Verunsicherung und viel Skepsis

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
2014 – ein ereignisreiches und spannendes Jahr für den FSV Mainz 05 in der Bundesliga mit vielen Höhen und einigen Tiefen, aufregend und facettenreich. Mit Erfolgen und Niederlagen, alten und neuen Protagonisten. Die nullfünfMixedZone beleuchtet noch einmal die vergangenen zwölf Monate der Fußballer vom Bruchweg mit Geschichten, Bildern und Zahlen, mit Besonderheiten und Randerscheinungen. Heute im Rückblick: Die Vorbereitung und Pokal-Enttäuschungen.

Optimale Trainingsbedingungen fand 05-Trainer Kasper Hjulmand im St. Gerorges Park in der Nähe von Burton upon Trent. Erstmals absolvierte der Bundesligist ein Trainingslager in England. Foto: Jörg SchneiderDie Fahrt vom Städtchen Burton upon Trent nach Norden aufs Land führt in typische englische Landschaftsarchitektur: Mit Bruchsteinmauern oder diversen Heckenarten umsäumte Felder, Wiesen und Weiden. Viel Grün. Beruhigend. Farmland Staffordshire. Hier hatte der FSV Mainz 05 sein Trainingsquartier bezogen. Im Leistungszentrum des Englischen Fußballverbandes FA, dem St. George’s Park, mit zugehöriger Nobel-Herberge. In den Midlands, also ziemlich genau in der Mitte Großbritanniens. Zwischen den Großstädten Birmingham und Nottingham gelegen. Zum ersten Mal bereiteten sich die Mainzer in England auf eine Bundesligasaison vor.

Schon der erste Rundgang um die riesige Anlage mit insgesamt zwölf Rasenplätzen von einer Qualität, die hierzulande allenfalls in einer topgepflegten Golfanlage anzutreffen ist, verdeutlichte, was die 05-Profis erwartete: Trainingsbedingungen wie nie zuvor. Wenn später die Leistungen der Mannschaft nicht stimmen sollten, an den Trainingsvoraussetzungen in dieser Vorbereitungswoche hatte es ganz sicher nicht gelegen.

Zum ersten Mal bot sich die Gelegenheit, Kasper Hjulmand, den neuen Trainer, eine Woche lang am Stück bei der Arbeit zu beobachten. Der Coach hatte einen klar strukturierten Aufbauplan. Und war mit dem Ergebnis in den Midlands zufrieden. „Ein hervorragendes Trainingslager unter sehr guten Bedingungen“, sagte er und dass er begeistert war von seinem Kader. „Wir haben kaum Verletzungen und viel Konkurrenz auf allen Positionen.“ Positionen. Positionsspiel. Das sind Begriffe, die der Däne ständig benutzt. Darum geht es ihm. Mehr als um Spielsysteme. „Die sind doch sowieso nur erkennbar in der Defensivstellung.“ Das Verhalten in der Aufgabe. Die Positionen, die seine Spieler auf dem Feld zu besetzen und mit Leben zu füllen haben. Davon sprach Hjulmand im Sommer genauso wie heute. Und von Anpassungsfähigkeit, Flexibilität. Der Balance zwischen Offensive und Defensive. Ballbesitz und Umschalten. Verteidigungsformen.

Dennoch gebe es keinen Zweifel, sagte Hjulmand am Ende der Woche in den Midlands, die Mannschaft brauche die Zeit bis zum Bundesligastart, um sich zu finden, um Stärke zu entwickeln. „Wir haben schon große Schritte gemacht, aber wir müssen noch viel arbeiten.“

FSV Mainz 05 - Asteras Tripolis 1:0, 1:3

Hinspiel: Karius - Jara, Bell, Noveski, Park (70. Diaz) - Geis, Baumgartlinger (61. Brosinski) - Moritz, Malli, Koo (77. Zimling) - Okazaki.

Tor: 1:0 Okazaki (45., Koo).

Rückspiel: Karius - Brosinski, Bell, Noveski, Park (74. Diaz) - Geis, Baumgartlinger - Moritz, Malli (85. Soto), Koo (69. Jara) - Okazaki.

Tore: 1:0 de Blasis (30.), 1:1 Koo (37., Malli), 2:1 Mazza (68., de Blasis), 3:1 Mazza (86., Sankaré).

Positive Ausgangslage nicht genutzt

Und das bestätigte sich schon beim ersten Pflichttermin, den Mannschaft und Trainer zu bewältigen haben. Das Hinspiel in der Qualifikation zur Europaliga in der Coface Arena gegen den griechischen Klub Asteras Tripolis. Die 05er hatten in vielen Phasen der Partie kein hinreichendes Tempo, kein gutes Pressingverhalten, auch keine Torchancen. Was sie am Ende hatten, war ein 1:0. Verantwortlich für dieses Resultat waren bei den Mainzern vor allem zwei Spieler.

Hinten Loris Karius, der zwar nicht viele Bälle aufs Tor halten musste, aber sich unzählige Flanken schnappte, bevor sie gefährlich werden konnten. Bei den beiden Großchancen der Argentinier im Asteras-Team hatte Karius gar keine Chance. Der abgefälschte Fernschuss des Linksverteidigers Athanasios Panteliadis traf die Latte (40.), Pablo de Blasis grätschte einen nur fast perfekten Querpass des auffälligen Ziguy Badibanga, den das Mainzer Publikum bei seiner Auswechslung mit großem Applaus verabschiedete, links am leeren Tor vorbei (47.).

Die Vorstellung von Pablo De Blasis (hier gegen Nikolce Noveski) in den beiden Spielen der Europaliga-Qualifikation von Astreas Tripolis gegen die 05er brachte dem Argentinier einen Vertrag am Bruchweg ein. Foto: Imago

Und vorne gab es Shinji Okazaki. Der hatte es in der 45. Minute besser gemacht als Asteras-Mittelstürmer De Blasis und einen Querschläger von Koo Ja-Cheol nach Flanke von Christoph Moritz im Rutschen ins kurze Eck bugsiert. Die eigentliche gute Ausgangssituation nutzten die 05er im Rückspiel in Griechenland nicht. Die Mainzer spielten dominant, hatten viel Ballbesitz, viel mehr Ordnung im Spiel als eine Woche zuvor, brachten damit aber wieder wenig Konstruktives vor dem Tor zusammen. Es wurde das erwartete Geduldsspiel, das in der 30. Minute interessant wurde - durch Zufall und völlig überraschend. Pablo De Blasis' Flanke von der rechten Seitenlinie in den leeren Strafraum sprang an den langen Innenpfosten und ins Tor. 1:0 für den FC Asteras, 1:1 in der Summe beider Spiele.

Großen Grund zur Sorge gab allerdings nicht lange. Sieben Minuten nach dem Führungstor der Griechen glichen die 05er mit ihrem zweiten ordentlichen Angriff aus. Koo Ja-Cheol, der gerade erst nach einer komplizierten Einzelaktion das Tor verfehlt hatte, nahm einen kurzen Querpass von Malli an, setzte sich im 16er gegen zwei Verteidiger durch und traf flach ins lange Eck. 1:1 in der 37. Minute, das so ungeheuer wertvolle Auswärtstor, das der FC Asteras nicht geschossen hatte. Mit zwei Toren Vorsprung mussten die Griechen nun gewinnen; dafür hatten sie nur noch 53 Minuten. Eine Verlängerung konnte es nicht mehr geben.

Aus Mainzer Sicht war der Anfang der zweiten Hälfte die beste Phase - die Chancen hatten aber die Gastgeber, und sie gingen in Führung. Okazaki traf mit einem Heber den Pfosten; das war wohl der letzte Schlüsselmoment, in dem das Spiel nochmal zu Mainzer Gunsten hätte kippen können.

Das Trauma war wieder aufgelebt

Denn obwohl Hjulmand ausschließlich Defensivspieler brachte, wurde die Mainzer Verteidigung immer löchriger; im zentralen Mittelfeld übten die 05er gar keinen Druck mehr auf die Konterspieler aus und die hintere Reihe konnte nicht mehr alles schließen. Ein allerletzter Angriffsversuch über Elkin Soto kam nicht besonders weit, kurz danach traf Pablo Mazza zum zweiten Mal. 3:1 in der 85. Minute.

Das Trauma der Pleite bei Gaz Metan Medias, das seinerzeit Thomas Tuchel überfiel, war also unter dessen Nachfolger nun auf dem griechischen Peloponnes wieder aufgelebt. Das Scheitern in dieser dritten Qualifikationsrunde versetzte Trainer, Mannschaft und Offizielle sowie die zahlreichen Fans, die sich auf die Reise nach Griechenland begeben hatten, in Sprachlosigkeit und eine Art Schockstarre. Vor allen Dingen die Art und Weise, wie sich die Mainzer diesem durchaus bezwingbaren Gegner am Ende ergaben, gab zu denken und warf Fragen auf.

Hjulmand hatte seine erste richtige Prüfung im Amt nicht bestanden. Dem Dänen war es nicht gelungen, dieser in der Vorbereitungsphase stehenden Mannschaft ein Gerüst und Werkzeuge mitzugeben, die es einer aufgrund von gravierenden Abgängen, noch fehlender neuer Offensivoptionen, diverser Umstellungen und Anpassungsschwierigkeiten unfertigen Profi-Einheit ermöglicht hätte, einen keineswegs überragenden Gegner klein zu halten. Mittels Willensstärke, Kampf, Zweikampfhärte und Tempo. Alleine über diese Eigenschaften ein mögliches Ergebnis mitzunehmen, wenn naturgemäß die taktischen Prinzipien, die Gewohnheiten in den Abläufen, die Systemsicherheit noch nicht nach Wunsch vorhanden sind – das war die Aufgabe. Den Spagat zwischen kurzzeitigem Ergebnisfußball und langfristigem Aufbau einer konkurrenzfähigen Bundesligamannschaft hatte der Däne in seiner siebenwöchigen Amtszeit erst einmal nicht hinbekommen.

Fünf Gegentore bei einem Drittligaklub

Gonzalo Jara vergab im Chemnitzer Elfmeterschießen den insgesamt fünften Versuch. Weil alle anderen neun Schützen trafen, war's das für die 05er im DFB-Pokal 2014/15. Foto: imago

Doch der nächste Tiefpunkt, ein weiterer Rückschlag folgte. Das Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals. Nach einem spektakulären 5:5 nach Verlängerung warf der Drittligist Chemnitzer FC den Bundesligisten im Elfmeterschießen raus. Was die Anhänger dramatischer und handlungsgeladener Fußballspiele als „sensationell“, „grandios“, „unfassbar“ bezeichnen, bewerten die in Kategorien und Liga-Hierarchien denkenden Beobachter eher als „blamabel“ oder „peinlich“. Der FSV Mainz 05 hatte sich erneut direkt und unnötig aus einem lukrativen Wettbewerb verabschiedet. Eine Woche vor dem Bundesligastart stand der neue Trainer noch immer vor einigen besorgniserregenden Groß-Baustellen.

Binnen vier Minuten nach Okazakis 2:0 hatte auch der CFC zwei Tore geschossen. Ja-Cheol Koos traf zum 3:2, das ebenfalls nicht hielt. Yunus Malli hätte um ein Haar die Verlängerung verhindert, aber in der Nachspielzeit nur den Pfosten getroffen. In der zusätzlichen halben Stunde führte der CFC zweimal. Niko Bungert (zuvor Eigentorschütze zum 3:3) und Johannes Geis mit einem 58-Meter-Schuss in der 122. Minute brachten die 05er immerhin ins Elfmeterschießen. In dem alle trafen bis auf Gonzalo Jara, der damit sein persönliches Trauma von der WM wiederholte.

Chemnitzer FC - FSV Mainz 05 5:5 n.V. (3:3, 0:1), 5:4 i.E.

FSV Mainz 05: Karius - Brosinski, Bell, Jara, Diaz - Zimling (74. Geis), Park - Saller (68. Bungert), Djuricic (60. Malli), Koo - Okazaki.

Tore: 0:1 Zimling (24., ohne Vorarbeit), 0:2 Okazaki (49., Djuricic), 1:2 Fink (50., Lais), 2:2 Fink (53., Kehl-Gómez), 2:3 Koo (73., Brosinski), 3:3 Bungert (87., Eigentor, Hofrath), 4:3 Ziereis (103., Garbuschewski), 4:4 Bungert (109., Geis), 5:4 Kehl-Gómez (119., Garbuschewski), 5:5 Geis (120+2., ohne Vorarbeit).

Elfmeterschießen: 0:1 Geis, 1:1 Garbuschewski, 1:2 Koo, 2:2 Türpitz, Jara verschießt, 3:2 Hofrath, 3:3 Park, 4:3 Kehl-Gómez, 4:4 Brosinski, 5:4 Fink.

Enttäuschung. Frust. Verunsicherung. Fünf Gegentore bei einem Drittliga-Klub. Unterirdische Verteidigungsarbeit, die das mehr als passable Offensivbemühen kaschiert. Das Muster war gleich. Individuelle Ballverluste oder Fehler hatten sofort gravierende Auswirkungen. Lange Bälle, Kopfballweiterleitung, und es brannte im Strafraum der 05er lichterloh. Das zentrale 05-Mittelfeld konnte nach verlorenen Bällen viel zu leicht vom Gegner überspielt werden, was ständig zu Konfusionen im Abwehrzentrum führte. Das zog sich durch diese Saison-Vorbereitung wie ein roter Faden. Unterentwickeltes Pressing und Gegenpressing, geringe Balleroberungsarbeit im Mittelfeld, kaum Gewinn von zweiten Bällen.

„Wir sind zu shaky, wenn etwas passiert“, sagte der 42-Jährige, der selbst am besten wusste, dass es eines positiven Ergebnisses bedurft hätte in diesem wichtigen Wettbewerb, um diesem seit Tripoli tief verankerten Gefühl in der Mannschaft entgegenzuwirken. Das hatte nicht funktioniert. Chemnitz war zwar ein Fortschritt in der Entwicklung. Die allgemeine Skepsis vor dem Saisonstart war aber dennoch gewachsen.  

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