Rheinhessensamba

Christian Karn. Mainz.
Innovative Trainer sind inzwischen ein Markenzeichen von Mainz 05. Sei es die Abseitsfalle von Horst-Dieter Strich, der Überfallfußball von Robert Jung, das 4-4-2 von Wolfgang Frank, das Pressing von Jürgen Klopp, die Flexibilität von Thomas Tuchel - oder der brasilianische Fußball, den Heinz Baas in den frühen 1960ern spielen ließ. In einer neuen Folge der Serie "Geschichten von früher" stellt die nullfünfMixedZone einen Trainer vor, der den FSV Mainz 05 vor einem halben Jahrhundert trotz größter Schwierigkeiten zu einem der modernsten Vereine im Südwesten machte und für den Zuschauerrekord am Bruchweg mitverantwortlich ist.

Eine gewisse Tristesse herrschte in den späten 1950ern beim FSV Mainz 05. Das hing zusammen mit ein paar Fehlentscheidungen in der Kaderplanung, mit Verletzungsproblemen, mit den Transferregeln jener Zeit. Eigentlich hätte die in die Jahre gekommene und nicht auf allen Positionen gut besetzte Mannschaft eine Runderneuerung vertragen. Der DFB erlaubte damals aber nur die Verpflichtung von drei Spielern aus Vertragsligen pro Saison. Und Geld war sowieso nicht da.

Heinz Baas, der zur Saison 1959/60 Josef Kretschmann als 05-Trainer ablöste, hatte daher keine leichte Aufgabe. Große Erfahrungen ohnehin nicht. Der ehemalige Torjäger von Eintracht Frankfurt und den Offenbacher Kickers, mit denen er 1950 Deutscher Vizemeister war, hatte zuvor nur unterklassige Vereine trainert. Olympia Lorsch hatte er 1955 in die viertklassige Landesliga Hessen gebracht, mit Olympia Lampertheim war er ein Jahr später in die dritte Liga abgestiegen. Nun, mit 37 Jahren, wechselte er in die Oberliga, damals die höchste Spielklasse. Das war für beide Beteiligten ein Glücksfall. Für den Rheinländer Baas begann eine 20 Jahre anhaltende Trainerkarriere im hochklassigen Fußball. Und die 05er bekamen einen jungen, innovativen Übungsleiter, der große Lust darauf hatte, sich einen Namen zu machen.

Heinz Baas, der bis dahin nur unterklassige Teams trainiert hatte, übernahm den FSV Mainz 05 zur Saison 1959/60. Foto: privatInnovation war etwas, was im deutschen Fußball jener Jahre kaum stattfand. Die meisten Mannschaften spielten immer noch im alten WM-System, das Herbert Chapman bereits 1925 als Reaktion auf eine veränderte Abseitsregel beim FC Arsenal eingeführt hatte: Auf dem Papier war das ein 2-3-5, in Wirklichkeit jedoch ein 3-4-3 mit zwei offensiven (die Halbstürmer) und zwei defensiven Mittelfeldspielern (die Außenläufer) und Manndeckung auf allen Positionen. Auf der Taktiktafel waren die Feldspieler in der Offensive wie ein W, in der Defensive wie ein M angeordnet; mit Weltmeisterschaften hat der Name also nichts zu tun. Die 05er waren von dieser Formation bisweilen abgewichen und hatten ein sogenanntes Doppelstopper-System gespielt. Mauerfußball, bei dem ein Verteidiger pro Forma als Mittelstürmer aufgestellt wurde, aber den Auftrag bekam, die eigene Hälfte nicht zu verlassen.

Baas aber hatte mitbekommen, welcher unerhörte Fußball seit einiger Zeit in Südamerika gespielt wurde. Dort hatte Flávio Costa, der Trainer von Flamengo Rio de Janeiro, bereits 1941 seine ganz eigene Variante des WM-Systems, den "Diagonal" eingeführt; aus dem Quadrat im Mittelfeld wurde eine Raute. Einer der defensiven Mittelfeldspieler rückte in die Abwehr ein, einer der beiden Offensiven ließ sich zurückfallen, um die Räume nicht zu groß werden zu lassen. Nach der nationalen Katastrophe bei der Weltmeisterschaft 1950, bei der Costa, inzwischen Nationaltrainer Brasiliens, nach schwacher Vorbereitung doch wieder aufs alte WM-System zurückgegriffen und das Quasi-Endspiel gegen die mit einer Doppelstopper-Variante angetretenen Uruguayer verloren hatte, setzte sich der Diagonal durch - und wurde bald weiterentwickelt zu etwas, das auf dem Papier ein 4-2-4 war, tatsächlich bei Ballbesitz ein 3-3-4 und gegen den Ball ein 4-3-3: Entweder ein Verteidiger oder ein Angreifer ergänzte immer das Mittelfeld. Und diesen Fußball schaute sich Heinz Baas bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden ab.

Baas opferte also einen Halbstürmer, um als Absicherung hinter dem defensiven M einen weiteren Verteidiger zu haben, den Stopper, eine Frühform des Liberos, einen Verteidiger ohne direkten Gegenspieler. Überzahl hinten. Und Überzahl vorne, weil nicht nur der zweite Halbstürmer, sondern auch die beiden Außenläufer sich bei Ballbesitz intensiver als zuvor in die Angriffe einschalten sollten. Mit diesem flexiblen, elastischen System, das geradezu explosiv aus einer massiven Abwehr umschalten und kontern konnte, verschafften sich die 05er gegenüber vielen Konkurrenten, die sich erst deutlich später vom starren WM-System trennten, einen Vorteil.

Die 05er der Saison 1960/61: Hinten von links Manfred Lomp, Erich Bäumler, Dezsö Orban, Manfred Zimmer, Manfred Böhm, Horst Schuch, Norbert Liebeck, Gerd Kremmer, Trainer Heinz Baas. Vorne v.l.: Ali Rahmoun, Helmut Müllges, Otto Schedler, Manfred Nehren, Peter Richter. Es fehlen: Willi Jakobi, Uli Muhl, Gerhard Natale, Alfred Neunecker, Winfried Nothnik, Uli Rother, Werner Sommer und Carlo Storck. Foto: privatDer jedoch selten wirklich griff, weil der 05-Kader weiterhin nicht allzu gut aufgestellt war. Immerhin hatte mit dem 30-jährigen Verteidiger Alfred Höfer, der dem Fußball als Schiedsrichter treu blieb, nur ein Stammspieler den Verein verlassen. Andererseits waren die beiden Neuzugänge aus Offenbach, Torwart Gerhard Natale und Mittelfeldspieler Heinrich Schaum, langfristig keine Verstärkungen. Die entscheidenden Verstärkungen kamen aus dem eigenen Nachwuchs: Der Verteidiger Helmut Müllges etablierte sich sofort in der Startelf und war ein Jahrzehnt lang ein wichtiger Leistungsträger. Manfred Zimmer, Manfred Nehren und Horst Schuch brauchten eine gewisse Anlaufzeit, wurden aber ebenfalls langjährige Stammspieler.

Nach einer sportlich eher enttäuschenden Saison nahm Baas 1960 den zweiten Umbruch vor. Diesmal hatten die 05er die Möglichkeit, den Kader umzubauen. Neben dem jungen Mittelstürmer Lothar Buchmann, der später als Trainer eine große Karriere machen und 1981 mit Eintracht Frankfurt den DFB-Pokal gewinnen sollte, gingen einige ältere Spieler. "Der von uns vollzogene radikale Schnitt hat viele überrascht. Wir haben uns von allen getrennt, die nicht mehr tragbar waren. Statt 20 Spielern stehen nunmehr nur noch 14 unter Vertrag, auf die wir uns aber verlassen können", sagte 05-Präsident Emil Enderle. Einer davon: Der ehemalige Nationalspieler Erich Bäumler. Zwar hatten die 05er immer noch keine oberligataugliche Offensive - nur der Ludwigshafener SC traf 1960/61 noch seltener - aber Vorstopper Carlo Storck, der sich in den folgenden Jahren zu einem der ganz großen 05-Spieler entwickelte, die Manndecker Ulrich Rother und Helmut Müllges sowie der Stopper Norbert Liebeck, der heute noch Beiratsmitglied der 05er ist, bildeten eine stabile Defensive, mit der Mainz 05 die Saison auf dem fünften Platz beendeten - zwar mit deutlichem Abstand auf den enttäuschenden 1. FC Kaiserslautern auf Platz vier, aber höher als in jeder anderen Oberligasaison.

Gegen den großen 1. FC Saarbrücken gelang 1963 ein ungeheuer wichtiger Sieg im Abstiegskampf. Ulrich Rother, Norbert Liebeck, Manfred Zimmer, Winfried Nothnik, Erwin Bader und Helmut Müllges (von links) freuen sich mit Linksaußen Vincenz Fuchs (in Baders Armen) über dessen Siegtreffer in der 88. Minute. Gerade mal zwei Minuten vorher hatte Zimmer die FCS-Führung ausgeglichen. Foto: privatWiederholen konnte Baas dieses Ergebnis nicht, weil ihm das Mittelfeld verloren ging. Mangels Geld konnten die 05er 1961 keinen einzigen Vertragsspieler holen. Und beide Ausländer verließen die Mannschaft: Der ungarische Handlungsreisende Dezsö Orban wurde nach Spanien versetzt, der syrische Student Ali Rahmoun musste sich um sein Vordiplom kümmern. Die Abwehr blieb stabil, die Offensive war kaum vorhanden. 1963 war Mainz 05 nur noch Zwölfter.

In jenem Sommer begann eine neue Ära im deutschen Fußball: Die Bundesliga wurde eingeführt! Für die meisten Südwestklubs bedeutete das im Grunde gar nichts. Der FCK und der 1. FC Saarbrücken waren nicht mehr dabei, aber der Rest machte eine Ebene tiefer einfach weiter wie gehabt. Die Überraschungsmannschaft der Regionalliga Südwest: Mainz 05. Das hing mit zwei neuen Mittelfeldspielern zusammen: Der lauf- und kopfballstarke Günther Dutiné aus Aschaffenburg und der geschickte Spielmacher Kurt Sauer aus Marburg waren die perfekten Spieler für Baas' Fußball. Abgesichert von Carlo Storck oder Manfred Zimmer waren die beiden an etlichen Toren beteiligt. Die Spitzen Manfred Nehren, Erwin Bader und Vincenz Fuchs trafen zusammen 52 Mal in 38 Spielen.

1964/65 folgte der Höhepunkt der Ära Baas. Der Verteidiger Toni Burghardt war der einzige namhafte Abgang. Der kompromisslose Verteidiger Heinz Wassermann von Rot-Weiss Essen, der schnelle Außenstürmer Ulrich Meyer von Eintracht Bad Kreuznach und der talentierte Mittelstürmer Charly Tripp vom VfL Marburg vervollständigten die Mannschaft um Torwart Kurt Planitzer, Stopper Liebeck, die Verteidiger Storck, Müllges und Horst Schuch, die Mittelfeldspieler Dutiné (der mit zwölf Treffern zum Torjäger wurde), Sauer und Zimmer sowie die Stürmer Nehren und Fuchs. In der Liga fehlte zwar eine gewisse Konstanz, die 05er waren nie länger als drei Spiele ungeschlagen, aber auch nie länger sieglos, aber im DFB-Pokal sorgten sie für großes Aufsehen.

Pfostenbruch im Pokalspiel: Kurz vor Schluss hat der der Bremer Max Lorenz das 05-Tor zu Fall gebracht. Kurt Planitzer (ganz links), Vincenz Fuchs, Gerhard Zebrowski, Manfred Zimemr (von rechts) und Horst Schuch (im Hintergrund) betrachten das Malheur, während Norbert Liebeck, Kurt Sauer, Helmut Müllges, Lorenz selbst, der Siegtorschütze Ulrich Meyer und Charly Tripp (neben Planitzer von links) unter der Aufsicht von Schiedsrichter Fritz Seiler das Tor flicken. Foto: privat

Die Mainzer Pokalhelden des Frühjahrs 1965: Hinten v.l.: Der Siegtorschütze gegen Werder Bremen, Rechtaußen Ulrich Meyer, der Siegtorschütze gegen München 1860, Mittelstürmer Charly Tripp, Mittelfeldmann Manfred Zimmer, Spielmacher Kurt Sauer, Linkaußen Vincenz Fuchs. Mitte v.l.: Trainer Heinz Baas, Dauerläufer Günther Dutiné, Vorstopper Carlo Storck, Stopper Norbert Liebeck. Vorne v.l.: Manndecker Helmut Müllges, Torwart Kurt Planitzer, Manndecker Heinz Wassermann. Foto: privatDas begann in der ersten Hauptrunde. Ulrich Meyers Tor in der 56. Minute reichte zum 1:0-Sieg über die Spitzenmannschaft Werder Bremen, die in jener Saison Deutscher Meister wurde. Dabei hatten die 05er Glück: Kurz vor Schluss brachte der Bremer Max Lorenz das Mainzer Tor zu Fall, aber die Spieler konnten das Gehäuse selbst reparieren. Andernfalls hätte der Spielabbruch gedroht. Im Achtelfinale verspielten die 05er zuhause eine 2:0-Führung gegen den Pokal-Titelverteidiger TSV München 1860. "Atom-Otto" Luttrop rettete die 60er in der 86. Minute ins Wiederholungsspiel. Im verschneiten München sahen 500 mit Sonderzug und Charterflugzeug angereiste Mainzer nach einem Ballverlust des Münchner Torwarts Petar Radenkovic weit vor dem Tor das frühe 1:0 durch Vincenz Fuchs und nach dem baldigen Ausgleich durch den Löwen-Torjäger Rudi Brunnenmeier das Siegtor durch Charly Tripp in der 85. Minute. Im Viertelfinale kam der damalige Rekordmeister 1. FC Nürnberg nach Mainz. Der "Club" ließ den 05ern beim 3:0-Sieg keine Chance. Dank einer Zusatztribüne konnten 24.000 Zuschauer das Spiel verfolgen - erst als 2004 nach dem Bundesligaaufstieg tausende Fans von der Straße ins Stadion stürmten, waren mehr Menschen am Bruchweg.

1965/66 waren die 05er eine Spitzenmannschaft in der Regionalliga. Zwei Punkte (und 22 Tore) fehlten am Ende nur zur Bundesliga-Aufstiegsrunde, was auch mit dem neuen Spielmacher Horst Hülß zusammenhing. Baas hatte nun eine ungeheuer stabile Mannschaft, in der Torwart Planitzer, Innenverteidiger Gerhard Görlach, Manndecker Heinz Wassermann, Spielmacher Kurt Sauer und Mittelstürmer Charly Tripp (24 Saisontore) alle 30 Spiele absolvierten, Dutiné und Hülß nur einmal fehlten, Nehren und Müllges nur fünfmal. Lediglich auf der Stopper-Position, wo Storck wegen langwierigen Leistenproblemen die Vorrunde verpasste, und linksaußen, wo die 05er nach dem Wechsel von Fuchs zum Bundesligisten Meidericher SV keinen adäquaten Nachfolger fanden, musste Baas rotieren lassen.

Am Saisonende war Heinz Baas plötzlich kein 05er mehr. Wie jedes Jahr hatte er im Februar seinen Vertrag fristgerecht gekündigt. Normalerweise gab es anschließend neue Verhandlungen und einen neuen Vertrag. Diesmal nicht: Der Vorstand akzeptierte die Kündigung kurzerhand, Baas' Amtszeit war im Sommer vorbei. Die Mannschaft schrieb einen offenen Brief, um ihrem beliebten Trainer zu einem neuen Vertrag zu verhelfen, und auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, bei der Maas für seine Erörterungen langanhaltenden Applaus bekam, wäre der Vorstand beinahe gestürzt worden. Der Vorwurf lautete, das Präsidium hätte die Chance genutzt, den teuren Trainer elegant loszuwerden. Erst nach stundenlangen Debatten wurde der aussichtsreiche Abwahlantrag zurückgezogen.

Baas hatte binnen sieben Jahren den FSV Mainz 05 grundlegend modernisiert. Die Dauer seiner Amtszeit wurde erst 40 Jahre später von Jürgen Klopp übertroffen.

 

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