Siegtreffer dank Video-Beweis

Jörg Schneider. Mainz.
Sonderlich schön war’s nicht, aber dafür diesmal erfolgreich: Der FSV Mainz 05 gewann sein Heimspiel gegen Hertha BSC mit 1:0 nach einer extrem zähen, schwierigen Vorstellung und sicherte sich im Gegensatz zur begeisternden Vollgas-Partie unter der Woche drei wichtige Punkte durch eine Elfmeter-Tor von Pablo De Blasis. Die 05er profitierten dabei erstmals vom Video-Beweis. Der Schiedsrichter, der das Foul an Yoshinori Muto im Strafraum zunächst nicht geahndet hatte, revidierte sein Urteil, nachdem sich Tobias Stieler die fragliche Szene noch einmal selbst am Monitor überprüft hatte. „Es war ein Fehler von mir vorher“, sagte der Unparteiische, der die Situation nachher ausführlich schilderte.

Dann muss es halt eben mal so gehen. Mit viel Kampf und Krampf. Mit Geduld und Mentalität. Mit einer Abwehrarbeit, die kein Gegentor zulässt. Und mit einem Schlüsselmoment, der  letztlich den Erfolg bringt. So unterschiedlich kann‘s laufen in der Bundesliga. So unterschiedlich sind die Gegner. Am Mittwoch stand mit einer überdurchschnittlichen Leistung und begeisterndem Offensivfußball am Ende eine frustrierende 2:3-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim auf der Anzeigetafel. Im Heimspiel gegen Hertha BSC feierte der FSV Mainz 05 nun einen wichtigen 1:0-Sieg vor 23.517 Zuschauern in der Opel Arena gegen Hertha BSC, das solche Angriffsaktionen wie drei Tage zuvor nicht zuließ, das mit seiner Spielweise die 05er selten in ihr schnelles Angriffs- und Kombinationsspiel kommen ließ. Die Mainzer selbst machten sich das Leben zudem selbst oft schwer mit unsauberem Passspiel, mit fahrigen Aktionen und Ballverlusten. Vielleicht auch, weil die Frische nach der Vollgas-Veranstaltung unter der Woche nicht ganz da war. Komplett überraschend war das Ganze jedoch nicht. Spiele gegen die Berliner sind schon häufig so abgelaufen. Egal, unter welchem 05-Trainer. Und oft genug hat der Hauptstadtklub Punkte genommen aus Mainz. Dieses 1:0 war erst der dritte Erfolg gegen die Hertha in bisher zehn Bundesliga-Heimspielen.

„Das war für die Zuschauer nicht so schön anzusehen. Das wissen wir“, sagte Danny Latza nach dem Abpfiff. „Im Endeffekt ist mir das egal. Wir haben gewonnen, wir haben die drei Punkte. Wenn wir so spielen müssen, um drei Punkte zu holen, dann spiele ich gerne immer so.“ Der 05-Trainer hatte im Vorfeld schon vermutet, dass die Geschichte eine zähe Angelegenheit werden könnte. Das hat sich bestätigt. „Wir sind hochzufrieden, auch solche Spiele zu gewinnen. Das ist erstmal wichtig“, betonte Sandro Schwarz nachher. „Wir hatten im Defensivverbund weitestgehend alles im Griff, ohne die nötigen Balleroberungen zum Umschalten zu haben. Die Berliner hatten den Ball im Zentrum, aber eigentlich nicht in torgefährlichen Räumen. Es war wichtig, diese Dinge auszuhalten ohne Torchancen wegzuschenken. Wir hätten die Dinge im Ballbesitz insgesamt als Mannschaft besser lösen können. Jetzt haben wir am Mittwoch ein Feuerwerk abgebrannt und das Ergebnis nicht gezogen, dabei aber brutal viele Körner gelassen. Heute war es zäh. Das nehmen wir so mit. Spiele gegen Hertha sind häufig so. Am Ende sind wir froh, dass wir diesmal den Schlüsselmoment auf unserer Seite hatten.“

Tobias Stieler hat sich am Monitor vor der Gegentribüne vergewissert und zeichnet das inzwischen bekannte Viereck in die Luft: Elfmeter für die 05er. Foto: Imago Der Schlüsselmoment, von dem Schwarz sprach, kam in der 53. Minute. Hertha-Stopper Karim Rekik stieß Yoshinori Muto im Strafraum um. Der Schiedsrichter ließ weiter spielen, sah sich nach dem kurz darauf folgenden Mittelfeld-Foul dann heftig von den 05ern bedrängt und reagierte mit Verzögerung. Tobias Stieler hielt die Partie an, machte sich auf den Weg zum vor der Gegentribüne aufgebauten Video-Monitor, der so genannten „Review Area“. Wenig später zeichnete der Unparteiische mit den Händen das inzwischen bekannte Viereck in die Luft und zeigte auf den Punkt. Elfmeter. Pablo De Blasis vollstreckte und erzielte den Siegtreffer. Zum ersten Mal in dieser Saison profitierten die 05er nun vom Video-Beweis. Und erstmals nutzte der Schiedsrichter die Möglichkeit, sich bei einer Elfmeter-Situation selbst ein Bild zu machen, anstatt sich nur auf das Wort seines Assistenten in Köln zu verlassen. In diesem Fall war das Benjamin Cortus, der sich offensichtlich nicht sicher war und Stieler zur zusätzlichen Überprüfung animierte.

„Ich habe tatsächlich nur auf die Füße geschaut. Der Spieler kam zu Fall, aus meiner Sicht lag da kein Foulspiel vor. Weil es aber eine Situation im Strafraum war, wird die automatisch in Köln überprüft. Dann kam die nächste Spielunterbrechung. Ich habe mich mit Benjamin Cortus unterhalten, ihm meine Wahrnehmung geschildert. Er fragte, ob ich das Stoßen gesehen habe. Ich hatte es nicht gesehen, deshalb habe ich mich entschlossen, das Ganze nochmal in der Review Area anzuschauen. Die Bilder sind klar: Es war ein klares gegnerorientiertes Stoßen, nicht ballorientiert. Danach habe ich die Entscheidung overruled und eben Strafstoß plus Gelber Karte gegeben. Es war ein Fehler von mir vorher“, schilderte Stieler ausführlich später den Vorgang. „Ich bin froh, dass wir die Möglichkeit haben. Der Videobeweis macht das Spiel einfach gerechter, nicht hundertprozentig gerecht, aber gerechter“, betonte der Referee.

"Wir nehmen die Strömung war"

Dass Stieler sich nun selbst den Eindruck am Monitor verschaffte, ist offenbar eine Reaktion auf die Diskussionen um den Überprüfungs-Vorgang der vergangenen Spieltage. „Wir nehmen die Strömung wahr, was so in den ersten fünf Spieltagen passiert ist. Wir analysieren die Situationen intern. Es gibt Situationen, da brauchen wir diese Review Area nicht so, wenn es für den Video-Assistenten klar ist, und er das dem Schiedsrichter zuruft. Wir haben aber dieses Instrument, dann ist das so ein ganz guter Weg, um das Ganze transparenter zu machen. Es soll nicht zu lange dauern, aber es soll richtig entschieden werden. Ich denke, dass diese Review Area jetzt auch öfter einbezogen wird“, erklärte der Unparteiische.

Die Akzeptanz der Situationen dürfte dadurch jedenfalls größer werden. „Wichtig für alle Beteiligten ist, dass es am Ende richtig ist. Das ist das Entscheidende“, sagte Schwarz. „Ich finde, er hat es richtig gut gemacht, das habe ich ihm auch gesagt“, kommentierte René Adler die Aktion. „Ich konnte es nie verstehen, dass sie sich bisher komplett auf die Meinung aus Köln verlassen haben und sich damit der Möglichkeit berauben, nochmal an die Seite zu gehen und sich das selbst anzugucken. Wenn man schon die Möglichkeit hat, dann sollte man sie auch nutzen“, betonte der 05-Torhüter. In der Unterweisung der Mannschaft mit den Schiedsrichtern vor der Saison, sei das ja auch so angesprochen worden. „Für die Glaubwürdigkeit und das Gefühl der Spieler auf dem Platz ist es nicht schlecht“, erklärte 05-Kapitän Stefan Bell. „Anstatt dass der Schiri anderthalb Minuten mit dem Finger am Ohr auf dem Platz steht, läuft er kurz raus, guckt sich das an und entscheidet.“  

Für eine zweite gravierende Entscheidung in dieser Partie benötigte Stieler unterdessen keine Unterstützung per Video. In der 88. Minute zeigte der Schiri Hertha-Stürmer Vedad Ibisevic die Rote Karte. Wegen Schiedsrichterbeleidigung. Ibisevic beharrte später darauf, er habe eine Entscheidung Stielers mit den Worten „das ist doch scheiße“ kommentiert, der Schiri habe jedoch verstanden „du bist doch scheiße“. Stieler wollte die Worte nachher nicht mehr wiederholen. „Ich habe nicht wahrgenommen, was Herr Ibisevic meint gesagt zu haben. Es war eine glasklare Schiedsrichterbeleidigung.“

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