Topspiel der international Enttäuschten

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 ist enttäuscht über das Aus in der Europa-League-Gruppenphase. Der morgige Gastgeber, Hertha BSC, hat international noch weniger erreicht: Nachdem die Berliner sich am letzten Spieltag der Vorsaison an den Mainzern genauso die Zähne ausgebissen hatten wie diese nun an der AS Saint-Étienne, mussten sie durch die Qualifikation und schieden auf alte Mainzer Art auf schnellstem Wege aus. Sportlich geschadet hat es der Hertha sicher nicht; sie empfängt die 05er als Drei-bis-Siebter der Gesamt- und Erster der Heimtabelle zu einem der beiden Topspiele des 12. Spieltags.

Hertha BSC wird am Donnerstag mehr oder weniger zufrieden vor dem Fernseher gesessen und sich das Spiel des FSV Mainz 05 in Saint-Étienne angesehen haben. Sie wären schon gerne auch dabei gewesen, die Berliner. Bei ihrem letzten Spiel in Mainz, am letzten Spieltag der vergangenen Saison, haben sie sich deswegen nicht mit dem unansehnlichen, aber durchaus spannenden 0:0 abfinden wollen. In der nahezu ausverkauften Coface Arena waren die Berliner die etwas bessere Mannschaft, sie waren in genau der gleichen Situation wie die Mainzer vorgestern: Sie mussten beim direkten Konkurrenten gewinnen, um eine internationale Klasse höher zu klettern. Sie hatten den Platz in der Europa-League-Qualifikation schon sicher, aber sie verpassten, weil das Spiel irgendwann vorbei war und sie das nötige Tor nicht zu schießen vermocht hatten, die Gruppenphase.

In der Qualifikation war auch schnell Schluss. Auch da landete die Hertha in der klassischen Mainzer Situation und schied als Favorit auf schnellstem Wege aus: Die Bröndby IF aus Kopenhagen, die vorher schon jeweils in der Summe 10:1 gegen Valur Reykjavík und 2:1 gegen den Hibernians FC aus Edinburgh gewonnen hatte, verlor zwar das Hinspiel in Berlin 0:1, gewann aber zuhause 3:1. Vedad Ibisevic, der Siegtorschütze im Hinspiel, gab der Hertha nach dem frühen Rückstand in der 30. Minute das erhoffte Auswärtstor zum 1:1, wegen des Hattricks des Ex-Schalkers Teemu Pukki (3., 34., 52.) hätten die Berliner aber noch eins gebraucht. Bröndby schied in der Playoff-Runde mit 1:4 gegen Panathinaikos aus, die Griechen wiederum verloren zweimal gegen Ajax Amsterdam, je einmal gegen Celta de Vigo und Standard Lüttich, sind mit einem Punkt aus fünf Spielen hoffnungsloser Letzter der Gruppe G, sind genauso vorzeitig ausgeschieden wie Mainz 05, Inter Mailand, Rapid Wien, Viktoria Pilsen - die Europa League ist keine Champions League, aber auch sie ist anspruchsvoll!

Zum Zeitpunkt des Ausscheidens hatte sich die Berliner Mannschaft noch kaum verändert. Fünf Mann waren gegangen, keiner von ihnen war wichtig. Der niederländische Außenstürmer Roy Beerens, die Ersatztorhüter Sascha Burchert und Marius Gersbeck, der zuvor bereits in die Türkei verliehene Mittelfeldspieler Hajime Hosogai und der Außenverteidiger Johannes van den Bergh hatten im vergangenen Jahr in der Summe 15 Saisonspiele absolviert, davon drei in der Startelf. Der einzige Neuzugang, der 21-jährige slowakische Zehner Ondrej Duda, war schon verletzt und ist noch verletzt; die Hertha hofft auf ein Debüt des angeblich vier Millionen teuren EM-Teilnehmers bald nach dem Winter-Trainingslager. Seither haben die Berliner auch Tolga Cigerci, der in der Rückrunde immer mal wieder gebraucht worden war, an Galatasaray Istanbul abgegeben, aber nur zwei weitere Neue geholt. Der 19-jährige Brasilianer Allan Rodrigues de Souza, der seit ein paar Jahren von Liverpool quer durch Europa verliehen wird, spielt eine kleine Rolle. Alexander Esswein, der schnelle Flügelstürmer, der vom FC Augsburg kam, ist bereits wichtig geworden; der 26-jährige Wormser verpasste nur zwei Spiele, war meistens in der Startelf. Ein großer Torjäger war Esswein noch nie, als Vorlagengeber kann er noch wichtig werden.

Solomon Kalou schoss beim letzten Heimspiel der Hertha gegen Gladbach alle drei Tore. Niko Bungert könnte anstelle des gesperrten Stefan Bell in die 05-Mannschaft kommen. Foto: imagoOhne die Europapokal-Belastung ist Hertha BSC erfolgreich gestartet. Die Berliner sind Sechster, punktgleich mit dem Siebten und dem Dritten der Bundesliga, mit 21 Punkten haben sie vier mehr als der FSV Mainz 05. So gesehen ist die Partie des Drei-bis-Siebten gegen den Achten am Sonntagabend neben dem Samstagsspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund und gemäß Tabelle vor Bayern - Leverkusen das Topspiel des zwölften Spieltags. Und trotz dreier verletzter Stammspieler geht die Hertha selbstbewusst in die Partie: "Wir spielen voll auf Sieg", kündigt der Berliner Trainer Pál Dárdai an - warum auch nicht? In der Heimtabelle sind die Berliner mit fünf Spielen (zehn Bundesligisten haben schon sechsmal zuhause gespielt) Tabellenführer ohne Punktverlust. Freiburg und Köln (jeweils 1:2), Schalke und der HSV (jeweils 0:2) und zuletzt Gladbach (0:3) haben bereits in Berlin verloren, durchaus auch ein paar namhafte, im ersten Saisondrittel erfolgreiche Gegner. Und auch die 05er waren beim letzten Auftritt im Olympiastadion fast im Wortsinne chancenlos - erst nach 89:58 Minuten gab Pablo de Blasis den ersten ernsthaften Mainzer Torschuss der Partie ab. Der 2:0-Sieg der Berliner im letzten Spiel vor der Winterpause durch Tore von Vladimir Darida und Salomon Kalou, beide vorbereitet vom Torjäger Vedad Ibisevic, niemals gefährdet.

Darida, der tschechische Dauerläufer und Spielmacher, einer der interessantesten Mittelfeldspieler der Liga, fehlte der Hertha zuletzt monatelang; die Ergebnisse deuten an, dass er nicht sehr fehlte. Gegen die 05er soll der 26-Jährige erstmals seit Mitte September wieder im Kader sein. Weh tut der Hertha der Ausfall des Rechtsverteidigers/Rechtsaußen Mitchell Weiser; der aggressive, nicklige Juniorennationalspieler kann eine linke Abwehrseite schön verrückt machen, hat aber Oberschenkelprobleme. Den Härtetest habe er nicht bestanden, sagt Dárdai - der jedoch für seine Täuschungsversuche bekannt ist, vielleicht taucht Weiser doch auf. Andernfalls spielt der Routinier Peter Pekarík rechts hinten und der Japanier Genki Haraguchi auf der offensiven Position. Außerdem fehlt der Sechser Per Ciljan Skjelbred mit Muskelfaserriss; für den Norweger dürfte Fabian Lustenberger in die Mannschaft kommen.

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