Spiegelbild der gesamten Vorrunde

Jörg Schneider. Frankfurt.
Der FSV Mainz 05 erlebt einen zutiefst frustrierenden Derby-Abend in der Commerzbank Arena und nimmt statt der erhofften Verbesserung seiner Ausgangslage eine schmerzhafte 0:3-Niederlage bei Eintracht Frankfurt mit in die kurze Weihnachtspause. Der 05-Trainer wollte nichts beschönigen. Martin Schmidt war verärgert und zählte schonungslos Defizite auf, die sich wie ein roter Faden durch die Auswärtsleistungen dieser Vorrunde ziehen: Zu viele Gegentore durch ungenügendes Defensivverhalten. Zu viele vergebene Großchancen und mangelhaftes Offensivspiel. Dazu ein Problem mit der Disziplin. „Wir spielen zu viele Spiele mit einem Mann weniger zu Ende.“ Diesmal erwischte es Jhon Cordoba, der nach einer Aktion gegen David Abraham glatt Rot sah.

Ernüchterung. Enttäuschung. Frustration. Ärger. Der FSV Mainz 05 hat sich in diesem Derby zum Abschluss des Fußballjahres selbst ein umfangreiches Päckchen gepackt, dass sich die Profis nun unter den Weihnachtsbaum legen können und das die Verantwortlichen als dicken Batzen Arbeit, Personalentscheidungen und Basisentwicklung mit ins neue Jahr nehmen. Statt den erhofften und in dieser Partie sicherlich möglichen Befreiungsschlag zu landen, sich in diesem Auswärtsspiel eine gute Ausgangslage für den weiteren Saisonverlauf zu verschaffen, kassierten die 05er eine fette 0:3-Niederlage in diesem Prestige trächtigen Duell bei Eintracht Frankfurt. Eine Niederlage, die nicht hätte sein müssen, die dem Spielverlauf nicht gerecht wurde und die deutlich zu hoch ausfiel. Doch alles hat seinen Grund. Und Gründe für diese Pleite lieferten die Mainzer an diesem Abend in der Commerzbank Arena selbst zur Genüge.

Ausgekontert: Der Frankfurter Ayman Bartok auf dem Weg zum Tor. Mangelhaftes Defensivverhalten und vergebene eigene Großchancen bescherten den 05ern eine erneute unnötige Auswärtsniederlage. Foto: Imago Während in der Mixed Zone die Spieler unter dem Eindruck eines heißen Kampfspiels noch versuchten, der Leistung etwas Positives abzugewinnen und die Meinung vertraten, das sei insgesamt doch ganz gut gewesen, sprach der Trainer in der Pressekonferenz und danach in kleiner Runde Klartext. Martin Schmidt legte sehr selbstkritisch den Finger in die Wunde und zählte die eigenen Defizite schonungslos auf.

„Das Spiel zu analysieren ist eine einfache Sache. Weil es ein Spiegelbild ist von dem, was wir den ganzen Herbst über schon abliefern. Vor allem auswärts“, sagte der 49-Jährige, der selten derart aufgebracht wirkte nach einer Partie wie am Dienstagabend in Frankfurt. Und der die Ursachen für das Dilemma nicht beim Schiedsrichter oder sonst wo suchte, sondern sich und seine Mannschaft ins Gebet nahm. „Viele Chancen, aber zu unsauber in der Box agiert. Hinten kriegen wir zu viele Tore, laden den Gegner zu Kontern ein, spielen zu viele Spiele mit einem Mann weniger zu Ende. Wir verschenken zu viele Punkte auf unseren Auswärtsreisen, das ist ein Fakt. Deshalb ist das Ende nun getrübt durch dieses 0:3. Wir haben 20 Punkte, aber wir wissen, dass wir da ruhig mal fünf, sechs mehr drauf hätten packen können. Deshalb nehmen wir einen klaren Auftrag mit ins neue Jahr und in die Vorbereitung auf die Rückrunde: Wir müssen diese Torflut abstellen, wir müssen solche Tore verhindern, wir müssen besser verteidigen. Und vorne müssen wir auch ansetzen. Wir müssen unsere Großchancen nutzen, aber wir können trotzdem nicht immer drei Tore machen, wenn wir hinten so viele Gegentore kriegen. Da gibt es genügend Ansätze, die werden wir aufarbeiten“, sagte der 05-Trainer.

Zu viele Großchancen liegen lassen

Sie hatten genügend Möglichkeiten, dieses dumme Gegentor vor der Pause auszugleichen und mit einer klaren Führung in die Pause zu gehen. Jhon Cordoba, Pablo De Blasis, Yunus Malli, Jean-Philippe Gbamin, wieder Cordoba. Nach dem Wechsel Gbamin, Öztunali. Mehr und bessere Torgelegenheiten kriegt man selten in einem Auswärtsspiel. Dann kam die Rote Karte für Cordoba in der Aktion gegen David Abraham. Danach war es sicherlich ein anderes Spiel, weil vorne der Zielspieler fehlte, die 05er trotzdem in Unterzahl weiter angriffen, die Defensive vernachlässigten und brutal ausgekontert wurden. „Die Rote Karte war sicher keine knallrote, wie es im ersten Moment ausgesehen hat. Vielleicht war es noch weniger“, sagte Schmidt nachher. „Aber Jhon darf sich da einfach nicht provozieren lassen. Das muss man abstellen. Wir spielen dauernd zu zehnt zu Ende. Das kann nicht sein. Die lagen beide auf dem Boden, der Jhon steht auf und trifft ihn am Fuß. Das ist mir zu hart für eine Rote.“ Doch Schmidt weiß auch genau, dass ein Profi ebenso genau weiß, was er da tut in diesem Moment. „Wir sind zu hitzköpfig. Das ist das fünfte Mal, dass wir über eine halbe Stunde mit einem weniger spielen. Wir dürfen uns nicht so provozieren lassen. Wir wussten, dass der Abraham darauf aus ist. Wir wussten auch, dass er ein Spieler ist, der heute eigentlich nicht hätte auf dem Platz sein dürfen. Und trotzdem lässt sich der Jhon prompt von ihm provozieren. Dann kommt hier eine Dummheit dazu, da noch eine, und wir schaden uns nur selber“, erklärte Schmidt stinksauer. „Ganz klar, wir müssen an unserer Disziplin auf dem Platz arbeiten. Provokationen gehören dazu, aber als Profi musst du die Ruhe bewahren und nicht noch dem Team dadurch schaden. Wir sind zu dumm in dieser Angelegenheit.“ Es hätte noch schlimmer kommen können, denn bei Giulio Donatis Ellenbogenaktion hielten selbst die Mitspieler den Atem an und stellten sich schon auf den nächsten Platzverweis wegen einer Tätlichkeit ein. Günter Perl bewertete die fragliche Szene anders.

Das 1:0 ebnete der Eintracht den Weg. „Das erste Gegentor, so was kennen wir ja schon. Das ist ebenfalls ein Spiegelbild des Herbstes“, kritisierte der Coach. „Vorne kriegen wir keinen Druck auf den ballführenden Spieler. Das kann mal passieren, denn hinten hast du immer noch die Gelegenheit zu verteidigen. So ein Tor habe ich in dieser Vorrunde häufig schon gegen uns gesehen. Das ist der Laufweg eines Neuners und die Zusammenarbeit eines Innenverteidigerduos. Da haben beide von uns gepennt, dann gibt es solche Tore. Und der Torhüter kann es auch noch verteidigen. Wir haben komplett schlecht gearbeitet im Defensivverhalten von vorne nach hinten.“ Die Frankfurter schossen im eigenen Stadion viermal aufs Tor und erzielten drei Treffer gegen diese 05er. „Um es ganz einfach zu sagen: Wir müssen defensiv stabiler werden. Diese Torflut von 30 Treffern gegen uns in 16 Spielen ist grottenschlecht, das müssen wir anpacken“, so Schmidt. „Natürlich liegen einige der Gründe dafür in der ganzen Vorrunde mit den Europapokalbelastungen und der Rotation. Die haben wir ja alle schon aufgezählt. Das Team kann ja auch verteidigen. Das sind dieselben Leute, dieselbe Kette, die im Frühjahr der vergangenen Saison so wenig Gegentore zugelassen haben, dass dies die Basis dafür war, in die Europaliga zu kommen. Da müssen wir hart rangehen. Du kannst auswärts einfach nicht so ausgekontert werden. Uns passiert das zu oft.“

Nach der Disziplin und dem unsäglichen Abwehrverhalten war der Angriff an der Reihe. „Das nächste ist unsere Offensive“, sagte Schmidt, inzwischen richtig in Fahrt gekommen. „Das Offensivspiel müssen wir beibehalten, aber schärfen und mehr Tore machen. Eindeutig. Wir können nicht so viele Großchancen liegen lassen. Das waren zu einfach viele Großchancen von uns, um zu Null hier herauszugehen. Hier musst du Minimum zwei Tore machen“, erklärte der Schweizer. „Es passt aber zu unserem Spiel im Moment. Deshalb waren es am Samstag auch drei Distanzschusstore, die uns den Sieg gebracht haben, weil wir uns im Umschaltverhalten im Moment nicht gut anstellen, es nicht richtig zu Ende spielen. Auch das war schon viel besser.“

In der Summe führte das dazu, dass sich die Mainzer ein über weite Strecken gutes Auswärtsspiel, eine dominant geführte Partie kaputt gemacht haben. „Auf das was wir gut gemacht haben, will ich aber nach einem 0:3 nicht zu groß eingehen“, sagte Schmidt. „Sonst gebe ich den Spielern ein Alibi und das will ich nicht. Weil wenn wir besser verteidigen, gehen wir hier mindestens mit einem 0:0 raus. Und wenn wir alle auf dem Platz bleiben, glaube ich, dass wir die Chance aufs 1:1 noch gehabt hätten.“   

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