise nicht; Córdobas Treffer gegen Den Haag entstand aus einem Einwurf, das Gladbacher Eigentor aus einer Flanke von Gaetan Bussmann aus dem laufenden Spiel heraus, André Ramalhos Traumtor gegen dei Bayern war die Folge eines schlecht abgewehrten Querpasses. Und gegen Thun trafen die 05er per Elfmeter und mit zwei ausgezeichneten Kontern. Das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Indiz, dass Mainz 05 mit Malli auch die Standardstärke verloren hat. Es könnte wieder verstärkt darauf ankommen, auf herkömmliche Weise Torchancen zu bekommen. Oder einen neuen Zehner zu finden, der weiß, wie man Ecken und Freistöße schlägt. Hier beispielsweise an Hiroshi Kiyotake zu denken, der in Sevilla offenbar schon nach einem halben Jahr nicht mehr gefragt ist, ist naheliegend. Der 27-jährige ehemalige Bundesligaspieler war jedoch gerade erst Hertha BSC zu teuer. Und ist sicher nicht der einzige Spieler, der schon mal ein Kopfballtor vorbereitet hat.

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