Schmidtsches Remis

Christian Karn. Wolfsburg.
Erst spielte der FSV Mainz 05 gut, aber ineffizient. Dann lag er nicht ganz ohne Vorgeschichte 0:1 zurück in einem Spiel, das weit weniger spektakulär war als die gewohnten Auswärtspartien der 05er beim VfL Wolfsburg. Doch zum Ende hin wurde es turbulent: Yoshinori Muto glich aus. Karim Onisiwo bekam einen Elfmeter gepfiffen, Daniel Brosinski diesen wieder abgenommen. Die Partie endete mit zehn gegen zehn - fürs Foul an Danny Latza, der nur noch als Statist auf dem Platz blieb, gab's Gelb-Rot gegen PG Ntep. Und am Ende für den ehemaligen 05-Trainer Martin Schmidt das dritte Unentschieden im dritten Spiel als VfL-Coach, für Sandro Schwarz das erste mit den 05-Profis.

VfL Wolfsburg - FSV Mainz 05 1:1 (0:0)

Samstag, 30. September 2017, 24.352 Zuschauer.

VfL Wolfsburg: Casteels - Verhaegh, Tisserand, Uduokhai, Itter - Guilavogui (80. Bazoer), Camacho - Blaszczykowski, Didavi (79. Ntep), Malli - Origi (84. Osimhen).
Reserve: Grün, Gerhardt, Knoche, Hinds. Trainer: Schmidt.

FSV Mainz 05: Adler - Donati, Bell, Diallo, Brosinski - Gbamin - Öztunali (84. Onisiwo), Frei (58. Maxim), Latza, de Blasis (68. Fischer) - Muto.
Reserve: Zentner, Balogun, Jairo, Kodro. Trainer: Schwarz.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen).

Tore: 1:0 Guilavogui (55., Didavi), 1:1 Muto (74., Öztunali).

Gelbe Karten: Guilavogui, Malli - Bell, Öztunali, Donati, Latza.

Gelb-Rote Karte: Ntep (90+2., wiederholtes Foulspiel).

Was dem FSV Mainz 05 die vergangene Saison so verhagelt hat, was Martin Schmidt womöglich den Job gekostet hat, waren neben den fünf Niederlagen am Stück in der Mitte der Rückrunde vor allem international die vielen Unentschieden, die vielen abgebenen Führungen. Schmidt ist nun Trainer in Wolfsburg, spielte zweimal Unentschieden, empfing nun den FSV Mainz 05, und vieles erkannte man wieder. Insbesondere: Die Führung seiner Mannschaft, die ein bisschen aus dem Nichts kam, die anschließende Behäbigkeit, den Ausgleich. Am Ende hatte der VfL sogar Glück, mit 1:1 davongekommen zu sein; in der 89. Minute hatte Daniel Brosinski bereits den Ball am Elfmeterpunkt, doch nach Intervention von Tobias Stieler, der vorige Woche erst den Videobeweis gebraucht hatte, um den 05ern den Siegtor-Elfmeter gegen Hertha zu geben, nahm Schiedsrichter Robert Hartmann die Entscheidung zurück, machte einen Freistoß daraus, hatte wohl Recht. Sorgen macht nun das Bein von Danny Latza, das nach einer harten Attacke von PG Ntep zunächst sogar gebrochen aussah. Das war offenbar nur eine optische Täuschung, hervorgerufen durch den vom Fuß getretenen Schuh, doch ging's dem Sechser in den letzten Sekunden deutlich sichtbar nicht mehr gut.

Das war das Ende der Partie. Begonnen hatte sie im kalten, aber schwülen Regenwetter Niedersachsens seitens des VfL doch mit dem angeschlagenen Daniel Didavi (der, wie sich im Verlauf der Partie herausstellte, noch nicht in Topform war), außerdem mit den jungen Verteidigern. Maximilian Arnold fehlte wegen Grippe. Sandro Schwarz zog aus der Dreierkette Jean-Philippe Gbamin ein Stück nach vorne als Sechser hinter Fabian Frei und Danny Latza, vorne spielten Levin Öztunali und Pablo de Blasis an den Seiten von Yoshinori Muto.

Während es auf den Tribünen erst einmal gegen den DFB ging, versuchten die 05er auf dem Platz, das Spiel schnell an sich zu reißen. Die erste Torannäherung jedoch ging völlig daneben - völlig drüber. Abdou Diallo war's in der vierten Minute nach einem Freistoß. Und auch der VfL wollte das Spiel machen, groß abwarten mochten beide Teams nicht, insbesondere der VfL nahm im Spielaufbau die komplette Abwehr weit in die gegnerische Hälfte mit. René Adler hatte mehr Ballkontakte als sein Gegenüber Koen Casteels - allerdings nicht Schüsse abwehrend, denn die gab es nicht, sondern Rückpässe und - sehr aufmerksam! - Wolfsburger Steilpässe einsammelnd.

Und so kam doch bald ein gewisser Stillstand ins Spiel. Durch das Wolfsburger Zentrum fanden die 05er keinen Weg, dem Flügelspiel fehlte die Präzision. Hinten hatten sie den Laden ebenso gut im Griff wie der VfL gegenüber. Den ersten guten Torschuss gab so nach 15 Minuten Danny Latza nach einem feinen Diagonalpass von Fabian Frei ab, aus der Distanz und etwas zu hoch. Fußballspiele haben wir schon aufregendere gesehen in Wolfsburg - beide Mannschaften allerdings spielten ernsthaft mit. Mit immer deutlicheren Vorteilen für Mainz in der ersten halben Stunde - natürlich auch eine Folge des wohlbekannten Martin-Schmidt-Fußballs.

So war es auch keine Überraschung, dass die 05er in Person von Yoshinori Muto nach einem feinen Steilpass die erste richtig dicke Chance hatte, fast zentral, ganz leicht nach links versetzt, auf den Torwart zulief, dessen Block nicht überwand (25.). Von solchen Aktionen war der VfL in der ersten halben Stunde meilenweit entfernt, in der 29. Minute schafften die Wolfsburger es gar, einen Eckball ohne großen Mainzer Druck über mehrere Stationen bis zu eigenen Torwart zurückzuspielen. Eher zufällig und aus spitzem Winkel hatte Joshua Guilavogui in der 30. Minute immerhin mal einen Torschuss im Strafraum, aber gefährlich für Adler war der nicht. Was den 05ern zu einem ausgezeichneten Auswärtsspiel fehlte, war lediglich eine Führung.

Umringt von drei Mann ist Yunus Malli in der Sackgasse gelandet. Auch das kennen die 05er noch von früheren Tagen. Foto: imagoUnd der Wolfsburger Druck stieg in der Schlussphase der ersten Hälfte. Stieg nicht stark, der VfL nahm immer noch oft den eigenen Torwart mit in die Aktionen, stieg aber stetig. Der Schwerpunkt des Spiels verschob sich zum Mainzer Strafraum hin, weil die Ballgewinne fehlten, die die 05er bis dahin überall hatten. Und Yunus Malli, der Ex-05er, der bis dahin kaum zu sehen war, ließ in der 39. Minute einen Volleyschuss los, der zwar auch das Tor deutlich verfehlte, aber im Ansatz und in der Entstehung eine richtige Torchance war. Zwei Stochereien vor Adlers Tor führten zu gar nichts - Fußballspiele haben wir in Wolfsburg schon aufregendere gesehen.

In der 52. Minute hatte auch Wolfsburg die dicke Chance. Ob Divock Origi sich mit fairen Mitteln gegen Stefan Bell durchgesetzt hat, ist dabei höchst fraglich, einen Treffer hätte der Fernsehmann sicher kassiert. Origi kam frei vor Adler zum Schuss - und traf das Tor nicht. In der nächsten Aktion aber kam das Führungstor der Wolfsburger, ein Kopfball von Guilavogui nach einer Ecke in der 55. Minute, diese wiederum ein Resultat aus einem Wolfsburger Freistoß, der laut Schiedsrichter-Assistent möglicherweise einer für Mainz hätte sein können - Michael Emmer konnte sich gegen seinen Chef Robert Hartmann nicht durchsetzen. Der Fernsehbeweis, ehe einer auf Ideen kommt, kommt in solchen Situationen grundsätzlich nicht zur Anwendung. Wenn Hartmann Augenblicke vor dem Handspiel das Foul am Wolfsburger gepfiffen hat, war's richtig. Und ein Grund, bei der Ecke nicht konsequent zu verteidigen, wäre es ohnehin nicht.

Ein Rückstand also beim VfL. Dass die 05er so etwas in Serie gedreht haben ist eine Weile her. Giulio Donati hatte schon in der 60. Minute die Ausgleichschance; von Uduokhai kapital abgefälscht ging der Schuss des Italieners nicht weit am Pfosten vorbei. Es war der Auftakt einer zwar nicht allzu druckvollen, aber doch erkennbaren Offensivphase der 05er, die Sandro Schwarz mit den Einwechslungen von Alexandru Maxim (für Frei) und Viktor Fischer (für Pablo de Blasis, der sich doch zu oft verzettelt hatte) zusätzlich befeuerte. Was bei allem Aufwand zu sehr fehlte, waren die Torschüsse. Auch den nächsten hatte Donati, diesmal aufs Tor, aber zu schwach, um Casteels ernsthaft zu fordern. Den Strafraum an sich erreichten die 05er immer wieder, aber sie fanden nicht hinein. Die Abwehr stand zu stabil, die Lücken waren nicht da, die Pässe waren nicht präzise. Bis der VfL einmal nicht rechtzeitig in die Defensive kam, Öztunali nur scheinbar den Platz nicht nutzte, kurz verzögerte und eine traumhafte kurze Flanke an den Elfmeterpunkt schlug. Dort kam Muto für Verhaegh aus dem Nichts, setzte einen gefühlvollen Kopfballheber aufs Eck - 1:1 in der 74. Minute, ein wirklich schönes Tor, eins für die Ästheten im Publikum.

Guilavogui, der Wolfsburger Torschütze, war inzwischen deutlich angezählt, Zentimeter von Gelb-Rot entfernt, gerettet wohl nur durch die Vorteilsregel, und Zentimeter entfernt ebenso wie Muto vom Führungstor in der 78. Minute - nach einem Querpass von Maxim ging gerade noch ein Verteidiger dazwischen. Inzwischen war's doch aufregend, das Spiel. Sein Ausgang, zehn Minuten vor Schluss? Völlig offen. Vorteile für Mainz, weiterhin, aber bei aller Souveränität in den allermeisten Defensivaktionen nichts wirklich Stabiles, nichts absolut Verlässliches.

Yunus Malli hatte in der 85. Minute den ruhenden Ball da, wo er ihn haben will. Ein paar Meter vor dem Strafraum, ein bisschen nach links herausgerückt. Freistoß auf den kurzen Pfosten, am kurzen Pfosten vorbei ins Aus. Nichts passiert. Eine flache Flanke von PG Ntep rutschte abgefälscht aufs kurze Eck, Adler musste weit an den Pfosten, hielt - nichts passiert. Sekunden später leistete sich der eingewechselte Wolfsburger eine nahezu fatale Dummheit: Foul an Karim Onisiwo, völlig unnötiges Foul auf der Strafraumlinie, mehr oder weniger. Robert Hartmann pfiff Elfmeter, nahm ihn nach Zusammenarbeit mit dem Video-Mann Tobias Stieler die Entscheidung zurück, machte einen Freistoß daraus. Richtig oder falsch? Stieler, vorige Woche im 05-Heimspiel gegen Hertha noch selbst auf dem Platz, hatte für seine Elfmeterentscheidung gegen Karim Rekik selbst noch einmal auf den Bildschirm gesehen, Hartmann nahm diese Chance nicht wahr. Selbst im Fernsehbild war es jedoch nicht absolut eindeutig zu erkennen, tendenziell hatte Stieler wohl Recht. Und der Freistoß ging abgefälscht ins Außennetz.

Für ein heftiges Foul an Latza, der schwer humpelte in den letzten Sekunden, als ihm der Joker mit einer Hochgeschwindigkeitsgrätsche auf den Schuh gestiegen war, sah Ntep in der Nachspielzeit noch Gelb-Rot. Trotzdem ging es mit zehn gegen zehn Spielern weiter - Latza stand schnell wieder, probierte es eine halbe Minute, kapitulierte dann zunächst, hielt doch durch, als ihm klar wurde, dass Sandro Schwarz schon dreimal gewechselt hatte, aber mehr als eine Statistenrolle war es nicht mehr für den Sechser.

Bleibt letztlich festzuhalten: Am Ende sind sie doch ganz schön aufregend, die Spiele in Wolfsburg. Und wo Martin Schmidt ist, sind Unentschieden oft nicht fern, kommt es immer wieder vor, dass Mannschaften ihre Partien nicht konsequent zu Ende spielen.

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