Schon gewusst...

Christian Karn. Mainz.
Die Bundesliga produziert immer wieder eine Flut an Daten, Zahlen, Statistiken und Geschichten; Belangloses und Weitreichendes. Auch wir von der nullfünfMixedZone halten alles fest, was uns merk-würdig erscheint und sammeln an jedem Spieltag alle möglichen interessanten Fakten, bemerkenswerten Personalien, kuriosen Kleinigkeiten, Rekorde und Jubiläen. Heute im Angebot: Die Effizienz des Rechtsaußen und die Ineffizienz der Comebacker.

...was der Achter kann?

Die Leute kommen ja manchmal auf Ideen. So wie die beiden Herren, die beim Heimspiel des FSV Mainz 05 gegen Werder Bremen vor gut zwei Wochen Levin Öztunali in einer 90-minütigen Schleife die Bundesligatauglichkeit absprechen wollten. Der könnte ja überhaupt nichts, wie könne man den nur aufstellen, gegen Augsburg habe er zwar das Tor, aber eigentlich könnte der ja überhaupt nichts, wie könne man den nur aufstellen, gegen Augsburg habe er zwar das Tor, aber eigentlich- etc. etc. Zugegeben: Gegen seinen Ex-Klub war der junge Rechtsaußen nicht gut. Es war keine Überraschung, dass die zweite Hälfte ohne Öztunali begann. Mit Pablo de Blasis wurde es in der Tat besser.

Jedoch reichen 45 Minuten nicht für eine abschließende Beurteilung. Beobachten wir Levin Mete Öztunali über die zehnfache Zeit, über 450 Minuten, die zimlich genau die Dauer seiner sechs Rückrunden-Einsätze sind, sehen wir vor allem: Tore.

Gegen Augsburg schloss Levin Öztunali einen der schönsten 05-Konter der jüngeren Vergangenheit mit dem 1:0 ab. Foto: imagoDer Konter gegen Borussia Dortmund: Abwurf von Jonas Lössl nach einem gefangenen Torschuss. Spielaufbau über links (Daniel Brosinski, Pablo de Blasis). Diagonalball von André Ramalho auf Öztunali. Hohe Flanke nah an den langen Pfosten, unerreichbar für jeden Verteidiger, nicht unerreichbar für Danny Latza. Kopfball, Ausgleich. 85. Minute: Balleroberung von Öztunali an der eigenen Eckfahne, aber im Konter kein Flankenempfänger anwesend für Giulio Donati. 92. Minute: Hail-Mary-Pass von Aaron Seydel, mehrere Sekunden lange Ballbehauptung von Öztunali gegen zwei Verteidiger und gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Zuspiel auf den nachgerückten de Blasis, Schuss knapp vorbei. Das hätten sogar zwei Scorerpunkte werden können für die Nummer 8.

Der Konter gegen den FC Augsburg: Balleroberung von Jairo am eigenen Strafraum, Foul. Vorteil, weil Öztunali übernimmt, Foul. Vorteil, weil Gbamin übernimmt, zwei Mainzer (der andere ist Jhon Córdoba) gegen zwei Augsburger, bald drei Mainzer gegen zwei Augsburger, weil Öztunali wieder in der Szene auftaucht. Hohe, hohe Flanke von Gbamin (ob sich die wiederholen ließe? Es hätte einfachere Lösungen gegeben, andererseits ist Schönheit Wahrheit und Wahrheit Schönheit, Sir), Kopfballablage in den offenen Raum, Kopfballtor Öztunali. Der noch einen Schlag vom Torwart abbekommt, der so gar nicht unabsichtlich aussieht, aber sei's drum. Mit dem Elfmeter zum 2:0 hatte der U21-Nationalspieler dagegen nichts zu tun.

Der Eckball in Leverkusen. Öztunali flankt, Bell drückt den Ball mit der Schulter ins Tor. Und der Freistoß in Leverkusen, von halblinks über alle Mann drüber, aufgedotzt, 2:0. Das wird nicht der Plan A gewesen sein, es hätte wohl eine Vorlage werden wollen. Plan B war aber eingebaut. Und wäre Öztunalis Flugkopfball in der 5. Minute ein bisschen weiter nach rechts gekommen - hätte es vielleicht den Freistoß nicht mehr gegeben. Oder es hätte nach elf Minuten sogar 3:0 gestanden.

Eine halbe Sekunde nach seinem Ballverlust hat Ricardo Rodríguez die einzige Möglichkeit, das 1:1 zu verhindern. Robin Knoche, Jeffrey Bruma und Koen Casteels werden es zwar auch noch versuchen, Levin Öztunali aufzuhalten, werden ihm damit aber lediglich zeigen, welcher Weg zum Tor der freie ist. Foto: imagoDer Konter schließlich gegen Wolfsburg: Balleroberung von Öztunali gegen den drittletzten Verteidiger. Sprint, kleiner Haken, um der Grätsche des vorletzten Verteidigers auszuweichen, Sprint, kleine Täuschung, damit der (fünf Meter entfernte) letzte Verteidiger eine Chance wittert, die es nicht gibt, und sich hinlegt. Immer wieder ein Blick nach links, immer das Wissen: der Córdoba ist da. Das fünfte Saisontor des Rechtsaußen wäre möglich gewesen, das lange Eck war kurz offen, der Querpass am Torwart vorbei auf den Kollegen (dessen Gegenspieler sich gerade hingelegt hatte) die noch sicherere Lösung.

Das macht in der Summe: Sechs Mainzer Rückrundentore. Zwei von Öztunali geschossen, drei vorbereitet. Außerdem beteiligt als Schütze oder Vorlagengeber: dreimal Córdoba, einmal Latza, einmal Jairo, einmal Bell.

Was lässt sich daraus zweifelsfrei ablesen? Dass Levin Öztunali in diesen Wochen der effektivste Mainzer Angreifer ist, an fünf von sechs Toren beteiligt war, an weiteren großen Chancen beteiligt war. Dass sein Durchhänger aus dem Herbst vorbei ist. Dass die Unterstellung mit der Bundesliga-Untauglichkeit Unfug war. Was lässt sich weiterhin ablesen? Dass die These, Öztunali sei in der 05-Offensive einer der schlauesten Spieler, weniger abwegig ist. Die Konter gegen Dortmund (auch der gescheiterte in der Nachspielzeit), Augsburg, Wolfsburg stützen den Eindruck aus den ersten Saisonspielen noch einmal, dass Öztunali kein Zocker ist, keiner, der auf gut Glück einfach mal was ausprobiert. Einer, der Situationen erkennt, der Situationen erkennen will. Der in die Zukunft sehen kann, was nichts mit Zeitmaschinen zu tun hat, sondern mit Mustererkennung, mit gutem Auge und schnellem Hirn - das eine erkennt im sich ständig durch die Bewegungen der Mit- und Gegenspieler verändernden Raum die Optionen, das andere erkennt, welche davon am sinnvollsten ist.

Die Aufgabe lautet: Diese Fähigkeiten und diese Effizienz auf Dauer stabilisieren. Denn auch diesmal sprechen wir vorsichtshalber erst einmal von einer guten Phase. Wenn aus 450 Minuten 900 geworden sind, sehen wir uns die Bilanz noch einmal an. Bis dahin ist die weitere Entwicklung des jungen Profis, der - seine 77 Bundesligaspiele täuschen darüber hinweg - morgen in einer Woche erst 21 Jahre alt wird, eine der spannendsten Geschichten in der Mannschaft von Mainz 05.
 

...wie die Comebacks der Ex-Mainzer ausgehen?

Seit 2009, seit dem Wiederaufstieg, hat der FSV Mainz 05 26 Spieler an andere Erstligaklubs abgegeben. Nicht alle gingen nach Schalke, mit Tim Hoogland, Lewis Holtby (war ausgeliehen), Christian Fuchs, Adam Szalai, Maxim Choupo-Moting und Johannes Geis nur ein knappes Viertel.

Eine Torchance hatte Yunus Malli beim Comeback in Mainz. Aber auch die lange Überzahl, als Danny Latza Materialprobleme hatte, reichte nicht für eine zweite vergleichbare Szene. Foto: VeyhelmannAls Erste, nämlich beim frühestmöglichen Debüt für den neuen Klub, spielten André Schürrle und Christian Clemens für ihren jeweiligen neuen Klub. Beide standen in der Startelf, beiden gelang nicht allzu viel. Yunus Malli, der nun als jüngster Abgang gegen die alten Kollegen spielte, hatte immerhin seine Torchance in der Anfangsphase. Dass er nicht getroffen hat, ist nicht ungewöhnlich: Lediglich Ja-Cheol Koo (acht Spiele nach seinem Wechsel) und Christian Fuchs (vier Spiele nach seinem Wechsel) schossen im ersten Spiel gegen Mainz 05 Tore, lediglich Maxim Choupo-Moting (zwei im 13. Spiel) und Johannes Geis (im vierten Spiel) bereiteten Treffer vor.

In der jeweiligen Startelf spielten neben Schürrle, Clemens und Malli, Fuchs, Choupo-Moting, Geis und Koo außerdem Markus Feulner, Lewis Holtby, Marco Caligiuri, Nicolai Müller, Júnior Díaz und Joo-Ho Park. 13 von 26, die Hälfte. Eingewechselt wurden Roman Neustädter, Chadli Amri, Eugen Polanski, Jan Kirchhoff und Dani Schahin. Fünf von 26. Auf der Bank blieben nur Jonas Hofmann und Julian Baumgartlinger; die restlichen sechs Mann (Tim Hoogland, Zoltán Stieber, Adam Szalai, Dario Kresic, Shawn Parker und Sami Allagui) waren nicht mal im Kader.

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