Schalker Tendenzen

Christian Karn. Mainz.
Man redet ja so gern über 100-Tage-Bilanzen. 111 Tage ist die neue Saison alt, nur 63 Tage jedoch die erste Partie der Bundesliga-Spielzeit 2017/18. Es ist zu früh, um sich festzulegen. Aber es gibt Tendenzen. Auf Schalke deuten sie an, dass die vergangene Saison ein Ausrutscher gewesen sein könnte, dieses Jahr wieder mehr drin sein könnte als das obere Ende der unteren Tabellenhälfte. Sie deuten an, dass Christian Heidel im zweiten Versuch die vor einem Jahr bereits versprochene Kontinuität schaffen könnte. Sie deuten an, dass die Schalker der wachsenden Reihe aufregender junger Franzosen in der Bundesliga einen hochinteressanten Spieler hinzugefügt haben könnten.

Es ist zu früh, um sich festzulegen. Es gibt jedoch Tendenzen, die zeigen: 2016/17 war ein Ausrutscher für den FC Schalke 04. Viermal haben es die Gelsenkirchener in der vergangenen Saison nur in die obere Tabellenhälfte geschafft, im Herbst waren sie zweimal Achter, im Frühjahr zweimal Neunter, am Ende Zehnter. Das hing natürlich mit einem schwer missratenen Saisonstart zusammen, mit den fünf Auftaktniederlagen gegen Eintracht Frankfurt (0:1), Bayern München (0:2), Hertha BSC (0:2), den 1. FC Köln (1:3) und die TSG Hoffenheim (1:2) - mit fünf Siegen und zwei Unentschieden aus den folgenden sieben Partien, darunter ein 3:0 gegen Mainz 05, zogen sich die Schalker zwar früh aus dem Abstiegskampf, aber die Ambitionen waren da schon ruiniert. Verletzungen, Formkrisen, die Andeutung des bevorstehenden Karriereendes des langjährigen Torjägers Klaas-Jan Huntelaar, möglicherweise wirklich eine weitreichende Fehlentscheidung kosteten ein gutes Saisonergebnis.

Kontinuität hat Christian Heidel beim Antritt auf Schalke versprochen. Im ersten Jahr gab es die noch nicht.Es war die erste Saison des neuen Sportvorstands Christian Heidel. Der hatte noch von Mainz aus in einer durchaus nicht ganz alltäglichen Doppelrolle Markus Weinzierl vom FC Augsburg als neuen Trainer abgeworben, soll eine Ablöse von vier Millionen gezahlt haben, wurde mit ihm aber nicht glücklich. Ein taktisches Konzept erkenne er nicht, sagte Heidel gegen Saisonende. Das interne Klima auf Schalke muss verheerend gewesen sein. Jewhen Konopljanka, der teure und im ersten Jahr letztlich gescheiterte ukrainische Offensivspieler, ließ die Situation mit einem heftigen Angriff auf seinen Trainer eskalieren, nahm dessen Rauswurf damit vorweg. Anfang Juni, zwei Wochen nach einem Krisengespräch in Mainz zwischen Heidel und Weinzierl verlor der Trainer seinen Job.

Die Kontinuität, die Heidel ein Jahr vorher beim Dienstantritt auf Schalke versprochen hatte, war damit schon gebrochen. Ein Widerspruch muss das freilich nicht sein: In Mainz hatte der Sportchef Jürgen Klopp siebeneinhalb Jahre auch durch schwerere Krisen und einen Abstieg arbeiten lassen, hätte ihn wohl auch länger behalten, hätte Klopp nicht höhere Ziele gehabt. Thomas Tuchel war fünf Jahre lang Cheftrainer der 05er, und wieder war's nicht der Verein, sondern der Trainer, von dem am Ende die Trennung ausging. Dazwischen freilich hatte Heidel Jörn Andersen nach nur einem Jahr wieder fortgeschickt, durchaus nicht im Misserfolg, sondern nach dem Aufstieg, wenige Tage vor dem Bundesliga-Comeback der 05er. Und Kasper Hjulmand, aktuell dänischer Tabellenführer mit dem FC Nordsjaelland, bekam als Tuchels Nachfolger gar nur 21 Bundesligaspiele. Eine derartige Kompromisslosigkeit, vielleicht sogar Rücksichtslosigkeit, wenn sein Masterplan in Gefahr scheint, zeichnet Heidel ebenso aus wie die Kontinuität, wenn's läuft; hinter der Fassade des jovialen Plauderers steht durchaus ein Machtmensch, der zeigt, wer der Chef ist, wer der Stratege ist, wer die Entscheidungen trifft. In Mainz war das auch nicht Harald Strutz mit seinen Vizepräsidenten, nur so konnte sich das Machtvakuum nach Heidels überstürztem Abschied bilden, in das Rouven Schröder erst hineinwachsen musste.

Auf Schalke wird sich nun zeigen, ob es im zweiten Anlauf besser wird. Auf den ersten Blick sieht's gut aus - zumindest besser als vor einem Jahr. Nach dem 2:0 im Pokal beim BFC Dynamo kam Schalke mit einem durchaus beachtlichen 2:0 gegen Leipzig in die Saison. Dem überraschenden 0:1 in Hannover folgten Siege gegen den VfB Stuttgart (3:1) und Werder Bremen (2:1), man ist versucht, beides "Pflichtsieg" zu nennen. Das 0:3 gegen die Bayern und das 0:2 in Hoffenheim zeigten, dass es für die Spitze auch in diesem Jahr eher nicht reichen wird, das 1:1 gegen Leverkusen und das 2:0 in Berlin wiederum deuteten an, dass die Schalker ihren Platz direkt hinter der Spitzengruppe finden könnten. Sechster sind sie aktuell. Ein 5:0 heute abend gegen den FSV Mainz 05 würde sie über Nacht auf den dritten Platz führen, ein 1:0 würde reichen, wenn die Konkurrenz anschließend hoch genug verliert. Ein 0:2 heute abend würde sie in der Tabelle hinter die 05er bringen.

Der junge Dribbler Amine Harit und der junge Trainer Domenico Tedesco sollen dazu beitragen, dass es ab dem zweiten Jahr besser läuft. Fotos: imagoEs ist zu früh, um sich festzulegen, aber schon jetzt sieht es so aus, als sei der Trainerwechsel keine so schlechte Idee gewesen. Domenico Tedesco, mit 32 Jahren und einem Monat jünger als sein Abwehrchef, hat sich nicht zuletzt durch einen mutwillig vom Zaun gebrochenen und gewonnenen Machtkampf Respekt verschafft: Keinen Geringeren als den Ur-Schalker, Kapitän und Weltmeister Benedikt Höwedes sägte der Trainer in seinen ersten Wochen auf Schalke ab; der populäre Verteidiger wechselte mit schlechter Laune zu Juventus Turin. Der gebürtige Süditaliener Tedesco, der schon als kleines Kind nach Deutschland kam und als Aktiver nur im unterklassigen schwäbischen Amateurfußball spielte, stieg in den vergangenen Jahren beim VfB Stuttgart und der TSG Hoffenheim bis in die Rolle des U19-Bundesligatrainers auf, wurde im März Nachfolger von Pawel Dotschew bei den Zweitliga-Abstiegskämpfern von Erzgebirge Aue, die er mit sechs Siegen in elf Spielen in der Liga hielt. Beim 2016er-Fußballlehrerkurs (unter anderem mit seinem Hoffenheimer Kollegen Julian Nagelsmann und dem Werder-Trainer Alexander Nouri) war Tedesco Jahrgangsbester.

Aus seinem Kader hat der Trainer schnell eine funktionierende Mannschaft gebaut. Immerhin war Höwedes nicht der einzige Abgang: Huntelaar, der in die Jahre gekommene, zuletzt nicht mehr allzu torgefährliche Mittelstürmer, ist gegangen, hatte allerdings seinen Stammplatz schon verloren. Der Linksverteidiger ist gegangen: Sead Kolasinac spielt jetzt für Arsenal und ist ein Verlust. Maxim Choupo-Moting, kein echter Stammspieler, aber doch einer mit vielen Einsätzen, wechselte zu Stoke City, Johannes Geis, der in der Hinrunde noch wichtig war, zum Sevilla FC - damit sind die einst vielen Ex-05er alle weg. Geld nahm Heidel damit kaum ein, das Meiste der sieben Millionen Euro, die die Schalker an Ablöse kassierten, sind die Leihgebühren für Höwedes und Geis. Die Ausgaben sind wesentlich höher. Der Verteidiger Pablo Insua (Deportivo La Coruña, 3,5 Millionen) wartet noch auf sein Debüt, ist nicht fit. Bastian Oczipka, der neue Linksverteidiger, kam für 4,5 Millionen aus Frankfurt. Konopljanka und Nabil Bentaleb waren beide bisher ausgeliehen, wurden für insgesamt gut 30 Millionen von Tottenham und Sevilla fest verpflichtet. Der interessanteste Neue aber ist der marokkanische Nationalspieler Amine Harit. Der im Großraum Paris geborene und ausgebildete 20-Jährige kam für acht bis zehn Millionen vom FC Nantes und ist bereits Stammspieler. Der flinke Dribbler auf der rechten Seite ist auch noch nicht lang genug da, um ernsthaft beurteilt zu werden. Aber schon jetzt sieht es so aus, als würde er die Reihe aufregender junger Franzosen in der Bundesliga, die nicht erst mit Kingsley Coman begonnen hat, in der auch Jean-Philippe Gbamin und Abdou Diallo stehen, die mit Ousmane Dembélé (teuerster Verkauf) und Corentin Tolisso (teuerster Einkauf) zwei Bundesligarekorde aufgestellt hat, mindestens verlängern, als könnte er, wenn Schalke ihn lange genug halten kann, ein großer Bundesligaspieler werden.

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