Weniger flanken, mehr Mut zum Tiefenpass

Jörg Schneider. Mainz.
Sie haben eine Weile gebraucht, um diese Heimniederlage zu verdauen: „Wir waren alle natürlich sehr enttäuscht“, sagte Kasper Hjulmand nach dem Dienstag-Trainingsauftakt am Bruchweg. Die 1:2-Niederlage gegen den SV Werder Bremen in der Coface Arena empfinden alle Beteiligten beim FSV Mainz 05 nach wie vor als eine große vertane Chance. Die Möglichkeit auszulassen, das Punktekonto um drei Zähler zu erhöhen und in einem überlegen geführten Spiel den Abstand zu den unteren Regionen der Bundesliga-Tabelle zu vergrößern, derart leicht wegzuschenken, „das darf uns nicht passieren.“

Die obligatorische Analyse benötigte diesmal viel Zeit. Im Prinzip lagen die Fehler zwar alle auf der Hand, waren deutlich erkennbar und auch jedem der Beteiligten gegenwärtig. Doch Kasper Hjulmand musste sich die einzelnen Sequenzen dieser 1:2-Heimniederlage vom Samstag gegen Werder Bremen immer wieder unter den verschiedensten Gesichtspunkte zu Gemüte führen, um genau zu begreifen, was in dieser Partie gegen den bisherigen Tabellenletzten nach dem 1:0 von Shinji Okazaki mit zunehmender Spieldauer schief gelaufen war.

„Auch am Montag waren wir noch alle sehr, sehr enttäuscht. Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt, vielleicht die beste bisher. Wir können nicht so ein Spiel und zwei Gegentore hergeben. Das geht nicht“, sagte der Trainer des FSV Mainz 05 nach der Einheit am Dienstagmorgen. „Wir wissen genau, was passiert ist, und sind enttäuscht über den Ablauf. Wir haben das Gefühl, dass wir eine sehr gute Gelegenheit für einen Dreier haben liegen lassen und einen größeren Abstand zum Relegationsplatz verschenkt haben. Das darf uns nicht passieren. Jetzt fehlen uns Punkte. Wir waren so viel besser als Bremen, haben aber zwei Tore und zu viele Chancen weggegeben. Das kann nicht sein.“

Junior Diaz (am Ball) fiel gegen Werder Bremen mit einer großen Flanken-Streuung auf. Im Dienstag-Training stand unter anderem der getimte Tiefenpass auf dem Lehrplan. Foto: Jörg Schneider Zwei Niederlagen hintereinander haben dafür gesorgt, dass die gute Ausgangslage erst einmal dahin ist. Für Hjulmand ist dies aber noch kein großes Problem und kein Grund, die Alarmglocken bimmeln zu lassen. „Ich finde, dass die Mannschaft genau Bescheid weiß, was los ist“, sagt der Däne. „ Sie können sich sehr gut selbst analysieren. Sie sehen nicht nur schwarz und weiß, sondern gehen kritisch mit vielen Situationen um. Es ist gut, wenn die Spieler dasselbe Gefühl haben von dem, was uns die objektive Analyse zeigt.“ Die Mannschaft sei sich aller Fehler bewusst und könne deshalb daran arbeiten. „Ich muss aber auch sagen, was wir in den letzten Monaten so akribisch und oft barbietet haben, das haben wir in der ersten Halbzeit gesehen. Wir haben mit Qualität gespielt, mit Tempo, mit Druck, mit Umschalten, mit Aufbau, mit Kontrolle. Das war alles da. Wenn wir diese Momente weiter ausbauen, dann sind wir auf dem richtigen Weg“, sagt Hjulmand.

Umso ärgerlicher ist deshalb die Art und Weise, wie die Partie ergebnismäßig kippte. Werder Bremen schaffte die Entscheidung mit ein paar schnellen Kombinationen, mit zwei, drei durchgesteckten Pässen gegen eine nicht orientierte 05-Abwehr. „Wir sind überhaupt nicht zufrieden mit den Chancen, die Bremen gegen uns hatte“, betonte der Coach. „Position, Zusammenarbeit haben nicht gestimmt in den entscheidenden Situationen. Unsere Prinzipen waren nicht da.“ Das war bei der Szene so, die zum Elfmeter und zum 1:1 führte. Das war nach der Pause beim 1:2 der Fall.

21 Flanken, davon mindestens zwölf unnötig

Umfangreiche Schnell-Analyse auf dem Trainingsrasen: 05-Trainer Kasper Hjulmand. Foto: Jörg Schneider„Beim zweiten Gegentor hatten wir keinen Druck auf den Ball. Es passiert nach einer Standardsituation. Daniel Brosinski kommt etwas zu spät, Julian Baumgartlinger geht raus. Niko Bungert und Stefan Bell tauschen die Positionen. Eine Sekunde lang haben wir Unruhe in unserer Abwehr, kein Pressing und dann kommt der Ball. Das war so nicht notwendig. Die Bremer haben nur Di Santo vorne“, schilderte Hjulmand die Entstehung des Tors. „Es gibt manchmal Situationen, in denen du kein Pressing auf den Ball hast, dann musst du aber den Rückraum verteidigen. Das muss so einfach nicht passieren.“

Kritik übte der 05-Trainer auch an der Offensive, die in der zweiten Hälfte aus der Überlegenheit, aus den vielen Drucksituationen und dem guten Ballvortrag bis zum Strafraum viel zu wenig Produktives herausholte. „Ich weiß nicht, warum wir so oft geflankt haben“, sagte der 42-Jährige. Die Flanke sei oft die schlechteste Entscheidung gewesen. „Wenn der Gegner so tief steht, und wir haben 21 Flanken, dann waren davon mindestens zwölf nicht notwendig. Sechs Bremer am eigenen Strafraum, da musst du noch mal spielen, kombinieren, um die Lücke zu schaffen. Das ist das, was wir mitnehmen, woran wir weiter arbeiten müssen. Ich finde, dass die erste und zweite Phase im Aufbau, um ins letzte Drittel zu kommen, gut war“, erklärte der Däne.

„Dann aber hatten wir keine kollektiven Bewegungen. Wir haben nicht die Einzelspieler, die im Strafraum alles alleine regeln können. Wir brauchen Systematik und Qualität im Passspiel in den letzten 20 Metern. Das hat uns gefehlt.“ Genau wie der Versuch, aus 16, 18 Metern mal draufzuhalten. Er habe sechs oder sieben Szenen gezählt, in denen Johannes Geis eigentlich eine gute Position hatte, anspielbar war und nicht den Abschluss gesucht habe. „Das waren gute Möglichkeiten.“

Die Alternative sei da gewesen, doch die Mannschaft habe sie nicht gefunden. „Wir hatten die Bremer analysiert und gesehen, dass am zweiten Pfosten für uns immer etwas gehen könnte“, erklärte Hjulmand. Auch wenn sich der Gegner so tief in der eigenen Abwehr aufstelle, mit mehr und schnelleren Kombinationen sei es möglich gewesen, Unruhe zu verbreiten. Das beste Beispiel dafür war Shinji Okazakis Abseitstor in 71. Minute. Gegenpressing, Balleroberung. Geis steckte durch die Linien auf Okazaki durch. Der Japaner dreht sich um den Verteidiger herum und vollstreckte. Das, so Hjulmand, hätte öfter geschehen müssen.

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