Unter Löwen und Rindern

Jörg Schneider. Mainz.
Zum ersten Mal überhaupt absolviert der FSV Mainz 05 ein Trainingslager in England. Im St. George's Park, dem Leistungszentrum des englischen Fußballverbandes, arbeitet der neue Cheftrainer Kasper Hjulmand mit seinem Kader an der Saisonform. Die Bedingungen dort sind überragend.

Der neue 05-Cheftrainer Kasper Hjulmand ist zufrieden mit den äußeren Bedingungen in der Vorbereitung. Foto: Jörg SchneiderDie Fahrt vom Städtchen Burton upon Trent nach Norden aufs Land führt vorbei an niedlichen Reihenhaussiedlungen in Klinkerbauweise mit kleinen, gepflegten Vorgärten und Mittelklasse-Limousinen in der Garageneinfahrt. Gutes Mittelstands-Bürgertum. Die zahlreichen Blitzerkästen verlangen vom Autofahrer gemächliches Cruisen. Und weil der Verkehr mit jedem Meter mehr weniger wird, darf der Blick schweifen. Irgendwann sind die letzten Häuser passiert und plötzlich ist ganz viel Gegend. Typische englische Landschaftsarchitektur: Mit Bruchsteinmauern oder diversen Heckenarten umsäumte Felder, Wiesen und Weiden. Viel Grün. Beruhigend. Farmland Staffordshire.

Ziemlich unvermittelt taucht das Hinweisschild auf, und unmittelbar neben der Herde träge glotzender schwarz-bunter Milchkühe erscheint das Einfahrtschild im Blickwinkel: St. George’s Park. In weißer Schrift auf braunem Untergrund. Und einem Pfeil nach links. Die Bestätigung, keinem Schildbürgerstreich aufgesessen zu sein, der ortsfremde Mainzer ins Nirgendwo führt, kommt nach wenigen Metern. Eine weiße Steintafel, auf der das Wappen des Englischen Fußballverbandes FA mit den drei Löwen prangt.

Derby in der Nachbarschaft

Hier hat der FSV Mainz 05 sein Trainingsquartier bezogen. Im Leistungszentrum der Three Lions, dem St. George’s Park, mit zugehöriger Nobel-Herberge. In den Midlands, also ziemlich genau in der Mitte Großbritanniens. Zwischen den Großstädten Birmingham und Nottingham gelegen, ganz in der Nähe des berühmten Derby. Mitten im Nirwana.

Doch zunächst führt der Weg vom Eingangstor noch gut zwei Kilometer durchs Weideland. Vorbei an offenbar friedlich grasenden, aber gefährlich aussehenden Longhorn-Rindern und Schutzhecken, bis sich der erste Sportplatz ins Bild schiebt. Und schon von weitem deutet das satte Grün daraufhin, dass der Beruf des Greenkeepers in diesem Land höchst angesehen ist. Die Zahl dieser Rasengevierte steigt an und einige ultramoderne Zweckbauten fallen ins Auge. Das Herz des St. Georges’s Park.

Schon der erste Rundgang um die riesige Anlage mit insgesamt zwölf Rasenplätzen von einer Qualität, die hierzulande allenfalls in einer topgepflegten Golfanlage anzutreffen ist, verdeutlicht, was die 05-Profis erwartet: Trainingsbedingungen wie nie zuvor. Wenn später die Leistungen der Mannschaft nicht stimmen sollten, an den Trainingsvoraussetzungen in dieser Vorbereitungswoche wird es ganz sicher nicht gelegen haben. Die Zufriedenheit der Beteiligten ist entsprechend. Solche Rasenplätze. Unvorstellbar. Sensationell.

Mit der Mistgabel auf Pitch 5

Die Mainzer Fußballer trainieren abends immer auf Pitch Number five. Einem der Vorzeige-Plätze. Direkt neben dem heiligen Rasen gelegen, dessen Wembley-Qualität täglich gepflegt, der aber nur benutzt wird, wenn die englische Nationalmannschaft sich die Ehre gibt. Das 05er Grün hat noch einen eigenen Torhüter-Übungs-Pitch nebenan. Und über alles wacht der gestrenge Rasenkommandant, aufgestützt auf eine Art Mistgabel, stets bereit jeden gekrümmten Grashalm sofort wieder liebevoll aufzurichten und zu tätscheln. Für den Zuschauer gibt’s die klare Anweisung: Der Bewegungsradius beschränkt sich ausschließlich auf Long-Grass-Flächen. Das heißt, es gibt praktisch keinen Radius. Alles, was in den Millimeterbereich geht, ist absolut tabu für Nicht-Kicker. Und ohne sichtbar um den Hals hängende Akkreditierung geht sowieso überhaupt nichts. Da gibt’s kein Vertun: „No Pass no watch“, lautet die klare Ansage des Lord Keeper of the Privy Grass.

Der gestrenge Greenkeeper richtet jedes Grashälmchen fürsorglich wieder auf. Foto: Jörg SchneiderBeim morgendlichen Training auf dem Zehner-Pitch, einem Sportplatz mit zwei Spielfeldern, ändert sich am Procedere nicht das Geringste. Äußerste Disziplin. Das gilt auch für die Fußballer. Mit dreckigen Schuhen in die Kabine (natürlich die des englischen Nationalteams)? Kommt nicht in Frage. Im Vorraum die Treter abstreifen, Badeschlappen an und rein in die Eiswanne oder in eine andere der vielfältigen Facilitys. Alles perfekt. Sogar die Hütchen, Stangen, Leibchen und die übrigen Ausrüstungsgegenstände werden stets per Spezialfahrzeug zum Pitch gekarrt. Natürlich gibt’s dafür einen eigenen Facility-Manager. Der Vorteil: Die Mainzer können ihr eigenes Material getrost zu Hause lassen.

Die 05-Profs finden Schlaraffenland-Bedingungen vor im St. George’s Park. Vollverpflegung im privaten Speisesaal. Eigene Hoteletage. Kurze Wege zur Pflege und zu den Fitnessräumen. Und sie genießen Respekt bei den Engländern. Ein Team aus dem Land des Weltmeisters. Da schauen auch die Lehrgangsteilnehmer der FA gerne mal zu. Vielleicht lässt sich ja was abgucken. Nötig hätten sie es allemal. Und ein bisschen neidisch auf diese Germans sind sie auch.

Pressing? In vier Wochen!

Kasper Hjulmand bietet ihnen allerdings über weite Strecken wenig taktisches Anschauungsmaterial. Passsicherheit, trainiert mit unendlichen Passfolgen in eher ruhiger Intensität. Kreativ, aber ohne die aus Tuchel-Zeiten gewohnte Zweikampffreude. Spielformen, in denen es so richtig kracht in den Zweikämpfen mit hohem Tempo, Duelle, geführt als wäre es das letzte, mit einer Dynamik wie im Bundesligaspiel, auf die wartet man beim Dänen vergebens. Das Training des 42-Jährigen ist systematisch aufgebaut. Alles zu seiner Zeit. In England will Hjulmand Ballsicherheit üben. Nur einmal, an einem Morgen, steht Pressing und Gegenpressing auf dem Lehrplan. Mit Feuer und Tempo. „Rennen, Zweikämpfe, Pressing, das ist die Basis und sehr wichtig für unser Spiel. Wir machen das. Das kommt noch. In vier Wochen ist das da“, sagt der 05-Cheftrainer in seiner Abschlussbilanz der England-Reise.

Hjulmand hat einen klar strukturierten Aufbauplan. Und ist mit dem Ergebnis in den Midlands zufrieden. „Ein hervorragendes Trainingslager unter sehr guten Bedingungen“, sagt er und dass er begeistert sei von seinem Kader. „Wir haben kaum Verletzungen und viel Konkurrenz auf allen Positionen.“ Positionen. Positionsspiel. Das sind Begriffe, die der Däne ständig benutzt. Darum geht es ihm. Mehr als um Spielsysteme. „Die sind doch sowieso nur erkennbar in der Defensivstellung.“ Das Verhalten in der Aufgabe. Die Positionen, die seine Spieler auf dem Feld zu besetzen und mit Leben zu füllen haben. Davon spricht Hjulmand. Und von Anpassungsfähigkeit, Flexibilität. Der Balance zwischen Offensive und Defensive. Ballbesitz und Umschalten. Verteidigungsformen. „Da hat die Mannschaft mit großer Bereitschaft sehr, sehr gut gearbeitet.“

„Wir haben schon große Schritte gemacht, aber wir müssen noch viel arbeiten“
Kasper Hjulmand

Dennoch gebe es keinen Zweifel, sagt Hjulmand am Ende der Woche in den Midlands, die Mannschaft brauche die Zeit bis zum Bundesligastart, um sich zu finden, um Stärke zu entwickeln. „Wir haben eine starke Mannschaft“, sagt er. Bald. „Wir haben schon große Schritte gemacht, aber wir müssen noch viel arbeiten.“

Die Möglichkeiten, die dieses Quartier in der Abgeschiedenheit der Countryside den 05ern bot, die vielen Möglichkeiten, die die Profis dort antrafen, begeisterten die Mainzer und deren neuen Chefcoach. „Es war die richtige Entscheidung, hier hin zu fahren. Ich bin damit sehr zufrieden.“

► Alle Artikel zum Trainingsbetrieb