Regionalisierung, Kommerzialisierung

Christian Karn. Mainz.
Hannover 96 ist wieder in der Bundesliga. Ohne ihren Kapitän (verletzt), ihren Abwehrchef (gesperrt) und ihren Torjäger (noch nicht verpflichtet) werden die Niedersachsen heute beim FSV Mainz 05 eine Saison eröffnen, in der sie zeigen wollen, dass der Abstieg ein Versehen war und dass sie in die Bundesliga gehören. Überschattet wird das Comeback von einer neuen Eskalation im ewigen Konflikt zwischen Vereinschef Martin Kind, dem unter merkwürdigen Umständen ein weiterer Schritt zur Investorenherrschaft gelungen ist, und der Basis des e.V., der die Mittel ausgehen, Kinds Ambitionen noch zu bremsen.

Hannover 96 ist wieder da und hat sich in einem Jahr in der 2. Bundesliga kaum verändert. Im Kader ein bisschen: Zu teure, zu schlechte Altstars sind diesmal nicht dabei; der älteste Spieler im Kader ist der knapp 32-jährige Torwart Philipp Tschauner, der nie ein Star war, sondern immer ein sehr solider, zuverlässiger Zweitligatorwart - zwölf Jahre nach seinem Bundesligadebüt sollte Tschauner heute seinen zweiten Einsatz in der höchsten Liga bekommen. Auch die vielen Afrikaner, die in den vergangenen Jahren die Mannschaft der 96er prägten, sind nicht mehr dabei: Dame und Mame Diouf, Constant Djakpa, Johan Djourou, Arouna Koné, Didier Ya Konan, viele weitere vor ihnen zeigten jahrelang, dass sich die 96er in der französisch-afrikanischen Fußballszene gut auskannten; übrig ist heute nur noch Salif Sané und der ist heute gesperrt.

Mit welchem Kader die 96er in Mainz antreten, verrieten sie bereits. Tschauner und Michael Esser (Neuzugang aus Darmstadt) fürs Tor, Julian Korb (neu aus Gladbach), Felipe, Florian Hübner, Matthias Ostrzolek (neu vom HSV), Oliver Sorg und Waldemar Anton für die Abwehr, Marvin Bakalorz, die große 96er-Konstante Manuel Schmiedebach, Sebastian Maier, Felix Klaus, Kenan Karaman, Pirmin Schwegler (neu aus Hoffenheim), Mike-Steven Bähre fürs Mittelfeld und der Routinier Martin Harnik und Niclas Füllkrug im Angriff stehen zur Verfügung. Damit fehlt insbesondere der Routinier Edgar Prib; der neue Kapitän erlitt am Mittwoch einen Kreuzbandriss. Es fehlt der chilenische Nationalverteidiger Miiko Albornoz (ebenfalls verletzt), es fehlt weniger überraschend einer der wenigen gebürtigen Mainzer in der Bundesliga, der 19-jährige Stürmer Mete Demir, der beim SV Weisenau und beim TSV Schott ausgebildet wurde und mit 15 Jahren nach Hannover wechselte.

Und es fehlt der Torjäger. Der heißt offenbar Jonathas, ist Brasilianer, soll für 6,5 Millionen Euro und einem Gehalt von rund drei Millionen im Jahr von Rubin Kasan kommen, aber offenbar hat's nicht rechtzeitig geklappt. Der 28-Jährige wäre der Endpunkt einer viel zu öffentlichen Stürmersuche. Jeder hat's mitbekommen, dass 96-Manager Horst Heldt sich mit Franco di Santo (Schalke), Ishak Belfodil (Standard Lüttich), Anthony Ujah (Liaoning Whowin), David Accam (Chicago Fire), Pierre-Michel Lasogga (HSV), Denis Bouanga (FC Lorient), André Hahn (damals Gladbach, jetzt HSV), Luuk de Jong (eist Gladbach, jetzt Eindhoven), Ryan Kent (Liverpool) und eben Jonathas mindestens beschäftigt hat. Offenbar wollte Trainer Breitenreiter de Jong nicht haben, waren sich im Falle Accam bis auf den Fire-Eigner alle einig, bekam Ujah keine Freigabe von seinem chinesischen Klub, war man sich bei di Santo doch nicht mehr so sicher - ist jedenfalls die komplette Stürmersuche ohne jede Diskretion abgelaufen.

Martin Kind (rechts) steht kurz vor der kompletten Übernahme des hannoverschen Profifußballs. Foto: imagoAuch abseits des Spielfelds hört man die gewohnt seltsamen Nachrichten aus Hannover. Es eskaliert mal wieder der ewige Konflikt zwischen dem Vereinschef Martin Kind und den Ultras. Der Diktator Kind steht kurz vor der absoluten Machtübernahme bei den 96ern. Spätestens im kommenden Jahr will er dank einer Sonderregelung, die er mit großem Getöse durchgesetzt hat, die 50+1-Regel aushebeln und den Verein komplett übernehmen. Kind wäre dann in der Lage, deutlich mehr Geld in seinen Verein zu pumpen. Er hat Unterstützer: "Es macht mich traurig, dass das Lebenswerk von Martin Kind nicht gewürdigt wird", sagt der Ex-Nationalspieler und jetzige 96-Nachwuchschef Michael Tarnat. In der Tat hat der Unternehmer seit seinem Einstieg vor 20 Jahren den damaligen Regionalligaverein zu einem stabilen, soliden Bundesligaklub aufgebaut; der Abstieg nach 14 Bundesliga-Jahren am Stück (Vereinsrekord) soll ein (freilich sehr selbstverschuldetes) Versehen gewesen sein. Hannover 96 will weiter langfristig in der ersten Liga bleiben und sollte grundsätzlich das Zeug dazu haben, sich wieder zu etablieren.

Stellt sich halt die Frage: Warum ist Kind damit nicht zufrieden? Der Chef will mehr, will näher an die Spitze. Das freilich ist aus eigener Kraft nahezu ausgeschlossen. Der Standortvorteil als Metropole im großen Niedersachsen, zwischen den Einflusssphären von Schalke und Dortmund im fernen Südwesten, dem HSV und Werder Bremen im Nordwesten und Norden und bis auf den Lokalrivalen Eintracht Braunschweig nicht besonders viel im Süden (wo man wahrscheinlich ernsthaft Eintracht Frankfurt als nächsten Konkurrenten nennen muss), Südosten, Osten ist da. Hannover ist Landeshauptstadt, ist ein Industrie- und Wirtschaftsstandort, der sich bei den 96ern engagiert. Aufsichtsratschef ist Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler mit besten Beziehungen in die Welt der reichen Leute, als Investor steht der steinreiche Carsten Maschmeyer, der Gründer des Stadionsponsors und eine Schlüsselfigur im Absturz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, bereit. "Hannoversche Lösung" nennt das Kind, der klar erklärt, den Bundesliga-Standort mit regionalen Kräften ausbauen und nicht an fremde Investoren weiterverkaufen will.

Ein Problem: Kind ist 73 Jahre alt. Kann sein, dass sein Nachfolger bald übernehmen muss. Ein weiteres: Kind hat sich nie für die Basis interessiert. Ein Liebhaberprojekt wie das von Dietmar Hopp in Hoffenheim nimmt man dem Mann aus der Finanzwelt nicht ab; Strukturen, die er dafür einbinden müsste, sind vorhanden, aber er will sie nicht. Die nun bevorstehende Entmachtung der Mitglieder, die bei einem Anteil von 50-x Prozent nichts mehr zu melden haben, nimmt dem Chef für Viele die Glaubwürdigkeit. Zu Recht? Kann schon sein.

Schon seit einiger Zeit gibt's heftige Proteste der 96-Ultras gegen Kind und seine Pläne, hin und wieder sogar Morddrohungen. Die aktiven Fans arbeiten sich an ihrem Lieblingsfeind ab, der nimmt das recht gelassen hin, weil er weiß, dass er am längeren Hebel sitzt. "Wir brauchen und wollen sie eigentlich nicht", sagt Kind. Dieser hat nun für gerade mal 12.750 Euro (Gutachter schätzen den Wert auf einen acht- oder neunstelligen Betrag) die Mehrheitsanteile der 96 Management GmbH erworben, die als einziger Puffer zwischen der zu hundert Prozent Kind und seiner Investorengruppe gehörenden Hannover 96 Sales und Service GmbH & Co. KG und der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA steht. Letztere ist die aus dem e.V. ausgegliederte Organisation, die den Profifußball tatsächlich betreibt; über die Management GmbH, die dem e.V. gehörte, bestimmte dieser den Geschäftsführer der Fußballfirma.

Seitdem geht's rund in Hannover, klagen Mitglieder gegen die Übernahme, die sie als satzungswidrig betrachten, erklären die Ultras als gut organisierte und laute Opposition den Krieg gegen die Geschäftsleute. Beim Zweitligaspiel in Sandhausen und im Testspiel in Burnley richteten mitgereiste Kritiker erhebliche Schäden an; das Spiel in England wurde abgebrochen. Was passiert heute in Mainz; werden die aktiven Fans das Spiel boykottieren, werden sie randalieren, werden sie beides tun oder keins davon? Der Verein wirft den Ultras vor, Hannover 96 "immensen Schaden" zuzufügen; es ist das womöglich letzte Aufbegehren gegen Kind. Dessen Machtübernahme ist noch nicht abgeschlossen, könnte möglicherweise nicht mehr zu bremsen sein. Dann wird man sehen müssen, welche Partei Recht hat, ob die Öffnung in die Finanzwelt die 96er voran bringt oder sie kaputtmacht, ob in der Kommerzialisierung des Fußballs ein gefährlicher Präzedenzfall eintritt, ob der längst anderswo eingetreten ist oder ob's insgesamt ohne schädigende Wirkung bleibt.

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