Schon wieder so ein später Ausgleich

Christian Karn. Mainz.
Bis kurz vor Schluss sah es so aus, als würde der FSV Mainz 05 die Europa League erfolgreich beginnen. Das 1:0 gegen die AS Saint-Étienne täuschte jedoch nur oberflächlich, die Führung durch Niko Bungerts Kopfballtor war nicht stabil, der Fußball der Mainzer einfach nicht gut, nicht geeignet für dieses Niveau. Der Ausgleich fiel zwar erst in der 88. Minute, aber den Zweckpessimismus, um genau damit zu rechnen, haben die 05er ihrem Publikum inzwischen antrainiert. Eine Überraschung war's nicht, dass das Spiel mit einem unterm Strich enttäuschenden 1:1 endete.

FSV Mainz 05 - AS Saint-Étienne 1:1 (0:0)

Donnerstag, 15. September 2016, 20.275 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Bungert, Bussmann - Serdar (72. Frei), Gbamin - Clemens (84. Öztunali), Malli, de Blasis - Muto (69. Córdoba).
Reserve: Huth, Brosinski, Holtmann, Hack . Trainer: Schmidt.

AS Saint-Étienne: Moulin - Malcuit, Théophile-Catherine, Perrin, Pogba - Selnaes - Dabo (58. Tannane), Lemoine (67. Veretout) - Hamouma, Beric, Saivet (80. Söderlund).
Reserve: Guendouz, Lacroix, Pajot, Monnet-Paquet. Trainer: Galtier.

Schiedsrichter: Moen (Norwegen).

Tore: 1:0 Bungert (57., Malli), 1:1 Beric (88., Söderlund).

Gelbe Karten: Bungert, Donati.

Niko Bungerts zweites Europapokaltor hat dem FSV Mainz 05 nicht gereicht, um sein Auftaktspiel in der Europa League zu gewinnen. Gegen die bis dahin nicht allzu gefährliche AS Saint-Étienne kassierten die 05er zum dritten Mal in der jungen Saison ein spätes Ausgleichstor - und die Franzosen hätten in der Schlussphase sogar noch gewinnen können. Die 05er hatten allerdings bis auf die Phase von vielleicht zehn Minuten um Bungerts Kopfballtreffer in der 57. Minute herum viel zu wenig getan, um den Heimsieg auch gegen einen durchgerutschten Ball wie den vor Robert Berics 1:1 (87.) abzusichern. Ihr Spielaufbau war schlecht, der Mangel an ernsthaften Torchancen die zwangsläufige Folge, der Ausgleich spät, aber nicht unerwartet.

Ein bisschen rotieren lassen hatte Martin Schmidt seinen Kader. Leon Balogun fehlte wegen seiner Jochbeinverletzung komplett und machte damit den Platz in der Innenverteidigung frei für den Kapitän Niko Bungert. Suat Serdar kam für Fabian Frei ins defensive Mittelfeld, Christian Clemens für Levin Öztunali auf den rechten Flügel, Yoshinori Muto für Jhon Córdoba ins Sturmzentrum. Erstmals im Spieltagskader war Gerrit Holtmann. Nicht anwesend waren ganz schön viele Zuschauer; 20.275 Karten waren die 05er immerhin losgeworden, die von der UEFA verkleidete, umbenannte, gleichgeschaltete Irgendwas-Arena war trotzdem in vielen Bereichen so leer wie befürchtet. Laut war's trotzdem, auf beiden Seiten. Wer da war, war motiviert. Und einen Vorteil hatten die leeren Plätze: Als es nach 25 Minuten zu regnen begann, konnten sich die vorderen Reihen der Haupttribüne nach hinten evakuieren.

Den ersten Ansatz einer Torchance hatten die 05er. In der fünften Minute holte sich Pablo de Blasis auf dem linken Flügel den Ball, flankte auf Yunus Malli, ASSE-Kapitän Loic Perrin klärte zur Ecke. Zwei Minuten später zog Jean-Philippe Gbamin gradlinig durchs Zentrum - und spielte den Pass ins Leere. Trotzdem: Die in den ersten Minuten sehr passiven 05er kamen nach diesen Szenen nur kurzzeitig etwas besser ins Spiel. Martin Schmidt ärgerte sich, bekam Ärger mit seinem UEFA-Bewacher Magnus Lundberg, der genau hinsah, wo die Coaching Zone aufhörte.

Hinten passierte allerdings auch wenig. Bungerts Fehler in der 17. Minute machte Jonas Lössl locker vor Mittelstürmer Robert Beric wett, Florentin Pogbas Flanke in der 23. Minute landete oben auf dem Tor. Weitestgehend blockierten sich die beiden Teams gegenseitig. Sie stellten sich zu, sie bekämpften sich, sie belauerten sich kaum, brachten kein zusammenhängendes Passspiel auf den Platz, spielten wenig Fußball. Erst in der 25. Minute gab es eine ernsthafte Torchance, Pablo de Blasis' Schuss hätte wohl gepasst, wäre er nicht zur Ecke abgefälscht worden. Die war harmlos. Und in der 31. Minute hatte Lössl nach einer grenzwertigen Balleroberung von Rechtsverteidiger Kevin Malcuit gegen Romain Hamouma den ersten Ball zu halten. Der Schuss des Rechtsaußen hätte gefährlicher sein können, ebenso Henri Saivets Freistoß aus gut 20 Metern in der 41. Minute. Und am Eckball der Franzosen in der 42. Minute rutschten alle Mann vorbei. Am Aufregendsten war oft das andauernde, verbissene, auch mal hitzige Mittelfeldduell zwischen dem jungen Suat Serdar und dem Routinier Fabien Lemoine. Mit 0:0 ging es in die Halbzeit und ein gutes Spiel war es bis dahin nicht.

Niko Bungerts Kopfball bringt mal wieder die 05er in Führung. Aber die geht mal wieder in der Schlussphase verloren. Foto: imagoIn der 51. Minute hatte Christian Clemens die erste schöne Chance. Sein Aufsetzer aus 20 Metern war für den französischen Ersatztorwart Jessy Moulin schwer zu halten. Beim folgenden Eckball wollten manche Mainzer einen Handelfmeter, aber der meist großzügige, aber aufmerksame, gute Schiedsrichter Svein Oddvar Moen zeigte direkt an: Dafür nicht. Und fünf Minuten darauf wurde es endlich turbulent. Clemens lief weit seitlichm Strafraum auf Moulin durch, der musste viel riskieren und wischte ihm sauber den Ball weg. Es gab Ecke, vom Torwart weggeboxt, Nachschuss von Gaetan Bussmann aus dem rechten Rückraum, ein harter Strahl, den Moulin über die Latte brachte. Noch ein Eckball - und das Führungstor der 05er, ein Kopfball des Kapitäns, ein Kopfball am langen Pfosten - Niko Bungerts zweiter Europapokaltreffer für die 05er.

Bis zur 69. Minute brauchten die Franzosen, um gefährlich zu werden - und das schafften sie nicht alleine. Stefan Bell stoppte eine Flanke genau vor Berics Füße, stocherte aber zusammen mit Lössl den Ball wieder weg. Und die 05er brachten Jhon Córdoba für den tapfer rackernden Muto, kurz danach Fabian Frei für Serdar. Ihr Spiel wurde dadurch nicht besser.

Und die ASSE drückte noch einmal. Wäre beinahe zum Ausgleich gekommen: Ole Selnaes' Schuss wurde kapital abgefälscht, verfehlte das völlig offene kurze Eck - und offenbar war auch jemand abseits, es gab nicht mal Eckball (76.). Der Kopfball des eingewechselten Stürmers Alexander Söderlund in der 87. Minute ging übers Tor. Und Beric, der Torjäger, machte den Ausgleich, der sich trotz allem ein bisschen angedeutet hatte, den die 05er, deren Offensive seit der Führung nicht mehr viel bewirkt hatte, ein bisschen provoziert hatten. Söderlund legte einem langen Freistoß in den Strafraum, den Bell offenbar unterschätzte, zur Seite ab, das lange Eck war offen für den Slowenen (88.).

De Blasis regte sich fürchterlich auf, als der nächste Angriff der Franzosen irgendwie zur Ecke abgewehrt wurde. Der Argentinier war nicht glücklich mit der Passivität seiner Kollegen, die zum Teil irgendwie so wirkten, als würden sie das Spiel nur noch über sich ergehen lassen, die mit der Schlussoffensive der Gäste nicht gut umgingen, deren eigene Offensive gar nicht auf dem gebotenen Niveau existierte, die überhaupt keine Entlastung schafften. Die ASSE dagegen wollte noch gewinnen, machte weiter Druck, war mit einem glücklichen, spät erreichten Punkt noch lange nicht zufrieden. Bungert musste in der ersten Nachspielminute gegen zwei Mann retten und danach einen fürchterlichen Fehlpass von de Blasis, dessen Empfänger nicht mit dem Zuspiel gerechnet hatte, weggrätschen. Ein Eckball flutschte durch den Strafraum, die 05er hatten vor ihrem Kasten kaum noch etwas unter Kontrolle. Und kamen, wenn sie mal den Ball hatten, weiterhin nicht mehr vernünftig hinten heraus. Vielleicht war's am Ende sogar für die Gastgeber, die zum dritten Mal in dieser Saison spät führten und zum dritten Mal die Führung noch abgaben, ein glücklicher Punkt.

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