Von oben nach unten und wieder zurück

Christian Karn. Mainz.
In diesen Tagen wird der FSV Mainz 05 110 Jahre alt. Zu diesem Anlass fasst die nullfünfMixedZone in einer fünfteiligen Serie - jeweils 2x11 Jahre - die Vereinsgeschichte chronologisch zusammen. Im zweiten Teil geht es heute um die erste Blütezeit der 05er in den frühen 1930ern, ihr Schicksal im Dritten Reich und den Rückweg in den Fußballer-Alltag nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Mainzer Meistermannschaft von 1932. Hinten von links: Vorsitzender Salomon, Müller, Dr. Brandel, Burkhardt, Engel, Scherm, Posselmann, Trainer Etz. Mitte: Doleczilek, Gegenheimer, Schneider, Decker, Weilbächer, W. Freitag, Schildge. Vorne: Draisbach, Schwarz, Bücher, Kast.1927 eröffnete der FSV Mainz 05 als Meister die neue Saison der Bezirksliga Hessen. Zur Titelverteidigung kam es nicht: Die Mannschaft hatte wichtige Spieler verloren, wurde zunächst zweimal Vizemeister hinter Wormatia Worms, dann zweimal nur Vierter in der acht Vereine umfassenden Liga. Erst in den frühen 1930ern war die Erneuerung des Kaders abgeschlossen. Alois Draisbach, Heinrich Decker, Josef Gegenheimer, Clemens Weilbächer und Karl Kast waren nun die defensiven Leistungsträger hinter der überragenden Angriffsreihe, in der der Innensturm Herbert Burkhardt, Otto Engel, Karl "Gaukler" Scherm 70 Saisontore schoss. Die Mainzer wurden 1931/32 Meister, hatten aber ohne den verletzten Gaukler wiederum keine Chance in der süddeutschen Endrunde. Zwei "alte Bezirksligaspieler" des Rivalen Wormatia legten in einem ausführlichen anonymen Leserbrief an den Mainzer Anzeiger dar, dass die Mainzer Meisterschaft nur eine Momentaufnahme sei; der Verlauf der Endrunde zeigte, wer der wahre Bezirksligameister sei. Umso größer war die Freude der 05er über den 2:1-Sieg gegen die Wormatia am vorletzten Endrundenspieltag. Damit hatten die Mainzer beide Heimspiele gegen die Wormatia gewonnen, auswärts zweimal unentschieden gespielt. "Hessenmeister zu Recht!" triumphierte der Anzeiger in seiner Schlagzeile zum Spiel. Die Wormser verpassten durch die Niederlage die gesamtdeutsche Endrunde. 1933 verteidigten die Mainzer den Titel haarscharf vor der Wormatia, die sich in der überregionalen Spielrunde wieder als konkurrenzfähiger zeigte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Dritte Reich schon begonnen. Adolf Hitler war einen Tag nach dem 1:4 der 05er gegen den FSV Frankfurt am vierten Endrundenspieltag zum Reichskanzler ernannt worden, die "Reichstagsbrandverordnung", die Bürgerrechte außer Kraft setzte, war zwei Tage nach dem Mainzer 3:4 beim Karlsruher FC Phönix am siebten Spieltag erlassen worden, das "Ermächtigungsgesetz", das dem Parlament seine gesetzgebende Funktion nahm, zwischen dem 5:0 im Rückspiel und dem 1:1 bei den Stuttgarter Kickers am 10. Spieltag. Im Sommer organisierte die NS-Regierung den Sport um: Zwischen der satzungswidrigen Auflösung des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (April 1933) und der Gründung des Deutschen (ab 1938: Nationalsozialistischen) Reichsbundes für Leibesübungen (DRL/NSRL) im folgenden Sommer hatte der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten das alleinige Sagen. Im Fußball gab es ein neues, viel strafferes Ligasystem: Zwei- statt wie zuvor dreistufig, mit 177 statt wie bisher rund 500 Erstligisten. Mainz 05 war als Hessenmeister für die Gauliga Südwest qualifiziert, die sich über den Großraum Frankfurt/Wiesbaden/Mainz, Rheinhessen, die Rheinpfalz und das Saargebiet erstreckte. Trotz hoher Siege gegen die heutigen Rivalen 1. FC Kaiserslautern (8:2, aber auch 0:7) und Eintracht Frankfurt (7:3) stiegen die 05er ab. Sie selbst beendeten die Saison als Neunter, allerdings mehrere Wochen vor den Konkurrenten, und mussten ansehen, wie sie auf den vorletzten Platz zurückfielen.

Den direkten Wiederaufstieg verpasste Mainz 05 knapp. Im direkten Duell beim Mitfavoriten Opel Rüsselsheim am vorletzten Spieltag fehlten mit Rechtsverteidiger Wagner (Sperre nach Tätlichkeit), Torjäger Heinrich Decker (verletzt) und Abwehrchef Jockel Schneider (Bänderriss nach neun Spielminuten) die drei wichtigsten Spieler. Der einzige Fehler des bis dahin überragenden Torwarts Ewald Hahndorf führte in der 83. Minute zum Rüsselsheimer Siegtor. Ihren knappen Vorsprung brachte die Opel-Elf auch über den letzten Spieltag.

So nah kam Mainz 05 dem Wiederaufstieg in die Gauliga nie wieder. 1936 waren die 05er Dritter, aber ohne jede Titelchance, lediglich einer der erfolgreicheren Mitläufer in einem sehr breiten Tabellenmittelfeld. Der Angriff war nicht mehr bezirksligatauglich, in großer Zahl mussten Jugendspieler aushelfen, die allesamt überfordert waren und schnell durch andere Jugendspieler ersetzt wurden. 1937 ging es nur noch gegen den Abstieg - das immerhin mit Erfolg. 

Unterdessen hatten die 05er im April 1933 zum letzten Mal vor dem Zweiten Weltkrieg einen ordentlichen Vorstand gewählt - bereits ohne ihre jüdischen Funktionäre Eugen Salomon, Erwin Drucker, Carl Lahnstein. Bereits im August wurde wieder ein neues Präsidium bestimmt; zwar ist die Quellenlage dünn, aber klar ist, dass diese außerordentliche Mitgliederversammlung die Gleichschaltung des Vereins bedeutete. Der bisherige Vorsitzende Jean Laufer wurde im Amt bestätigt. Grundsätzlich spricht vieles dafür, dass die Führer-Volk-und-Vaterland-Begeisterung der 05er nicht so groß war, wie die ebenfalls längst gleichgeschaltete Presse behauptete. 

Im Sommer 1937, just als sie sich wieder zusammenreißen wollten, um in die Gauliga zurückzukommen, verloren die 05er ihr Stadion: Das gesamte Sportgelände am Fort Bingen wurde beschlagnahmt zugunsten eines Kasernen-Neubaus - des heutigen Forums und der Alten Mensa der Universität. Auf dem Platz des MTV 1817 stiegen die enteigneten Mainzer sportlich in die 3. Liga ab; durch eine Ligareform blieben sie doch zweitklassig. 1938 sollte wie in vielen deutschen Städten auch in Mainz per Regierungsdekret ein Großverein durch den Zusammenschluss konkurrierender lokaler Klubs gebildet werden. Die Fusion der 05er mit der Sportgemeinde Mainz und dem ursprünglich kommunistischen Altstadtklub Herta BSC scheiterte am Veto der Herta, wofür die zwar offiziell judenfreien, aber immer noch als "Judenverein" geltenden 05er verantwortlich gemacht wurden. Formal wegen Schulden von 1.500 Reichsmark wurden sie vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Der Versuch, den erfolgreichsten Mainzer Fußballklub zu einem nationalsozialistischen Vorzeigeverein zu machen, war spätestens jetzt gescheitert.

Dank alter Verbindungen konnten sich die 05er schließlich dem Reichsbahn-TSV anschließen. Der neue Reichsbahn SV Mainz 05 bezog das 1929 eröffnete städtische Stadion am Bruchweg, spielte 1941 ein letztes Mal um den Aufstieg in die Gauliga, musste aber kriegsbedingt den geordneten Spielbetrieb bald aufgeben. Im Herbst 1944 fanden in Mainz die letzten Fußballspiele statt. Im folgenden März trafen die US-Truppen in Hechtsheim ein und stellten die zerstörte Stadt unter ihre Kontrolle. 76.000 Einwohner hatte Mainz noch. 80 Prozent der Bausubstanz waren zerstört, darunter das Stadion am Bruchweg. 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer lagen überall herum. Und von der jüdischen Gemeinde, in der die 05er manche ihrer Wurzeln hatten, waren nur noch 59 Personen übrig. Eugen Salomon zählte nicht zu ihnen. Der langjährige Funktionär und Ex-05-Präsident war bereits 1942 in Auschwitz ermordet worden.

Die erste Nachkriegsmannschaft des FSV Mainz 05.Der NSRL wurde als Unterorganisation der NSDAP im Mai 1945 von der US-Militärregierung verboten, ebenso alle angeschlossenen Einrichtungen, darunter alle Sportvereine. Von der französischen Militärregierung, die im Juli die Kontrolle über die Stadt übernommen hatte, wurde die Neugründung der Vereine im Herbst grundsätzlich zugelassen. Schon an Allerheiligen gab es das offenbar noch illegale, aber geduldete erste Nachkriegsspiel der 05er - 1:1 beim MTV 1817. Kurz vor Weihnachten entstand eine erste Liga für Vereine der nördlichen französischen Besatzungszone. Die 05er, zusammengestellt aus ein paar Vorkriegsveteranen und ein paar jungen Spielern, mühten sich redlich, wurden aber Letzter. Weil aber immer mehr Vereine in der Region ihre Ansprüche anmeldeten, wurde die Liga nach nur einer Saison aufgelöst und neu organisiert. Mit dem ehemaligen Nationalspieler Helmut Schneider als Spielertrainer qualifizierten sich die 05er in einer K.o.-Runde für die neue 1. Liga Südwest, wurden im ersten Jahr Dritter hinter dem 1. FC Kaiserslautern und der Wormatia, im zweiten Achter von 14 Vereinen, dann Achter von 13. Vieles war noch Improvisation, aber Mainz 05 hatte den Krieg überstanden und war auf einem guten Weg, wieder ein bedeutender Klub in der Region zu werden.

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