Sie können's

Christian Karn. Mainz.
Es ist ja auch nicht so, als dass alles schlecht gewesen wäre bei den ersten beiden Saisonspielen des FSV Mainz 05. Die offensive Durchschlagskraft hat halt gefehlt, die Tore sind nicht gefallen, die Spiele gingen verloren. Gegen Bayer Leverkusen sah's eine Zeit lang nach der dritten Niederlage in Folge aus, aber die 05er erholten sich vom erneuten 0:1. Yoshinori Muto glich vor der Halbzeit aus, nach Abdou Diallos Führungstor wurden die Mainzer immer sicherer, selbstbewusster, angriffslustiger. Suat Serdar entschied die Partie schließlich mit seinem ersten Tor im Profifußball und das lange zurückhaltende, angespannte Publikum sah: Die Mannschaft kann's noch.

FSV Mainz 05 - Bayer 04 Leverkusen 3:1 (1:1)

Samstag, 9. September 2017, 24.876 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Adler - Balogun, Bell, Diallo - Donati, Frei, Latza (46. Serdar), Brosinski - Öztunali, de Blasis (84. Onisiwo) - Muto (89. Quaison).
Reserve: Zentner, Fischer, Gbamin, Bungert. Trainer: Schwarz.

Bayer Leverkusen: Leno - Tah, S. Bender, Henrichs - Mehmedi, Kohr (84. Kießling), Aránguiz, Wendell - Bellarabi, Volland (64. Pohjanpalo), Brandt (56. Havertz).
Reserve: Özcan, Ramalho, L. Bender, Bailey. Trainer: Herrlich.

Schiedsrichter: Schmidt (Stuttgart).

Tore: 0:1 Kohr (22., Wendell), 1:1 Muto (45., Brosinski), 2:1 Diallo (57., Öztunali), 3:1 Serdar (71., Öztunali).

Gelbe Karten: Serdar, Balogun - Kohr, Tah.

Keine Minute war das Bundesligaspiel des FSV Mainz 05 gegen Bayer Leverkusen abgepfiffen, als schon der alte Gassenhauer von der Fiesta am Rhein aus den Lautsprechern schallte. Der Jubel auf den Tribünen war hingegen gar nicht mal so groß wie man unter anderen Bedingungen erwarten sollte nach einem 3:1 gegen die hochkarätig besetzte Werkself. Die Erleichterung überwog, diejenigen der 24.876 Zuschauer, die nicht schon auf dem Weg nach draußen waren, schwenkten ihre Fahnen und Schals, sangen den Refrain mit, freuten sich auf die erste Humba der Saison. Freuten sich weniger euphorisch als einfach nur glücklich und ein bisschen beruhigt über die ersten Tore der Saison, die ersten Punkte der Saison, über das Wissen, dass ihre Mannschaft trotz der beiden Auftaktniederlagen konkurrenzfähig ist. Ganz einfach war die Abschlussfeier jedoch nicht. Pablo de Blasis musste sich mit aller Kraft gegen den entscheidenden Torschützen Suat Serdar stemmen, der gar nicht unbedingt auf den Zaun wollte, schließlich mit Abdou Diallo, der zum 2:1 getroffen hatte, hochkletterte.

Der Nachmittag hatte schon emotional angefangen. Mit einem hunderte Quadratmeter großen Banner, das vor der Gegengerade hochgezogen wurde, einer herzlichen Ansprache des neuen Vorsitzenden Johannes Kaluza und einer kurzen, dankbaren Abschiedsrede seines Vorgängers Harald Strutz verabschiedeten die 05er den langjährigen Vorstand, der sich im Kern schon in den 1980ern konstituiert hatte.

Das Spiel selbst war nicht ganz so entspannt. Abgesehen von einer sehr frühen Flanke in die Arme von René Adler dauert es lange, bis die Teams aus dem Mittelfeld kam. Beide Mannschaften spielten mit Dreier-/Fünferkette, seitens der 05er kam Leon Balogun als weiterer Innenverteidiger für den erkrankten Zehner Alexandru Maxim in die Mannschaft. Außerdem spielte vorne links wieder Pablo de Blasis anstelle von Robin Quaison. Leverkusen trat in gleicher Grundordnung und mit der erwarteten Elf an. Und beide Teams begannen mit einer gewissen Hektik, fingen (mit Ausnahme Admir Mehmedis) keinen Streit an, aber leisteten sich immer wieder billige, unprovozierte Ballverluste. Planlos war's nicht, aber fahrig, ungeduldig. Im Ansatz gefährlich wurde es in der 9. Minute, als Giulio Donati mit einem fahrlässigen Rückpass Balogun in Unterzahl und die Bredouille brachte, die Gäste aber nichts daraus machten. Die leichte Überlegenheit Leverkusens in dieser ersten Phase war nur optisch. Und Mehmedis Schwalbe in der 13. Minute derart durchsichtig, dass der Schiedsrichter sie überhaupt nicht wahrnahm.

Der erste Mainzer Torschuss kam in der 15. Minute von Daniel Brosinski, der nach einem langen Solo durch die gegnerische Hälfte womöglich lieber hätte abspielen sollen. Yoshinori Muto und Levin Öztunali hatten zwei Minuten darauf einfach doch zu viele Verteidiger in der Nähe. Und in der 19. Minute ging Danny Latzas Schuss aus 15, 16 Metern einen guten Schritt am langen Eck vorbei. Und dann rutschte in der 22. Minute eher überraschend ein Diagonalpass am Verteidiger vorbei, hatte Dominik Kohr auf einmal freie Schussbahn, stand es 1:0 für Leverkusen. In dieser Phase eher überraschend, die 05er hatten sich gerade ganz ordentlich in den Vordergrund gespielt. Latza verhinderte eine Minute später mit einer riskanten Rettungsgrätsche, die den eigenen Torwart mit abräumte, gegen Kevin Volland das 0:2.

Es dauerte, bis den 05er wieder etwas gelang. Eine Viertelstunde nach dem Tor erst kamen sie wieder am Strafraum an, Levin Öztunalis Schuss flog an die Latte. Abdou Diallo war's bis dahin, der die Defensive zusammenhielt, die wie in Stuttgart keine echte Entlastung aus dem Zentrum bekam. Danny Latzas Wade war lädiert nach einer harten Attacke des Torschützen, Fabian Frei war nicht gut, lange vor der Halbzeit lief sich schon Suat Serdar alleine warm. Den Ausgleich in der 45. Minute sah der Juniorennationalspieler jedoch noch von draußen: Daniel Brosinski - viel, viel besser als Donati auf der anderen Seite - hatte schon einige Male versucht, über links in den Strafraum zu kommen, den Ball noch nicht an den Mann gebracht - direkt vor der Halbzeit gelang es, verzockte sich der Torwart Bernd Leno, ging die halbhoheHereingabe durch zu Yoshinori Muto, nicht mal perfekt, aber mit einem hohen Bein, mit einer Art Seitfallzieher bugsierte der Japaner den Ball ins Tor. Karim Bellarabi verpatzte tatsächlich den Anstoß, ging direkt ins Dribbling und verursachte den seltsamsten indirekten Freistoß seit Langem, dann war Pause. Und Serdar kam für Latza.

Das Tor war wichtig für die 05er, die bis dahin nicht in dem Sinne überfordert waren, aber doch einfach nicht gut, nicht gut genug, um Leverkusen zu einer Topleistung zu bringen. Gegen den Ball waren die Gäste gut organisiert, mit dem Ball nicht auf dem Niveau, das man von einer so prominenten Elf erwarten sollte. Das ging auch prompt nach hinten los: Nach elfeinhalb ereignislosen, aber planvolleren Minuten drehten die 05er das Spiel: Öztunali schlug einen Freistoß von links vors Tor, den der starke Diallo, der die Szene selbst miteingeleitet hatte, direkt vor dem Torwart die entscheidenden paar Grad nach oben ablenkte. Zwei Minuten später: Nächster Freistoß von Öztunali, diesmal aus dem halbrechten Rückraum, Kopfball von Balogun - diesmal harmlos. Der Leverkusener Angriff reagierte erst in der 68. Minute mit einem schönen Torwartball von Kai Havertz - Adler konnte ein bisschen fliegen, ohne etwas riskieren zu müssen. Giulio Donati war inzwischen viel besser im Spiel seit einer kurzen Schreierei mit dem Trainer, ließ in der gleichen Minute noch einen Schuss los, in dem derart viel Wut, derart viel Hass, derart viel "Ich zeig's Euch jetzt allen" steckte - der hätte gepasst, hätte nicht Wendell den Körper in die Schussbahn bekommen.

Große Freude, große Erleichterung: Suat Serdar hat sein erstes Bundesligator geschossen, das Spiel ist entschieden. Foto: VeyhelmannAber egal, denn es dauerte nur drei Minuten zum 3:1! Eine Stocherei im Bayer-Strafraum, Öztunali machte sich zehn Meter breit, hielt ganz Leverkusen vom Ball ab, gab so Suat Serdar den Platz, mit Anlauf aus 20 Metern draufzuhalten - leicht abgefälscht von Mehmedi, Innenpfosten, Tor, fast so spektakulär wie der aufgedrehte Jubellauf des jungen Mittelfeldspielers - es war sein erstes Tor im Profifußball.

Karim Bellarabis überraschender Schuss in der 75. Minute ging drüber. Pablo de Blasis trat vor Zorn in die Bande, als Bernd Leno mit einem ganz langen Arm seinen Schuss am Pfosten vorbei lenkte (77.). Eckball, der Argentinier trat aus nicht ganz aussichtsloser Position über den Ball.

Leverkusen hatte mit dem Spiel micht mehr sehr viel zu tun. Biss sich aber nach ein paar Minuten wieder hinein. Charles Aránguiz schoss einen Freistoß in die Mauer, Stefan Kießling - zu freistehend - donnerte einen wuchtigen Kopfball vorbei. Die Führung war stabil genug, es wurde nicht mehr kritisch. Und der neu aufgestellte FSV Mainz 05 ist mit der nahezu komplett alten Mannschaft - von den Neuzugängen waren nur Adler und Diallo dabei - in der Saison angekommen.

 

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