Wenn’s schief läuft, dann aber richtig

Jörg Schneider. Mainz.
Drückende Überlegenheit, Dominanz, Torchancen, aber kein Tor. Der Gegner kontert zweimal und gewinnt mit 1:0. Für den FSV Mainz 05 war dieses Szenario nichts Neues. Das hat's schon zweimal zuvor zum Bundesligastart im eigenen Stadion gegen einen Aufsteiger gegeben. Sandro Schwarz erlebte das Ganze zum ersten Mal. Der neue Trainer kassierte mit seinem Team zum Auftakt eine 0:1-Niederlage gegen Hannover 96. „Wir hätten es regeln können. Einzig das Tor für uns hat gefehlt, und das nervt mich am meisten“, erklärte der 05-Trainer. „Ich glaube, die Leute haben dennoch gemerkt, dass die Mannschaft zu hundert Prozent marschiert ist und zu hundert Prozent gewinnen wollte. Ich finde, dass es in diesem Spiel weniger negative Dinge gibt als positive.“

96-Torhüter Philipp Tschauner stand einige Male dem Torerfolg der 05er im Weg. Foto: Ekkie VeyhelmannDas war dann mal der Klassiker zum Auftakt: Die einen, in diesem Fall der FSV Mainz 05, machen bei eindeutiger Dominanz in ihrer besten Phase mit gute Spielzügen und herausgespielten Möglichkeiten keinen Treffer, spielen sich dann gegen einen tief stehenden und mit zwei dichten Viererketten eng verteidigenden Gegner im eigenen Ballbesitz den Wolf. Verlieren mit zunehmenden Anrennen des gegnerischen Tores irgendwann ihre Linie, das Tempo und vielleicht auch die Überzeugung.

Die Anderen, Hannover 96, haben von Beginn an nicht vor, viel in diese Partie zu investieren, verlegen sich ganz auf konzentrierte Defensivarbeit vor dem eigenen Strafraum, fühlen sich ohne Gegentor immer wohler, bauen Selbstvertrauen auf, weil nichts anbrennt und warten geduldig. Irgendwann wird die Chance wohl kommen. Sie kommt. Der zweite von ins gesamt zwei Kontern sitzt. 05-Torhüter René Adler kann den ersten Tempo-Gegenzug noch prächtig vereiteln, den Schuss von Martin Harnik zum 0:1 hätte der 05-Torhüter wahrscheinlich gehabt, wenn ihm nicht Abdou Diallo die Sicht zugestellt und Harnik dem Franzosen den Ball nicht durch die Beine gespielt hätte.

Die Mainzer Torchancen hätten dennoch zu einem Heimsieg vor 28.279 Zuschauern beim Start in der Opel Arena reichen müssen, nachher auch noch zu einem Unentschieden. Ist nicht. War nicht. Sandro Schwarz muss bei seinem Bundesliga-Debüt die erste bittere Niederlage hinnehmen. Dreimal ging’s für die 05er in der jüngeren Vergangenheit los gegen einen Aufsteiger, dreimal gab’s die 0:1-Niederlage. Stets unnötig und stets ein Stimmungskiller nach vielversprechender Vorbereitung. Nicht schön, aber nicht mehr zu ändern.

"Wir hätten es regeln können"

„Wir hätten es regeln können“, sagte Schwarz nach der verpatzten Premiere. Die Zahlen sprechen dafür. 15 Torschüsse, 13:1 Ecken, 60 Prozent Ballbesitz, eine Reihe von Chancen. „Die erste Halbzeit war eine Top-Halbzeit von uns. Da hat alles gepasst, da waren wir sehr aktiv in der Arbeit gegen den Ball, hatten überragende Balleroberungen, Tormöglichkeiten. Das einzige, was gefehlt hat, war das Tor, das wir durchaus verdient hatten. Wir waren im Konter abklemmen und in der Restverteidigung sehr gut, nie in der Gefahr ein Gegentor zu bekommen. Einzig das Tor für uns hat gefehlt, und das nervt mich am meisten.“

Das Tor fiel nicht, auch nicht in der Schlussphase nach dem Konter zum 0:1. „Vor der Box haben wir die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen. Trotzdem hätten wir mit allem, was wir getan haben, dieses Spiel gewinnen müssen. Das Ergebnis nervt ab, weil wir mehr verdient gehabt hätten. Aber mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben, wie wir mit dem Ganzen umgegangen sind, können wir komplett leben. Mit dem Ergebnis natürlich nicht“, betonte der 38-Jährige. „Ich glaube, die Leute haben dennoch gemerkt, dass die Mannschaft zu hundert Prozent marschiert ist und zu hundert Prozent gewinnen wollte. Ich finde, dass es in diesem Spiel weniger negative Dinge gibt als positive.“

Sandro Schwarz bei seiner Bundesliga-Premiere: Vom Ergebnis genervt, mit der Spielweise überwiegend zufrieden. Foto: Ekkie VeyhelmannDer Knacks in dieser Partie kam nach dem Wechsel, als die 05er nicht gut ins Spiel zurückfanden, nicht mehr mit der Schärfe und der Geschwindigkeit von vor der Pause die grüne 96-Wand bespielten. „In der zweiten Halbzeit waren wir nicht mehr aktiv genug gegen den Ball. Das Ansprinten, was wir in der ersten Halbzeit super gemacht haben, war nicht mehr da. Dann ist es das Schwierigste überhaupt: Du betreibst sehr viel Aufwand, gehst aber nicht in Führung. Das hat man uns dann auch angemerkt, dass wir uns nicht belohnen konnten für diesen Aufwand. Wir hatten insgesamt unsere Torraumszenen. Es war ja nicht so, dass du 90 Minuten Bellbesitz spielst, kommst aber nicht vor die Hütte und alle Leute schlafen ein. Wir müssen trotzdem die Phase verlängern, dass wir es in einem so schwierigen Spiel länger straff halten. Aber wenn es lange 0:0 steht, holt sich der Gegner mit sehr wenig ein gutes Gefühl und du holst dir mit sehr viel phasenweise ein weniger gutes Gefühl. Da musst du standhaft bleiben.“

Wo das Problem lag, wusste der 05-Trainer ziemlich schnell. Das Team habe im zweiten Durchgang zu wenige Verlagerungen gespielt, um nochmal rauszukommen aus dem Trott. „Das war ein Manko“, sagte Schwarz. „Da hätten wir über das Sechserverhalten in die Verlagerung reinkommen können, um dann den tiefen Ball vorzubereiten. Das bringt sofort mehr Geschwindigkeit. Das ist eigentlich die Grund-Erkenntnis, die wir mitnehmen, dass wir dieses Tempo, das wir vor der Pause gegangen sind, über 90 Minuten brauchen. Das ist das, was wir in der Kürze analysiert haben und besser machen müssen.“

Die Auftakt-Niederlage hat die gute Stimmung, die nach der Vorbereitung und dem Pokal-Sieg in Mainz herrschte, fürs Erste getrübt. Keine Frage. Doch Schwarz bleibt nach dem vergeigten Auftakt Realist. „Nur weil es sich alle wünschen, kriegst du es ja nicht immer gleich und direkt. Das ist ja wie bei den Kindern an Weihnachten“, sagte der Trainer.

Und wenn sowieso schon alles schief läuft, dann richtig. Am ersten Spieltag der Bundesliga fiel die Videobeweis-Technik in vielen Stadien ganz oder teilweise aus. In der Opel Arena soll die Technik in der ersten Hälfte gar nicht funktioniert haben, später nur teilweise. „Jetzt weiß ich auch, warum wir den Elfmeter nicht bekommen haben“, sagte Schwarz, eine Stunde nach dem Spiel schon wieder zu Scherzen aufgelegt. Als Yoshinori Muto in der 23. Minute im Strafraum am Trikot fest gehalten und bei seiner Torchance dadurch beeinträchtigt wurde, sei er zum vierten Offiziellen gegangen und habe gesagt „das könnte jetzt eine Szene für den Videobeweis sein. Ich habe gesagt, gestern gab es in einer solchen Szene einen Elfmeter für die Bayern.“ Doch Schwarz blitzte ab. Ursächlich für die spätere Niederlage war die Szene sicher nicht. Doch es wäre interessant gewesen zu sehen, wie eine mögliche Mainzer Führung diese Begegnung verändert hätte.

 

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