Tempo-Sprinter braucht noch taktischen Schliff

Jörg Schneider. Colorado Springs.
Mit Gerrit Holtmann von Eintracht Braunschweig hat sich der FSV Mainz 05 ein Talent geangelt, das in vielen Bereichen des Spiels noch unfertig ist. Der 21-jährige Flügelspieler hat aber Qualitäten, die im ohnehin auf Tempo ausgerichteten 05-Angriff noch herausstechen: Die Geschwindigkeit, mit der Holtmann über die linke Außenbahn sprintet und seine Schusstechnik aus vollem Lauf. Erste Kostproben davon gab der Neu-05er in den bisherigen Testspielen. Der U20-Nationalspieler kann eine echte Waffe werden im Team von Martin Schmidt, muss aber im Moment noch taktische Defizite aufarbeiten.

Viel Speed und ein guter Abschluss mit links: Gerrit Holtmann erhöht die 05-Optionen auf der linken Außenbahn. Foto: Jörg Schneider Das schnelle Umschaltspiel nach Balleroberung, vorzugsweise über die Flügel, ist eine der Waffen des FSV Mainz 05. Das Tempo, mit dem der Bundesligist seine Konter über die Außenbahnen vorträgt, ist hoch und schuf in der vergangenen Saison oft genug die Grundlage für den Erfolg. Insbesondere in Auswärtsspielen. Wenn Jairo Samperio, Karim Onisiwo oder Christian Clemens zum Sprint mit Ball auf den Flügeln ansetzten, ging oft genug die Post ab, entstanden Chancen und Tore, weil alle drei zudem im Abschluss ihre Qualitäten einbrachten. Dem Kader für die bevorstehende Saison hat die sportliche Leitung am Bruchweg nun eine weitere Angriffs-Option zugeführt, die das Tempo der Konter-Überfälle noch einmal erhöht. Gerrit Holtmann, für eine Ablösesumme von 1,5 Millionen Euro von Eintracht Braunschweig verpflichtet, ist mit ziemlicher Sicherheit der schnellste Spieler, den die Mainzer in der Bundesliga je über den linken Flügel schicken konnten.

Erste Kostproben seines Sprintvermögens mit dem Ball am Fuß gab der 21-Jährige beim 5:0-Testspielsieg in Alzey. Im Trainingslager in Colorado Springs erntete Holtmann im Spiel gegen die örtlichen Switchbacks mehrfach Szenenapplaus für ähnliche Tempoläufe. Vor allem sein Solo von der Mittellinie aus, als der neue 05-Profi die komplette rechte Defensivreihe der Amerikaner überlief, zum Strafraumeck zog und die Kugel mit einem satten Linksschuss einschweißte, war sehenswert und veranlasste den 05-Trainer nachher zu der Aussage, dass meinen seinen Linksaußen mit dem harten und technisch sauberen Linksschuss am Strafraum besser nicht zum Abschluss kommen lassen sollte, sonst könne es schnell rappeln im gegnerischen Tor. Enge Ballführung, ein enormer Antritt auf den ersten Metern und Dribbelqualitäten – ganz klar, die 05er haben sich eine neue Waffe für ihr Spielsystem zugelegt. Allerdings eine, die noch kräftig geschliffen werden muss.

In den USA, im täglichen Training auf dem Gelände der Air Force Academy, wirkte Holtmann anfangs oft abwesend, unkonzentriert und benötigte ständig Aufforderungen von außen. Martin Schmidt nahm sich das Talent deswegen einige Male zur Brust. „Durch die Reise und die äußeren Umstände  war das schon ziemlich anstrengend für mich. Dass ich mich etwas hängen gelassen habe, konnte man schon sehen im Training. Deshalb hat der Trainer völlig zurecht ein paar Ansagen gemacht. Ich habe mich nicht gut gefühlt und war ziemlich müde. Für mich ist es aber wichtig, dass ich einen solchen Trainer habe, der mich zur Seite nimmt und mich auch mal zurechtweist.“ Das Einrücken im Defensivverhalten, das ganze Standardprogramm der 05-Automatismen seien Sachen, die er einfach lernen müsse, sagt der 21-Jährige. „Man kann sich hier nicht auf der Position ausruhen. Man muss ziemlich viel Laufarbeit in allen Situationen leisten. Das werde ich lernen in den nächsten Wochen und mich weiterentwickeln.“ Schmidt glaubt inzwischen, dass Holtmann sowieso eher ein Wettkampftyp ist. „Im Spiel kommt er mehr aus sich raus als im Training.“ In der täglichen Arbeit habe der 21-Jährige noch Mühe mit den Regeln und den Abläufen des Mainzer Spiels. „Im Spiel wirkt er dann frei. Wir arbeiten aber extra mit ihm, weil er im Moment noch lieber mitläuft, als dass er reingeht und einrückt“, sagte der Coach, der aber festgestellt hat, dass bei Holtmann „einiges dahinter ist“.

Kaum zu glauben, dass Werder Bremen einen Sprinter mit solchen Anlagen seinerzeit weggeschickt hat. Bei Mirko Votava, dem damaligen U19-Trainer des SV Werder, fiel Holtmann durchs Raster. „Er hat gesagt, die Leistung, die ich gebracht habe, reiche nicht, um auf den Zug Richtung Weserstadion aufzuspringen“, sagt der gebürtige Bremer. „Ich war geknickt und sehr traurig, aber es war im Endeffekt kein schlechter Weg noch einmal ein Jahr in Bremerhaven zu spielen.“ Er habe damals einen anderen Kopf gehabt als heute, gesteht der Flügelflitzer ein. Mit 14 Jahren habe er den Tod des Vaters miterlebt und nicht verkraftet. „Ich habe mich sehr verändert, habe Dinge ausprobiert, die nicht so schön waren. Ich wollte erwachsener werden und habe mir sicher auch die falschen Freunde ausgesucht.“ Er sei um die Häuser gezogen, in Discos, auf Partys, habe alles mitgenommen. Nach dem Wechsel zu Eintracht Braunschweig sei vieles anders und besser geworden. „Es kam mit der Zeit. Braunschweig hat mir sehr geholfen, da bin ich sehr dankbar, dass sie mich so gefördert haben. Ohne den Verein wäre ich nicht hier, wo ich jetzt bin“, erzählt der U20-Nationalspieler. Nach einem starken Jahr im Regionalliga-Team des Zweitligisten, holte Torsten Lieberknecht das Talent in den Profi-Kader, in dem Holtmann dann durchstartete, vorzeitig seinen Vertrag bei der Eintracht verlängerte und dann, dank einer Ausstiegsklausel, dann doch vorzeitig zu den 05ern wechselte. Eine Aktion, mit der sich Holtmann in Braunschweig vor allem bei den Fans sehr unbeliebt gemacht hat und öffentlich viele Schmähungen einstecken musste. „Ich war da hochgeschätzt, bin gegangen und habe die Quittung bekommen“, sagt er.

Er sei nun reifer geworden. „Ich muss aber noch vieles lernen, muss vieles in meinem Spiel ändern. Ich bin geradlinig, nicht der große Techniker, aber ich weiß, wo das Tor steht und weiß inzwischen, wie ich mein Pensum durchkriegen kann“, betont der Außenbahnspieler, den die 05er als schnellsten Mann der Zweiten Liga bezeichnen. Mathis Bolly von Fortuna Düsseldorf sei vielleicht noch schneller, räumt Holtmann ein. „Ein Blitz“, sagt er. „Der macht gefühlt mit einem Schritt zwei Meter.“ Doch was der Neu-Mainzer bis jetzt in Sachen Schnelligkeit anbot, ist trotz der Konkurrenz im Kader auf diesem Gebiet auffällig. Holtmann weiß seine Situation dennoch einzuschätzen. „Es ist wie ein Augenzwinkern momentan“, erklärt der Spieler. „Ich schaue mir vieles ab von den Spielern hier, von den ich viel lernen kann. Im Moment sind das noch zwei Welten Unterschied zu den arrivierten Kollegen. De Blasis, Jairo, Clemens und Onisiwo das sind wirklich sehr gute Spieler. Es macht jedes Mal Spaß sich mit ihnen zu messen und mir da was abzuschauen. Vor allem bei Onisiwo, wie der seinen Körper einsetzt. Oder bei Jairo mit seinen Dribblings. Der ist so was von frech am Ball.“

Für Holtmann wäre es schon ein Erfolg, wie er sagt, beim Bundesligastart im 18er Kader dabei zu sein. Jede Minute, die er auf dem Platz stehen könne, sei ein Entwicklungsschritt.  „Man hat mich in Braunschweig Mister Höhenflug genannt.  Mister Absturz möchte ich hier nicht werden“, erklärt der 21-Jährige.