Torreiches Spiel kippt nach hartem Platzverweis

Christian Karn. Mainz.
Turbulent haben die drei stressigen Septemberwochen des FSV Mainz 05 begonnen. Gegen die TSG Hoffenheim stand es zur Halbzeit 4:1 für die 05er, am Ende 4:4. Schlüsselmoment war wohl die zu harte Rote Karte gegen Gaetan Bussmann in der 58. Minute. In Unterzahl fanden die 05er, die bis dahin die großen Räume hinter der Hoffenheimer Abwehr gnadenlos auasgenutzt hatten, kein brauchbares Mittel gegen die vielen Hoffenheimer Stürmer. Und doch kamen die Mainzer in den letzten Minuten mehr als einmal dem Siegtreffer nahe.

FSV Mainz 05 - TSG Hoffenheim 4:4 (4:1)

Sonntag, 11. September 2016, 27.408 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Bell, Bussmann - Gbamin, Frei - Öztunali (72. Clemens), Malli, de Blasis (61. Brosinski) - Córdoba (79. Onisiwo).
Reserve: Huth, Muto, Bungert, Serdar . Trainer: Martin Schmidt.

TSG Hoffenheim: Baumann - Schär (36. Uth), Süle, Bicakcic - Toljan (46. Kaderabek), Rudy, Polanski (64. Szalai), Schwegler, Rupp - Wagner, Kramaric.
Reserve: Stolz, Demirbay, Amiri, Ochs. Trainer: Nagelsmann.

Schiedsrichter: Markus Schmidt (Stuttgart).

Tore: 1:0 de Blasis (3., nach Eckball und Querschläger), 2:0 de Blasis (23., Öztunali), 3:0 Córdoba (26., Bell), 3:1 Wagner (39., Kramaric), 4:1 Öztunali (43., de Blasis), 4:2 Bicakcic (71., Kramaric), 4:3 Uth (72. Schwegler), 4:4 Szalai (84., Kramaric).

Gelbe Karten: de Blasis - Wagner, Uth, Rupp.

Rote Karte: Bussmann (58., Notbremse an Kramaric).

Zumindest turbulent war's, das erste Heimspiel des FSV Mainz 05 in der neuen Saison. Allerdings am Ende ziemlich unerfreulich für die 05er. Die führten nämlich zur Halbzeit 4:1, kassierten aber in Unterzahl noch die drei Gegentore zum Ausgleich. Der Platzverweis gegen Gaetan Bussmann nach einer knappen Stunde war die Schlüsselszene, und es gibt erhebliche Zweifel an der Berechtigung der Roten Karte. Keine Kameraperspektive konnte mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass der Linksverteidiger Andrej Kramaric minimal berührte, aber Giulio Donati war noch in der Schussbahn, von einer Notbremse konnte keine Rede sein. Selbst der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann gab zu, dass er sich über Gelb für Bussmann natürlich geärgert hätte, dass aber Rot nicht berechtigt war.

Es war der Bruch im Spiel, es war der entscheidende Moment. Denn gegen die Hoffenheimer Offensive, gegen den Trainer, der bei Rückständen am hemmungslosesten noch einen Stürmer und noch einen und noch einen einwechselt, will man nicht in Unterzahl geraten. Fünf Mann waren es am Ende, die den Hoffenheimer Angriff in die Breite zogen, die Startspieler Kramaric, Wagner und Lukas Rupp, die eingewechselten Adam Szalai und Mark Uth zwangen die 05er zur Manndeckung, provozierten Lücken, öffneten Räume. Vielleicht hätte Martin Schmidt das Spiel mit der Verstärkung der Abwehr retten können; zwar ergänzte Daniel Brosinski direkt nach dem Platzverweis die Viererkette, vielleicht hätten die 05er mit Niko Bungert und Suat Serdar den Druck besser ableiten können. Schmidt wechselte zweimal positionsgetreu, brachte direkt nach dem 4:3 und fünf Minuten vor dem 4:4 einen neuen Rechtsaußen und einen neuen Mittelstürmer. Die Mainzer kamen weiterhin schlecht in die Konter, entlasteten die Abwehr nicht oft. Und wurden am Ende einfach plattgedrückt.

Vier Änderungen gab es nach der Niederlage in Dortmund in der Aufstellung der 05er. Links verteidigte erstmals in dieser Saison wieder Gaetan Bussmann anstelle von Daniel Brosinski. Jhon Córdoba kam ins Team für Suat Serdar, dadurch rückten Yunus Malli und Fabian Frei jeweils eine Position nach hinten. Und auf den Flügeln spielten nicht Christian Clemens und Karim Onisiwo sondern links Pablo de Blasis und rechts der Neuzugang Levin Öztunali in seinem ersten Startelf-Einsatz für die 05er. André Ramalho war wie erwartet noch nicht im Kader.

Die Gäste waren die dominante, aktive Mannschaft. Aber nicht die Mannschaft, die die Tore schoss. 4:1 stand es zur Halbzeit für die 05er und das ging in Ordnung. Schon in der dritten Minute machte Pablo de Blasis das erste Heimtor der Saison. Nach einem Eckball hatte TSG-Torwart Oliver Baumann den von seinem Innenverteidiger Niklas Süle gefährlich abgeprallten Ball mit einem schnellen Reflex von der Linie geholt, aber gegen den folgenden Kopfball des kleinen Argentiniers hatte Baumann keine Chance. Die 05er nutzten auch weiterhin einfach die Möglichkeiten und Räume, die der Gegner ihnen mit seiner hoch stehenden Abwehr gab. Sie eroberten Bälle oder bekamen sie geschenkt, spielten gradlinig nach vorne. Córdoba zeigte schöne Bälle, Jean-Philippe Gbamin, und immer wieder war de Blasis dabei. Der Hoffenheimer Innenverteidiger Fabian Schär klammerte sich mit beiden Armen am kolumbianischen Mittelstürmer fest und konnte ihn trotzdem nicht aufhalten. Córdoba und der ungewohnt aggressive Sechser Fabian Frei brachten den Ball zum Torschützen, dessen Distanzschuss Baumann über die Latte wischte. Und nach einem unerwarteten, nicht harten, aber fast perfekt platzierten Pfostenschuss von Kramaric fiel das 2:0.

Gerade noch hatte Córdoba einen Stocherpass von de Blasis nicht brauchbar verarbeiten können, aber da kam schon der nächste Angriff. Öztunali nahm den Doppelpass mit Córdoba mit der Schulter mit, beschleunigte und flutschte zwischen zwei Mann durch, legte nahe der Grundlinie zurück in die Mitte, wo Frei nicht gut zum Ball stand und wegblieb, de Blasis flach ins kurze Eck schoss. 2:0 und Trinkpause (23.).

Es waren aber auch einfach schöne Räume für die Angreifer. Wenn man in die reinkommt... und prompt stand es 3:0. Diesmal war's ein langer Ball von Stefan Bell auf die linke Seite zu Córdoba, der an Schär vorbeikam, vielleicht sogar wirklich mangels Alternativen einen eigentlich aussichtslosen Schuss aufs kurze Eck losließ. Baumann musste den Ball halten, ließ ihn aber ins Tor prallen (27.). De Blasis' Angriff mit Córdoba und Öztunali endete in der 32. Minute nur mit einem Einwurf für die Mainzer, aber auch da war's gefährlich. Die 05er machten eigentlich gar nicht viel, ließen nur die Hoffenheimer Angriffe in die Sackgassen laufen und nutzten den Platz, schossen Tore. Nach Mallis Balleroberung reichte es am Ende nicht für einen Elfmeter für Frei, trotzdem: Die Offensivumschaltung der Mainzer war zu viel für die TSG.

Worauf Nagelsmann reagierte, den ersten zusätzlichen Stürmer für Schär brachte, dabei aber aus der Dreier- eine Viererkette machte (36.). Das 1:3 hatte damit noch nichts zu tun. Leon Balogun bekam den Ball nicht richtig weg, Kramaric spielte quer auf Wagner, an dessen Volleyschuss Jonas Lössl nicht herankommen konnte (39.). Aber: Kein Problem, denn die 05er antworteten binnen vier Minuten mit dem vierten Tor. Das begann wieder mit Öztunali in seinem Raum im vorderen rechten Mittelfeld, nicht an der Eckfahne, sondern weiter dahinter. Der U21-Nationalspieler steckte den Ball in den Strafraum zu Malli, dessen Pass zu de Blasis versprang, aber aus dem Hintergrund kam wieder Öztunali, zog ab, 4:1. Halbzeit.

In der Hoffenheimer Kabine soll es laut gewesen sein, aber es waren weiterhin die Mainzer, die besser spielten. Vom Anpfiff weg klebten sie die TSG ein paar Minuten an deren Strafraum fest. Sie waren besser, offensiver, gefährlicher, mit ganz unterschiedlichen Leuten. Mal war Frei mit dabei, der in der 54. Minute nach einer abgefälschten Flanke von de Blasis allerdings weit übers Tor schoss, mal Bussmann, mal Malli, der sich in der 57. Minute einen Querpass von Kaderabek schnappte, nicht die beiden Kollegen auf der rechten Außenbahn mitnahm, sondern aus der zweiten Reihe selbst schoss, mit einem Aufsetzer das Tor knapp verfehlte.

Aus dieser Perspektive, in etwa der des Schiedsrichters, sieht es tatsächlich nach Berührung aus. Der Winkel kann täuschen. Rot war's sicher nicht nach dem Laufduell zwischen Gaetan Bussmann und Andrej Kramaric. Foto: imagoDann kam das Laufduell Bussmanns mit Kramaric. Die Berührung kann nur minimal gewesen sein, Schiedsrichter Markus Schmidt war nahe dran, aber nicht im idealen Winkel. Vielleicht war's ein Foul, einen Platzverweis hätte es nicht hergeben. Hilft nichts, die Unterzahl war da. Nagelsmann brachte schnell den nächsten Stürmer - und eine Chance aufs 5:1 hatten die 05er noch. Es war ein sehr langer Diagonalball von rechts hinten nach vorne links, von Giulio Donati auf Jhon Córdoba, der den Ball annahm, einmal springen ließ, dann abzog, das lange Eck nicht weit verfehlte.

Der Bruch im Spiel kam jedoch schnell. Ermin Bicakcic traf nach einer kurzen Flanke von Kramaric mit dem Kopf zum 2:4 (71.), Mark Uth sofort mit einem harten Schuss aus gut 20 Metern zum 3:4 (72.). Eine interessante Situation: Wie reagierten jetzt die 05er? Christian Clemens war längst bereit für die Einwechslung, stand schon vor Bicakcics Treffer an der Ersatzbank. Und Hoffenheim drückte erst einmkal weiter, vergab in der 74. Minute den Eckball zum möglichen 4:4. Uth schoss von rechts hinten an die Latte, Lössl verhinderte Schlimmeres.

Die 05er waren nicht mehr konstruktiv. Schlugen Bälle nach vorne, rückten, wenn die Bälle ankamen, nicht richtig nach. Die vielen Hoffenheimer Stürmer machten das Spiel viel zu breit, es waren zu viele, diese Offensivwucht konnte man kaum noch stoppen. Bis auf drei Mann waren alle Hoffenheimer Feldspieler inzwischen Angreifer und die Mainzer kamen nicht in die Konter. Kramaric schoss übers Tor (80.), Lössl rettete, als wegen einer Verletzung von Balogun (dem gerade nicht viele Zentimeter zum 5:3 gefehlt hatten) neun Mainzer gegen elf Hoffenheimer spielen mussten. Und in der 84. Minute war's wohl einfach Pech. Eckball, eigentlich abgewehrt, Clemens' Befreiungsschlag kam nicht weit, prallte von Kramaric zu Szalai. Und der hatte wenige Meter vor dem Tor freie Schussbahn. 4:4.

Trotzdem hätte es fast noch die neuerliche Wende gegeben! Clemens flankte in der 89. Minute über den freistehenden Malli, dreißig Zentimeter zu hoch. Onisiwo holte in der 90. Minute einen Eckball, leitete den selbst auf Bell, Seitfallzieher, harmlos. Onisiwo schoss auch noch einmal selbst, abgefälscht, harmlos. Letzter Versuch in der 96. Minute - eine Verletzung von Schwegler hatte die Nachspielzeit lange unterbrochen. Brosinskis Pass kam nicht gut. Bell hätte aus 25 Metern schießen können, spielte auf Malli. Der zog auf und wurde geblockt. Und Schluss. 4:4. Und wenig Zeit, um damit umzugehen, schon in vier Tagen kommt Saint-Étienne. Das muss nicht schlecht sein.

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