Reduktion auf ein normales Topteam

Christian Karn. Mainz.
Die Öffentlichkeit bemüht sich, Bayern München in die Krise zu reden. Tatsächlich punkten die Bayern nicht ganz so konsequent wie im vergangenen Jahr; zwei Niederlagen nacheinander in Dortmund und Rostow haben vor wenigen Wochen manch einen etwas nervös gemacht. Bei genauer Betrachtung könnte die Abhängigkeit von zwei Torjägern, die ihre Vorjahresquote bisher nicht erreichen, ein Problem sein. Aber auch das würde in Verbindung mit dem Umbruch durch Trainerwechsel lediglich eine Übermannschaft auf ein normales Topteam reduzieren. Gegen die Übermannschaft hat Mainz 05 vor einem halben Jahr gewonnen. Das normale Topteam ist trotzdem heute abend der klare Favorit.

Stecken die Bayern in der Krise? Mancher behauptet es, sicherlich ist es übertrieben. Sicherlich ist es jedoch nicht übertrieben, dass die Ergebnisse nicht ganz so überragend kommen, wie man es aus dem vergangenen Jahr gewohnt ist. Damals gab es ein 0:2 bei Arsenal und ein 0:0 bei der Eintracht, die wettbewerbsübergreifend einzige Heimniederlage kam erst viel später durch dieses unglückliche 1:2 gegen Mainz 05, bei dem - geben wir's zu - es beim Stande von 1:1 den womöglich spielentscheidenden Elfmeter für die Bayern hätte geben sollen. Damals gab es aber auch ein 5:1 gegen den alten Vizemeister VfL Wolfsburg, ein 5:1 gegen den späteren Vizemeister Borussia Dortmund, ein 5:1 gegen Arsenal, ein 5:0 gegen Dinamo Zagreb, ein 5:0 gegen den HSV, ein 4:0 gegen den 1. FC Köln, ein 4:0 gegen den VfB Stuttgart, ein 4:0 gegen Olympiakos Piräus - alles von August bis November. Die Auswärtssiege waren ein bisschen knapper, 3:0 in Piräus, 3:0 in Darmstadt, 3:0 in Mainz, 3:1 auf Schalke, 2:1 in Hoffenheim, aber auch sie kamen zuverlässig.

Zuverlässige Dominanz, das wird's sein, was die Bayern vermissen. Sie haben zwei Champions-League-Spiele verloren (0:1 bei Atlético Madrid, 2:3 in Rostow am Don), ein Bundesligaspiel mehr als vor einem Jahr (0:1 in Dortmund), sie haben gegen Köln (1:1), erneut in Frankfurt (2:2) und gegen Hoffenheim (1:1) Punkte abgegeben. Sie haben die Tabellenführung verloren. Darum bekommen sie die Krise aufgedrückt.

Thomas Müller (vorne) und Robert Lewandowski haben in der vergangenen Saison zusammen 50 Saisontore geschossen, im ersten Drittel der laufenden Saison erst sieben. Die zu große Abhängigkeit von zwei Torjägern, die die erwartete Quote nicht erfüllen, ist ein Grund für das Krisengerede um die Bayern herum. Foto: imagoWoran liegt das? Es ist nicht so einfach, das komplexe Innenleben einer Fußballmannschaft zu ergründen, erst recht nicht, wenn diese unter einem derartigen Erfolgsdruck steht. Bereits im vergangenen Jahr deutete sich ein möglicher Schwachpunkt an, schwer zu erkennen, gut versteckt hinter 78 Saisontoren (zwei gegnerische Eigentore nicht mitgezählt). 30 Mal traf Robert Lewandowski. 20 Mal Thomas Müller. Die drittbesten Torschützen waren Arjen Robben (15 Einsätze), Kingsley Coman (23), Douglas Costa (27) und Arturo Vidal (30), die jeweils viermal trafen. Ein Vergleich: Mainz 05 (46 selbst geschossene Tore plus 0 Eigentore) hatte selbstverständlich keinen Lewandowski und keinen Müller. Der beste Torschütze war Yunus Malli mit elf Toren. Zweit- und Drittbester Jairo Samperio und Yoshinori Muto, der ein gutes Drittel der Saison verpasste, mit jeweils sieben Toren, Viert- und Fünftbester Christian Clemens und Jhon Córdoba, der in der Hinrunde keine Rolle gespielt hatte, mit jeweils fünfen. Die Bayern haben die Weltklasse, die Mainz 05 fehlt. Die 05er aber hatten auf ihrem mittelmäßigen Bundesliganiveau die Breite, sie waren weniger abhängig von wenigen Toptorjägern.

Und sind das auch in diesem Jahr, in dem den Bayern ihre Torjäger wegbrechen. Lewandowski hat siebenmal getroffen - hochrechnen ließe sich das bei gleichbleibender Quote auf 20 Saisontore. Müller wartet noch aufs erste Saisontor. Uli Hoeneß, seit neuestem wieder Präsident, macht das am verschossenen Elfmeter im Champions-League-Halbfinale gegen Atlético Madrid fest: "Darauf war er nicht vorbereitet, das nagt noch heute an ihm", sagte Hoeneß. "Thomas hat einfach einen Mangel an Selbstvertrauen. Der hat jetzt das Pech an den Stiefeln." Aber auch ein anderer großer Müller habe seinerzeit hin und wieder solche Probleme gehabt: Bundesliga-Rekordtorjäger Gerd Müller hätten die Mitspieler dann "die Dinger auf der Torlinie noch quer gelegt, damit er wieder das Gefühl für ein Erfolgserlebnis hatte. Das braucht der Thomas. Das ist alles normal." Neben Lewandowski haben Joshua Kimmich (4) und Arjen Robben (3) sowie Thiago Alcântara, Xabi Alonso und Franck Ribéry (jeweils 2) haben schon mehr als ein Tor geschossen. Das war's in der Offensive. Mainz 05 (22 Saisontore insgesamt) steht nach zwölf Spieltagen nur vier Treffer hinter den Bayern. An der Spitze der internen Liste stehen die 05er mit Yunus Malli (6), Pablo de Blasis (4), Stefan Bell (3), Jhon Córdoba, Yoshinori Muto und Levin Öztunali (je 2) nur minimal schlechter da. Die Bayern haben lediglich ein paar Einzeltorschützen mehr. Defensiv sind sie mit acht Gegentoren nur intern nicht über jeden Zweifel erhaben; 2015/16 waren es nach zwölf Spielen halt sogar nur vier. Offensiv sind sie im ersten Saisondrittel in weltliche Skalen zurückgefallen, zwar über Bundesliga-Durchschnitt - aber sie fühlen sich nicht mehr unschlagbar an. Wenn man Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, Schalke 04 an einem guten Tag gemein wehtun kann, warum nicht auch den Bayern? Im vergangenen Jahr holten sich die Gegner strategische Gelbsperren fürs Spiel, in dem sie eh keine Chance sahen. Würde das auch dieses Jahr passieren?

Vielleicht hängt das, was mit "Krise" zu dramatisch bezeichnen wird, mit der Zusammenstellung des Kaders zusammen. Mit Manuel Neuer (30 Jahre alt), Neuzugang Mats Hummels (bald 28), Jérôme Boateng (schon 28), Arturo Vidal (29), Lewandowski (28) und Müller (27) gibt es das Gerüst von End-Zwanzigern, die nicht jede Woche, aber oft genug in Weltklasse-Bereichen Fußball spielen. David Alaba (24) ist etwas jünger, gehört aber eigentlich auch in diese Reihe. Javi Martínez (28) und Douglas Costa (26) sind zumindest nicht weit dahinter. Und Holger Badstuber (27) würde in die Reihe gehören, wäre er auf Dauer stabil. Seine dramatische Krankengeschichte macht den Verteidiger zum Wackelkandidat; auch in Mainz ist er wegen einer Erkrankung nicht dabei. Alle anderen dürften in der Startelf stehen, ebenso die alten Routiniers Philipp Lahm (33), Franck Ribéry (33), vielleicht Arjen Robben (32).

Ein Unterschied zu den altbekannten Bayern ist aber das völlige Fehlen eigener Toptalente. Hoeneß hat es angesprochen, tatsächlich kam seit einiger Zeit kein Schweinsteiger, kein Müller, kein Lahm, kein Alaba, kein Badstuber, kein Toni Kroos, auch kein Thomas Kraft mehr nach. Sie kriegen ihre Spieler nicht mehr in die Bundesliga. Der einst hoch gehandelte Lucas Scholl sitzt ähnlich wie der Mainzer Patrick Pflücke auf der Bank der U23, Gianluca Gaudino ist Stammspieler beim FC St. Gallen. Sie kommen auch nicht mehr an die Topspieler heran; 2007 haben sie den 24-jährigen Ribéry bekommen, 2017 wäre ein solcher Spieler nicht mehr erschwinglich. Nicht weil die Bayern das Geld nicht hätten; wenn sie wollten, könnten sie bei den 80- bis 100-Millionen-Transfers mitmischen. Aber sie wollen nicht.

Das führt dazu, dass die Bayern sich ihre Weltklassespieler selbst produzieren müssen, Nicht aus eigenen Talenten, siehe oben, sondern aus teuer eingekauften Externen. Renato Sanches, der Achter der portugiesischen Europameistermannschaft, ist so eins; auch der 18-Jährige kostete stolze 35 Millionen - vor der EM. Nach der EM hätte ihn sich womöglich für ein Vielfaches die Premier League geschnappt. Kingsley Coman (derzeit verletzt) ist so ein Spieler, auch Juan Bernat, auch Thiago. Dieser dürfte heute abend die Startelf komplettieren, eine Startelf, die natürlich gegen fast jeden Bundesligisten eine eindeutige Favoritenrolle annehmen würde. Die gute Chancen hat, trotzdem auch 2017 Deutscher Meister zu werden. Auch Mainz 05 wird es sehr, sehr schwer haben, dieser Mannschaft wehzutun.

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