Selbst der Schiri lobte Cordoba

Jörg Schneider. Mainz.
Die Zwangspause hat Jhon Cordoba offenbar richtig gut getan. Der Mittelstürmer kehrte nach einem kleinen Leistungs-Durchhänger und abgesessener Gelbsperre frisch und vor Kraft strotzend in die Startelf des FSV Mainz 05 zurück und gab eine beeindruckende Vorstellung, obwohl der Kolumbianer keinen Treffer zum 3:1-Sieg gegen den Hamburger SV beisteuerte. Der Sieg der 05er, aber auch der Auftritt Cordobas waren wichtige Entwicklungen im Hinblick auf das Derby am Dienstagabend. Im letzten Spiel des Jahres kommt es zum Nachbarschaftsduell in der Bundesliga bei Eintracht Frankfurt.

Oft sind es einzelne Szenen, die darüber entscheiden, in welche Richtung ein Fußballspiel einbiegt. Schlüsselszenen, die den Weg vorgeben. Im Heimspiel gegen den Hamburger SV in der Opel Arena kam diese Schlüsselszene in der 27. Minute. Der Ex-Mainzer Nicolai Müller bugsierte beim Stand von 1:0 für den HSV den Ball aus kurzer Distanz über Jonas Lössl hinweg an die Latte und stand bereit, den Abpraller über die Linie zu drücken. Eine riskante, aber geschickte Rettungstat von Alexander Hack verhinderte den Treffer im letzten Moment. Und damit wohl so etwas wie eine Vorentscheidung zugunsten des Tabellenvorletzten. „Wenn wir das 2:0 machen, wird es für Mainz sehr schwer“, sagte HSV-Coach Markus Gisdol hinterher frustriert. „Wir wissen alle wie eng das war. Wenn der Ball zum 2:0 für den HSV reingeht, stehen wir nicht so hier“, sagte Rouven Schröder erleichtert. Müller traf nicht, dafür aber wenig später Danny Latza zum Ausgleich, und die Dinge nahmen eine entscheidende Wendung. Der FSV Mainz 05 bekam die Partie in den Griff, Latza legte noch zweimal nach und sicherte dem Bundesligisten den schließlich souveränen 3:1-Sieg, der am Ende des Spieltags Platz acht bedeutete.

Latzas Dreierpack war das Thema des Wochenendes. Die Rückkehr des so lange verletzten zentralen Mittelfeldspielers gab den 05ern allerdings noch mehr als die drei Treffer. Latza präsentierte sich als strategischer Lenker seines Teams. Als eine Art Spielmacher zwischen den beiden Strafräumen. Immer anspielbar in den Räumen, die der 27-Jährige anlief. Passsicher unter Druck forderte Latza die Bälle und hatte meist die Idee dafür, was damit zu tun war. Dazu gesellten sich seine Laufleistung und sein aggressives Zweikampfverhalten, seine Balleroberung. Unterstützt wurde Latza dabei von André Ramalho. Gemeinsam dominierte das Duo mit fortschreitender Zeit das Mittelfeld. Dem HSV, der in der Zentrale aufgrund von Verletzungsausfällen ohne gelernte Mittelfeldspieler, stattdessen mit Verteidigern auf der Doppelsechs antrat, fiel dagegen zunehmend weniger ein im eigenen Spielvortrag.

Rasante, intensive, knochenharte Duelle: Jhon Cordoba arbeitete beim 3:1-Heimspielsieg die HSV-Innenverteidiger (hier Gideon Jung) müde. Foto: ImagoRamalho, der bei der Hamburger Großchance von Nicolai Müller zuvor einen gefährlichen Schuss von Filip Kostic abgeblockt hatte, war für viele überraschend anstelle von Fabian Frei in die Startelf gerückt.  „Die Entscheidung war hart für den anderen“, sagte Martin Schmidt nachher. Sie sei so gefallen wegen der Zweikampfstärke und dem Kopfballspiel des Brasilianers. „Wir wollten die langen Bälle, die der HSV vor unsere Abwehr auf Gregoritsch spielt, abwehren. Ich wusste, mit Latza und Frei im Duett würden wir da keine gewinnen. Wenn da jedes Mal ein Innenverteidiger rausstürzen muss, machst du hinten auf und es wird gefährlich. Man hat gesehen, es war trotzdem knapp, weil André anfangs ein paar wichtige Duelle verloren hat. Ich habe auf das aggressivere Duo gesetzt. Und Ramalho hat sich dann ja auch reingekämpft.“ Der 24-Jährige streut immer wieder ein paar Lässigkeiten in sein Spiel ein, zeigte sich jedoch wie alle 05er nach der Pause konsequenter.

Auch an Jonas Lössl scheiden sich nach wie vor die Geister. Dem 05-Keeper mangelt es auch nach 15 Bundesligaspielen im neuen Team noch an der überzeugenden Ausstrahlung. Das ist auch dem Trainer bewusst, der allerdings auf das Entwicklungspotenzial setzt. „Jonas ist eine Waffe bei Flanken und hohen Bällen. Das sehen wir. Er ist auch beim Rausspielen im Spielaufbau sehr gut“, sagt Schmidt. „Was wir aber beim ersten Tor auch wieder gesehen haben, überraschende Schüsse aus der zweiten Reihe, da denkt man da könnte er noch die Hand drankriegen. In dem Bereich kann er sich steigern und da muss er intensiv arbeiten. Ansonsten ist er recht weit in seiner Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass die noch lange nicht abgeschlossen ist.“ Die Bundesliga verlangt vom Keeper, der aus Frankreich gekommen war, eine stärkere Grund-Aggressivität in dessen Torhüter-Spiel. „Das weiß er selbst“, sagt der Trainer. „Das sind die Schritte, die er machen muss. Es war wichtig, dass er nach dem ersten Tor da war, ein paar gute Dinge gemacht hat. Ab da war er voll im Spie und ein guter Rückhalt. Wir arbeiten weiter an den Defiziten. Er ist 27 Jahre alt, hat aber noch lange nicht ausgelernt.“

Ein Faktor dafür, dass die 05er gegen den HSV gewannen und in der Offensive einen besseren Eindruck hinterließen als zuletzt, war Jhon Cordoba. Auch wenn der Mittelstürmer am Ende ohne Torerfolg blieb und eine der größten Chancen im Spiel vergab, war Cordobas Leistung mehr als auffällig. „Es war unglaublich, was der für Duelle geführt hat, auch schöne Duelle. Selbst die Verantwortlichen vom Gegner und auch der Schiedsrichter haben mir nachher gesagt, das sei unglaublich, was der Jhon da abgerissen hat, wie der sich durchtankt. Er hat Komplimente von überall dafür bekommen, obwohl er kein Tor geschossen hat“, berichtete Schmidt. „Heute hat man gesehen, wenn der Kerl frisch ist und vor Kraft strotzt, ist er sehr schwer zu stoppen. Der bearbeitet die Innenverteidiger, bis denen irgendwo am anderen Ende die Kraft fehlt. Deshalb ist er so wichtig für uns.“ Der Kolumbianer forderte die HSV-Abwehr mit einer ungeheuren Wucht und Körperlichkeit, trieb die Innenverteidiger Gideon Jung und Emir Spahic übers Feld und in harte Zweikämpfe. Cordoba schuf Räume für die Mitspieler in der Mainzer Offensive, malochte zusammen mit Pablo De Blasis und Karim Onisiwo unermüdlich. Die leidenschaftliche Arbeit dieses Trios brachte am Ende Latza in die Position des entscheidenden Vollstreckers. „Da hat man den Unterschied gesehen zu Gladbach, wenn du vorne einen hast, der den Ball hält und schleppt. Du hast Zeit, hinten raus und nachzurücken. Jhon zieht ein Foul oder kommt durch. Das verunsichert die Kette, die steht irgendwann ein bisschen vorsichtiger, tiefer, da hast du dann Räume, die du davor nutzen kannst. Wir haben Jhons Wichtigkeit für unser Spiel gesehen.“ Das wird ein heißes Duell am Dienstagabend, wenn Cordoba im Derby in Frankfurt auf die Eintracht-Stopper David Abraham und Michael Hector trifft.

Im Derby wird auch Yunus Malli gefordert sein, der im Heimspiel eine Halbzeit recht verhalten auftrat, sich dann aber steigerte und mehr Akzente setzte. Vorausgegangen war ein Vier-Augen-Gespräch mit seinem Trainer in der Halbzeitpause. „Wir hatten in der ersten Hälfte in unserer Offensivreihe Probleme“, erklärte Schmidt nachher. „Die Offensivquote im Zweikampf hinkte stark der Defensivquote hinterher. Das habe ich angedeutet. Es war auffällig, dass Yunus das beherzigt hat. Er hat kein Tor gemacht, aber zwei Assists. Das war auch wichtig für ihn. Wenn wir ihn brauchen, ist er da.“ Nicht dabei sein in Frankfurt wird der neben Latza zuletzt ebenso stark vermisste Yoshinori Muto. Der japanische Torjäger muss sein Comeback nach der langen Verletzungspause aufs neue Jahr verschieben. „Wir wollen da kein Risiko eingehen“, sagt der 05-Trainer. „Frankfurt wäre auch der falsche Ort, um ihn zum ersten Mal wieder zu bringen.“

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