Und wieder einer aus dem leeren Raum

Christian Karn. Mainz.
Beim FSV Mainz 05 hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Kaspar Hjulmand (42) soll die erfolgreiche Arbeit von Thomas Tuchel fortsetzen. Der Däne ist hierzulande weitgehend unbekannt. Doch das ist in Mainz nicht ungewöhnlich. Der neue 05-Trainer befindet sich da in bester Gesellschaft mit seinen Vorgängern.

Endlich kann Christian Heidel seine Thomas-Tuchel-Tabelle einrahmen. 170 Spieltage umfasst die Bilanz der Bundesliga von 2009 bis 2014, an denen der FSV Mainz 05 65 Siege und 44 Remis erreichte, was sich zu 239 Punkten addiert, 1,41 pro Spiel. Das bedeutet den fünften Platz in dieser Fünfjahreswertung, weit hinter Bayern München (389 Punkte), Borussia Dortmund (350), Bayer Leverkusen (307) und Schalke 04 (288), knapp vor den Gladbachern (237) und Wolfsburgern (235).

Ab ins Altpapier

Vielleicht ist die Tuchel-Tabelle aber auch längst im Altpapier gelandet. Sie ist, nachdem 05-Manager Heidel jahrelang die glanzvolle Gegenwart der 05er mit ihr illustriert hat, nur noch ein Abbild der Vergangenheit, und die Vergangenheit hängt Heidel nur in Ausnahmefällen an die Wand. Tuchel hat die 05er recht überraschend und nicht ganz im Frieden verlassen.

Die Arbeit des erfolgreichen Trainers soll ein hierzulande weitgehend unbekannter Trainer fortführen - das ist in Mainz nicht ungewöhnlich. Der Däne Kasper Hjulmand kommt für Uneingeweihte genauso aus dem leeren Raum wie vor ihm Tuchel selbst, wie Jürgen Klopp. Die Zahl derer, die den dänischen Spitzenfußball beobachten, ist in diesem Lande nun mal überschaubar.

Die Parallelen zwischen Hjulmand und seinem Vorgänger sind schnell gefunden. Auch der neue 05-Coach hatte im Grunde gar keine Spielerkarriere: Nach 24 Zweitligaspielen in Dänemark im Kalenderjahr 1996 verletzte sich der Rechtsverteidiger von B93 Kopenhagen schwer; nach einem erfolglosen Comebackversuch im Frühjahr 1998 beendete er seine aktive Laufbahn. Seine ersten Erfahrungen und Erfolge als Trainer sammelte Hjulmand im Nachwuchsbereich: 2002 wurde er als 30-Jähriger mit der U18-Mannschaft des Lyngby BK Dänischer Meister. Erst als Co-, dann als Cheftrainer stieg Hjulmand 2005 und 2007 mit den Profis des LBK aus der dritten in die erste Liga Dänemarks auf. Nach dem sofortigen Wiederabstieg in die Zweitklassigkeit wechselte der Mann aus Aalborg im Norden des dänischen Festlands (auch Heimatstadt des langjährigen 05-Verteidigers Bo Svensson, der künftig Hjulmands Trainerstab angehört) zunächst als Co-Trainer zum Provinzklubs FC Nordsjaelland. Nach zwei Pokalsiegen wurde Hjulmand zum Cheftrainer befördert; auf Anhieb wurde der FCN Dänischer Meister vor dem großen FC Kopenhagen, den Hjulmand in drei Saisonspielen zweimal schlug. Im zweiten Jahr erreichte der neue 05-Trainer immerhin die Vizemeisterschaft mit fünf Punkten Rückstand auf den FCK. In der vergangenen Saison stand der FC Nordsjaelland wochenlang fast durchgängig auf einem Abstiegsplatz, kletterte aber in der Rückrunde ins sichere Mittelfeld.

"Für mich ist der Wechsel zu Mainz 05 eine Entscheidung des Herzens."

Hjulmand - auch das ist eine Parallele zu Tuchel - hatte sich schon früh in jener Saison entschieden, ein Jahr vor dem Vertragsende den FCN zu verlassen. "Ich wollte auf den richtigen Klub warten und mir dafür Zeit nehmen", verriet der neue 05-Trainer bei seiner Vorstellung in der Coface Arena Mitte Mai. Diese Zeit brauchte Hjulmand nicht. "Ich war überrascht, wie perfekt die Philosophie des Klubs zu meiner persönlichen passt", sagte Hjulmand. "Für mich ist der Wechsel zu Mainz 05 eine Entscheidung des Herzens."

Kasper Hjulmand Nielsen

Persönliche Daten
Geboren am 9. März 1972 in Aalborg/Dänemark
Nationalität: Dänisch

Karriere als Spieler
Position: Verteidiger
Vereine: Randers Freja (Dänemark, bis 1991), Herlev IF (Dänemark, 1992-95), B93 Kopenhagen (Dänemark, 1996-98).

Spiele und Tore
Dänische 2. Liga: 26 (0)

Karriere als Trainer
Mannschaften: Lyngby BK (Dänemark, U18-Trainer 1999-03, Trainer der 2. Mannschaft und Co-Trainer der 1. Mannschaft 2003-06, Cheftrainer 2006-08), FC Nordsjaelland (Dänemark, Co-Trainer 2008-11, Cheftrainer 2011-14).

Erfolge
Dänischer U18-Meister 2002 mit den Junioren des Lyngby BK.
Aufstieg in die zweite dänische Liga 2005 und in die erste dänische Liga 2007 mit dem Lyngby BK.
Dänischer Pokalsieger 2010 und 2011, dänischer Meister 2012 mit dem FC Nordsjaelland.

Eine große Aussage, die Hjulmand erläuterte mit Begriffen wie "Ballbesitzfußball", "gepflegtes Passspiel", "Vorwärtsverteidigung", "junge Spieler", aber auch Werten, die nicht unmittelbar mit dem Fußballplatz zu tun haben. Als Vorbilder nannte Hjulmand den stilbildenden Pep Guardiola, was jeder kann, aber auch den Argentinier Diego Simeone, der durch seine Erfolge mit Atletico Madrid (vier Titel in drei Jahren, zuletzt die Spanische Meisterschaft und eine unglückliche Niederlage im Champions-League-Finale) eine Art Hoffnungsträger derjenigen wurde, die Jose Mourinhos Arbeit für eine der größten Gefahren im modernen Weltfußball halten. Mit Mut zu Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte, aber einer kämpferischen Aggressivität, die man bei Guardiola in den vergangenen Jahren vermisste, schaltete Simeone den bisweilen zynisch-destruktiven Chelsea FC im Halbfinale nicht mal unverdient aus.

„Das ist doch Mainz 05!“

Von Vorbildern zu sprechen ist natürlich eine Sache; man darf gespannt sein, welche Elemente auf Mainz 05 übertragen werden können. "Um zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen, muss ich erst mit der Mannschaft arbeiten", sagte Hjulmand bei seiner Vorstellung. Das hat der neue Trainer nun ein paar Wochen lang getan; allerdings mit einem unvollständigen Kader: Die vielen WM-Teilnehmer stießen erst nach ihrem Urlaub zum Team, in der Offensive gibt es noch offene Planstellen.

Christian Heidel hatte Hjulmand erstmals im November 2012 bewusst wahrgenommen. Zufällig. Der 05-Manager sah aus völlig anderen Motiven das Erstligaspiel des FC Nordsjaelland gegen den Randers FC und staunte über den für Dänemark untypischen Fußball des FCN, der ungewöhnlich großen Wert auf Pressing und Kombinationen legte. Die erste Kontaktaufnahme geschah im April 2014 und beeindruckte Heidel schwer: "Er hat mir sehr ausgiebig seine Art des Fußballs erklärt und viele Dinge gesagt, bei denen ich dachte: Das ist doch Mainz 05! Zwei sind aufeinandergetroffen, die die gleiche Vorstellung vom Fußball haben." Dass er eine kurzfristige Lösung suchte, konnte Heidel noch nicht verraten, aber große Bedenkzeit benötigte der 05-Manager nicht. "Wir gehen mit einem Trainer in die nächsten drei Jahre, der vieles fortführt, was wir in Mainz seit geraumer Zeit praktizieren, uns aber auch viele neue Einflüsse zuführen wird."

Das klingt zunächst gut. Aber auch das ist schon wieder Vergangenheit. Ob Heidel eine Hjulmand-Tabelle führen wird, das kann nur die Zukunft zeigen.

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