Trainerdämmerung

Christian Karn. Mainz.
2014/15 - eine ereignisreiche und spannende Saison für den FSV Mainz 05 in der Bundesliga mit Höhen und Tiefen, aufregend und facettenreich. Mit Erfolgen und Niederlagen, alten und neuen Protagonisten. Die nullfünfMixedZone beleuchtet noch einmal die neunte Bundesligasaison der Fußballer vom Bruchweg mit Geschichten, Bildern und Zahlen, mit Besonderheiten und Randerscheinungen. Und beginnt heute mit einem mehrteiligen Rückblick auf die Rückrundenspiele. Teil 1: Die letzten vier Partien unter Kasper Hjulmand.

Ein Rückblick: Der FSV Mainz 05 hatte eine eigenartige Hinrunde gespielt. Die hatte begonnen mit dem Aus in beiden Pokalwettbewerben (5:5 n.V., 4:5 i.E. in Chemnitz sowie 1:0/1:3 gegen Asteras Tripolis), sich fortgesetzt mit acht Spielen ohne Niederlage (Vereins-Startrekord - allerdings waren fünf Unentschieden dabei) und dann mit neun Partien ohne Sieg. Ein halbwegs versöhnliches Ende gab es durch den starken Auftritt gegen den FC Bayern München, der am 17. Spieltag durch Elkin Soto erst das vierte Gegentor kassierte und sehr viel Glück brauchte, um am Ende trotzdem 2:1 zu gewinnen.

In der Winterpause krempelten die 05er den Kader noch einmal etwas um. Vier Mann gingen: Die Sommer-Neuzugänge Philipp Wollscheid, der Nikolce Noveski ersetzen sollte, aber selbst oft verletzt war, und Filip Djuricic, der eine Art Stammspieler war, aber wenig Zielführendes zeigte, sowie die Reservisten Julian Koch und Petar Sliskovic. Es kamen drei Neue: der schwedische Linksverteidiger Pierre Bengtsson, der Schalker Flügelspieler Christian Clemens und der chilenische Mittelstürmer Nicolás Castillo.

Allzu zufriedenstellend war die Vorbereitung nicht. In drei Testspielen gab es keinen Sieg, dafür in der geheimen 3x45-Minuten-Generalprobe gegen Leverkusen ein 1:4. Aber missratene Generalproben, so sagt man, bringen Glück...

 

FSV Mainz 05 - SC Paderborn 07 5:0 (1:0)

Samstag, 31. Januar 2015, 27.114 Zuschauer.

Zum Rückrundenauftakt mussten zunächst einige traurige Pflichten erfüllt werden: Von zwei im Januar verstorbenen Vereinslegenden, "Heinz aus Mainz" Bender und Willi Dietrich, verabschiedeten sich die 05er mit dem "You'll never walk alone"-Gesang, vom ebenfalls in der Winterpause bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Wolfsburger Profi Junior Malanda gemeinsam mit den Paderbornern mit einer Schweigeminute.

Die Mainzer Torfabrik nach dem 1:0. Von links: Johannes Geis, der Schütze des 5:0, Yunus Malli, der die ersten zwei Treffer schoss und den dritte vorbereitete, Pablo de Blasis, der den Mallis Treffer auflegte und das 3:0 schoss, sowie der an den Toren nicht beteiligte Christian Clemens. Foto: imago

Dann wurde Fußball gespielt. Und es gab viel zu feiern für die Mainzer: Yunus Mallis 1:0 in der 6. Minute war das einzige Tor in der offenen ersten Hälfte, aber vor allem der dynamische Debütant Bengtsson deutete an, eine große Verstärkung sein zu können. Und in der zweiten Hälfte legte die Mainzer Torfabrik sofort los: Volley-Befreiungsschlag von Gonzalo Jara auf Shinji Okazaki. Der stoppte den Ball mit der Brust, spielte ihn zurück auf de Blasis, der ihn mit dem ersten Kontakt nach vorne links auf Malli schlug. Und der schob die Kugel in der 46. Minute ins lange Eck. 2:0, fünf Ballkontakte vom eigenen Strafraum ins gegnerische Tor. Und der erste Doppelschlag des U21-Nationalspielers in der Bundesliga.

Die Mainzer ließen nicht nach. Es gab weitere Chancen, schon bevor Malli bei einem 4-gegen-2-Überfall Pablo de Blasis das 3:0 auflegte. Bengtsson holte sich mit einer Freistoßflanke auf Sami Allagui seinen ersten Bundesliga-Scorerpunkt. Und Geis traf per Elfmeter zum 5:0. So standen die Mainzer nach dem Spiel wieder Arm in Arm in einer langen Reihe. Diesmal aber, um sich von der Tribüne das Rosenmontagslied anzuhören, während die Paderborner im Mittelfeld einen großen Krisenkreis bildeten. Zwei Auswärtsspiele in Mainz brachten ihnen elf Gegentore.

Auch für die 05er hatte sich die Geschichte wiederholt. Das 5:0 war ihr höchster Bundesligasieg überhaupt - mit dem gleichen Ergebnis gegen den SC Freiburg endete vor ziemlich genau zehn Jahre zuvor schon einmal eine Serie von neun Spielen ohne Sieg.

FSV Mainz 05: Karius - Brosinski, Bell, Jara, Bengtsson - Geis, Baumgartlinger (80. Bungert) - de Blasis, Malli (80. Soto), Clemens - Okazaki (69. Allagui).

Tore: 1:0 Malli (6., de Blasis), 2:0 Malli (46., de Blasis), 3:0 de Blasis (69., Malli), 4:0 Allagui (82. Bengtsson), 5:0 Geis (87., Foulelfmeter, Ziegler an Allagui).

 

Hannover 96 - FSV Mainz 05 1:1 (1:0)

Dienstag, 3. Februar 2015, 30.500 Zuschauer.

Mit einem erarbeiteten Auswärtspunkt kam der FSV Mainz 05 aus Hannover zurück. Letztlich war es wohl die größere Ruhe, die größere Disziplin, die den 05ern nach der schwachen ersten Hälfte das verdiente 1:1 ermöglichte und sicherte: In Schlüsselmomenten waren die Gastgeber zu hektisch, die Mainzer ruhiger und zielstrebiger.

Miiko Albornoz riskiert noch Elkin Sotos Gesundheit, aber den Ausgleich kann der Chilene nicht mehr verhindern. Foto: imago

Loris Karius zeigte in der 5. Minute, was er von Stephan Kuhnert gelernt hat. Der 05-Torwart kam nach einer herrlichen Kombination, die Lars Stindl frei vors Tor brachte, dem Mittelfeldmann ein paar Schritte entgegen, machte sich breit und ließ sich anschießen. Eine atypische Szene fürs erste Viertel, denn die 05er kontrollierten die Partie, hatten viel Ballbesitz, klemmten die 96er, wenn diese mal die Kugel hatten, durch kluges, fleißiges Anlaufen an deren Strafraum fest. Dem hannoverschen Publikum passte das nicht. Es gab frühe Pfiffe.

Und dann auf einmal viele Tore für Hannover, aber am 0:0 änderte das zunächst nichts. Die Treffer von Stindl und Jimmy Briand (16./22.) fielen lange nach Abseitspfiffen. Bei Joselus vermeintlichem Führungstor war der Pfiff wohl unberechtigt. Glück für die 05er in der 21. Minutem das nicht lange hielt: Briand traf nach einem abgewehrten Eckball die kleine Lücke zwischen den diversen Spielern beider Mannschaften und dem kurzen Pfosten zum 1:0.

Die Halbzeit hielten die Mainzer kurz. Nach zehn Minuten war die Mannschaft schon wieder draußen, lange vor ihrem Gegner. Mehr Zeit hatte Kasper Hjulmand auch nicht gebraucht, denn die 05er steigerten sich nun deutlich, taten viel für den Ausgleich, hatten Chancen, hatten auch Qualität, aber das Glück fehlte. Wenn das Spiel lang genug wäre, so wirkte es, würde der Ausgleich fallen. Das einzige Problem dabei: Vielleicht würden die 05er dafür die 110. Minute brauchen. Oder vielleicht auch nicht. In der 77. Minute glich Elkin Soto per Abstauber aus. Das 1:1 war sicherlich gerecht für beide.

FSV Mainz 05: Karius - Brosinski, Bell, Jara, Bengtsson - Geis, Baumgartlinger - de Blasis, Malli (88. Bungert), Clemens (63. Soto) - Allagui (63. Castillo).

Tore: 1:0 Briand (27., nach schlechter Abwehr), 1:1 Soto (77., Brosinski).

 

FSV Mainz 05 - Hertha BSC 0:2 (0:2)

Samstag, 7. Februar 2015, 26.756 Zuschauer.

Olé olé, Fiasko - die alte Tradition der verpatzten Fastnachtsheimspiele wurde wiederbelebt in der Partie gegen Hertha BSC. Das 0:2 war verdient, zu einem großen Teil selbstverschuldet in einem Spiel, in dem nicht vieles gelang, aber auch mit einer Menge Pech in Schlüsselsituationen. Der Elfmeter inklusive Platzverweis gegen den 05-Torwart Loris Karius war zumindest umstritten. Beim 0:2 erkannte das Schiedsrichtergespann eine Abseitsstellung des Torschützen nicht.

Loris Karius hat Ball und Gegner gespielt - dem Schiedsrichter hat die Reihenfolge nicht gefallen. Die Folge: Elfmeter und Rot. Foto: imagoKasper Hjulmand hatte von Dominanz gesprochen. Die bekam der 05-Trainer. Hertha BSC war schlecht. Was den Mainzer fehlte, waren Torgelegenheiten, offensive Strukturen. Mit Improvisation kamen sie bisweilen weit, aber nicht weit genug. Und Hertha kam über Konter irgendwann ins Spiel, worauf die 05er den Faden verloren. Ein Rückpass führte in der 31. Minute ins Fiasko: Gonzalo Jara spielte auf Loris Karius, der zögerte kurz, ließ sich von Valentin Stocker pressen, traf wohl bei seinem Rettungsversuch den Ball, aber das rettete den 05-Torwart nicht mehr. Schiedsrichter Deniz Aytekin gab Elfmeter und Rot. Umstritten, nicht zwingend notwendig, aber auch nicht absurd. Jens Hegeler schoss den Elfmeter locker in die rechte Ecke.

Lange Minuten waren die 05er nun fast ohne jeden Ball. Und mit dem nächsten Angriff mühte sich Hertha BSC zum 2:0. Jara ermöglichte den Angriff mit einem Fehler, wehrte noch zur Seite ab, aber Stockers Nachschuss prallte vom Pfosten vor das leere Tor und vor die Füße von Roy Beerens, der den Ball mühelos über die Linie brachte. Das Problem: Beim Pfostenschuss stand Beerens im Abseits. Das Tor hätte nicht zählen dürfen. Aytekin gab den Fehler nach dem Spiel zu, konnte ihn aber nicht mehr korrigieren.

Eine Dummheit des Hertha-Kapitäns machte den 05ern die Aufgabe noch einmal etwas leichter. Fabian Lustenberger hatte erst vor vier Minuten Gelb gesehen, grätschte Julian Baumgartlinger weg und bekam Gelb-Rot (58.). Der Schweizer regte sich fürchterlich auf, warf noch auf dem Platz Dinge durch die Gegend, musste aber einsehen, dass auch Hertha jetzt zu zehnt spielen musste. Chancen zumindest zum Anschluss waren nun da. Die 05er gaben immer noch nicht auf, sie rannten an, aber kamen nicht durch die stabile Abwehr der Berliner. Dass diese kein bisschen instande waren, sinnvoll zu kontern, ließ eine gewisse Resthoffnung auf wenigstens ein Pünktchen bis kurz vor Schluss zu, aber letztlich passierte nichts mehr.

FSV Mainz 05: Karius - Brosinski, Bell, Jara (46. Bungert), Bengtsson - Geis, Baumgartlinger - de Blasis (72. Allagui), Malli, Clemens (34. Kapino) - Okazaki.

Tore: 0:1 Hegeler (35., Foulelfmeter, Karius an Stocker), 0:2 Beerens (42., Stocker)

 

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 4:2 (0:1)

Freitag, 13. Februar 2015, 80.200 Zuschauer.

Als sich Mainz 05 bei Borussia Dortmund vorstellte, hatte der BVB den Tiefpunkt seiner monatelangen Krise längst hinter sich. Dennoch sah es lange so aus, als könnte es noch einmal nach unten gehen. Denn nach 53 Sekunden stand es schon 1:0 für die 05er: Yunus Malli schickte Shinji Okazaki in den Strafraum, Roman Weidenfeller boxte dem Japaner den Ball weg, aber nicht weit genug: Elkin Soto nahm links außerhalb des Strafraums die Kugel an, ließ sie einmal aufspringen und bugsierte sie aus der Luft in hohem Bogen ins lange Eck. Halb Mainz war im Laufe dieses Angriffs im passiven Abseits, aber die Aktiven waren allesamt auf der richtigen Seite.

Die Wende: Neven Subotic liegt quer auf Pierre Bengtsson und trifft zum 1:1. Stürmerfoul? Eher ja - aber eher nicht der Grund für eine Niederlage. Die hätte es wohl auch ohne dieses Tor gegeben. Foto: imago

Die Antwort kam augenblicklich: Pfostenschuss von Marco Reus, Stefanos Kapino, der den gesperrten Loris Karius vertrat, hielt Shinji Kagawas Nachschuss. Das war die dritte Minute. Klassepass von Reus auf Pierre-Emerick Aubameyang, der sich sehr gut von Stefan Bell gelöst hatte und einen feinen Außenristschuss zum Tor schickte. Kapino flog und parierte den Ball. Das war die achte Minute. Es gab Eckball, Nuri Sahins Kopfball flog gefährlich hoch aufs lange Eck, aber auch den hielt der Mainzer Torhüter. Das war immer noch die achte Minute. Und nach drei Paraden deutete sich an: Lange kann das nicht gut gehen - oder es gibt einen neuen Volkshelden bei Mainz 05.

Erst einmal hatte der Grieche nun aber Ruhe. Die 05er ließen sich zwar immer noch ein bisschen hinten reindrücken, aber immer mit dem Ziel, konstruktiv wieder herauszukommen. Zu spielen. Das machten sie gut. Bei aller Entlastung schafften sie es jedoch nicht, sich weitere Chancen zu erarbeiten; die größte wäre ein Handelfmeter gewesen, den der Schiedsrichter nicht gab. 

Nach der Halbzeit kippte das Spiel. Neven Subotic köpfte in der 49. Minute das 1:1 - eine Entscheidung auf Stürmerfoul wäre zumindest nicht absurd gewesen (49.). Der BVB blieb dran, blieb drin im Offensivspiel. Kevin Kampl spielte einen exakten Pass durch die Abseitsfalle auf Marco Reus, der außen an Kapino vorbei lief und aus spitzem Winkel ins leere Tor traf. 2:1 für den BVB, 55. Minute. 2:2 in der 56., weil der bis dahin nicht allzu wirkungsvolle Yunus Malli einen Diagonalpass von Soto mitnahm, sich drehte und ins kurze Eck traf.

Keine Aussichten mehr: Nach der Niederlage in Dortmund trennten sich die 05er von Cheftrainer Kasper Hjulmand. Foto: Bernd EßlingAber der BVB ließ gar nicht mehr locker. Reus nahm mit einem Pass von gehobener Weltklasse die komplette Mainzer Abwehr aus dem Spiel, Aubameyang täuschte Kapino und schnickte den Ball gegen dessen Laufrichtung in die enge Lücke vor dem langen Pfosten. 3:2, das fünfte Traumtor der Partie. Nur beim 4:2 sah der Mainzer Torwart nicht ganz gut aus: Aubameyang schoss wie Reus die Freistöße von jeder Position direkt aufs Tor, Kapino ließ ihn nach vorne prallen und Sahin schoss durch drei Gegenspieler das entscheidende Tor (78.). Das war zuviel für die letztlich gegen eine überragende Offensive zu sehr geforderten 05er. Aubameyang verlief sich sogar noch im bis auf Kapino leeren Strafraum und verschenkte die Chance zum 5:2 (83.). Weidenfeller hielt einen letzten Schuss des spät eingewechselten de Blasis, Kapino einen von Aubameyang. Und Schluss. Auch für Kasper Hjulmand, der wenige Tage später durch Martin Schmidt ersetzt wurde.

FSV Mainz 05: Kapino - Brosinski, Bell, Bungert, Bengtsson - Baumgartlinger, Geis, Soto (78. Clemens) - Malli, Hofmann (55. Koo) - Okazaki (82. de Blasis).

Tore: 0:1 Soto (1., ohne Vorarbeit), 1:1 Subotic (49., Schmelzer), 2:1 Reus (55., Kampl), 2:2 Malli (56., Soto), 3:2 Aubameyang (71., Reus), 4:2 Sahin (78., Aubameyang).

 

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