Stefan Bell: „Zu billig hergegeben“

Jörg Schneider. Mainz.
In den ersten fünf Spielen dieser Bundesligasaison hat der FSV Mainz 05 bereits elf Gegentreffer kassiert. Nur beim SV Werder Bremen hat‘s hinten öfter geklingelt. Beim 2:3 Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen führten drei hohe Bälle in den Mainzer Strafraum zu Fehlerketten, die einen Punktgewinn verhinderten und den 05ern auf den letzten Drücker die erste Niederlage dieser Bundesliga-Saison in der Opel Arena einbrachten. „Das ärgert mich am meisten. Drei Situationen mehr oder weniger aus dem stehenden Spiel heraus, wo wir im eigenen Sechzehner in Überzahl sind. Das ist zu billig hergegeben“, sagte Stefan Bell nachher selbstkritisch.

Elf Gegentore in den ersten fünf Saisonspielen. Nur der SV Werder Bremen mit 15 kassierten Treffern stellt derzeit eine noch löchrigere Abwehr als der FSV Mainz 05. Elf Gegentore, zuletzt drei bei der unglücklichen 2:3-Heimspiel-Niederlage in der Opel Arena gegen Bayer 04 Leverkusen, das sind sechs mehr als im selben Zeitraum der vergangenen Saison. Es wartet noch viel Defensivarbeit auf die Profis von Martin Schmidt, um wieder dahin zu kommen, wo die Mannschaft in der vergangenen Spielzeit war – in der absoluten Spitzengruppe der abwehrstärksten Bundesliga-Klubs. 42 Gegentore lautete am Ende die Mainzer Bilanz nach 34 Spielen. Weniger bekamen nur der FC Bayern (17), Borussia Dortmund (34) und die Leverkusener (40).

Stefan Bell im Zweikampf mit Stefan Kießling (links Alexander Hack), den die Leverkusener in der zweiten Halbzeit als Zielspieler suchten und fanden. Foto: ImagoStefan Bell, als Innenverteidiger normalerweise maßgeblich mitverantwortlich für entsprechende Verhinderungsmaßnahmen, haderte später selbst am meisten mit der aktuellen Situation. Zumal der 25-Jährige in diesem Heimspiel in alle  drei Torerfolge des Bayer-Torjägers Chicharito involviert war. „Wenn man sich die drei Gegentore ansieht, dann sind es einfach drei lange Bälle in den Strafraum. Das ärgert mich am meisten. Drei Situationen mehr oder weniger aus dem stehenden Spiel heraus, wo wir im eigenen Sechzehner in Überzahl sind. Das ist zu billig hergegeben“, sagte Bell nach der Niederlage selbstkritisch und sichtlich frustriert.

Der dritte Treffer des Mexikaners verhinderte in der 92. Minute, dass die 05er wenigstens noch einen Punkt hätten mitnehmen können aus dieser Partie, in der die Mainzer nach eigener Pausenführung in der zweiten Halbzeit unter Dauerdruck standen, von dem sie sich nicht befreien konnten. „Ich kann da nicht hinkommen, weil ich noch mit Stefan Kießling im Zweikampf bin und wir uns gegenseitig weg blocken. Ich habe mich darauf konzentriert, dass er nicht zum Ball kommt, wollte ihn aus dem Spiel nehmen und wusste nicht, was im meinem Rücken passiert. Eine blöde Situation“, schilderte der Abwehrchef die Aktion, als sich Chicharito entscheidend von den Mainzer Abwehrspielern löste, aus seiner Sicht. Ähnliches galt für den zweiten Leverkusener Treffer, bei dem Alexander Hack den Ball unhaltbar für seinen Keeper ins eigene Tor abfälschte, nachdem Bell zuvor den Luftkampf gegen Kießling verloren hatte. „Was willst du da noch machen? Dass am Sechzehner dann einer zum Abschluss kommt, kannst du nicht verhindern“, sagte Bell. Im Gegensatz dazu hätte der Innenverteidiger jedoch vor allem das 1:1 locker verhindern können, verschätzte sich aber bei der hohen Hereingabe von Charles Aránguiz. „Das war ganz bitter. Ich habe gedacht, ich komme da dran. Das war mein Ding. Das muss ich einfach verteidigen. Das ist zu einfach für den Gegner. Es regt dich auf, wenn du weißt, du bist derjenige, der es am einfachsten hätte verhindern können“, klagte Bell.

Er sei froh gewesen, dass er relativ schnell diesen verlorenen Zweikampf wieder gut habe machen können mit seinem Tor zur 2:1-Führung. Auch wenn sein Zutun dabei nicht sehr groß gewesen sei. „Ich konnte gar nicht richtig reagieren. Der Eckball von Yunus Malli fliegt über zwei, drei Köpfe drüber, ich stehe richtig und werde irgendwie angeschossen. Es war wahrscheinlich aber auch gut, dass ich nicht reagiert habe, sonst hätte ich das Ding vielleicht noch versemmelt.“ Die 05er haben jedenfalls in den zwei Bundesliga-Heimspielen in der Opel Arena, in denen insgesamt 13 Toren fielen, bereits für viel Spektakel gesorgt. „Für einen Verteidiger vielleicht etwas zu viel“, merkte Bell an. „Unterhaltsam ist es auf jeden Fall. Wenn wir jedes zweite Spiel mit Spektakel gewinnen, bin ich auch zufrieden. Wir schießen sehr viele Tore im Moment, auch nach Standards, aber klar, wir kriegen zu viele. Das ist im Moment bitter.“

Der Gegner habe im Laufe der zweiten Halbzeit irgendwann immer mehr Kontrolle bekommen übers Spiel. „Wir wurden hinten rein gedrückt. Ob wir da den Englischen Wochen Tribut zahlen mussten, ist schwer zu beurteilen. Die hatten jedoch nachher fünf, sechs Stürmer auf dem Feld. Dann kamen noch die langen Bälle, wenn du dann einen Stürmer wie Kießling hast, bei dem du immer damit rechnen musst, dass er ein Kopfballduell gewinnt oder einen Ball irgendwie verlängert, muss es sein, dass wir uns gegenseitig mehr helfen“, sagte Bell. „Bei uns ist es im Moment aber so, dass wir oft einen Zweikampf verlieren und es wird sofort gefährlich. Wir müssen es wieder mehr schaffen, dass wir uns besser unterstützen.“

Der gegnerische Druck nach der Pause war auch deshalb besonders heftig, weil das 05-Team so gut wie keine Entlastung mehr hinbekam. Die Konteransätze verpufften durch ungenaues Passspiel und verlorene Dribblings meist schon vor der Mittellinie. „In der zweiten Halbzeit hatten wir ein paar dieser Konteransätze, aber die haben schon bei uns am Strafraum angefangen. Der Weg war wahrscheinlich etwas weit. In der ersten Hälfte hatten wir die Balleroberungen an der Mittellinie, dann ist es einfacher bis zum Tor durchzukommen. Nachher standen waren wir so tief, dass es schwer wurde zu kontern. Möglicherweise waren auch unsere Offensivspieler etwas erschöpft, weil sie vorher jedesmal fünf Minuten lang dem Ball hinterher rennen mussten. Da kam schon einiges zusammen“, so der Innenverteidiger. „Man darf auch nicht vergessen, was das für ein Gegner war. Ein Champions-League-Team mit einem starken Kader. Dass man da öfter mal hinterherläuft, ist auch normal.“

Ein zusätzliches Problem war sicherlich die frühe Verletzung von Leon Balogun. Der zweite Innenverteidiger musste schon nach neun Minuten den Platz verlassen, nachdem sich Balogun bei einer Abwehraktion an den Adduktoren verletzt hatte. Inzwischen hat sich heraus gestellt, dass es sich dabei  um einen Muskelfaserriss handelt, der den 28-Jährigen zu einer Zwangspause zwingt. Balogun muss die beiden Aufgaben in dieser Woche vor der Länderspielpause, das Europaliga-Gruppenspiel am Donnerstag in Baku gegen Qäbälä sowie die Bundesliga-Partie am Sonntag in Wolfsburg streichen. Alexander Hack erwies sich zwar als guter Vertreter. Doch dadurch fehlte Martin Schmidt in der Spätphase der Partie die Möglichkeit, einen zusätzlichen Verteidiger einwechseln zu können, um dem Leverkusener Dauerdruck personell noch etwas zu entgegnen, da Niko Bungert wegen einer Muskelverletzung gar nicht im Kader war. Ein weiteres Problem, das schließlich zur Niederlage führte, war die Tatsache, dass es dem 05-Mittelfeld vor der Abwehr nicht gelang, weder zentral noch auf den Seiten, die hohen Bälle in Richtung Strafraum auf Zielspieler Stefan Kießling zu verteidigen.

 

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