Raus aus dem Abstiegskampf?

Christian Karn. Mainz.
Nicht nur der FSV Mainz 05, auch sein heutiger Gegner Bayer Leverkusen war mit der vergangenen Saison nicht glücklich. So richtig dramatisch wurde der Abstiegskampf am Ende doch nie, am Ende bekam Leverkusen die Kurve, aber schön war's nicht, vier Punkte Abstand waren es am Ende nur auf den Relegationsrang. Der neue Trainer Heiko Herrlich soll Leverkusen wieder nach oben führen. Trotz einiger hochkarätiger Abgänge und Problemen mit den Neuzugängen hat der ehemalige Bayer-Profi einen beachtlichen Kader zusammen, der Saisonstart (gegen Bayern und Hoffenheim) ging dennoch daneben.

Nach zwei 0:1-Niederlagen, keinem Punkt, keinem Tor also, und noch mehr unbequemen Aufgaben vor der Nase, wäre es beruhigender für alle, wenn der FSV Mainz 05 auch was Spielergebnisse betrifft heute in der Liga ankäme. Denn danach geht's nach München (wo es in den letzten beiden Spielen vier Punkte für die 05er gab), dann kommt die TSG Hoffenheim (die genau einmal in Mainz gewonnen, seitdem dreimal unentschieden gespielt hat, einmal mit viel Hilfe von Heinz Müller, einmal mit viel Hilfe des Schiedsrichters, und zweimal verloren), dann kommt die Hertha (die erstaunlich oft in Mainz gewonnen, im vorigen Jahr aber verloren hat), dann geht's nach Wolfsburg (Mainz in Wolfsburg? In der Bundesliga? Spektakuläre Geschichten gibt's da) - nein, aussichtslos ist gar nichts. Und heute kommt Bayer Leverkusen, in den letzten vier Jahren tatsächlich dreimal Sieger in Mainz, aber durchaus auch immer mal wieder schlagbar.

Nach der mutmaßlich gescheiterten Verpflichtung eines neuen Torjägers wird der Rechtsaußen Kevin Volland (rechts) wohl Bayer-Mittelstürmer bleiben müssen. Foto: imagoAuch die Gäste können mit ihrem Saisonstart nicht zufrieden sein. Im Pokal brauchten sie die Verlängerung, schlugen dann aber immerhin den Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC 3:0 durch Tore von Dominik Kohr, Joel Pohjanpalo und Leon Bailey. Bei den Bayern gab's ein 1:3, bei dem Admir Mehmedis Tor den Ausgang nicht mehr wesentlich beeinflusste, gegen Hoffenheim nach zweimaliger Führung (Wendell per Elfmeter und Karim Bellarabi) ein 2:2 - außerdem ein 1:2 im Testspiel gegen den VfL Bochum, das aber ohne etliche Stammspieler. Zwei Ligaspiele, ein Punkt, Platz 14. Drei Tore, das ist nicht schlecht. Fünf Gegentore, das ist nicht gut. Starke Gegner, immerhin.

Bayer Leverkusen muss sich mal wieder neu erfinden. Mit Kevin Kampl (jetzt Leipzig - und es klingt geradezu verdächtig, wie offensiv Ralf Rangnick allen erzählt, dass das Financial Fairplay selbstverständlich eingehalten worden sei), Ömer Toprak (jetzt Borussia Dortmund) und Javier Hernández (jetzt West Ham United), den Bayer zuletzt allerdings auch kaum noch ertragen hat, sind drei Leistungsträger weg. Hakan Calhanoglu, der für 22 Millionen zu AC Mailand wechselte, wäre der vierte, der Türke war jedoch wegen seiner länger zurückliegenden Transferaffäre ohnehin in der Rückrunde monatelang gesperrt. Aleksandar Dragovic (jetzt Leicester City) war mal teuer, aber nie der Top-Verteidiger, der er sein sollte.

Neuzugänge gab es. Sven Bender, der aus Dortmund kam, inzwischen Innenverteidiger ist, erstmals seit 2009 wieder im Verein mit seinem Zwillingsbruder Lars zusammenspielt, der wiederum seinen Stammplatz nicht mehr sicher hat. Den immer noch recht jungen Mittelfeldkämpfer Dominik Kohr, der aus Augsburg zurück kam. Weiterhin nicht der neue argentinische Torjäger Lucas Alario, dessen Spielberechtigung nach bisherigem Kenntnisstand nicht realistisch ist, vorerst wahrscheinlich auch nicht der junge griechische Verteidiger Panagiotis Retsos, der sich im Länderspiel leicht verletzte, nicht lange ausfallen wird, heute nicht dabei sein dürfte.

Dennoch dürfte der neue Trainer Heiko Herrlich, der nach dem Zweitliga-Aufstieg mit Jahn Regensburg wieder zu seinem ehemaligen Verein wechselte, für den er einst 75 Mal in der Bundesliga spielte, eine sehr ordentliche Aufstellung auf den Platz bringen. Im Tor: Bernd Leno, der den neuen 05-Torwart René Adler im Verein (als dieser verletzt war) und in der Nationalmannschaft ablöste. In der Abwehr Jonathan Tah (sofern er fit ist - wenn nicht, klingt's nach Viererkette), Sven Bender, Benjamin Henrichs - ein Routinier und zwei Talente, alle drei A-Nationalspieler. Im Mittelfeld, wo der ehemalige 05-Kapitän Julian Baumgartlinger wegen einer Erkrankung ausfällt, die unbequemen Charles Aránguiz und Dominik Kohr, an ihren Seiten zwei ganz unterschiedliche Flügelspieler, der ehemalige Stürmer Admir Mehmedi und der gelernte Verteidiger Wendell. Vorne fehlt halt der Mittelstürmer, ist Stefan Kießling nach fast 400 Bundesligaspielen morsch geworden, Hernández verkauft, Pohjanpalo gesperrt, Alario nicht spielberechtigt - Kevin Volland wird wohl weiterhin aushelfen müssen. An seinen Seiten spielen wohl Karim Bellarabi, der unberechenbare mal-mehr-mal-weniger-Torjäger, und noch so ein sehr junger und dennoch sehr erfahrener A-Nationalspieler, der 21-jährige Julian Brandt. Oder vielleicht auch Kai Havertz. Oder vielleicht auch Leon Bailey.

Mit dem vielen Geld, das Bayer Leverkusen inzwischen zu investieren bereit ist, 2015 und 2016 jeweils über 50 Millionen Euro, in diesem Jahr tatsächlich nur knapp 40 Millionen, darunter die 24 aus der merkwürdigen Alario-Geschichte, ist ein Kader entstanden, der eigentlich eine Menge Punkte sammeln sollte - wenn Bayer Leverkusen halt nicht Bayer Leverkusen wäre, ein Verein, der zuletzt jederzeit in der Lage war, nichts aus seinen Möglichkeiten zu machen. Es ist Heiko Herrlichs Aufgabe, den Laden nach dem Sturz in den Abstiegskampf unter dem merkwürdigen Roger Schmidt und dem überforderten Tayfun Korkut wieder in den Griff zu bekommen, wenn schon kein Titelkandidat, dann zumindest ein Spitzenteam in der Gruppe hinter Bayern, Leipzig, Dortmund zu werden.

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