Vom Willen geprägt, aber mit zu vielen Fehlern

Jörg Schneider. Mainz.
Das Vorhaben, sich mit einem Heimsieg über die 30-Punkte-Marke in eine gesicherte Tabellenregion zu schieben, hat der FSV Mainz 05 an diesem 23. Spieltag nicht umsetzen können. Trotzdem konnten sich nachher alle Beteiligten mit diesem 1:1 in einer komplizierten Partie gegen den VfL Wolfsburg ganz gut arrangieren. „Die Großchance von Jairo am Ende gibt einem ein wenig das Gefühl, vielleicht hätte man doch mehr verdient, aber übers ganze Spiel gesehen war es ein Punktgewinn gegen einen guten Gegner“, sagte der 05-Trainer. „Wir haben den Punkt. Der ist wertvoll für uns, der gibt uns Stabilität und Kontinuität. Das ist wichtig für die nächsten Spiele.“

Zwei Szenen ganz am Ende der Partie hatten die Qualität, um die ganze Geschichte komplett in ein anderes Licht zu rücken. Hätte Torhüter Koen Casteels nicht gerade noch so die Fingerspitzen an den Ball bekommen nach dem platzierten 20-Meter-Flachschuss von Jairo Samperio und Pablo De Blasis den gefährlichen Kopfball nach der anschließenden Ecke im Tor untergebracht, das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg wäre trotz dieser komplizierten und im Offensivspiel oft fehlerhaften zweiten Halbzeit völlig anders bewertet worden. Als heftig umkämpften und mit großem Willen erzwungenen Arbeitssieg. So aber blieb am Ende die große Chance, sich über die 30-Punkte-Marke zu schieben, einen Sprung nach vorne in der Tabelle zu machen und aus dem Abstiegskampf zu verabschieden vordergründig ungenutzt. Der FSV Mainz 05 musste sich vor 27.238 Zuschauern in der Opel Arena mit einem 1:1 gegen die Wolfsburger zufrieden geben. Mit einem Punktgewinn, mit dem sich die Beteiligten nachher jedoch ganz gut arrangierten – auch beim Gegner.

„Am Ende brauchten wir eine Riesenparade von Casteels, um den Punkt mit nach Hause nehmen zu können. Ich denke, ein Sieg wäre zu viel gewesen und eine Niederlage unverdient. So kann ich leben mit einem Unentschieden“, sagte Andries Jonker nach seinem Einstand als neuer Trainer des VfL. „Ich sehe es auch so, dass wir einen Punkt dazugewonnen haben“, erklärte Martin Schmidt. „Die Großchance von Jairo am Ende gibt einem ein wenig das Gefühl, vielleicht hätte man doch mehr verdient, aber übers ganze Spiel gesehen war es ein Punktgewinn gegen einen guten Gegner.“ Ein Remis, dass die 05er auf 29 Punkte bringt und den Abstand nach unten konstant hält. Sollte der HSV zum Abschluss dieses Spieltages nicht gegen Hertha BSC gewinnen, hätten die Mainzer mit diesem 1:1 den Vorsprung auf den Relegationsplatz sogar ausgebaut.

Es war eine merkwürdige Partie in der Arena mit einem komischen Spielverlauf, in der es den 05-Profis zu keiner Zeit an mangelndem Willen, Aggressivität oder Kampfbereitschaft fehlte, in der die Mannschaft jedoch insbesondere nach der Pause durch viele unpräzise Aktionen im Umschaltspiel, im eigenen Spielvortrag, in ihrer Passqualität die Möglichkeit auf ein besseres Ergebnis liegen ließen. Eigentlich auch schon in der ersten Hälfte. Die Mainzer begegneten dem spielstarken Gegner mit aggressivem, zweikampfstarken Engagement. Eroberten mit ihrem sehr intensiven Anlaufverhalten und einem in dieser Saison selten so gelungenen Pressing- und Gegenpressing in der gegnerischen Hälfte viele Bälle, brachten die Wolfsburger immer wieder in Schwierigkeiten und mussten doch zunächst erneut einen Rückstand hinnehmen.

Die Top-Chance zur Führung nach dem Ausgleich in der ersten Hälfte: Yoshinori Mutos Schuss streicht jedoch am langen Pfosten vorbei ins Aus. Foto: Ekkie VeyhelmannDie Entstehung des 0:1 war sinnbildlich für vieles in diesem Spiel. Danny Latza gewann den Zweikampf im Mittelfeld, eroberte den Ball, passte präzise auf Yoshinori Muto am Sechzehner. Hätte der Japaner den Ball kontrollieren können, wäre Muto frei vor dem Tor gestanden mit der großen Chance zum 1:0. Dem Stürmer versprang jedoch die Kugel in der Ballannahme, die Wolfsburger konterten schnell über Yunus Malli und erzwangen einen Eckball. Ricardo Rodriguez brachte die Ecke von rechts vors Tor, Jonas Lössl zögerte auf der Linie, Giulio Donati zog den Kopf ein, Stefan Bell ließ am zweiten Pfosten Mario Gomez im Rücken entwischen, der Ball flutschte durch, und der Nationalspieler erzielte die VfL-Führung. „Ich weiß nicht, ob man es nachlässig nennen kann“, sagte der 05-Trainer später. „Donati hat in diesem Jahr alles rausgeköpft, genau wie Cordoba, der hinten dran stand. Der Ball ging zwischen ihm und dem Torhüter durch. Jonas ist mit der stärkste Torwart bei hohen Bällen in der Liga und war auch überrascht, Bell war auf der falschen Seite am Mann. Wir wussten, dass Gustavo und Gomez auf den zweiten Pfosten gehen. Ich denke, so etwas passiert einfach.“ Der 05-Trainer wollte das Ganze lieber von einem anderen Standpunkt aus betrachten. „Wir haben in den letzten vier Spielen kein einziges Tor mehr aus dem offenen Spiel heraus kassiert. Das war im Herbst noch anders, aber das haben wir gebremst, jetzt ist das eine oder andere Standardtor dabei. Wir haben in der Rückrunde in sieben Spielen acht Tore bekommen, das ist eine Quote die unterschreibe ich, wenn wir das für den Rest der Saison so hinkriegen. Trotzdem müssen wir bei solchen Situationen wieder etwas nachjustieren.“

Positiv war, wie die Mainzer auf diesen Rückstand reagierten. Unbeeindruckt und mit hohem Aufwand. „Wir wollten den Gegner dominieren, auch zweikampfmäßig. Das haben wir gut hinbekommen. Die Art und Weise, wie wir nach dem Gegentor zurückgekommen sind, war sehr gut: In der Arbeit geblieben, im Anlaufverhalten geblieben, den Ball geklaut, umgeschaltet und Tor. Das ist das, was wir wollen“, sagte der 49-Jährige. Levin Öztunali attackierte in dieser 24. Minute Linksverteidiger Rodriguez, nahm dem Schweizer Nationalspieler in der Wolfsburger Hälfte den Ball ab, sprintete Richtung Tor, umspielte Robin Knoche, Jeffrey Bruma, der zweite Innenverteidiger, rutschte in der Rückwärtsbewegung aus, Öztunali legte rüber auf John Cordoba, der zum 1:1 vollstreckte. Sechs Minuten später hatte Muto die Großchance zur Führung im Strafraum halblinks, verzog aber am langen Pfosten vorbei, wo Pablo De Blasis noch reingrätschte, aber einen Tick zu spät kam.

Die Probleme für die Mainzer kamen nach dem Wechsel. Die Wolfsburger stellten in der Offensive um, erhöhten den Druck, ohne allerdings groß gefährlich zu werden, und die Mainzer verloren ihre Spielweise. Das Gegenpressing funktionierte kaum noch, der Spielaufbau ging zu häufig über lang nach vorne geschlagene Bälle. Wenn die 05er den Ball eroberten, folgten Konter, die zwar vom Willen geprägt waren, aber nicht von Überzeugung. Ungenaues Passspiel, Annahmefehler, schlecht getimte Flanken, der Ball zu selten auf dem Boden. Bestes Beispiel der Überzahlkonter über Cordoba, dessen Flanke viel zu weit geriet – in der Mitte wäre Muto blank gewesen.

An der Präzision arbeiten

„Nach der Pause hatten wir eine sehr schwierige Phase, in der der Gegner uns dominiert hat. Ich glaube, dass das uns den letzten Mut genommen hat. Da sind wir etwas vorsichtiger geworden und brauchten einige Zeit, bis wir wieder ein paar Umschaltaktionen hatten, der Weg zum Tor wieder etwas kürzer wurde“, sagte Schmidt. „Wir wollten giftig sein, griffig sein, mit hohem Tempo umschalten. Da fehlte manchmal die Geduld in den Aktionen. Die Flanken kamen zu hoch, wir haben öfter die falsche Lösung gezogen, den Ball nicht zum freien Spieler bekommen, den Mann angeschossen beim Pass“, betonte der 05-Trainer. „Aber der Druck der Wolfsburger hat dem Team schon weg getan. Die Geschichte als Danny Latza den defekten Schuh hatte, Minuten brauchte, um wieder reinzukommen und wir in Unterzahl waren, das hat alles kein gutes Gefühl gebracht. Das wirkte auf die Mannschaft. Das mussten wir überstehen. Dann ging es auch wieder besser. Aber ganz klar, es bleibt viel Arbeit, vor allem in der Präzision im Spiel in des Gegners Hälfte.“

Die Tatsache, dass Schmidt in dieser zweiten Hälfte nur Jairo  für den erschöpften Muto nachschob, jedoch keinen weiteren Stürmer in der Phase, als die 05er das Spiel wieder in den Griff bekamen, stattdessen Jean-Philippe Gbamin als Mittelstürmer brachte, Robin Quaison erst in der Nachspielzeit, überraschte. Der 05-Trainer begründete dies mit reinem Pragmatismus. „Mir war nachher einfach wichtig, diesen Punkt mitzunehmen und nicht mehr zu gefährden. Nach dem Sieg am vergangenen Wochenende, einen Punkt dazu zu holen, Kontinuität reinzukriegen, nicht noch etwas zu verspielen“, sagte Schmidt. „Wir haben Gbamin da vorne reingestellt, um noch einen defensiv denkenden Spieler im Anlaufen und Pressing zu haben. Wenn du vorne früher zwei neue Stürmer bringst und am Schluss flutscht dir einer durch, bist du der Depp. Die Kalkulation war kein Risiko mehr gehen, den Punkt mitnehmen. Kontinuität kriegen. Der Punkt war uns wichtiger als im Übermut auf Sieg spielen und am Ende verlieren.“

Über die vielen langen Bälle aus der eigenen Abwehr heraus, sah der 05-Coach geflissentlich hinweg. „Da bin ich schmerzfrei“, sagte der Schweizer. „Schlussendlich brauchen  wir Punkte. Heute war kein Ziel, gegen einen so spielstarken Gegner zu oft die Bälle in die Halbräume zu spielen und nach Ballverlusten ausgekontert zu werden, wie es ein paar Mal fast passiert wäre. Wir sind in einer Phase der Saison, in dem man dem Rest der Rückrunde eine Richtung gibt. Am Ende fragt niemand mehr, ob wir in Leverkusen mit langen Bällen gewonnen haben oder ob wir gegen Wolfsburg mit Flachpässen im Mittelfeld mehr als einen Punkt geholt hätten. Wir haben den Punkt. Der ist wertvoll für uns, der gibt uns Stabilität und Kontinuität. Das ist wichtig für die nächsten Spiele.“

 

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