Von Adlern, Gäulen und Kröten

Christian Karn
Das Spiel gegen Mainz 05 wird nie ein Derby sein, sagen die Frankfurter. Dabei sah dieses Duell der Nachbarklubs von Rhein und Main am Samstag nicht zum ersten Mal so aus: Harte Fouls, Rudelbildungen und ein Manager, der Ärger vom DFB bekommt, weil er sich zu sehr über den Schiedsrichter ereifert hat, der seiner Mannschaft sogar eher geholfen als geschadet hatte. Derbycharakter ist drin in diesem Spiel. Und hereingebracht hat den die Eintracht.

Es ist kein Derby, es ist kein Derby, es ist kein Derby! Das ist immer noch der Grundtenor in ganz Frankfurt, wenn es für die Eintracht mal wieder gegen den FSV Mainz 05 geht, in eine Partie, die es inzwischen seit bald 20 Jahren sehr regelmäßig gibt - dass die Eintracht als ewiger Bundesligist so häufig gegen die meist zweitklassigen Offenbacher Kickers gespielt hat, ist ein halbes Jahrhundert her. Die Realität zwischen den Frankfurtern und den Mainzern sieht längst anders aus. Auch am Samstag war viel mehr Feuer und Kleinkrieg im Spiel als in den meisten Mittelfeld-Duellen der Bundesliga.

Mit dem Ergebnis, dass die Eintracht sich nun gebärdet, als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Zwei wichtige Spieler sind am kommenden Wochenende gegen den HSV gesperrt und der DFB-Kontrollausschuss ermittelt gegen Manager Bruno Hübner. Schiedsrichter Felix Brych hat eine Beleidigung gemeldet.

"Keinen Schritt weiter", so etwas wird Felix Brych zu Bruno Hübner gesagt haben. Gebracht hat's nichts: Der Eintracht-Manager lief dem Schiedsrichter bis in die Kabine nach und bekommt nun Ärger vom DFB. Foto: imagoDen groben Inhalt können wir uns vorstellen. Die Begriffe "Rotz" und "Frechheit" kursieren in den Medien. Von der Aufregung, die Hübner auf dem Platz und beim Besuch in der Schiedsrichterkabine zeigte, war jedenfalls nichts mehr übrig, als der Eintracht-Manager der Frankfurter Presse seine Sicht der Dinge diktiert hat, in gemächlichem Plaudertone, ruhig und gelassen, frei von Emotion. "Er" - und um wen es ging, war klar - er sei ja ein Profi, sagte Hübner, der sich besser im Griff haben müsse. Aber man müsse bedenken, dass er bei jeder Aktion von den gegnerischen Stürmern provoziert werde, und da sei es klar, dass ihm irgendwann die Gäule durchgingen. Die Schiedrichter sollten ihn - Carlos Zambrano - mehr schützen.

Die Frage stand augenblicklich im Raum, welcher Gaul Hübner da durchgegangen war. Carlos Zambrano schützen? Der froh sein kann, nach drei rotwürdigen Szenen (Tritt gegen Okazakis Rücken - Gelb; Ellbogenschlag gegen de Blasis - Gelb-Rot; Stoß gegen Geis - keine Strafe, weil schon des Feldes verwiesen) nur das Spiel gegen den HSV zu verpassen? Der schon im Hinspiel - auch von Brych gepfiffen - Rot hätte sehen müssen?

Der Schulterschluss mit Zambrano war für Hübner die Herleitung zu allgemeineren Vorwürfen gegen den Schiedsrichter. Er hätte einst viel von Brych gehalten, sagte der Eintracht-Manager. "Aber er verliert total seine Linie. Und er hat uns schon außergewöhnlich viele Punkte gekostet."

Nun haben wir nicht alle Spiele der Eintracht verfolgt. Aber wir kennen die Statistiken. 18 Partien der Frankfurter hat Brych in der Bundesliga gepfiffen, außerdem sieben Zweitligaspiele. Die Erstligabilanz ist mit jeweils sieben Siegen und Niederlagen ausgeglichen, in der zweiten Liga gab es drei Siege und drei Unentschieden. Brych machte dabei oft keine sonderlich gute Figur. Es gab mal eine übertriebene Gelb-Rote Karte gegen Takashi Inui, als das Spiel in Dortmund längst verloren war, aber es gab auch mal ein zu Unrecht zurückgepfiffenes Ausgleichstor des VfB Stuttgart. Hübners Ärger am Samstag über den nicht gegebenen Elfmeter nach Johannes Geis' Foul an Sonny Kittel ist nachvollziehbar, allerdings hätten zwei Minuten später auch die 05er nach Zambranos Attacke gegen Shinji Okazaki einen Strafstoß bekommen können. 

Es gab weiterhin das Hinspiel in dieser Saison, als eher Okazaki Schutz vor Zambrano hätte gebrauchen können. Und den bereits gepfiffenen Elfmeter, der zum 3:1 für die 05er hätte führen können, wieder zurückzunehmen, war zumindest umstritten. Vor allem aber gab es das Frankfurter Heimspiel gegen die 05er in der Saison 2009/10, das Maik-Franz-Skandalspiel. Der Frankfurter hatte 90 Minuten lang den 05-Mittelstürmer Aristide Bancé bearbeitet, beleidigt und provoziert - ungestraft. Es gab brutale Fouls von Patrick Ochs an Nikolce Noveski und von Chris an Adriano Grimaldi, aber lediglich einen überzogenen Platzverweis gegen Chadli Amri. Beide Spiele pfiff Felix Brych.

Widerspruch gab es für Hübner selbst aus dem eigenen Verein. "Er spielt immer an der Grenze zum Überharten", sagte Marco Russ. "Es war für mich eine klare Gelb-Rote Karte. Das muss er in den Griff bekommen." Der Mittelfeldspieler der Eintracht ist nicht der einzige Frankfurter, der gerade mit seinem Managers unglücklich ist. Alex Meier, der vor der Partie in Mainz noch gleichauf mit Arjen Robben die Torjägerliste anführte, wurde von Hübner nach dem Spiel öffentlich angezählt: "Wir wissen ja: Wenn Alex nicht trifft, ist er eher unauffällig. Diese Kröte müssen wir schlucken. Die schlucken wir auch gerne." Meiers Antwort: "Er versucht seit langer Zeit, sich negativ zu meiner Person zu äußern, wenn er die Gelegenheit hat."

Die Eintracht hat sportliche Probleme in diesen Tagen. Yunus Mallis 3:1 war das 44. Gegentor im 22. Saisonspiel, damit haben die Frankfurter (so wie die Bremer) die schlechteste Defensive der Liga. Und zwar den drittbesten Angriff hinter Bayern München und dem VfL Wolfsburg, aber der wird in Hamburg am kommenden Wochenende nicht spielen: Haris Seferovic, der Mittelstürmer, fehlt wegen einer Gelbsperre. Einen Ersatzmann gibt es nicht im Kader. Es gibt auch nicht die Möglichkeit, halt einen Amateurspieler vor das treffsichere Mittelfeldduo Meier/Stefan Aigner zu stellen, weil die Eintracht die Amateure abgemeldet hat. Vaclav Kadlec gab es, der in 25 Bundesligaspielen immerhin sechsmal getroffen hat (einmal im zweiten Spiel, zweimal im dritten, danach nicht mehr oft), aber der letzte nominelle Stürmer im Kader neben Seferovic spielt die Saison in Prag zu Ende. Vielleicht steht wenige Tage, nachdem der Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen behauptet hatte, sein Klub würde ohne die Fernsehgelder für die ganz Großen der Liga jedes Jahr um die Deutsche Meisterschaft mitspielen, wirklich der Weltuntergang bevor. Vielleicht war's allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotze doch auch im Bewusstsein des Klubs ein Derby, das die Eintracht am Samstag verloren hat.

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.