Von Kopf bis Fuß auf Arbeit eingestellt

Jörg Schneider. Mainz.
Kasper Hjulmand dürfte beim Zusehen leicht nervös geworden sein, denn was Borussia Dortmund da zum Champions-League-Auftakt gegen den FC Arsenal abzog, war Fußball auf höchstem europäischen Niveau. Jürgen Klopp wollte sich das 2:0 gegen den Klub aus London sogar „abheften“, weil dieses Balljagd-Feuerwerk mit Pressing, Gegenpressing, Umschaltspiel nahe an das herankommt, was der Fußballlehrer unter Perfektion im Spiel versteht. Am Samstag kommt Klopp mit diesem BVB zum FSV Mainz 05 in die Coface Arena. „Ist doch logisch, dass wir gewinnen wollen, sagt die 05-Legende im Gespräch mit der nullfünfMixedZone noch immer in bester Laune, „aber wir sind auf viel Arbeit eingestellt.“

Jürgen Klopp (hier mit Philipp Lahm) feierte einen glänzenden Einstieg in die Champions League und freut sich auf die Partie in Mainz. Foto: ImagoEr sei ganz zufrieden, sagt Jürgen Klopp am Telefon auf der Heimfahrt vom Mittwochstraining und lacht aus vollem Hals. Am Abend zuvor, unmittelbar nach diesem denkwürdigen 2:0-Sieg von Borussia Dortmund gegen den FC Arsenal zum Auftakt der Champions-League, wollte sich der frühere 05-Spieler und -Erfolgscoach diese Vorstellung seiner Profis noch irgendwo „abheften“, weil das, was der BVB gegen das Team von Arsène Wenger im eigenen Stadion abzog, nahe an Klopps Vorstellungen von Perfektion im Spiel heranreichte.

Pressing-Monster auf Balljagd

Der BVB machte gegen den Klub aus dem Londoner Norden mal wieder seinem Ruf als eines der besten europäischen Teams alle Ehre. Das Pressing-Monster aus dem Ruhrpott zerlegte den FC Arsenal förmlich und hätte höher gewinnen müssen. Dauerpressing mit unfassbarer Laufintensität, Zweikampfführung, Gegenpressing, Balleroberung und dann im Umschaltspiel ab die Post. Damit kam dieser Gegner nie zurecht. Das hochgelobte und millionenschwer verstärkte Arsenal-Ensemble kam kaum zur Entfaltung, wurde ständig in die Zweikämpfe gezwungen, dort mindestens gedoppelt und von einer Dortmunder Balljagd regelrecht erlegt.

„Das war schon eine Befreiung für uns. In der Bewertung absolut kompromisslos“, sagte Klopp im Gespräch mit der nullfünfMixedZone. „Tatsächlich ist es immer wieder ein komplettes sich drauf Einlassen auf diese Art zu spielen. Auch von den Jungs, für die es seit Jahren klar ist, dass wir das einfordern.“ Ungeachtet aller vorhandenen Probleme. „Wir haben wirklich kaum zusammen trainiert“, sagt der Coach. WM-Starter, die in der Vorbereitung fehlten. Verletzte, die nicht rechtzeitig gesund wurden, neue Verletzungen, Länderspiel-Abstellungen. „Von daher war es eine große Erleichterung, das alles an diesem Abend so zu sehen. Wir haben das so eingefordert, die Mannschaft hat es umgesetzt.“

Jürgen Klopp über Jonas Hofmann

Super, super schwer sei es ihm gefallen, Jonas Hofmann gehen zu lassen, sagt Jürgen Klopp. „Wir sind stolz auf ihn, haben ihn entdeckt in Hoffenheim und zu uns geholt. Er bringt alles mit. Jonas hatte normale Entwicklungsschwankungen, aber den Spagat zwischen Amateure und Profis hat er geschafft wie kein anderer. Jetzt ist er an einem Punkt angelangt, an dem er mehr spielen muss als das bei uns in einer normalen Situation möglich gewesen wäre. Auf der anderen Seite: Einen Tag nach seinem Transfer haben sich Kuba und Reus verletzt.“ Jetzt hätte Hofmann Chancen auf mehr Einsätze beim BVB. „Die Mainzer haben einen guten Jungen geholt. Wir sind absolut überzeugt von seinen Spielmacherfähigkeiten, von seinem Spiel im Raum, von seinem Tempo“, sagt der BVB-Coach. „Jonas muss jetzt viel spielen, bei uns hätte er vielleicht ein Jahr verschenkt. So, wie es jetzt ist, ist es eine gute Lösung.“

Natürlich haben sich Klopp und Zeljko Buvac im Sommer hingesetzt und sich überlegt, wo sie fußballerisch hinwollen in der neuen Saison. Im Jahr eins nach dem Weggang von Robert Lewandowski. „Doch dann kommt eine schwierige Vorbereitung mit vielen Problemen. Dann geht es nicht mehr um Weiterentwicklung, sondern erst einmal darum, wieder das Niveau der vergangenen Saison zu erreichen, das hoch war“, so der 47-Jährige. „Wir haben fußballerische Talente in der Mannschaft, die auch Ballbesitz können, aber du musst in der Bundesliga vor allem durchschlagkräftig sein. Im Endeffekt ist es das Mannschaftsspiel, das dich gegen bessere Teams im Rennen hält, das dir Vorteile gegen gleichgute Gegner verschafft und Dominanz gegen schlechtere. Das steht bei uns immer im Mittelpunkt und ist immer eine Herausforderung.“

Diego Costa hätte gut gepasst

Vor allen Dingen im Angriff und im offensiven Mittelfeld suchte der BVB auf dem Transfermarkt nach Möglichkeiten. „Uns war schon klar, dass wir keinen Lewandowski-Ersatz suchen müssen, weil wir den nicht finden“, sagt er. „Ein Diego Costa hätte gepasst, aber, na, ja.“ Der Stürmer ging für 38 Millionen von Atletico Madrid zum FC Chelsea. Der BVB fand Ciro Immobile, einen Torjäger mit viel Tempo beim FC Turin, der auch fast 20 Millionen Euro teuer war, holte sich Adrian Ramos von Hertha BSC, Dong-Won Ji aus Augsburg (Klopp: „Der weiß noch nicht, ob er ein Top-Stürmer oder ein überragender Mittelfeldspieler ist“) sowie den verlorenen Sohn, Shinji Kagawa, aus Manchester zurück.

Für die neuen Spieler sei der Lernprozess in Dortmund kein Zuckerschlecken gewesen, sagt Klopp. „Unsere Anforderungen sind nicht aus dem Bauch heraus umsetzbar.“ Dazu die Trainings- und Verletzungsproblematik. Da konnte es zum Saisonstart nicht um fußballerische Weiterentwicklung gehen, sondern darum, Probleme zu lösen. „Das machen wir gerade“. Er wisse im Moment noch nicht, mit welcher Mannschaft er am Samstag in Mainz antreten könne. Neven Subotic und Sebastian Kehl gingen mit einigen Blessuren aus dem Arsenal-Spiel heraus. Einsatz ungewiss. Ebenso, ob es bei Kagawa schon reiche. Mats Hummels, Lukasz Piszczek, Ilkay Gündogan, Kuba, Nuri Sahin, Oliver Kirch und Marco Reus stehen ohnehin auf der Ausfallliste. „Wir zaubern, und am Ende steht eine Mannschaft auf dem Platz. Was wir spielen, steht sowieso immer über dem, wer spielt“, lautet Klopps Credo.

"Das wird nie anders sein"

Und was ist mit dem FSV Mainz 05? „Ich kenne die anderen Neuen noch nicht so gut, dass ich das einschätzen könnte“, sagt der BVB-Coach. „Generell ist das für Mainz gut. Für uns erschwert es die Sache.“ Er werde sich das Berlin-Spiel der 05er noch ganz genau anschauen. Doch insgesamt sei er überzeugt davon, dass Christian Heidel einige sehr gute Transfers auf den letzten Drücker gelungen seien. „Sie haben Niveau geholt. Das freut mich. Und jeder weiß, dass ich diesem Verein den größtmöglichen Erfolg wünsche. Das wird nie anders sein.“

In Mainz zu spielen, sagt Klopp, sei für ihn immer etwas Besonderes. „Hundertprozentig. Das bleibt immer so. Ich bin froh, dass es nicht mehr diesen Ausnahmecharakter hat, und ich auch nicht mehr so backflashmäßig unterwegs bin, weil ich in der Coface Arena nie selbst gespielt habe, das Stadion nur von den Auswärtsspielen her kenne. Aber ich freue mich absolut drauf.“ Es werde wie immer sein bei Spielen des BVB in Mainz. Viel Atmosphäre, ein höchst intensives Match. „Ist doch logisch, dass wir gewinnen wollen, aber wir sind auf Arbeit eingestellt.“

 

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