Seltsames auf der emotionalen Leiter

Jörg Schneider. Mainz.
Ganz schön viel für den Anfang: 4:1-Führung zur Pause, fünf Torschüsse, vier Treffer. Ein überzogener Platzverweis für Gaetan Bussmann. Drei Gegentore zum 4:4. Und am Ende ein wilder Schlagabtausch um den Sieg. Die Heimspielpremiere dieser Saison nahm für den FSV Mainz 05 nicht den Verlauf, den die erste Halbzeit in der Opel Arena versprach. Das hätte sogar noch ins Auge gehen können. Geworden ist es ein Punktgewinn zum Auftakt der Englischen Wochen. „Da weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagte Martin Schmidt nach dem turbulenten Auftritt gegen die TSG Hoffenheim. Die Stimmen dazu.

Was war denn das? Martin Schmidt wird nach diesem spektakulären 4:4 in der Heimspielpremiere viel Redebedarf haben mit seinen Spielern. Nicht nur mit Leon Balogun.   „Wenn du das erste Saisonspiel verlierst, dann darfst du das zweite nicht auch noch verlieren. Von daher ist es gut, dass wir einen Punkt in diesem seltsamen Spiel gewonnen haben. Vor der Partie hätte ich gesagt, ich könnte mich mit einem Unentschieden anfreunden. Jetzt weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagte Martin Schmidt nach dem 4:4 gegen die TSG Hoffenheim, das die Mainzer in der Pause schon gewonnen zu haben schienen, dann aber, nach dem stark überzogenen Platzverweis für Gaetan Bussmann, komplett aus der Hand gaben, drei Gegentore kassierten, fast verloren hätten und am Ende nochmal drauf und dran waren, die drei Punkte doch noch zu behalten. „Wir haben ganz klar eine gute Stunde gehabt. So, wie wir spielen wollten“, sagte Schmidt. „Mit Herz und Leidenschaft verteidigen, auch wenn mal einer durchrutscht. Dann im Umschaltspiel unsere Chance suchen. Das hat prima funktioniert bis zum Platzverweis. Bis dahin hat man gesehen, dass wir das drauf haben. Dann haben wir mehr Tore gekriegt, als wir eigentlich kriegen mussten. In der letzten halben Stunde ist das Spiel auf die mentale Ebene geschwappt. Wir hatten plötzlich was zu verlieren, und dann steht man mehr auf den Fersen als auf dem Vorderfuß. Nach dem 4:4 hatten die Hoffenheimer etwas zu verlieren, und wir hatten plötzlich wieder Umschaltchancen. Die Analyse wird ein hartes Brett“, sagte der 49-Jährige.

„Für mich als Trainer ist es gut, wenn selbst der Trainer des Gegners und alle Experten sagen, dass diese Rote Karte eigentlich viel zu hart war“, betonte der 05-Coach. „Dann muss ich es nicht tun. Doch der Schiri hat nicht die drei Gegentore gemacht, die haben wir bekommen. Deshalb möchte ich diesen Platzverweis nicht so aufbauschen. Ich muss sagen, man darf einfach nicht so auseinanderfallen wie wir. Damit muss man umgehen können, das Konzept darf durch so eine Entscheidung nicht zerfallen. Das kann man auch mit neun Feldspielern mal verteidigen. Daran müssen wir arbeiten. Ich denke, für die Zuschauer hat sich der Eintritt gelohnt. Vielleicht haben wir ja irgendwann mal das Stadion voll.“

Rouven Schröder hatte schon nach der klaren Führung das Gefühl, dass der Gegner zu viel spielen durfte, zu viele Aktionen am Mainzer Strafraum hatte. „Wir haben uns dann in der Halbzeitpause noch einmal eingeschworen, die Zweikämpfe richtig zu führen. Das ging ja auch gut bis zur Roten Karte“, sagte der Sportdirektor. „Natürlich war die zu hart, aber es ging doch weiter und wir führten 4:1. Da durften wir nicht so viele wacklige Situationen haben. Es war aber auch kurios. Wenn ich nur das 4:4 sehe. Das war ein doppelter Pressschlag, der dann auch noch durch die Beine ging. Und verrückt war es dann, dass sich die Mannschaft nochmal geschüttelt hat und hinten raus noch gewinnen wollte. Das ging heute hoch und runter auf der emotionalen Leiter.“

Dass der Trainer der TSG Hoffenheim mit der ersten Hälfte nicht zufrieden war, das müsse er eigentlich nicht betonen, sagte Julian Nagelsmann. „Da war ich absolut nicht mit zufrieden, obwohl wir eine ordentliche Spielanlage hatten und auch die Idee, die Mainzer mit eigenem Ballbesitz zu bespielen, grundsätzlich richtig war. Doch unser Plan war schon nach dem ersten Gegentor über den Hafen geworfen. Wir haben viel Aufwand betrieben, die 05er haben wenig Aufwand betrieben, es aber sehr intelligent gemacht. Und sie hatten vorne einen Stürmer mit Jhon Cordoba, der alle beschäftigt, Platz geschaffen und Bälle verteilt hat. Das hat er überragend gelöst.“ In der Pause sei er sehr emotional geworden in der Kabine, was sonst nicht seine Art sei. „Wir haben dann sehr viel Druck gemacht und hatten das psychologische Element für uns. Diese Rote Karte muss man nicht geben, sie ist aus Mainzer Sicht unnötig. Uns aber hat sie Aufschwung gegeben. Wir hätten es dann sogar gewinnen können, aber ich will mich nicht beschweren. Am Ende war es sehr wild und emotional.“

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