In vier Versuchen in die Bundesliga

Christian Karn. Mainz.
In diesen Tagen wird der FSV Mainz 05 110 Jahre alt: Zu diesem Anlass fasst die nullfünfMixedZone in einer doch nun sechsteiligen Serie die Vereinsgeschichte chronologisch zusammen. Im fünften Teil geht es heute um die 2. Bundesliga, um Feuerwehrmänner und Wasserschäden, um Wolfgang Frank und Jürgen Klopp, aber auch um Reinhard Saftig und René Vandereycken. Es geht um Niederlagen, um Siege, die Niederlagen waren, und schließlich um den größten Sieg von allen.
Saison Liga Platz Punkte
1993/94 2. Bundesliga (II) 13/20 37-39
1994/95 2. Bundesliga (II) 14/18 30-38
1995/96 2. Bundesliga (II) 11/18 44
1996/97 2. Bundesliga (II) 4/18 54
1997/98 2. Bundesliga (II) 10/18 44
1998/99 2. Bundesliga (II) 7/18 50
1999/00 2. Bundesliga (II) 9/18 45
2000/01 2. Bundesliga (II) 14/18 40
2001/02 2. Bundesliga (II) 4/18 64
2002/03 2. Bundesliga (II) 4/18 62
2003/04 2. Bundesliga (II) 3/18 54

1993 machte die 2. Bundesliga wieder den ersten vorsichtigen Schritt zurück in die Normalität. Die Ostvereine waren jetzt untergebracht im gesamtdeutschen Fußball, die meisten allerdings direkt abgestiegen. Statt zwei Erst- und sechs Zweitligisten wie im Experimentaljahr 1991/92 gab es schon in der zweiten Saison nur noch den Dynamo Dresden in der ersten Liga und den VfB Leipzig (der 1993 aufstieg), den Chemnitzer FC und Carl Zeiss Jena sowie den ehemaligen Erstligisten Hansa Rostock in der zweiten Liga. Die spielte 1993/94 nur noch mit 20 Vereinen und wurde mit fünf Abstiegsplätzen weiter reduziert auf die heute gewohnten 18 Klubs.

Der FSV Mainz 05 hatten wie schon in den 1970ern keine Lust mehr, sich immer nach unten orientieren zu müssen. Um aus dem Mittelmaß auszubrechen und das obere Tabellendrittel anzugreifen, investierten sie so viel Geld wie lange nicht mehr - diesmal ohne die Maßlosigkeit der Blendax-Zeit. Für immerhin über eine halbe Million Mark kamen dennoch gestandene Profis: die Stürmer Arno Glesius (28 Jahre, 90 Bundesligaspiele) und Ansgar Brinkmann (23, 113 Zweitligaspiele) und der junge Torwart Tom Eilers (22, 48 Zweitligaspiele).

Eine funktionierende Mannschaft entstand trotzdem nicht. "Ich habe in der Selektion Fehler gemacht", gab der Trainer Josip Kuze nach der Saison zu. In der Winterpause schienen die 05er als Sechster auf Kurs zu sein, aber die Abstände waren klein im Tabellenmittelfeld: Der Vierte war nur einen Punkt entfernt, der Dreizehnte ebenfalls. In der Rückrunde brachen die 05er ein. Es gab viele Verletzte: Mike Janz, Sergej Schukow, Holger Greilich, Stephan Kuhnert, Glesius. Für die defensiven Abgänge Steffen Herzberger und Michael Schuhmacher hatten die 05er keinen Ersatz geholt. Im März tauchte auch noch Vlado Kasalo unter mysteriösen Umständen unter. Kein Wunder, dass die 05er wieder tief im Abstiegskampf landeten - auf einem Abstiegsplatz standen sie immerhin in der ganzen Rückrunde nie. 

Mainz 05 1994. Hinten Schäfer, Akrapović, Brinkmann, Greilich, Klopp, Rammenzweig, Schukow, Neustädter, Wagner. In der Mitte Präsident Strutz, Vizepräsident Arens, Trainer Kuže, Co-Trainer Hummels, Janković, Reifenscheid, Heumann, Buvač, Ouakili, Betreuer Wagner, Mannschaftsarzt Dr. Hess, Physiotherapeut M. Nichtern, Zeugwart Notter, Physiotherapeut A. Nichtern. Vorne Ziemer, Sarpong, Eilers, Hock, Arndt, Müller, Petz, Weiß, Zampach, Glesius.

Diese Erfahrung machten die Mainzer im folgenden Jahr, trotz exquisiter Einkäufe im Sommer. Auf einen Schlag kamen der Mittelfeldarbeiter Bruno Akrapovic, der Flügelspieler Christian Hock, der stille Manndecker Peter Neustädter, der damals schon davon sprach, seine Karriere in Mainz beenden zu wollen, und die beiden Offensivkünster Thomas Ziemer und Abderrahim Ouakili. Fünf große Verstärkungen für eine Mannschaft, die aber wieder nicht funktionierte. Der hoch verschuldete Kuze musste nach neun Spielen (von denen er nur zwei gewonnen hatte) gehen. Seinem Nachfolger, dem vormaligen Co-Trainer Hermann Hummels, fehlte in der nicht immer pflegeleichten Mannschaft die Autorität. Hummels - der Vater des Weltmeisters Mats Hummels - trat nach einer knappen halben Saison zurück. Horst Franz, ein Trainer alter Schule, sollte die 05er vom vorletzten Platz auf einen Nichtabstiegsplatz bringen.

Wo der genau lag, war unklar. Vor dem drittletzten Spieltag gab es vier Lizenzverweigerungen, wodurch der sportliche Abstieg komplett ausgefallen wäre. Vor dem vorletzten Spieltag bekamen der 1. FC Nürnberg und Hertha BSC in zweiter Instanz doch die Lizenz. Mit sieben Punkten Vorsprung wären die 05er weiterhin gerettet gewesen, aber die Gefahr bestand, dass auch der 1. FC Saarbrücken und Dynamo Dresden in ihren Ligen hätten bleiben dürfen. Im Fernduell um Platz 14 schossen die 05er am letzten Spieltag den Tabellenletzten FSV Frankfurt 7:1 ab - bis heute ihr höchster Sieg seit 1980. FCS und Dynamo mussten tatsächlich nach unten, die 05er wären aber auf jeden Fall Zweitligist geblieben.

Im Sommer allerdings richtete Horst Franz ein großes Fiasko an. Der Retter baute die Mannschaft nach seinen Vorstellungen um und führte sie direkt ans Tabellenende mit einem Punkt und null Toren nach sieben Spielen - das 2:2 gegen Hannover 96 zur Saisoneröffnung, bei dem Stephan Kuhnert mit einem Kopfballtor in der Nachspielzeit das Remis gerettet hatte, wurde aberkannt, weil Thomas Ziemer nicht spielberechtigt war. Franz wurde entlassen, Interimstrainer Manni Lorenz verlor auch das achte Spiel zu Null und holte im neunten den ersten Sieg - 2:0 gegen Wattenscheid durch ein Eigentor und einen Elfmeter, den der Eigentorschütze verschuldet hatte. 

So sah der heutige Rekordspieler der 05er als Neuzugang aus: Der 21-jährige Dimo WacheLorenz' wichtigste Entscheidung dürfte aber der Torwartwechsel gewesen sein: Der 21-jährige Neuzugang Dimo Wache löste den 13 Jahre älteren Kuhnert ab.

Die Evolution beginnt

Für das zehnte Spiel war erstmals Wolfgang Frank zuständig. Der Rest der Saison wurde Legende: Ein tobender Abstiegskampf, der jahrelang als Präzedenzfall genannt wurde, wenn es mal wieder schlecht aussah, und der den Mythos der Mainzer Unabsteigbarkeit begründete. Mit dem langjährigen Bundesligaprofi Lars Schmidt schaffte Frank weitere Siege, ging aber dennoch als Tabellenletzter in die lange Winterpause. In diesen drei Monaten krempelte Frank alles um, sortierte unter anderem den heutigen HSV-Trainer Josef Zinnbauer und den Routinier Guido Schäfer aus, ursprünglich auch den Dauerverletzten Sven Demandt, der seit Oktober 1994 in Mainz unter Vertrag stand, aber selten auf dem Platz. Vor allem aber schaffte Frank den Libero ab und führte das in Deutschland noch weitgehend unbekannte 4-4-2 des italienischen Meistertrainers Arrigo Sacchi um, das jahrelang die Basis des Mainzer Fußballs bildete.

Frank war auch ein Visionär, der mitten im Abstiegskampf vom mittelfristigen Aufstieg in die Bundesliga sprach, bauliche Maßnahmen im Stadion anschob, den kompletten Verein modernisieren wollte. Sportlich rettete er die 05er im größten Abstiegskampf von allen aus der aussichtslosen Lage: Am vorletzten Spieltag verließ die Mannschaft erstmals in der Saison durch ein 3:0 beim Tabellendritten MSV Duisburg (dessen Aufstieg vor dem Spiel noch nicht fest stand!) die Abstiegsplätze. Das 1:0 schoss ein Stürmer, der im Laufe der Rückrunde aus dem Nichts wieder aufgetaucht und zum Torjäger geworden war: Sven Demandt. Durch das 1:0 von Franks Winter-Neuzugang Marco Weißhaupt gegen den Zweitligameister VfL Bochum retteten sich die 05er endgültig in eine neue Zweitligasaison - als Rückrundenmeister.

Wolfgang Franks Fast-Aufstiegsmannschaft. Hinten Demandt, Stöver, Herzberger, Klopp, Meyer, Janković, Policella, Heumann, Mager. In der Mitte Manager Heidel, Physiotherapeut T. Nichtern, Erhard, Neustädter, Thomas, Bauer, Jakić, Grevelhörster, Ouakili, Mannschaftsarzt Dr. Enders, Physiotherapeut M. Nichtern. Vorne Spyrka, Gabriel, Kreuz, Wache, Trainer Frank, Kuhnert, Weiß, Hock, Schmidt, Lieberknecht.Franks andere Seite war jedoch eine große Ungeduld. Zwar ging die Siegesserie der mit Adrian Spyrka, Rückkehrer Herzberger, Miroslav Tanjga verstärkten Mannschaft in der neuen Saison fast ungebremst weiter, zwar überwinterten die 05er als Tabellenzweiter, aber nach einem wohl etwas zu exzessiven dreiwöchigen Trainingslager auf Zypern und zwei Auftaktniederlagen nach der Winterpause trat der Trainer, der bereits bei einem Durchhänger im Herbst seine Unzufriedenheit gezeigt hatte, überraschend zurück. Reinhard Saftig, der erfahrene Ex-Trainer von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Galatasaray und kurzzeitig Bayern München, sollte den Aufstieg vollenden. Saftigs Bilanz in Mainz ist kurios: Der Trainer unterschätzte seine Aufgabe, hatte keine ausreichenden Kenntnisse der in Mainz vorgeschriebenen Taktik, aber dank - oder trotz? - ihm holte die Mannschaft im Schnitt mehr Punkte als unter Frank. Vor dem letzten Spieltag hatten sich die 05er in eine klare Ausgangssituation gebracht: Ein Sieg beim direkten Konkurrenten VfL Wolfsburg, egal wie hoch, würde sie in die Bundesliga bringen. Wolfsburg würde ein Unentschieden reichen. Sven Demandt brachte die 05er früh in Führung, aber links hinten war Steffen Herzberger gegen den quirligen Roy Präger überfordert. Der schoss zwei Tore, holte zwei Elfmeter heraus und provozierte Herzbergers Platzverweis. Wolfsburg gewann das turbulente Spiel 5:4.

Saftigs Problem: Kein Vertrauen seitens der Mannschaft, die die akribische Arbeitsweise seines Vorgängers vermisste und der Umstellung auf die Abwehr-Dreierkette höchst skeptisch gegenüberstand. Fast wäre der Trainer schon nach dem Auftaktspiel der folgenden Saison entlassen worden. Nach vier Spielen und vier Punkten trennten sich die 05er von Saftig.

Erst nach mehreren Wochen kam der Österreicher Didi Constantini als Nachfolger. Der Schüler des großen Ernst Happel führte die Viererkette wieder ein, stellte aber als Absicherung einen Libero (meist den Neuzugang Jürgen Kramny) dahinter. Der Erfolg blieb Constantini verwehrt: Ohne Bruno Akrapovic (im Sommer zum reichen Drittligisten Tennis Borussia Berlin) und Abdul Ouakili (im Winter zum TSV München 1860) und im Herbst monatelang ohne den verletzten Peter Neustädter scheiterte der Österreicher an zu vielen Unentschieden. Nach einem 1:3 gegen Wattenscheid im April gab der glücklose Trainer auf.

Die Wiederauferstehung

Und am Gründonnerstag gelang die Sensation: Wolfgang Frank kam zurück. Bei seinem ersten Spiel, dem 2:1-Sieg bei den Stuttgarter Kickers am Ostersonntag, wurde der Trainer, der kurzerhand bei Austria Wien gekündigt hatte, von den 05-Fans mit "Messias"-Sprechchören begrüßt. Aus den folgenden drei Spielen holte Frank nur einen Punkt. 13 Zähler aus den verbleibenden fünf Partien retteten die 05er aus dem Abstiegskampf.

Die Saison 1998/99 wurde ein Konsolidierungsjahr, ein stabiler Kontrast zum chaotischen Vorjahr. Verstärkt mit dem Isländer Helgi Kolvidsson in der Defensive und Gustav Policella im Angriff waren die 05er nach gutem Start (zehn Punkte aus fünf Spielen) ab dem zwölften Spieltag mit wenigen Abweichungen durchgängig Achter. Direkt nach dem unerwarteten Sieg in Karlsruhe im ersten Spiel nach der Winterpause verkündete zwar Frank mal wieder seinen Abschied zum Saisonende, weil der Verein das Tempo des ehrgeizigen Trainers nicht halten konnte, aber nach ein paar Wochen verlängerte dieser seinen Vertrag sogar.

Die überladene Mannschaft der Saison 1999/00: Hinten Zeugwart Notter, Betreuer Sauter, Thürer, Marcio, Schierenberg, Schwarz, Klopp, Tanjga, Herzberger, Neustädter, Friedrich, Demandt. In der Mitte Trainer Frank, Physiotherapeut Nichtern, Nagy, Sekulic, Teymourian, Kolviðsson, Kramny, Murray, Ratkowski, Nikolic, Mannschaftsärzte Dr. Reue und Dr. Enders, Manager Heidel, Präsident Strutz. Vorne Spyrka, Şahin, Thurk, Policella, Sauer, Wagner, Ilsanker, Wache, Bernhardt, Hayer, Hock, Lieberknecht, Jakić. Sieben weitere Spieler fehlen auf dem Bild.Allerdings war Frank mit seiner Mannschaft auf dem direkten Weg in die Sackgasse. Der Kader war mit zu vielen Mitläufern überladen. Der Trainer überforderte die Spieler im Training physisch und erreichte sie mit seiner psychologischen Methodik nicht mehr. Die Hinrunde lief noch gut: Im Pokal gewannen die 05er gegen den Hamburger SV und Hertha BSC, ehe sie in einem legendären Auswärtsspiel bei Bayern München - zwei Tage vor Heiligabend waren die 8.000 Mainzer bei -15 Grad im Olympiastadion in klarer Überzahl gegen die 3.000 einheimischen Zuschauer - im Viertelfinale ausschieden. In der Liga waren die 05er im November nach 13 Pflichtspielen ohne Niederlage Vierter.

Aber als Policella keine Tore mehr schoss - zehn seiner 13 Saisontreffer gelangen dem Stürmer in den ersten 13 Spielen -, ging es bergab. Am 29. Spieltag standen die 05er nach der inzwischen obligatorischen Niederlage in Fürth auf einem Abstiegsplatz. Frank war nicht mehr dabei. Der Trainer hatte angekündigt, nach der Saison zum MSV Duisburg zu wechseln, und war im April beurlaubt worden. Sein ehemaliger Co-Trainer Dirk Karkuth brachte die genervte, körperlich kaputte Mannschaft schnell ins sichere Mittelfeld, durfte aber nicht bleiben. Ein kompletter Neuaufbau sollte gemacht werden. Mit den ersten Einsätzen der jungen Talente Michael Thurk, Manuel Friedrich und Sandro Schwarz hatte dieser bereits begonnen.

Ein renommierter Belgier sollte die neue Ära leiten: René Vandereycken. Vielleicht war der Vize-Europameister von 1980 seiner Zeit voraus. Vandereycken ließ (nach Experimenten mit der Dreierkette) etwas spielen, was dem 4-2-3-1 unserer Jahre schon sehr ähnlich sah, konnte das aber der Mannschaft, die auf das Franksche 4-4-2 schwor, nicht vermitteln. Weil er außerdem keine Rücksicht auf die Strukturen im Kader nahm, Führungsspieler wie Jürgen Klopp absägte und keine Punkte holte, wurde Vandereycken nach nur zwölf Spielen wieder entlassen.

Sein Nachfolger blieb nicht einmal so lange. Eckhart Krautzun, ein erfahrener Feuerwehrmann, brachte die Mannschaft nicht von den Abstiegsplätzen weg, wurde vom Publikum nie akzeptiert und flog an Fastnacht ebenfalls raus. In dieser Stunde der Not traf Christian Heidel vielleicht seine beste Entscheidung als 05-Manager. Heidel wurde zunächst von den überregionalen Medien dafür verspottet, einen gerade verletzten Profi kurzerhand zum Chef zu ernennen: Jürgen Klopp, der mit 19 von möglichen 21 Punkten dem katholischen Mainz die umjubelste Fastenzeit von allen bescherte. 

Eine Zweitliga-Spitzenmannschaft

Eigentlich hatte sich Heidel mit Klopp, der zunächst nur die Verantwortung für zwei Spiele bekommen hatte, ein bisschen Zeit für die Trainersuche beschaffen wollen. Daraus entwickelte sich die erste unkonventionelle Trainerwahl in Mainz, ein Modell, das den 05ern seither immer wieder Erfolg brachte, das seither auch viele andere Klubs als Vorbild nennen, wenn sie vom althergebrachten Trainerkarussell absteigen. Klopp gewann nach erreichtem Nichtabstieg weiter, stellte mit den 05ern 2001/02 etliche Zweitliga-Startrekorde auf. Die noch unter Vandereycken mit Tamás Bódog, Christof Babatz und Markus Schuler, unter Krautzun mit Blaise Nkufo und nun mit Niclas und Dennis Weiland verstärkte Mannschaft, in der sich auch der junge Andrey Voronin nach einem Eingewöhnungsjahr zu einem herausragenden Zweitligaspieler entwickelte, war lange Tabellenführer, dann lange Zweiter und stand nur an vier Spieltagen nicht auf einem Aufstiegsplatz: Am ersten, dritten, fünften - und nach einer dramatischen 1:3-Niederlage bei Union Berlin am letzten. Ein Punkt hätte gereicht, ein Punktverlust des VfL Bochum hätte gereicht, ein Punktverlust von Arminia Bielefeld hätte gereicht. Die einzige Kombination, die nicht zum Aufstieg führte - Mainz verliert, Bochum und Bielefeld gewinnen - trat ein. Mainz 05 war mit 64 Punkten der beste Nicht-Aufsteiger aller Zeiten und die Union-Fans, angeheizt vom Berliner Boulevard mit einem erfundenen "Zitat" von Klopp, hatten ihren großen Spaß daran.

Der große Volksredner Jürgen Klopp bei seinem Meisterstück: "Irgendjemand hat entschieden, dass irgendwann mal gezeigt werden muss, dass man tatsächlich einmal, zweimal, dreimal, vielleicht sogar viermal hinfallen kann und immer wieder aufstehen kann!" Foto: imago

Manuel Friedrich wechselte nun für die Mainzer Rekordablöse von fünf Millionen Mark nach Bremen. Markus Schuler und Blaise Nkufo gingen nach Hannover, neu kamen unter anderem der Amateur Mathias Abel, der sich sofort als Stammspieler durchsetzte, das Sturmtalent Benjamin Auer und der WM-Teilnehmer Spasoje Bulajic, außerdem aus der eigenen Oberligamannschaft der kleine Techniker Mimoun Azaouagh. Der Kontakt zu den Aufstiegsplätzen riss auch in diesem Übergangsjahr nie so ganz ab. Am letzten Spieltag schafften die 05er, die im Frühjahr gar ein paar Wochen lang Zweiter waren, mit einem 4:1 in Braunschweig den Sprung auf Platz drei. Erst drei Minuten nach dem Saisonende der 05er schoss Eintracht Frankfurt gegen den SSV Reutlingen das entscheidende 6:3, das die Mainzer wieder auf einen Nichtabstiegsplatz stieß.

Jürgen Klopp machte tags drauf sein Meisterstück. Klopp stand auf einer Bühne vor dem Staatstheaters vor 5.000 Menschen und hob an zu sprechen, wörtlich, nicht nachbearbeitet: "Gestern hab ich mir ja noch überlegt, für was ist das alles gut, und mir ist es eingefallen, für was das gut ist: Irgendjemand hat entschieden, dass irgendwann mal gezeigt werden muss, dass man tatsächlich einmal, zweimal, dreimal, vielleicht sogar viermal hinfallen kann und immer wieder aufstehen kann, und er hat gedacht, es gibt keine bessere Stadt dafür! Oder sagt mir bitte eine Stadt, sagt mir eine Mannschaft, sagt mir irgendwelche Fans auf der Welt, die in der Lage wären, nach so einem Schmerz, wie wir es letztes Jahr hatten, so eine Saison zu spielen wie die letzte, nach so einem Schmerz, wie wir ihn gestern hatten, so eine Saison zu spielen wie die nächste - es gibt keinen anderen Verein außer Mainz 05!" Klopp, dieser begnadete Volksredner, traf die Seele der Fans und begründet in der Stunde der brutalsten Niederlage das Gemeinschaftsgefühl, das dem ein Jahr später folgenden Aufstieg zugrunde lag.

Schön war die Saison 2003/04 wirklich nicht. Die 05er begannen gut, sie kamen nach einem Hänger im Herbst vor der Winterpause noch einmal in die Spitzengruppe, verloren aber mit nur vier Siegen von Anfang Dezember bis Mitte Paril den Anschluss. Für den Torschützenkönig Andrey Voronin, der nun in Köln spielte, war kein Ersatz da. Antonio da Silva war ein Gewinn im Mittelfeld, war aber in der Rückrunde lange verletzt. Fabian Gerber fand spät zu seiner Form. Immerhin kam im Winter Manuel Friedrich zurück, der in Bremen wegen zweier Kreuzbandrisse nur 13 Minuten Bundesliga gespielt hatte.

Im vierten Versuch binnen sieben Jahren hat es endlich geklappt: Die 05er können am 23. Mai 2004 den Aufstieg in die Bundesliga feiern. Foto: imagoNach der Niederlage in Fürth am 29. Spieltag erklärten die 05er den Aufstieg für verpasst. Es ging nur noch darum, die Saison in Würde zu Ende zu spielen und irgendwie die Zweitligalizenz zu finanzieren - das 2002 für die Bundesliga modernisierte Stadion und die hohen Siegprämien, die nicht zu hohen Bundesligaeinnahmen führten, hatten große Löcher in die Kasse gerissen. Aber auf einmal machten die 05er jede Woche einen Tabellenplatz gut, hatten am Ende plötzlich wieder Aufstiegschancen. Diesmal waren sie selbst die Jäger. Sie brauchten eine Niederlage von Alemannia Aachen und bekamen sie. Sie mussten gegen Eintracht Trier gewinnen und gewannen 3:0. Dank Michael Thurk, dessen Wechsel zum Aufstiegskonkurrenten Energie Cottbus längst bekannt war. Mit zwei Treffern gegen die Trierer schoss Thurk die 05er am 23. Mai 2004 in die Bundesliga; seinen eigenen Aufstieg verhinderte der Stürmer damit.

54 Punkte hatten die 05er am Ende. Das hatte noch nie einem Zweitligisten zum Aufstieg gereicht. Mit 64 und 62 Punkten waren sie selbst zuvor zweimal gescheitert. Im Rückblick kann man wohl festhalten: Entscheidend waren nicht die wenigen Siege. Entscheidend war, dass die 05er einfach nicht verloren. Nur Fürth und Bielefeld (jeweils zweimal), Trier und Burghausen schafften es, die Mainzer zu schlagen. Gegen Energie Cottbus, Rot-Weiß Oberhausen, Alemannia Aachen und den 1. FC Nürnberg, also vier der fünf Konkurrenten im oberen Tabellendrittel, gab es jeweils einen Heimsieg und ein Auswärtsremis: vier Punkte für Mainz, einen für den Gegner. Das gab den Ausschlag.

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