Spitzenmannschaft? Manchmal.

Christian Karn
Bayer Leverkusen wäre gerne eine Spitzenmannschaft, sollte auch eigentlich eine sein. Die Werkself hat das nötige Geld, hat einen großkalibrigen Kader, hat auch eine gewisse Unabhängigkeit vom überschaubaren Zuschauerinteresse. Und doch fehlt etwas. Titel hat Leverkusen seit 23 Jahren nicht mehr gewonnen - in diesem Jahr ist Bayer Achtelfinalist in der Europa League, DFB-Pokal und Deutsche Meisterschaft sind schon verspielt - und selbst die Partie in Mainz, die es am Sonntag zum zehnten Mal geben wird, hat die Werkself schon erstaunlich oft verloren.

Die Welt ist aufregend für Bayer Leverkusen in diesen Tagen. Viele Schlachten gibt es zu schlagen, wichtige Schlachten, auf dem Spielfeld, am Spielfeldrand und abseits davon. Teils wurden sie mit Erfolg bewältigt, teils mit weniger, teils gab es schmerzhafte Rückschläge.

Der jüngste Beweis: Roger Schmidt (2. v.r. - nicht mit Markus Krösche, der ihn in der Bundesliga vertreten wird, sondern mit Athletiktrainer Oliver Bartlett) kann auch freundlich zu Schiedsrichtern sein, hier nach dem Sieg gegen Sporting Lissabon in der Europa League. Foto: imagoZum Beispiel den vorm Sportgericht, wobei eins von vornherein klar war: Sich im laufenden Spiel auf einen Machtkampf mit dem Schiedsrichter einzulassen, so wie Trainer Roger Schmidt, war eine dumme Idee. Jener, Felix Zwayer aus Berlin, war ohnehin schon genervt vom dem Zirkus, den Schmidt beim Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund an der Seitenlinie gewohnheitsmäßig aufführte, schickte jenen auf die Tribüne, weil er den Anstoß nach dem 1:0 des BVB zu lange verzögert hatte - und Schmidt ging aber nicht. Kapitän Stefan Kießling redete zweimal auf seinen Trainer ein, aber das half auch nicht weiter - so brach Zwayer das Spiel halt ab. Regelgerecht. Und setzte es nach einigen Minuten doch fort, tatsächlich ohne Schmidt. Auch regelgerecht. Jetzt ist der Trainer für drei Spiele gesperrt - eine halbe Stunde vor Anpfiff muss er weg von der Mannschaft, erst eine halbe Stunde nach Abpfiff darf er wieder zu ihr -, plus zwei auf Bewährung, und Sportchef Rudi Völler für ebenso gewohnheitsmäßiges Pöbeln am Mikrophon muss eine dicke Geldstrafe zahlen. Das Imperium hat gesiegt, natürlich hat's das.

Worum es ging bei diesem geradezu bizarren Zwischenfall? Um einen schnell, aber nicht vom rechten Ort ausgeführten Freistoß. Vorgeschichte: Ballgewinn Leverkusen in der gegnerischen Hälfte, schneller Ballverlust, dann das, was Bayer in diesen Situationen immer macht: Sofortiges taktisches Foul, so früh im Gegenangriff, dass es für Gelb nicht reicht, aber für Zeitgewinn, um sich hinten wieder aufzustellen. Außer dass Dortmund sowieso den Ball schon wieder hatte und - vom Fernsehen gemessen - fünf Meter achtzig zu weit vorne, aber immer noch weit in der eigenen Hälfte den Freistoß ausführte, wenige Ballkontakte später 1:0 führte. 5,80 Meter? Grenzwertig. Insofern normal, als dass in der langen Geschichte des Fußballs noch kaum ein Freistoß in der eigenen Hälfte am richtigen Fleck getreten wurde; erst vor ein paar Tagen in der Champions League musste mal wieder ein Schiedsrichter einen Spieler daran hindern, einen Abseits-Freistoß in die gegnerische Hälfte zu verlegen. Grenzwertig, aber insofern egal, als dass es darum eigentlich nicht ging. Auch wenn der Trainer in der Sache Recht haben sollte: Wenn der Schiedsrichter ihn wegschickt, hat er wegzugehen. So leicht ist das. Ausdiskutiert wird's erst anschließend, wenn das Spiel vorbei ist.

So aber hat Leverkusen den Trainer (vorübergehend und nur am Spieltag) verloren, das Spiel gegen den BVB ebenfalls, und nun kommt Bayer 04 nach Mainz mit dem Bewusstsein, dass man schon gerne eine Spitzenmannschaft wäre, eigentlich auch eine Spitzenmannschaft sein sollte, aber irgendwie sind sie's nicht. Irgendwas fehlt. Irgendwas fehlt seit Jahren, führt dazu, dass Titel seit 23 Jahren fehlen, und dass, wer gemein sein will zur Werkself, immer in der Schublade das "Loserkeven"-Schild parat hat, man weiß ja nie, wann man's braucht.

Zuletzt aber gab's gute Nachrichten für Bayer Leverkusen und das Schildchen blieb in der Schublade. Denn am Donnerstag war Europapokal und gegen Sporting Lissabon zeigte die Werkself, dass sie grundsätzlich wirklich eine Spitzenmannschaft sein kann. Das Hinspiel hatte Leverkusen bereits 1:0 gewonnen, im Rückspiel ließen die Torschützen Karim Bellarabi (1:0, 2:1) und Hakan Calhanoglu (3:1-Endstand) überhaupt keinen Zweifel am Weiterkommen. Ausgelost wurde schon, im Achtelfinale trifft Bayer 04 im März auf den spanischen Tabellenvierten Villarreal CF und wird die Revanche versuchen: Vor fünf Jahren warf das "Submarino amarillo" in der gleichen Runde Leverkusen mit einem 2:1 im Madrigal und einem 3:2 in der BayArena aus dem gleichen Wettbewerb.

Vorher aber geht es um andere Dinge. Drei Spiele ohne Trainer in Mainz, gegen Bremen, in Augsburg. Nichts davon unlösbar, nichts davon bequem. Die Hinspiele liefen ganz gut für Bayer, es gab sieben Punkte und 5:1 Tore. Sogar alle neun wären es geworden ohne das Eigentor von Bernd Leno in Augsburg, oder wenn Hakan Calhanoglu dort seinen Elfmeter ein bisschen flacher geschossen hätte. Spitzenmannschaft? In dieser Phase schon, aber danach wurde es schon wieder ein bisschen holpriger. 0:0 in Hamburg, 4:4 gegen AS Rom, 4:3 (und 0:0 zur Halbzeit!) gegen den VfB Stuttgart, 1:2 in Wolfsburg, 2:3 in Rom, 1:2 im Derby gegen Köln - solche Serien sind ein Grund, warum Leverkusen zwar ein ernsthafter Kandidat für den dritten Platz sein mag - an diesem Wochenende allerdings nicht, Hertha hat vorgelegt und den Vorsprung mindestens verteidigt -, Borussia Dortmund als Tabellenzweiter aber schon 16 Punkte entfernt ist, die Bayern gar 24 Punkte, und Mainz 05 mit einem Heimsieg an Leverkusen vorbei käme.

Und Heimsiege gegen Leverkusen sind für die 05er nicht so ungewöhnlich. Vier gab es in neun Bundesligaspielen (in anderen Wettbewerben spielten die 05er noch nicht im eigenen Stadion gegen Bayer 04), ebenso vier Niederlagen. Und 14:14 Tore. So sieht eine Bilanz gern mal aus zwischen einer Mannschaft, die eine Spitzenmannschaft sein sollte, aber ein bisschen dazu neigt, unter ihren Möglichkeiten zu spielen, und einer, die sich weit strecken muss, um in die obere Tabellenhälfte zu kommen, das aber erstaunlich oft schafft. Unentschieden sind selten; das letzte gab es im ersten Spiel von Thomas Tuchel als Profitrainer, und es war einer jener Abende, an denen sich Rudi Völler fürchterlich aufregte, ohne in der Sache tatsächlich Recht zu haben. In Mainz wird er auf Deniz Aytekin treffen, den Hardliner unter den Bundesliga-Schiedsrichtern. Es könnte wieder in eine Doppelschlacht ausarten, auf dem Platz und daneben.

►Alle Artikel zu Einwurf und Abpfiff

 

►Alle Artikel zum Spiel gegen Bayer Leverkusen

►Zur Startseite

 

 

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.