Reise nach Wolfsburg in 80 Stunden

Christian Karn
Wolfsburg, sagen manche Leute, sei eine Reise wert - erst recht dann, wenn man das Auswärtsspiel der 05er mit einem Besuch bei Freunden im höchsten Norden des Landes verbinden kann. Welch ein Fiasko sich jedoch daraus entwickeln kann, ließ sich nicht absehen. Die Deutsche Bahn trifft dabei die geringste Schuld: Dass der ICE mal wieder nicht in Wolfsburg hielt, war ausnahmsweise kein Versehen, sondern unschöne Notwendigkeit. Kollege Schneider hat's als einer der Letzten geschafft und war pünktlich. Andere kamen mit erheblicher Verspätung ins Stadion - oder auch gar nicht. Lesen Sie hier die Chronik einer turbulenten Odyssee - von Nachahmung wird abgeraten.

Im vergangenen Blogbeitrag haben die Leser der nullfünfMixedZone die lateinamerikanischen Freunde in Schleswig kennengelernt. Dieses kleine Städtchen in Schleswig-Holstein liegt zwar noch einige Zugstunden weiter entfernt, aber das Sonntagsspiel der 05er beim VfL Wolfsburg bot sich einfach an als Zwischenstopp auf der Rückreise vom spontanen Wochenendbesuch an der schönen Schlei. Frage beim Fahrkartenkauf am Hauptbahnhof: "Besteht die Gefahr, dass wieder irgendwer streikt?" Antwort: "Nicht in den nächsten sieben Tagen." Also los!

Sechs Stunden sind's von Mainz nach Schleswig. 600 Kilometer. Nach hundert Metern das erste Warnzeichen: In der Petersstraße auf Höhe des Allianzhauses läuft zum ersten Mal mein Drei-Liter-Federweißer-Kanister aus, den ich als Gastgeschenk mitschleppe. Fortan rieche ich wie ein Winzer - herzlichen Dank an den Herrn Vizepräsidenten Arens und seinen Salon, in dem ich mir wenigstens die Klebfinger waschen kann. Diese Havarie soll aber fürs Erste das einzige Hindernis sein. Statt Regionalbahn geht's per ICE nach Frankfurt. "Was ist das?", fragt der Zugbegleiter vorm Einsteigen - "Federweißer" - "dann rein!" Halbe Stunde Aufenthalt in Frankfurt, wo binnen Minuten zwei Mann mit meinem Hosentaschenkleingeld abziehen, den dritten Bettler muss ich enttäuschen.

Eindrücke von der zweiten Etappe, Frankfurt - Hamburg: Gelnhausen könnte einen Besuch wert sein. Fulda nennt sich die schönste Stadt Hessens, was man vom Bahnhof aus noch nicht erkennen kann, aber das ist ja überall so, außer vielleicht in Köln, wo die Züge im Dom halten, und natürlich im Goldenen Mainz, wenn man von Frankfurt aus über die Rheinbrücke fährt. Die quasselnden Damen ein paar Sitze weiter müssen Saarländerinnen sein. Nordhessen hat viele Berge, der ICE fährt ständig unter Tage. Kassel ist sehr weit weg und der Bahnhof Wilhelmshöhe kann nicht zum Weltkulturerbe gehören. Irgendwann wird das Land flach und die Reisenden nervös: 15 Minuten Verspätung? Kriegen wir den Schleswig-Holstein-Express? Wann kommt der nächste? Zwei Stunden später? "Ich kläre das", verspricht der Zugbegleiter. "Ich sage denen, dass wir den Zug brauchen."

War knapp, hat geklappt. "Fährt dieser Zug über Kiel?", fragt nach ein paar Fahrtminuten ein Mitreisender. Nein. Ist aber nicht falsch eingestiegen. "Die Geographie interessiert mich", sagt der gute Mann. Das will ich mir eines Tages auch leisten können: Einfach in den erstbesten Zug setzen und gucken, was passiert. Links und rechts saust das Land vorbei, dazwischen erzählt er von seiner Vergangenheit als Waldhof-Fan und von längst vergangenen Bundesligajahren im Südweststadion. Damals, 1984, habe er seine neue Freundin zum Auswärtssieg in Leverkusen genötigt. Und sie nicht augenblicklich wieder verloren. Das ist wahre Liebe! Und ja, die Südwestderbies gegen den Waldhof waren manchmal nicht ganz ungefährlich, gerade die Panoramafahrten mit der Straßenbahn durch die Randale, aber irgendwie fehlen sie einem manchmal ein bisschen.

Morgens, halb zehn, über Rendsburg ist die Welt noch in Ordnung. Fotos: Christian KarnLinks und rechts liegt das Land immer tiefer. Der Zug hat fast unmerklich an Höhe gewonnen. Drei Meter, fünf, zehn - das ist die Rendsburger Hochbrücke, die sich immer so heimlich anschleicht. Erst wenn man im dritten Stock fährt, taucht hinter den Bäumen die langgezogene Rechtskurve auf ihren gewaltigen Stelzen auf, die in 40 Metern Höhe über die Vorgärten, den Platz des Rendsburger TSV und schließlich den Nord-Ostsee-Kanal führt. Um die Hochseeschiffe durchzulassen und trotzdem den Bahnhof anfahren zu können, geht's anschließend durch eine vier Kilometer lange Schleife durch die Stadt und unter der Brücke hindurch. Spektakulär.

In Schleswig angekommen ist der Federweiße besser als das Wetter. Samstags Bundesliga zu gucken ist dort ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür gibt es einen ICE-Anschluss, außer wenn man ihn braucht. So beginnt die Odyssee nach Wolfsburg schon mit ersten Schwierigkeiten. Dem Schaffner drücke ich kurzerhand mein Telefon in die Hand: "Ich weiß nicht, wie das Handyticket funktioniert." So: Der tippt dreimal aufs Display, scannt den Code ab und gibt das Telefon zurück mit den Worten: "Sie müssen es aufessen." Norddeutscher Humor. In Hamburg Telefonat mit dem Kollegen Schneider. Der sitzt gerade in Hannover fest. Drei Stunden noch bis zum Anpfiff in Wolfsburg. Machbar.

Um halb drei kippt die Stimmung: Der Kollege hat's als einer der Letzten nach Wolfsburg geschafft; in Hannover ist längst der gesamte Bahnverkehr zusammengebrochen und im Zug aus Hamburg spricht sich das herum. Anschlusszug nach Köln: 90 Minuten Verspätung. Wahrscheinlich weil dort gerade die Hools wüten. Aber nach Köln will ich eh nicht. Anschlusszug nach Wolfsburg: 30 Minuten Verspätung. Klingt nach Punktlandung. Am Gleis eine Eingebung: "Fährt hier der ICE nach Wolfsburg?" Die Bahndame: "Nein. Der fährt nicht nach Wolfsburg." - "Sondern welcher?" - "Keiner. Die werden heute umgeleitet." Fast wäre ich aus Versehen nach Berlin gefahren! "Und wie komme ich jetzt nach Wolfsburg?" - "Wenn Sie schnell sind: Regionalbahn auf Gleis 13."

Der Hannoversche Hauptbahnhof teilt bei all seiner Großartigkeit eine Eigenart mit allen Bahnhöfen dieser Welt: Alle Rolltreppen fahren in die falsche Richtung. Also zerre ich den Koffer die Treppe runter, sprinte mit wild schlingernder Ladung Schlangenlinien durch die Massen, wäre Felix Magath noch Trainer beim VfL, hätte er mich allein dafür vom Fleck weg als Außenstürmer verpflichtet und 05 hätte gewonnen. Drei Bahnsteige weiter die Treppe hoch, den Zug erwischt. "Wann kommen wir in Wolfsburg an?" - "In einer Stunde." Verloren. Keine Chance mehr, den Anpfiff im Stadion zu erleben. Ein befreiendes Gefühl, irgendwie, für das es kein gutes deutsches Wort gibt. "Bloodymindedness" trifft's am besten.

Sonntag, 15.30 Uhr: Anpfiff in Gifhorn. Nicht im Bild: Die beiden Mannschaften und der Zugbegleiter.Ein Urlauberpärchen in diesem uralten klapprigen Bummelzug stellt sich als VfL-Fans heraus, Dauerkartenbesitzer, die aber nicht zum Spiel fahren, sondern gerade via Nürnberg und Hannover aus dem Griechenlandurlaub kommen und nur noch nach Hause wollen. "Das 5:4 1997 vergessen wir nie", sagt er. "Das 4:3 2010 vergessen wir nie", kontere ich. "Oh ja, das war unsere allergrößte Blamage." In Gifhorn steigen sie aus. Und um Punkt 15.30 Uhr pfeift der Zugbegleiter dort das Spiel an und steigt wieder ein. Gleichzeitig beginnt ein paar Kilometer weiter direkt am Bahndamm die zweite Hälfte zwischen Grün-Weiß Calberlah gegen den TSV Hehlingen. 0:0 steht's, mit einem 1:1 werden die Gastgeber die Tabellenführung in der Bezirksliga Braunschweig I verteidigen.

15.45 Uhr, Wolfsburg. Ein kasachischer Taxifahrer. Der mit kehliger Stimme in gewaltiger Lautstärke Geschichten durch sein Auto grölt: "AH, MAINZ! ICH HABE NICHT VERWANDTSCHAFT IN MAINZ, ABER GUTE BEKANNTE! WOHNEN DIREKT IN INNENSTADT! HABE ICH MEINE ELTERN VON FLUGHAFEN ABGEHOLT, HABEN WIR SIE BESUCHT! MAINZ, SCHEENE STADT!" Ob er von Peter Neustädter gehört hat, dem einstigen kasachischen Nationalspieler? "AH, NEUSTÄDTER, IST MITTELFELDSPIELER BEI BORUSSIA! GIBT VIELE RUSSLANDDEUTSCHE HIER, HELENE FISCHER AUS SIBIRIEN! IST SCHON LANGE HIER, HEERT MAN KEINEN AKZENT! UND KAPITÄN VON TSG HOFFENHEIM, ANDREAS BECK!" Mach ka' Sache... Aus dem Stadion schallt es "Kämpfen, Mainzer, kämpfen" - kein gutes Zeichen in der 20. Minute. Viel zu früh für so etwas.

Pünktlich zu Elkin Sotos Gelber Karte: Ankunft auf der Pressetribüne. Den Koffer am Presseeingang dem Türsteher einfach in die Hand gedrückt, "tun Sie den irgendwo hin". Was ist mit Moritz und Baumgartlinger, warum sind die nicht im Kader? "Kurzfristig ausgefallen", sagt der Kollege. Wollten wahrscheinlich auch über Hannover fahren.

Bald ist das Spiel vorbei. Und es gibt immerhin eine gute Nachricht für uns Mainzer: Die Bahn hat Wolfsburg wieder ans ICE-Netz gekoppelt. Am Bahnhof begegnen wir einem Radiomann und nullfünfMixedZone-Leser, der über das Spiel hätte berichten sollen, aber erst nach Abpiff die Stadt erreicht hat. Vier Stunden hat er irgendwo bei Stendal im ICE festgesessen. Personenschaden. "Fahren Sie erstmal nach Hannover", sagt nun ein Mann von der Bahn, "mit dem erstbesten Zug. Die überholen sich nicht gegenseitig. Und gucken Sie da, welcher Anschluss passt." Eins muss man ihnen lassen, den Bahnleuten: Sie geben sich große Mühe gegeben, ihre Kundschaft trotz aller Wirrnisse ans Ziel zu dirigieren.

Tatsächlich finden wir in Hannover gleich einen wunderbarer ICE mit freiem Vierertisch zweiter Klasse, den wir uns bald mit zwei lateinamerikanischen Schwestern teilen. Leicht afrikanisch anmutende Gesichtszüge, aber recht helle Haut - nicht aus dem Süden, das sieht man. Auch nicht aus Brasilien, das hört man. Costa Rica? Hm, nein. Venezuela vielleicht? "Ihr seid aus Kolumbien, oder?" - "Woran hast Du das erkannt?", fragen sie. Ihr Buch, eine uralte deutsche Taschenbuchausgabe von García Márquez' "Geiselnahme", war das entscheidende Indiz. Elkin Soto hat einst in ihrer Heimatstadt Medellin gespielt, aber den kennen sie nicht.

Derweil muss der Kollege Schneider mit dem Hochladen des Vorschaubilds seines Artikels kämpfen. In schnellem Rhythmus geht's von Tunnel zu Tunnel, ständig ist die Internetverbindung dahin. Im Fuldaer Bahnhof läuft's plötzlich ruckzuck. "Gott sei Dank für Fulda", entfährt es ihm; auch ein Satz, den man nicht alle Tage hört. Alles ist auf einmal gut - Dann fällt seine Nachbarin auf der Toilette in ihr Parfümfläschchen. Der Schneider bekommt Kopfschmerzen. In Hanau aber steigen sie aus. Wir dagegen nehmen in Frankfurt die großartige Rheingaubahn, die uns mit einem einzigen Zwischenstopp in Höchst nach Kastel bringt.

Endlich zuhause angekommen stellt sich abschließend heraus, dass mein getreuer Diener Passepartout vergessen hat, das Gas abzudrehen. Das zahlt er aber selber!

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.