Siegen oder rechnen - oder beides oder keines

Christian Karn
Der Abstiegskampf der Bundesliga ist so spannend und so offen wie lange nicht mehr nach einem vorletzten Spieltag. Selbst der Tabellenletzte kann den 15. Tabellenplatz noch erreichen - nun gut, der SC Paderborn müsste drei Punkte und 16 Tore aufholen und es ist anzunehmen, dass das nicht gelingen wird, aber theoretisch, theoretisch könnte er. Das gab es in der Bundesliga zuvor nur ein einziges Mal, und das ist lange her: 1968/69, vor 46 Jahren. Was dieses Jahr passieren kann, hat die nullfünfMixedZone auszurechnen versucht, aber die Sache ist ein bisschen komplex. So dass es eine bessere Möglichkeit gibt als zu rechnen.

Fangen wir mal an mit dem Rückblick auf 1968/69. Damals - es galt noch die Zwei-Punkte-Regel und es gab nur zwei Absteiger - standen die Offenbacher Kickers und Borussia Dortmund mit jeweils 28:38 Punkten auf den beiden Abstiegsplätzen, der 1. FC Nürnberg mit 29:37 Punkten auf dem letzten Nichtabstiegsplatz und der 1. FC Köln sowie der 1. FC Kaiserslautern mit jeweils 30:36 Punkten auf Platz 14 und 15. Und der OFC spielte am letzten Spieltag gegen den BVB, Köln spielte gegen Nürnberg. Nichts war klar vor dem letzten Wochenende der Saison. Denn wenn dieser gegen jenen verliert und gleichzeitig im anderen Spiel solches oder anderes passiert, dann...

Der FCK lag in Stuttgart schon nach einer Minute 0:1 zurück, hatte aber den mit Abstand besten Torquotienten - den gab es damals auch noch - der Abstiegskandidaten. Musste sich also keine großen Sorgen machen. Der BVB führte nach neun Minuten 1:0, zur Halbzeit 2:0, wusste damit früh, dass er gerettet war. Denn ebenfalls dank des Torquotienten war den Dortmundern das Resultat aus Köln egal: Die Nürnberger brauchten einen Sieg, um vor dem BVB zu bleiben, die Kölner einen Punkt. Beides gleichzeitig war nicht möglich. Endergebnis des Abstiegskampfs: Der FCK verlor 3:4 und war trotzdem sicher, Dortmund gewann 3:0 und blieb trotzdem hinter dem FCK, Köln schlug durch drei Tore in der zweiten Hälfte Nürnberg 3:0, so dass der Club und der OFC abstiegen.

Alles total einfach. Wir haben natürlich einen großen Vorteil - wir können alle Eventualitäten einfach ignorieren, weil wir das Ergebnis schon kennen.

Auch wenn seine Spieler noch vor wenigen Wochen einen anderen Anschein erweckten: Im Abstiegskampf ist der FSV Mainz 05 bestenfalls noch ein interessierter Zuschauer.

Und in diesem Jahr? Kennen wir das Ergebnis noch nicht. Und gibt es am letzten Spieltag immer noch sechs Abstiegskandidaten. Hertha BSC als 13. der Tabelle (35 Punkte, -15 Tore) müsste dank der Tordifferenz eine Katastrophe erleben, um noch direkt abzusteigen, aber der Relegationsplatz ist in Reichweite. Freiburg (34, -10) und Hannover (34, -17) können theoretisch noch Letzter werden, aber haben einen gewaltigen Torvorsprung auf Paderborn - nicht aber auf den vorletzten Platz. Stuttgart (33, -19) und Hamburg (32, -27) stehen auf dem Relegations- bzw. ersten Abstiegsplatz und können noch Fünfzehnter werden - oder mehr. Der SC Paderborn (31, -33) sollte Platz 15 lieber vergessen, aber der Relegationsplatz ist noch in Reichweite.

Der HSV empfängt am letzten Spieltag Schalke 04. Hertha spielt in Hoffenheim. Hannover spielt gegen Freiburg, Paderborn gegen Stuttgart. Und die 05MixedZone spielt die Möglichkeiten durch.

Der SC Paderborn 07 steigt nicht ab, wenn er gewinnt, der HSV nicht gewinnt, und außerdem eine der drei folgenden Möglichkeiten eintritt:
1.: Der SC anschließend die Relegation gewinnt. Denn die hat er bei einem eigenen Sieg und einem Punktverlust des HSV schon sicher.
2.: Hannover verliert und dabei einen 16-Tore-Vorsprung abgibt. Gewinnen Paderborn und Freiburg mit exakt dem gleichen Ergebnis (8:0, 9:1, 10:2, etc.), sind Paderborn und Hannover punkt- und torgleich und die 05MixedZone muss nachschlagen, was dann passiert. Auflösung: Der direkte Vergleich zählt, und den hat Paderborn mit 2:0 zuhause und 2:1 in Hannover klar gewonnen.
3.: Freiburg verliert und dabei einen 23-Tore-Vorsprung abgibt. Damit befassen wir uns nicht weiter.

Der HSV steigt nicht ab, wenn er gewinnt und außerdem eine von vielen Möglichkeiten eintritt.

1.: Paderborn verliert nicht gegen Stuttgart, Hannover spielt gegen Freiburg unentschieden, der HSV übersteht die Relegation. Der Form halber aber:
1b: Wie 1., aber der HSV gewinnt mit elf Toren Unterschied. Dann schnappt er sich Hannover auch so. 
1c: Wie 1., außerdem verliert Hertha und gibt dabei einen Dreizehn-Tore-Vorsprung auf den HSV ab - bei zwölf Toren wären beide zwar punktgleich bei gleicher Tordifferenz, aber selbst wenn der HSV 11:0 gewinnt und Hertha 0:1 verliert, reicht das den Hamburgern nicht. 

2.: Paderborn verliert nicht gegen Stuttgart, in Hannover gibt es kein Unentschieden. Dann ist der HSV direkt gerettet und braucht keine Relegation. Und die Höhe des HSV-Siegs wäre egal.

3.: Paderborn verliert gegen Stuttgart, in Hannover gibt es kein Unentschieden, der HSV übersteht die Relegation.

Alle Modelle haben eine Gemeinsamkeit: Der HSV muss gewinnen. Schon bei einem Unentschieden kann er nicht mal mehr die Relegation erreichen. Das liegt daran, dass Stuttgart und Paderborn gegeneinander spielen und bei jedem beliebigen Ergebnis von 100:0 über 0:0 bis 0:100 mindestens einer von beiden vor dem HSV stehen wird. Der müsste aber im Falle eines eigenen Punktverlusts beide hinter sich lassen, um sich zu retten. 

Der HSV (links) und der VfB Stuttgart (rechts, Foto: imago) reanimierten sich in den vergangenen Wochen selbst mit Siegen gegen den FSV Mainz 05. Und trotzdem könnten am Samstag sogar beide gleichzeitig absteigen.

Der VfB Stuttgart steigt nicht ab, wenn er am Ende drei Klubs hinter sich hat. Gewinnt der VfB, hat er am Ende drei Klubs hinter sich. Nämlich zwangsläufig Paderborn, zwangsläufig den HSV, und außerdem entweder Freiburg (wenn Hannover gewinnt), Hannover (wenn Freiburg gewinnt) oder beide (wenn keiner gewinnt). Und Hertha, wenn Hertha verliert - oder unentschieden spielt und Stuttgart hoch gewinnt, von 4:0 aufwärts.

Der VfB steigt ab, wenn er verliert. So einfach ist das in dem Fall.

Der VfB steigt vielleicht ab, wenn er unentschieden spielt. Dann kommt es auf den HSV an, der nicht gewinnen darf, sonst ist auch der Relegationsplatz weg. Dann kommt es auf Hannover und Freiburg an. Die 96er werden nicht 9:0 gewinnen, Stuttgart würde also bei einem Unentschieden gegen Paderborn nicht an Freiburg vorbeikommen. Freiburg könnte 2:0 gewinnen, dann wäre Hannover auf dem Relegationsplatz und Stuttgart gerettet. Freiburg könnte 4:2 gewinnen, dann käme es schon wieder auf die Höhe des Unentschiedens an und bei einem 0:0 bräuchte der VfB den direkten Vergleich, den er gegen Hannover natürlich schon lange in der Tasche hat. Freiburg könnte 5:3 gewinnen und ein 0:0 wäre...

...ein Grund, dem VfB zu empfehlen, einfach zu gewinnen. Das würde die Rechnung wesentlich vereinfachen. Eine Niederlage sowieso.

Freiburg steigt nicht ab bei einem Sieg in Hannover, Hannover steigt nicht ab bei einem Sieg gegen Freiburg. Bei einem Unentschieden muss Hannover auf die Konkurrenz gucken, Freiburg nicht, denn der HSV müsste 17:0 gewinnen, um Freiburg dann noch zu schnappen. Der Verlierer kann ein großes Problem kriegen: Wenn Hamburg und Stuttgart gewinnen, ist er weg. Wenn einer von den beiden gewinnt, geht es immer noch für den Verlierer aus Hannover in die Relegation. Und wenn der Verlierer Hannover heißt, könnte sogar ein Unentschieden von Stuttgart den direkten Abstieg bedeuten. Sofern die Niederlage hoch genug ist. Fazit also für Freiburg und Hannover: Besser nicht verlieren.

Hertha kann sich ein 0:1 leisten. Dann müsste selbst im schlimmsten Fall der HSV 12:0 gewinnen, um die Hertha in die Relegation zu schicken. Bei einem 0:2 ist die Relegation schon viel realistischer, aber ein Unentschieden zwischen Freiburg und Hannover wäre immer noch Voraussetzung. Und gewinnt dann der HSV 11:0, ist Hertha weg. Fazit für Hertha: Einfach mal das Spiel gewinnen. Und gut ist.

Wer sich seine Wunsch-Absteiger ausdenken will, hat keine freie Auswahl. Es ist beispielsweise nicht möglich, Hertha, Hamburg und Stuttgart loszuwerden. Am Ende bleibt aber ohnehin eines stehen: Wer nicht absteigen will, soll zusehen, sein Spiel zu gewinnen und total viele Tore zu schießen. Alles andere kann er sowieso nicht beeinflussen.

Der FSV Mainz 05 schließlich wird wahrgenommen, wenn er die Bayern richtig weghaut, 5:0 oder so. Bei jedem anderen Ergebnis sind die 05er nur Staffage bei der Meisterfeier. Und können anschließend ganz entspannt nachfragen, wer nun nächstes Jahr wieder zu Besuch kommt und wer nicht. Das ist immer noch besser, als Frankfurter oder Leverkusener zu sein, oder Kölner oder Wolfsburger - oder vielleicht auch nicht. Denn die könnten einfach ihre beiden direkten Duelle ausfallen lassen und zusammen grillen gehen oder als Katastrophentouristen Abstiegskampf gucken. Irgendjemand müsste halt anschließend den Leuten erzählen, es wäre 1:1 ausgegangen oder so, das Fernsehen müsste irgendwelche Archivschnipsel zeigen und niemand würde es merken.

► Alle Artikel zu Einwurf und Abpfiff

► Zur Startseite

 

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.