Unveränderte Mechanismen

Jörg Schneider. Mainz.
Der FSV Mainz 05 bildet zusammen mit Werder Bremen, dem FC Augsburg und dem VfL Wolfsburg ein Quartett, das sich mit 29 Punkten zwei Zähler über dem Relegationsplatz bewegt, den der Hamburger SV einnimmt. Der Kampf gegen den Relegationsplatz, soviel dürfte jedem klar sein, braucht einen langen Atem bis zum 34. Spieltag. Die Aufgabe: Kraft und Qualität aus der Situation entwickeln, Freude am bedingungslosen, zielgerichteten Kampf finden, die Tabelle ausblenden, mit Behauptungswillen der nächsten Aufgabe widmen, jeden Punkt wertschätzen, nach Niederlagen nicht in Depression fallen, nach überraschenden Siegen nicht in Sicherheit wähnen. Die aktuelle Länderspielpause gibt den 05ern Gelegenheit, sich darauf einzuschwören.

Freude am bedingungslosen Kampf, Kraft und Qualität entwickeln über Leidenschaft: Niko Bungert und die 05-Profis müssen alle Mechanismen im Abstiegskampf in Bewegung bringen. Foto: ImagoDie 05er haben zudem ein um 14 Treffer besseres Torverhältnis als der HSV. Rouven Schröder hat unmittelbar nach der 0:1-Niederlage vom Sonntag gegen den FC Schalke 04, unter dem Eindruck der allgemeinen Enttäuschung die Dinge angesprochen, die beim FSV Mainz 05 nun im Vordergrund stehen: Die Situation besprechen im offenen und kritischen Dialog auch untereinander. Die Defizite aufzeigen, gewisse Sachen hinterfragen, zusammenrücken, richtige Schlüsse ziehen, konzentriert weiterarbeiten. Und vor allen Dingen nicht in unangebrachte Panik verfallen angesichts der Aktualität. Die Mainzer haben sich selbst in diese Lage hinein manövriert, ein enges und hammerhartes Bundesligafinale bewältigen zu müssen, weil sie die vorhandenen Möglichkeiten nicht genutzt haben, die einen ruhigeren Weg versprochen hätten. Aus welchen Gründen auch immer. Das ist nun nicht mehr zu ändern, ist aber auch noch kein Grund, Katastrophen-Szenarien auszumalen.

Nun bildet die Mannschaft von Martin Schmidt zusammen mit Werder Bremen, dem FC Augsburg und dem VfL Wolfsburg ein Quartett, das sich mit 29 Punkten zwei Zähler über dem Relegationsplatz bewegt, den der Hamburger SV einnimmt. Die 05er haben zudem ein um 14 Treffer besseres Torverhältnis als der HSV. Und neben diesen vier Klubs halten sich auch Bayer Leverkusen (31) und sogar Borussia Mönchengladbach mit 32 Zählern hartnäckig im erweiterten Gefahrenbereich auf. Der Kampf gegen den Relegationsplatz, soviel dürfte klar sein, braucht einen langen Atem bis zum 34. Spieltag. Aber damit ist auch das Ziel klar vorgegeben. Die Aufgabe heißt nach dem letzten der neun noch zu spielenden Begegnungen über dem Strich zu stehen. Egal, wie es zwischendrin aussieht. Egal, ob im nächsten Spiel das Erfolgserlebnis gelingt oder ob noch ein weiterer Rückschlag erfolgt. Die Partie beim FC Ingolstadt nach der Länderspielpause ist eine von neun, aber kein Endspiel. Ein Sieg beim Tabellenvorletzten bedeutet nicht die vorzeitige Rettung, eine Niederlage nicht die Relegation.

In Mainz, der einstigen Hochburg des Abstiegskampfes, löst aktuell scheinbar schon alleine der Gedanke daran, im Abstiegskampf involviert zu sein, Panik im Umfeld aus. Und das in einem Klub, für den es aufgrund seiner wirtschaftlichen Voraussetzungen in dieser Liga immer erst einmal darum gehen muss über dem Strich zu bleiben und bei dem jede Spielzeit ohne Abstiegskampf eine Top-Saison darstellt. Die Erfolge der vergangenen Jahre, die Tatsache, dass die 05er in diesen Jahren anscheinend vieles richtig und besser gemacht haben als potenziell erheblich stärkere Vereine, hat diese Perspektive verschwimmen lassen. Die älteren unter den 05-Anhängern werden sich erinnern, eine solche Lage wie im Moment, war in den 90er Jahren in der Zweiten Liga an der Tagesordnung. Es gab erheblich bedrohlichere Situationen, die der Klub überstanden hat. Das ist kein Freibrief für die Gegenwart, aber die Mechanismen haben sich in all der Zeit  nicht geändert. Daran muss man sich am Bruchweg wieder erinnern. Damals wie heute geht es darum, eine eigene Kraft aus der Situation zu entwickeln, vielleicht sogar eine gewisse Freude am bedingungslosen, zielgerichteten Kampf zu finden. Die Tabelle ausblenden, sich mit Behauptungswillen und größtmöglicher Kampfbereitschaft der nächsten Aufgabe widmen, jeden Punkt wertschätzen, Punkt um Punkt holen, nach Niederlagen nicht in Depression fallen, nach überraschenden Siegen nicht in Sicherheit wähnen.

Martin Schmidt muss sein Team in dieser Ligapause mental auf diese Dinge einschwören und dabei Lösungsansätze entwickeln, das Vertrauen in die eigene und vorhandene Qualität stärken, den Kader in einen anhaltenden, leidenschaftlichen Kampfmodus versetzen, der bis zum letzten Spieltag trägt. Der Trainer muss im Team die Mentalität dafür vorbereiten, der Klub muss die Stadt und die Anhängerschaft auf Gemeinsamkeit einschwören. Ein leidenschaftlicher geführter und am Ende erfolgreicher Abstiegskampf könnte auch eine große Chance bedeuten auf der Suche nach einer neuen Identität in diesem momentan in allen Bereichen komplizierten Vereinsleben.

„Wir brauchen die Power und die Leistung, die wir gegen Schalke hatten“, sagt der 05-Trainer, „dazu mehr Zug zum Tor als zuletzt.“ Der Kader ist in diesen Tagen weitgehend zusammengeblieben, da nur wenige Nationalspieler auf Reisen sind. „Nach einem verlorenen Spiel hättest du lieber keine Pause. Aber es ist trotzdem gut, um mal den Kopf zu lüften. Die Spieler, die weg gehen zur Nationalmannschaft, haben mal andere Themen. Wir werden hier weiter intensiv arbeiten“, sagt Schmidt. Am Freitag steht das Testspiel gegen den Karlsruher SC am Bruchweg auf dem Plan. Eine gute Gelegenheit für den Coach, in dieser Partie, in der das Publikum nicht zugelassen ist, ohne Druck Dinge auszuprobieren, anderen Spielern die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen. Und auch, um mal wieder Tore zu schießen, sich das Gefühl dafür zurückzuholen. Daran ist auch das Training in dieser Woche ausgerichtet mit Spielformen, in denen das Erfolgserlebnis und das Tore schießen im Vordergrund stehen.

„Gegen Schalke waren wir vor dem Tor einfach zu ungefährlich“, sagte Niko Bungert nach der Niederlage. „Im Endeffekt ist auch aus den vielen guten Standardsituationen aus guten Positionen mit Eckbällen und Freistößen zu wenig  rumgekommen, um auf diesem Weg vielleicht die Wende zu schaffen. Natürlich würde alles ein bisschen leichter von der Hand gehen, wenn wir in den vergangenen Spielen ein paar Tore gemacht hätten und ein bisschen mehr Selbstvertrauen getankt hätten. Aber wir haben Spieler, die die Qualität haben, ihre Chancen zu kreieren und zu vollenden. Es nützt alles nichts, wir müssen weiter dran arbeiten, bis die Kleinigkeiten wieder passen und wir wieder treffen. Generell ist es nach zwei Niederlagen vielleicht mal ganz gut, jetzt eine Woche mit etwas weniger Druck zu haben, an einigen Schrauben zu drehen, um dann wieder voll anzugreifen.“ Auch für den 05-Kapitän ist klar, „wir müssen nicht groß rechnen und nicht gucken, was die anderen machen. Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren und auf das, was wir beeinflussen können, um Punkt für Punkt holen zu können.“

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