Wagner-Ersatz mit identischer Quote

Christian Karn. Mainz.
Im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 muss die TSG Hoffenheim auf ihren besten Torjäger verzichten - Sandro Wagner ist gesperrt, hat aber einen Vertreter, der in fast exakt halb so vielen Einsatzminuten exakt halb so viele Tore geschossen hat: Mark Uth weist die gleiche Quote auf wie der Mittelstürmer, ist dabei ein völlig anderer Stürmertyp. Grundsätzlich könnte der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann Schwierigkeiten haben, seine Ersatzbank mit Spielern vollzubekommen, die die Bundesliga kennen; sein Mainzer Kollege Martin Schmidt dagegen hat fast die freie Auswahl.

Eine klassische Wagnerei, ein übertrieben aggressiver Zweikampf mit Tritt auf den Fuß und Check mit der Schulter, hat das Spiel des FSV Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim am Samstag vielleicht ein bisschen freundlicher gemacht. Sandro Wagner, der nach vielen Jahren als einer der ungefährlichsten Stürmer der Bundesliga beim SV Darmstadt 98 auf seine alten Tage plötzlich zum Torjäger geworden ist und inzwischen als Hoffenheimer sogar in die Nationalmannschaft gelobt werden soll, hat auf diese Weise vor einem knappen Jahr noch die Rote Karte gegen Giulio Donati provoziert. Vor einer Woche hat es ihn im Spitzenspiel gegen Leipzig selbst erwischt: Stefan Ilsanker hat alles aus der Rüpelei rausgeholt, was zu finden war, Wagner flog (zum ersten Mal in seiner Bundesliga-Laufbahn) mit Rot vom Platz. Die TSG Hoffenheim verlor nach einer Hinrunde ohne Niederlage zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel. Und muss in der zweiten Rückrundenpartie auf ihren besten Torschützen verzichten.

"Doch halt", sagt da der Spitzfindige und stampft mit dem Fuß auf, "von wegen ungeschlagen! Das zweite Hinrundenspiel haben die doch schon verloren!" Alternative Fakten, frei nach neumodischer US-Politik? Schon, aber mit Herleitung: In der ersten Hälfte hatte Mainz 05 die Hoffenheimer in Grund und Boden gestürmt, gegen die fahrlässige, viel zu offensive Ausrichtung ihrer Gäste 4:1 Tore geschossen. Diese kamen mit noch offensiverer Ausrichtung zurück ins Spiel, retteten mit ab der 64. Minute vier lupenreinen Stürmern ein 4:4 gegen die in den letzten 20 Minuten kollabierende 05-Defensive. Die Frage steht jedoch im Raum und lässt sich nicht beantworten: Wäre das auch passiert, wenn die 05er mit elf Mann das Spiel hätten beenden dürfen? Der Platzverweis gegen Gaetan Bussmann gab möglicherweise der ganzen Hinrunde einen anderen Verlauf. Selbst TSG-Trainer Julian Nagelsmann ("Diese Rote Karte muss man nicht geben"), selbst das Sportgericht (ein Spiel Sperre statt der zwei, die es für eine Notbremse ohne anschließend verwandelten Freistoß hätte geben müssen, was übersetzt bedeutet: "Muss man wirklich nicht geben") wunderten sich über die Entscheidung von Schiedsrichter Markus Schmidt nach Andrej Kramarics Stolperer in der 55. Minute, die es Nagelsmann erst erlaubte, das Zentrum aufzulösen und noch mehr Stürmer einzuwechseln.

Sollte Mark Uth gegen Mainz 05 treffen, wird Sandro Wagner ihn nicht beglückwünschen können: Der Hoffenheimer Torjäger ist gesperrt. Foto: imagoWagner schoss damals sein erstes Saisontor - noch gegen einen kompletten Gegner, es war das 3:1 in der 39. Minute. Mit den übrigen Toren jenes Nachmittags hatte der Mittelstürmer nichts zu tun, neun weitere Treffer aber legte er bis zu seinem Platzverweis nach. Damit fehlt der TSG morgen ihr mit Abstand bester Torjäger - in absoluten Zahlen jedenfalls. Zweitbester ist Mark Uth, der in Mainz das 4:2 und 4:3 schoss, mit nur fünf Toren, aber auch fast auf die Minute genau nur der halben Einsatzzeit - 736 statt 1470 Minuten. Ein gleichwertiger Ersatz? Zumindest ein völlig anderer Stürmertyp, zehn Zentimeter kleiner, 15 Kilogramm leichter, viel beweglicher, schneller, spielstärker als sein Kollege. Mit ihm und mit Kramaric, der selbst mal fast bei den 05ern gelandet wäre, der beim 4:4 in Mainz drei Treffer und den Platzverweis vorbereitete und in 1235 Spielminuten vier Tore schoss, dürfte die TSG auch ohne Wagner ein gefährliches Sturmduo auf dem Platz haben, wird es auf dem Rasen sicherlich etwas weniger hektisch, aber nicht zwangsläufig einfacher für die 05-Defensive. Und zum Nachwechseln würde dann zwar der wichtige Joker fehlen - denn der heißt Uth und stünde ja schon in der Startelf -, aber notfalls sitzt dort wahrscheinlich der Ausgleichs-Schütze des Hinspiels, der Ex-Mainzer Ádám Szalai, der seinerseits mal die Hoffenheimer mit einem Hattrick abgeschossen hat.

In seinem zweitlängsten Saisoneinsatz (26 Minuten) war das bisher das einzige Tor Szalais. Auch die restliche Bankbesatzung dürfte weitgehend ohne große Spielpraxis sein, Wagner ist nicht der einzige Hoffenheimer, der morgen fehlt. Die Offensivverteidiger aus dem Hinspiel, Jeremy Toljan und Lukas Rupp, sind ebenso wie der junge Philipp Ochs verletzt, Eduardo Vargas und Baris Atik (beide in der Hinrunde kaum gebraucht) haben die TSG verlassen, Neuzugänge gab's nicht, damit bleiben nur 16 Feldspieler übrig, die in dieser Saison schon einmal eingesetzt wurden, und da ist auch Marco Terrazzino mitgezählt, der seit seinem Elf-Minuten-Einsatz am ersten Spieltag nicht mehr auf dem Platz gesehen wurde. Sollte tatsächlich der Innenverteidiger Kevin Vogt nicht rechtzeitig fit werden (unwahrscheinlich), dann hätte Nagelsmann mit Niklas Süle, Benjamin Hübner, Ermin Bicakcic und Fabian Schär (der erheblich mitschuldig war am hohen Rückstand in Mainz) immer noch einen Innenverteidiger mehr, als er für seine Dreier-oder-Fünferkette braucht, aber um den Kader vollzubekommen, bräuchte er schon ein bisschen Phantasie.

Der FSV Mainz 05 dagegen ist annähernd komplett, könnte allein 18 Feldspieler aus dem Hinrundenkader nominieren, plus die Neuzugänge, plus Halimi, Klement, Bouziane, wenn nicht schon nach dem Sechzehnten die Bank voll wäre. Das sind die Faktoren, aus denen sich die Antworten auf die beiden entscheiden Fragen herausbilden werden: Hält die Mainzer Abwehr (womöglich bis zum Schluss in voller Anzahl) diesmal bis zum Schluss dicht? Und wird die Mainzer Offensive wieder so gut zu Torchancen kommen? Effizient ist sie dann ja.

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