Schwarz: „Darüber müssen wir reden“

Jörg Schneider. Gelsenkirchen.
Als ob die 0:2-Niederlage alleine nicht schon bitter genug gewesen wäre, folgte dann die Nachricht, die den Auftritt des FSV Mainz 05 beim FC Schalke 04 endgültig zu einer völlig missratenen Angelegenheit machte: Leon Balogun erlitt beim zweiten Gegentor einen Jochbeinbruch. „Das passt dann auch noch dazu“, sagte Sandro Schwarz, der ohnehin stinksauer war darüber, was seine Mannschaft abgeliefert, beziehungsweise nicht abgeliefert hatte. „Ich finde nicht, dass wir uns jetzt hier hinstellen können und sagen, heute haben wir gegen eine Mannschaft gespielt, die so gut war, dass wir hätten machen können was wir wollen und hätten trotzdem nicht gewonnen. Wir wollten was Außergewöhnliches machen. Und dafür, das muss man klar sagen, brauchst du einfach mehr Leistung, mehr Energie, mehr Überzeugung. Darüber müssen wir reden.“

Den Witz musste er dann doch machen, obwohl es in Sandro Schwarz brodelte, der Trainer des FSV Mainz 05 stinksauer war über das, was seine Mannschaft in den 90 Minuten in Gelsenkirchen abgeliefert, beziehungsweise nicht abgeliefert hatte. Als der Moderator am Ende der Pressekonferenz das Ergebnis des Journalisten-Tippspiels vorlas und erklärte, ein Herr Schwarz habe eine Kiste Bier vom Sponsor gewonnen, da grätschte der 39-Jährige schnell dazwischen. „Damit hier niemand auf falsche Gedanken kommt, ich war das nicht.“

Der 05-Trainer hätte das Resultat vor dem Spiel eher genau andersherum getippt, denn Schwarz war überzeugt davon, dass sein Team an diesem Abend in der Lage sein werde, etwas zu holen beim FC Schalke 04. Bei einem Gegner, der ungeachtet aller individueller Qualität noch weit davon entfernt ist, zu den Spitzenmannschaften der Liga zu gehören, der die 05er in den 90 Minuten dann auch nicht vor solche Aufgaben stellte, die nicht lösbar gewesen wäre. Doch die Angriffslust und die Überzeugung ihres Trainers teilten dessen Profis nicht. Kurzum, es war nicht die Überlegenheit,  die den Schalkern einen verdienten 2:0-Erfolg vor knapp 60.000 Zuschauern in der Veltins Arena ermöglichte. Die 05er scheiterten an sich selbst. An ihren Fehlern bei den zwei Gegentoren, vor allem aber daran, dass sie nahezu komplett ungefährlich waren, wenn sie selbst den Ball hatten, was ausreichend der Fall war. Dass sie aus unerklärlichen Unzulänglichkeiten im eigenen Ballbesitz heraus ein Spiel verloren, das nicht hätte verloren werden müssen. In dem bis zur 77. Minute die Ergebnischance bestand, die das Mainzer Team nicht wahrnahm, weil die 05er im eigenen Ballvortrag die schlechteste Leistung bisher überhaupt ablieferten und sich selbst massenweise Situationen, aus denen mehr hätte entstehen können, zunichtemachten.

Als ob die 0:2-Niederlage auf Schalke nicht schon bitter genug gewesen wäre: Leon Balogun erlitt beim zweiten Gegentreffer einen Jochbeinbruch. Foto: ImagoDas alles nagte nachher am Trainer, der im Vorfeld Kunst und Wunder angestellt hatte, um seine Profis heiß zu machen auf diese Partie, auf die Atmosphäre im Stadion, der das Team genau auf diesen Spielverlauf und die darin auftretenden Möglichkeiten eingestellt hatte und zusehen musste, wie die Mannschaft den offensiven Teil dieses Plans weitgehend verweigerte. Und nicht annähernd an jene Mentalität und Leidenschaft heranreichte, die nach den guten Ergebnissen zuletzt zu erwarten gewesen wäre. „Ich finde nicht, dass wir uns jetzt hier hinstellen können und sagen, heute haben wir gegen eine Mannschaft gespielt, die so gut war, dass wir hätten machen können was wir wollen und hätten trotzdem nicht gewonnen“, sagte der 39-Jährige hinterher angefressen. „Es ging in erster Linie hier um uns. Was hatten wir vor, was hatten wir auf dem Papier stehen, was wollten wir machen und was haben wir hier gezeigt? Und da finde ich, hätten wir einfach mehr bringen müssen, um das Außergewöhnliche einfach mal hinzukriegen. Wir hatten sie ja so ein bisschen am Haken, Anfang der zweiten Halbzeit, als die Stimmung gerade ein wenig zu kippen begann. Doch insgesamt in den 90 Minuten hat uns die Art und Weise, wie wir mit dem Ball umgegangen sind die Punkte gekostet, nicht die Arbeit gegen den Ball“, schimpfte Schwarz. „Wir haben ja nicht den Anspruch gehabt, dass wir 15 Torchancen kriegen, aber wir hatten genügend Situationen, die wir durch unsauberes Spiel, durch leicht abgegebene Bälle nicht zu Ende gebracht haben. Darüber müssen wir reden.“

Nicht geschafft, mal richtig Alarm zu machen

Die Arbeit gegen den Ball war halbwegs okay. Die Mainzer gerieten nicht unter Dauerdruck, ließen nicht viele Torchancen zu. „Uns fehlte aber einfach diese Aktivität, mehr mit Überzeugung reinzugehen, vorwärts zu verteidigen, einfach mal zu zeigen, was wir eigentlich auf dem Schläger haben. Das hat gerade heute dann gefehlt, wenn wir den Ball hatten.“ Das Ganze wirkte alles etwas behäbig, ohne das richtige Tempo, ohne Druck im Passspiel. „Es war einfach nicht das, was wir hier machen wollten“, kritisierte Schwarz. „Mutig im Spiel sein, immer wieder zu zeigen, wir haben uns eine gewisse Qualität aufgebaut in den letzten Wochen, das wollen wir an diesem Freitagabend in dieser Atmosphäre hier auch mal zeigen. Wir haben es nicht geschafft, unsere Leistung so nach oben zu schrauben, um hier auf Schalke mal richtig Alarm zu machen. Das hat heute hier gefehlt. Wir haben uns mit Ball eine Körpersprache angeeignet, die nicht gut war. Wir waren zu schnell mit allem unzufrieden, haben nicht an uns geglaubt.“ Und vor allem nicht erkannt, was möglich gewesen mit einer ähnlichen Willensleistung wie zuletzt in den Heimspielen. „Wir liegen 0:1 zurück, na und?“, schimpfte der Coach.

„Wir haben in Wolfsburg zurückgelegen und haben ein 1:1 draus gemacht, fast die Partie komplett gedreht. Das war heute einfach nicht gut, da hätten wir vieles besser machen können. In der zweiten Halbzeit ging’s ja etwas besser, da hatten wir gute 20 Minuten, hinten raus auch noch mal.“ Doch es kam nichts dabei herum. Selbst die einzige glasklare Torchance in der Schlussphase brachte keinen Treffer. Wenn der eingewechselte Kenan Kodro den fälligen Anschlusstreffer erzielte hätte, hätte es noch mal interessant werde können. „Am Ende war es ein Spiel, in dem es vielleicht normal war, dass du als Mainz 05 hier 0:2 verlierst. Doch das Normale hätten wir schon gerne gestrichen. Wir wollten was Außergewöhnliches machen in diesem Spiel.“ Doch das ging gründlich daneben. „Dafür, das muss man klar sagen, brauchst du einfach mehr Leistung, mehr Energie, mehr Überzeugung“, sagte Schwarz.

Wie gesagt, die Szenen waren da. Doch was die 05er daraus machten, war unterirdisch. Das begann schon im Aufbau von hinten heraus. Gegen die anlaufenden Schalker geriet der Ballvortrag schon viel zu behäbig, ohne Feuer ohne Druck. Die Zuspiele unsauber, die Pässe nach vorne ohne Power und Präzision. Und die Passempfänger waren selten in der Lage, Bälle festzumachen. Nahezu jede Aktion von Pablo De Blasis, Levin Öztunali und Yoshinori Muto endete bei einem Schalker Abwehrmann. Da war keinerlei Durchsetzungsvermögen zu erkennen. Und selbst wenn die Aktionen mal Tiefe hatten, wiederholten sich prompt dieselben Muster: Das Zuspiel zum nachgerückten und freistehenden Nebenmann kam nicht, oder der 05-Angreifer lief sich fest. Schwarz holte den Argentinier, bei dem so gut wie alles schief ging, vom Platz. Schwarz hätte auch Öztunali auswechseln können, der vorne jeden Ball abgab. „Wir wollten weiterhin sein Tempo haben und er hat eine Quote, dass er immer aus Situationen heraus ein Tor vorbereiten oder erzielen kann“, erklärte Schwarz. Doch das kam nicht. Auch nicht von den eingewechselten Viktor Fischer und Alexandru Maxim. Mit Maxim kam etwas mehr Struktur ins Offensivspiel, aber an der fehlenden Durchschlagskraft änderte auch der Zehner nichts. „Wir müssen aber nicht anfangen, die einzelnen Leute durchzugehen und deren Leistung oder die der Einwechselspieler. Unsere Mannschaftsleistung war zu wenig.“

Keine Impulse, keine Zeichen

Wieso er den niemanden im Team habe, der diesen Trott durchbreche, ein Führungsspieler, der Zeichen setze auf dem Platz, wurde Schwarz gefragt. „Das muss inhaltlich funktionieren. Dass da einer rumbrüllt auf dem Platz oder einen umhaut, ist kein Zeichen. Das geht nur über Inhalte, über Impulse, über die Energie, Zweikämpfe zu führen, wenn du die Kugel hast, sauber zu spielen. Ein Alibi-Gebrüll brauchen wir nicht. Da sind alle gefordert“, betonte der Coach, der auch die Kritik an den Außenverteidigern, die kaum Läufe über die Flügel nach vorne hatten, nicht teilen mochte. „Die sind doch gar nicht in solche Situationen reingekommen, weil der Ball dann schon wieder weg war. Das war das größte Manko überhaupt. Wir waren gar nicht in den Räumen drin, in die wir in der Tiefe hätten laufen können, weil bis der Ball dort war, haben wir ihn viel zu einfach schon abgegeben. Gerade in der ersten Halbzeit haben mir da der Mut und die Überzeugung gefehlt, aktiv zu sein, Überzahl herzustellen im Zentrum gegen den alleinigen Sechser Max Meyer. Das haben wir gar nicht ausgenutzt. Wir hatten keine Energie, aktiv in die Balleroberung reinzukommen, sondern haben eher nur so die Passwege zugestellt und auf Fehler gehofft. Insgesamt waren das zu viele einfache Ballverluste auf dem Weg ins letzte Drittel, kein Durchsetzungsvermögen, keine klaren Aktionen, fehlende Überzeugung im Ballbesitz“, fasste Schwarz zusammen und fügte hinzu: „Und die Gegentore fühlen sich wieder extrem beschissen an.“

Nicht nur weil Abdou Diallo und Stefan Bell, die an diesem Abend in diversen Zweikämpfen wackelten wie die Lämmerschwänze und große Probleme offenbarten, das 0:1 herschenkten. Dazu kam dann noch, dass sich Leon Balogun beim zweiten Schalker Treffer von Doppeltorschütze Guido Burgstaller schwer verletzte. Der Innenverteidiger rasselte  beim Versuch den Eckball zu klären mit Danny Latza zusammen, erlitt einen Jochbeinbruch. „Das passt dann an einem solchen Tag auch noch dazu“, sagte Schwarz frustriert.  

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