Wann wurde Mainz 05 gegründet?

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 wurde zwar formal erst Ende 1945 nach kurzem Verbot wiedergegründet, ist aber - inklusive seiner diversen unmittelbaren Vorgänger - tatsächlich 112 Jahre alt. So will es die Vereinssatzung, so ist es auch mit den abweichenden frühen Quellen vereinbar. Trotzdem bringt die nullfünfMixedZone heute, am 112. Jahrestag der wahrscheinlicheren Gründung, eine dritte Variante ins Spiel. Sie hätte den Vorteil, dass der als Vereinsgründer geltende Eugen Salomon tatsächlich der Vereinsgründer war - mit den März-Terminen hatte Salomon noch nichts zu tun. Sie hätte den Nachteil, dass die 05er ihr Jubiläum eigentlich sogar erst im Oktober feiern dürften.

Auf einem der ältesten bekannten Fotos über den Mainzer Fußball präsentiert sich die Mannschaft des MFC Hassia 05 (rechts, in rot-weiß gestreiften Hemden und schwarzen Hosen) an Weihnachten 1909 gemeinsam mit dem elitären Ludwigshafener FC Pfalz - es war das erste Spiel der 05er, zu dem Eintrittskarten verkauft wurden.

Wir werden sie brauchen, die Zeitmaschine, um das Gründungsdatum des FSV Mainz 05 tatsächlich herauszufinden. Wir werden uns mit historischer Kleidung an Nebentische setzen und die Ohren spitzen müssen. Vielleicht bekommen wir dann die Klarheit, die mit herkömmlichen Mitteln unerreichbar sein könnte.

Vieles in der frühen Historie der 05er lässt sich nur durch Interpretation ergründen. Die Quellenlage ist frustrierend dünn. Wenige Eckdaten sind präzise bekannt, viel Propaganda aus mehrerlei Richtung durchsetzt immer wieder die Überlieferung. Und dass frühe Festschriftautoren nicht für die Ewigkeit arbeiteten, vieles als bekannt voraussetzten, viele Dinge nur andeuteten, so dass der Leser 87 Jahre später nicht mehr wissen kann, worum es eigentlich geht, macht es nicht einfacher.

So heißt es in der Vereinschronik von 1930 über Eugen Salomon, er sei „Ein Mann der Tatkraft, des raschen Entschlusses und schnellen Handelns, der, wenn es galt, jederzeit für seinen Verein in die Bresche sprang und auch im Jubiläumsjahr noch seine verdienstvolle Kraft als Sportausschuss-Vorsitzender dem Verein in voller Gesundheit und reger Anteilnahme zur Verfügung stellt. Welche Tragik gerade mit diesem Namen verbunden ist, wissen nur die Wenigsten von uns.“ Verraten wird es nicht. Mit dem schlimmen Schicksal des Juden Salomon im Dritten Reich kann es nichts zu tun haben, das begann erst drei Jahre später. Hängt die merkwürdig vage Indiskretion zusammen mit der Weltwirtschaftskrise, hängt sie damit zusammen, dass der zuvor wohlhabende Textilhändler Salomon bekanntlich sein Geschäft verlor und als Textilvertreter arbeiten musste? Das ist Spekulation. Heute weiß niemand mehr, welche Tragik in den 1920ern gerade mit diesem Namen verbunden ist - die spätere Tragik, die 1942 in seiner Ermordung endete, würde die alte Geschichte ohnehin überdecken.

Aber auch ganz grundlegende Dinge über die frühen Mainzer Fußballer sind nicht mit Gewissheit überliefert. Nicht mal das Gründungsdatum ist zweifelsfrei bekannt. Die heutige Vereinssatzung schreibt bereits im § 1: "Der am 16.03.1905 gegründete Verein führt den Namen: 1. Fußball- und Sportverein Mainz 05 e.V." (und übrigens nicht Fußballsportverein) - schon im ersten Satz ist mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Fehler. Für den 16. März gibt es keine glaubwürdigen Belege. Erst 1955 wird der Termin zum ersten Mal genannt und es könnte ein Tippfehler im Manuskript der Chronik zum 50. Jubiläum sein, der in der 1965er-Chronik abgeschrieben und damit gefestigt wurde, aber auch das ist Spekulation. Die 16 liegt immerhin auf der Schreibmaschine nur zwei Zentimeter links neben der 27 - und der 27. März wird 1925 und 1930 als Gründungsdatum des Vorgängerklubs 1. Mainzer FC Hassia 05 genannt - zu einem Zeitpunkt, an dem zumindest einer der acht Gründer noch Vereinsmitglied war: Christoph Stepper, dem sein Verein beim Festkommers am 25. August 1925 die Ehrennadel verlieh.

Bekannt ist, was aus dem Verein wurde. 1912 fusionierte er mit dem Mainzer Fußballclub Hermania 07, der 1907 aus dem Gesamtverein ausgetretenen, 1906 erst gegründeten Fußballabteilung des alten MTV 1817, der seinen Turnplatz damals im Zitadellengraben hatte. Nur weil sie älter waren, spielten die 05er im bald zu 1. FV Mainz 05 umbenannten 1. FC Hassia-Hermania 05 die Führungsrolle. Im Weltkrieg bildete der neue Verein vier Jahre darauf eine Spielgemeinschaft mit dem Neustadt-Klub SV Mainz 05, mit dem er sich ohnehin in der Hardenbergstraße den Sportplatz teilte. Die Kriegsfolgen - der Platz war verloren, 26 von zuvor 128 05-Mitgliedern waren im Krieg umgekommen - zwangen beide Vereine dazu, sich 1919 dauerhaft zum 1. Mainzer FSV 05 zu vereinigen; alleine wären sie nicht überlebensfähig gewesen.

Der 1. Mainzer FSV 05 wiederum verlor unter nie so ganz klaren Umständen 1938 erneut sein Stadion und die Spielberechtigung, es dürfte um Drangsalierung eines in der Bevölkerung, aber nicht in der Politik beliebten "Judenklubs" gegangen sein, vor allem aber um den Geltungsdrang des Kreissportwarts Beck. Der wollte aus den 05ern und zwei weiteren Vereinen einen Mainzer Großverein bilden und selbst führen - unter lokalen NS-Größen war das in jenen Jahren eine weit verbreitete Modeerscheinung, deren bekanntestes Ergebnis der im gleichen Jahr durch Fusion dreier Klubs entstandene VfL Bochum sein dürfte. In Mainz scheiterten erste Fusionspläne früh am Widerstand eines weiteren für die Fusion vorgesehenen Vereins. Beck war beleidigt, die 05er mussten, um überhaupt weiter existieren zu können, als Juniorpartner dem bis dahin eher unbedeutenden Reichsbahn-SV beitreten. Der hielt davon auch nicht viel, alte Verbindungen zwischen den Vorständen - RSV-Präsident Theo Edinge, der auch dem neuen Verein vorstand, war zuvor (oder gleichzeitig?) Kassierer bei Mainz 05 - und das bereits vor 1936 vorgeschriebene Führersystem im deutschen Sport nahmen der Basis jedoch das Mitbestimmungsrecht.

Der neue Reichsbahn-SV Mainz 05 war zwangsläufig in den NS-Sportverbänden organisiert, damit indirekt ab Dezember 1938 formal Mitglied einer Unterorganisation der NSDAP, wurde also beim Verbot der Partei mit allen angeschlossenen Einrichtungen durch die US-Militärregierung nach Kriegsende ebenfalls aufgelöst. Die Neugründung im Herbst 1945 (eher Ende November als Anfang Dezember) durch ehemalige Mitglieder des RSV Mainz 05, die sich explizit auf die Tradition der alten 05-Vereine beriefen, ist ganz genau genommen die (ebenfalls nicht exakt datierte) Gründung des heutigen Vereins, beendete de facto aber nur eine vorübergehende Nicht-Existenz des Klubs. 1905 bleibt im Grunde das Jahr, in dem der Verein gegründet wurde, der nach anfangs turbulenter, in den vergangenen 72 Jahren ruhigerer Geschichte (denn die Pläne, mit dem SV Weisenau zu fusionieren, kamen im Winter 1969/70 nicht weit) heute als FSV Mainz 05 bekannt ist.

Aber wann wurde er nun gegründet? Am 16. März? Mit enormer Wahrscheinlichkeit nicht. Es gibt keine einzige belastbare Quelle für dieses Datum. Am 27. März (also heute vor 112 Jahren? Das ist schon viel wahrscheinlicher.

Oder im Oktober? Denn erst im Oktober 1905 - und wiederum an einem Termin, der nicht exakt überliefert ist - fand die 1925 als "Gründungsversammlung" bezeichnete Außerordentliche Generalversammlung statt, in der der MFC Hassia sich konstituierte, sich eine Satzung gab, in der aus einem losen Zusammenschluss, dem "Wilden Gebilde", wie es die Gründer nannten, ein Verein wurde. In diesem Fall wäre es sogar möglich, den legendären Eugen Salomon als "Gründer" und "ersten Präsidenten" zu bezeichnen. Das hat sich durchgesetzt, obwohl Salomon im März noch gar nicht dabei war, sondern ebenso wie sein langjähriger Adjutant, der Milchhändler Gottlieb Philipp Amelung, erst im weiteren Verlaufe des Jahres 1905 beigetreten ist.

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