Vom Transfer-Flop zum Neuzugang?

Jörg Schneider. Evian.
Todor Nedelew musste beim FSV Mainz 05 aufgrund von Verletzungen und nicht gelungener Integration lange Zeit als Fehleinkauf eingestuft werden. In der Saisonvorbereitung des Bundesligisten, insbesondere im Trainingslager in Evian, hat sich der hochbegabte Bulgare für viele überraschend in den Vordergrund gespielt. Christian Heidel beschäftigte sich am Genfer See näher mit der Situation des 22-Jährigen und hat angekündigt, dass demnächst eine Entscheidung ansteht, ob es mit dem Profi nicht doch noch in Mainz weitergeht. „Abschreiben darf man den Jungen auf keinen Fall. Dafür ist er zu gut.“

Todor Nedelew überzeugte im Trainingslager der 05er mit guten Leistungen. Wird aus dem Fehleinkauf nach anderthalb Jahren doch noch ein Anwärter auf einen Kaderplatz? Foto: Daniel Bongartz.Eine der positivsten Überraschungen dieser Saisonvorbereitung und des seit gestern beendeten Trainingslagers des FSV Mainz 05 in Evian ist Todor Nedelew. Der bulgarische Nationalspieler, bisher am Bruchweg als Problemfall und Transfer-Flop geführt, hat sich zu einem ernsthaften Kandidaten für einen Kaderplatz im offensiven Mittelfeld entwickelt und nach anderthalb Jahren bei den 05ern damit begonnen, die Erwartungen auf den Platz zu bringen, die der Bundesligist in die Verpflichtung den heute 22-Jährigen gesetzt hatte.

Nedelew fällt im Training mit Leistung auf. Der Spieler, der lange Zeit alleine von der Körpersprache her schon signalisierte, dass er zu weit weg ist von einem Profi mit Bundesligaambitionen, wirkt mit einem Mal topfit, ehrgeizig, fühlt sich auf seiner Position verantwortlich und überzeugt mit guter Arbeit. In beiden Testspielen am Genfer See, sowohl beim 1:1 gegen AS St. Etienne, als auch beim 1:5 gegen AS Monaco, gehörte Nedelew zu den auffälligsten Erscheinungen im Spiel der 05er. Inzwischen untermauert der Bulgare seinen Wandel vom Fehleinkauf zu einem ernstzunehmenden Anwärter auf einen Platz in Martin Schmidts Kader.

Technisch stark, mit großem Aktionsradius, Bälle fordernd und in der Lage, präzise Pässe zu spielen, dem Mainzer Offensivspiel Impulse zu geben, torgefährliche Aktionen zu kreieren, hat der 22-Jährige mehr und mehr als Zehner auf sich aufmerksam gemacht und sein großes Potenzial angedeutet. Was ist da passiert? Wie geht es weiter mit dem hoffnungsvollen Talent? Wo steht Nedelew nun eigentlich im Kader des Bundesligisten? Christian Heidel hat sich in einem Gespräch auf der Terrasse des Mannschaftshotels ausführlich mit diesen Fragen beschäftigt. „Todor ist ein Spieler, bei dem vieles schief gelaufen ist“, sagt der 05-Manager. „Was wir am Anfang geglaubt haben, dass es gut war, hat sich im Nachhinein als falsch heraus gestellt. Wir haben ihn seinerzeit im Sommer verpflichtet für den Winter. Wir wussten, dass er von seiner Persönlichkeit her noch nicht ganz reif war, um nach Deutschland zu kommen. Deshalb hatten wir die Idee, ihm ein halbes Jahr Zeit zu geben. Er sollte in Plowdiw weiterspielen, ein bisschen Deutsch lernen und sich mit dem Gang ins Ausland zu beschäftigen, sich etwas vorzubereiten“, erzählt Heidel.

So fit gemacht, wie noch nie zuvor

„Doch dann hat er sich dort verletzt. Er war aber in Plowdiw nicht mehr richtig auf dem Zettel, weil die ja gewusst haben, er geht. So hat dann auch seine Reha ausgesehen. Todor kam hier an ohne Deutschkenntnisse, alles andere als fit. Da kommt so ein Spieler, geht ins Training und dann sehen die anderen, dass er zwar einen Ball stoppen kann, aber in allem anderen hinten dran ist und absolut unfit. In der Mannschaft gibt es schnell ein Ranking. Er hat sich hinten eingereiht.“ Nedelew sei von der Mentalität her nicht der Typ, der sage, er gehe nach vorne. Der Bulgare sei ein stiller, zurückhaltender Typ, der sich schwer tue, etwas für seine eigene Integration zu tun.

„Er ist in ein Loch gefallen, hat sich nicht wohl gefühlt“, berichtet Heidel. Nedelew sei in die Isolation gerutscht, habe sich förmlich vergraben, nur noch in seiner Bude gehockt, sei nur mit seinem Bruder zusammen gewesen. Und dann irgendwann eigentlich auch kein Thema mehr für den Bundesligakader. „Deswegen haben wir die Entscheidung getroffen, er muss eine Mannschaft haben, er muss abends mal weg gehen, Freundschaften knüpfen, sich wohl fühlen hier. Wir haben ihn zur U23 getan. Das hat wirklich gut funktioniert. Todor hat angefangen zu lachen, mehr und mehr Deutsch zu lernen. Und dann kam das Pech, er verletzt sich grad wieder. Da waren wir wieder am Anfang“, schildert Heidel die Situation der vergangenen Saison. Also ging das ganze Spiel von vorne los. „Jetzt war er allerdings bei uns in der Reha. Wir haben ihn bis zum Sommer so fit gemacht, wie er nie zuvor war. Dann kam das erste Training, er hat sich auf Deutsch mit seinen Kollegen unterhalten, plötzlich kraftmäßig total mitgehalten und gezeigt, wie gut er Fußball spielen kann“, so der 05-Manager.

„Wir haben mit ihm ausgemacht, wir schauen uns das sechs, sieben Wochen an. Er soll die komplette Vorbereitung durchziehen. Danach setzen wir uns zusammen und beraten gemeinsam, was ist für seine Entwicklung das Richtige. Ist er so nah dran, dass er bei den Profis Spielpraxis kriegt? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Danach werden wir entscheiden.“ Dass Nedelews Weg noch einmal über das Drittligateam geht, glaubt Heidel inzwischen nicht mehr. „Er ist jetzt weiter. Martin Schmidt muss irgendwann entscheiden, ob es für Todor oben langt. Sollte das nicht der Fall sein, dann müssen wir über die Thematik nachdenken, ob wir ihn irgendwo platzieren, wo er Fußball spielen kann und dann zurückkommt. Er muss jetzt einfach regelmäßig spielen.“

Doch dieser Weg könnte für den introvertierten Spieler erneut der falsche sein und erneut zu Problemen führen. „Er fühlt sich jetzt hier zu Hause, ist im Kader akzeptiert. Jetzt geben wir ihn wiederum woanders hin. Wir wissen aber doch, dass er nicht der Typ ist, der schnell warm wird und sich in der neuen Umgebung sofort akklimatisiert. Das ist wirklich keine einfache Entscheidung“, räumt Heidel ein. „Warten wir mal die Entwicklung ab, wie er sich weiter präsentiert und ob seine Zukunft nicht doch bei uns liegt. Abschreiben darf man den Jungen aber auf keinen Fall. Dafür ist er zu gut.“

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