Schrödingers Kamera

Christian Karn. Mainz.
Zu den günstigeren Transfers des FSV Mainz 05 gehört in diesem Sommer das "Hawk-Eye"-Assistenzsystem. Für nur 170.000 Euro im Jahr ersparen es die 05er - ebenso wie alle anderen Bundesligisten - künftig den Schiedsrichtern, beim Torschuss alleine entscheiden zu müssen, ob der Ball die Linie überquert. Sieben Kameras pro Tor und ein schneller Computer nehmen den Unparteiischen diesen Teil ihrer Arbeit künftig ab - und öffnet im Extremfall den Deckel von Schrödingers Katzenkiste, schafft das "Vielleicht" ab. Die nullfünfMixedZone hat sich vom Projektchef Jamie Wykes erklären lassen, wie das System funktioniert.

Einem aufmerksamen Falken entgeht nicht viel. Die Greifvögel haben nicht nur eine Sehschärfe, die sie mit einer Bildauflösung von nicht einmal einer halben Winkelminute aus einer Entfernung von 100 Metern noch Objekte von gut einem Zentimeter Größe erkennen lässt, sondern auch eine Verarbeitungsgeschwindigkeit von 150 Bildern pro Sekunde - das Sechsfache des Menschen. Wäre die nullfünfMixedZone ein Zoologieblog, würden wir noch weiter ins Detail gehen; weil es hier aber um Fußball geht, belassen wir es dabei: Falken haben richtig gute Augen.

Daran wird sich das neue Assistenzsystem messen lassen müssen, mit dessen Unterstützung Bundesliga-Schiedsrichter künftig bei der Frage, ob ein Torschuss den Ball über die Linie gebracht hat oder nicht, keine Fehler mehr machen sollen. "Hawk-Eye" heißt das System, das im Laufe der letzten Wochen in allen Bundesligastadien installiert wurde. "Falkenauge". Die Coface Arena wurde im Mai und Juni technologisch aufgerüstet; das Mainzer "Hawk-Eye" hat am 16. Juni den Test bestanden. Jamie Wykes vom Hersteller "Hawk-Eye Innovations", der Projektchef für die Installation in Mainz, hat der nullfünfMixedZone nun ausführlich erklärt, wie das ganze System funktioniert.

Die technischen Daten: 14 Kameras sind im Stadion montiert, sieben für jedes Tor. Die Kameras sind starr. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Ball zu verfolgen. Ihre Aufgabe ist es, darauf zu warten, dass der Ball in ihr Blickfeld kommt. Das angeschlossene Computersystem weiß, wie ein Ball aussieht, ist vor allem in der Lage, Bildbereiche zu erkennen, die definitiv nicht der Ball sind, und kann - so verspricht es der Hersteller - selbst dann die exakte Position des Balls nachvollziehen, wenn für bis zu fünf Kameras die Sicht verdeckt ist. "Es hat noch nie eine Torlinien-Situation gegeben", sagt der Hersteller, "in der die Kameras den Ball gar nicht mehr gesehen haben."

Wykes bestätigt ein interessantes Detail: Die Kameras setzen das ideale Tor voraus, eins mit senkrechten Torpfosten, einer waagerechten Querlatte, alle drei exakt an dem Ort, an den sie gehören. Wenn das tatsächlich vorhandene Aluminiumgestänge schief steht, der Ball also auch nach objektivster Wahrnehmung nicht, wie in den Regeln verlangt, "die Torlinie zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte vollständig überquert", weil das Tor sich zurücklehnt, ist das dem Hawk-Eye egal. Es verfälscht dabei nicht die Situation. Es mag formal einen Regelverstoß begehen, der aber nur den vorangegangenen Regelverstoß des Platzwarts korrigiert und das Tor virtuell wieder geradebiegt. Trotzdem wäre es zu früh, die Tore abzubauen - die Stürmer brauchen etwas, worauf sie zielen können, die Fans etwas, was sie auch ohne Blick auf die Anzeigetafel selbst sehen können - und virtuelle Flugbahnen des vom gedachten Pfosten abgeprallten Balls berechnet das System nicht.

Aber verabschieden wir uns an dieser Stelle wieder von solchen Spitzfindigkeiten. Gehen wir zunächst aus vom klassischen Traumtor, dem schönen harten Schuss in den Winkel. Jeder halbwegs aufmerksame Schiedsrichter braucht in dieser Situation keine Hilfsmittel. Die Vibration seiner Uhr, die das Signal "Tor!" empfangen hat (ebenso wie die Uhren aller weiteren Spieloffiziellen), kann er ignorieren. Trotzdem rappeln die Uhren auch in den eindeutigsten Fällen, sobald die Software erkennt, dass der Ball gemäß des Regelwerks im Tor ist. Je enger die Entscheidung ist, desto eher wird er sich auf seine Uhr verlassen wollen. Eine Animation aller knappen Entscheidungen - egal ob für oder gegen den Torerfolg - wird gleichzeitig produziert und für die Fernsehübertragung sowie die Videowand im Stadion zur Verfügung gestellt. Um größtmögliche Klarheit zu schaffen, sollen die Hochgeschwindigkeitskameras sogar in der Lage sein, alle Spieler, die im Weg herumstehen, einfach auszublenden.

Die Bundesliga hat sich lange gewehrt gegen solche Torlinientechnologie. Im März 2014 stimmten die 36 Profiklubs gegen eine Einführung: Nur neun Bundesligisten - darunter die Bayern, Leverkusen, Bremen, Gladbach, Hoffenheim und Mainz 05 - und sogar lediglich drei Zweitligisten wollten sich seinerzeit auf technische Hilfsmittel einlassen. Die erheblichen Kosten von rund 170.000 Euro pro Verein und pro Saison und ein gewisser Traditionalismus sprachen dagegen. Im vergangenen Dezember wurde erneut abgestimmt, diesmal waren nur noch drei Erstligaklubs dagegen. Ausschlaggebend dürfte das DFB-Pokalfinale der Saison 2013/14 gewesen sein: Das Spiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München ging mit 0:0 in die Verlängerung; die Bayern gewannen schließlich 2:0. Jedoch hatte ein Schuss von Dortmunds Mats Hummels in der 64. Minute wohl die Linie des Bayern-Tors vollständig überquert, ehe Dante den Ball wegschlug; die Schiedsrichter hatten nicht auf Tor entschieden.

Kaiserslautern, 20. Dezember 2005, die Mutter aller Grauzonen: Ferydoon Zandi schießt, die Latte wackelt, der Ball ist hinter der Linie oder vor der Linie oder keins davon oder eins davon oder beides. Das "Hawk-Eye" soll sich eindeutiger festlegen können als das menschliche Auge. Foto: imagoAuf wenige Millimeter genau würde das System arbeiten, verspricht der Hersteller. Nahezu absolute Präzision könnte eine Stärke sein; verloren geht dadurch freilich die gute alte Grauzone, das "Ich weiß es doch auch nicht genau", das "Assistent, was meinst Du dazu?", das "Im Zweifel für den Stürmer." Der Computer arbeitet binär, gibt nur absolute Antworten, wirft kein vages "Ich würde sagen, eher..." aus, sondern ausschließlich 1 und 0, "Drin!" und "Nicht drin!". Was das für den größten Grenzfall von allen bedeuten würde, den berühmten Elfmeter Ferydoon Zandis im Pokalspiel der 05er in Kaiserslautern vor knapp zehn Jahren, der ebenso drin war wie Schrödingers Katze lebendig, nämlich "gar nicht!" und "doch, natürlich!" gleichzeitig, lässt sich leider nicht mehr herausfinden.

Das erstmals 2001 im Cricket und im Tennis seit 2006 bei den Australian Open, in Wimbledon und bei den US Open eingesetzte "Hawk-Eye"-System geht im englischen Fußball bereits in die dritte Saison. In Deutschland wurde es zum diesjährigen DFB-Pokal-Endspiel eingeführt. Von der Weltmeisterschaft hingegen kennen wir es nicht; in Brasilien kam ein Konkurrenzprodukt zum Einsatz.

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite