Weltuntergang, mal wieder

Christian Karn
Während Mainz 05 sich anschickt, im zehnten Bundesligajahr zum vierten Mal europäische Pflichtspiele zu bekommen, manch einer im Umfeld sich aber gar nicht sicher ist, ob es nicht besser wäre, doch lieber gesittet Achter zu werden, droht ein paar Kilometer östlich mal wieder Untergang einer ganz anderen Welt. Eintracht Frankfurt taumelt dem fünften Abstieg in zwanzig Jahren entgegen; wenn's in den bevorstehenden Derbies gegen Mainz 05 und in Darmstadt immer noch keine Punkte gibt, geht's wohl erneut in die 2. Bundesliga.

Ab und zu geht es um Tradition, im wortsemantisch nicht so ganz korrekten Sinne von "langfristige Anwesenheit im Spitzenfußball", umso mehr, wenn der Begriff angereichert werden kann mit gelegentlichen oder gar regelmäßigen Titelgewinnen. Dass notfalls auch ein kleiner Trophäenschrank ausreicht, beweist Eintracht Frankfurt mit einer Meisterschaft vor bald 60 Jahren, vier Pokalsiegen und einem UEFA-Pokalsieg 1980, aber darum geht es nicht. Tradition in diesem Sinne müsste sich der FSV Mainz 05 noch erarbeiten; allzu großen Wert darauf legt in Mainz allerdings kaum einer.

Denn so etwas nicht zu haben, hat auch seine Vorteile. Einerseits dürfen die 05er im Team Marktwert nicht mitspielen, jenem eigenartigen Zusammenschluss derer, die einstige Größe verloren haben, weil sie nicht mit Geld umgehen können. Andererseits hat sich - teils unter der Anleitung von Fußballromantikern wie beispielsweise Jürgen Klopp, Christian Heidel und Klaus Hafner, auch Harald Strutz oder Peter Arens - in jenem kleinen Biotop am Bruchweg, zwischen Rosenmontag und Eishalle, zwischen Frohlix und Ernst Neger, den Bummtschacks und hin und wieder sogar den Hofsängern, eine endemische Fankultur gebildet: Ein bisschen isoliert von den Gebräuchen der ganz Großen, aus Gewohnheit gern meckernd und doch im Herzen begeisterungsfähig, positiv mitreißbar, andererseits für manche Protagonisten ein bisschen zu friedliebend, zu wenig aggressiv. Eine Fanszene, die morgen keine Lust hat, nach Frankfurt zu fahren.

Die Eintracht nämlich, die ihre letzte große Zeit in den späten 1980ern und beginnenden 1990ern hatte, mit dem letzten dramatischen, traumatischen Höhepunkt am 16. Mai 1992, als ihre überragende Mannschaft die sicher geglaubte Meisterschaft durch ein übersehenes Elfmeterfoul nicht nur aus eigener Kraft vergab, die Eintracht hat ganz andere Gewohnheiten. Sie ist größer, erfahrener, lauter, fanatischer, aggressiver. Es ist eine andere Welt, eine Welt, in der einige Mainzer sich einfach nicht wohlfühlen. Das hat weniger mit Angst zu tun, als die Leute denken, mehr mit einem Harmoniebedürfnis, das zwischen dem Bahnhof Sportfeld und dem Gästeblock der Commerzbank Arena nicht hinreichend erfüllt wird; dank der kurzen Anreise wird der Gästeblock voller sein als bei anderen 05-Auswärtsspielen, aber nicht so voll, wie er sein könnte.

Marco Russ, mit zwei Treffern einer der erfolgreicheren Frankfurter Torschützen, wird von der Werbebande gewarnt: Passt auf! Sonst geht's schon wieder runter! Foto: imagoEs ist aber auch eine Welt, die mal wieder kurz vor dem Untergang steht. Viermal ist die Eintracht in den vergangenen zwanzig Jahren schon abgestiegen, 1996, 2001, 2004 und zuletzt 2011. Dauerhaften Schaden hat es nicht angerichtet, zweimal dauerte es zwei Jahre, bis die Frankfurter wieder oben waren, zuletzt nur jeweils ein Jahr; Tradition im obigen Sinne schützt nicht vor Fehlern, die mit ihr eingehende Größe bringt aber zumindest in der zweiten Bundesliga einen Vorteil, den die Kleinen erst einmal durch noch mehr Fachkenntnis ausgleichen müssen (oder mit einem Schlüssel zu fremden Geldspeichern).

Weil es diesen Vorteil in der noch viel härter wetteifernden Bundesliga nicht mehr gibt, weil kleine Vereine wie Mainz 05 oder die bissigen Aufsteiger aus Ingolstadt und Darmstadt einen guten Zugang zur Liga gefunden haben, aber auch die Neureichen aus Wolfsburg, mit Abstrichen Hoffenheim und demnächst in möglicherweise noch nie erlebten Wucht Leipzig in den Verdrängungswettbewerb eingestiegen sind, und weil die eigene Planung in manchen Aspekten schön schief gegangen ist, droht der Eintracht jetzt der fünfte Abstieg. Sechs Punkte Rückstand muss sie aufholen, um Fünfzehnte zu werden, vier, um sich auf den Relegationsplatz zu retten. Das sind Rückstände auf Gegner, die nicht alle im freien Fall sind; Werder Bremen und der VfB Stuttgart, die sich die Schublade "taumelnde Traditionsklubs" mit der Eintracht teilen, punkten zwar nicht gerade konsequent, Augsburg, Hoffenheim, Darmstadt dagegen kletterten in den vergangenen Wochen einer weiteren Erstligasaison ein gutes Stück entgegen.

Und was die Frankfurter in diesem Jahr treiben, ist einfach schlecht. Der letzte Sieg war das 3:2 gegen den VfL Wolfsburg zum Rückrundenstart, zuletzt hat die Eintracht viermal zu Null verloren, in Gladbach und Leverkusen 0:3, gegen Hoffenheim 0:2, bei den Bayern 0:1. Davor 1:1 in Ingolstadt, 0:2 in Berlin, 0:0 gegen Schalke und den HSV... ja, zwischendrin gab es auch ein 1:0 gegen Hannover, aber ist unterm Tisch gut aufgehoben, das war vor dem Trainerwechsel der 96er, das hatte mit Bundesliga nur im weitesten Sinne zu tun. Und während Ex-Trainer Armin Veh immer noch glaubt, es läge nicht in seiner Verantwortung, ständig im Abstiegskampf zu hängen, hat sein Nachfolger Niko Kovac allerdings auch noch überhaupt keine Wende geschafft.

Es stellt sich halt vor allem heraus, dass die Eintracht absolut abhängig ist von ihrem großen Torjäger Alex Meier. Der Hybrid aus Mittelfeldspieler und Stürmer, im vergangenen Jahr Torschützenkönig der Bundesliga, ist in seiner zwölften Saison mit der Eintracht aber auch nicht mehr der Jüngste und Frischeste, ist immer wieder verletzt, sitzt aktuell nach seiner Arthroskopie wieder gelegentlich auf dem Ergometer, wird vielleicht am Saisonende mit seinem dreizehnten Saisontor der Mannschaft nochmal helfen können, morgen sicherlich noch nicht.

Meier fehlt. Das erkennt man schon daran, dass der Rest der Eintracht in dreißig Spielen gerade mal fünf Tore mehr geschossen hat als der Torjäger in neunzehn Einsätzen; Meier hat eine bessere Tore-pro-Spiel-Quote als alle anderen Frankfurter zusammen! Deren siebzehn Treffer verteilen sich auf vier des Sommer-Neuzugangs Luc Castaignos, drei des längst umstrittenen Haris Seferovic, zwei jeweils von Marc Stendera und Marco Russ, je eins von Änis Ben Hatira, Stefan Aigner, Szabolcs Huszti, Slobodan Medojevic und Stefan Reinartz. Seltener getroffen haben nur Hannover 96 (klar) und Ingolstadt; der Aufsteiger hat sich halt auf 1:0-Siege spezialisiert und braucht mit seiner destruktiven Art keine Offensive, um zu punkten. Die Eintracht hingegen muss ihren Angriff dringend wieder auf Bundesliganiveau bringen, um den fünften Weltuntergang zu verhindern. Momentan spricht dafür nicht allzu viel.

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.