Potenzial, Ambitionen und Defizite

Jörg Schneider. Mainz.
Jean-Philippe Gbamin hat seinen ersten Einsatz im Trikot des FSV Mainz 05 absolviert. Der französische Neuzugang deutete im Rahmen der 0:1-Testspiel-Niederlage gegen den FC Sevilla am Bruchweg sein Potenzial an. Der 20-Jährige zeigte aber auch noch erhebliche Defizite im konditionellen und taktischen Bereich. Gbamin kenne die Abläufe im 05-Spiel noch überhaupt nicht, erklärte Martin Schmidt. Da warte viel Arbeit. Der Franzose geht selbstbewusst um mit der Situation und sagt: „Mein Ziel ist Stammspieler zu werden. Ich will mich von Anfang an durchsetzen.“

Jean-Philippe Gbamin und José Rodriguez haben ihr Potenzial ansatzweise aufgezeigt, beide Neuzugänge kennen jedoch die Abläufe im 05-Spiel noch nicht. Da wartet viel Arbeit im Trainingslager. Foto: Jörg SchneiderDer erste Einsatz des Neuzugangs im Trikot des FSV Mainz 05 dauerte gut 30 Minuten und brachte seinem Trainer eine ganze Reihe unterschiedlichster Erkenntnisse. Jean-Philippe Gbamin, vom französischen Zweitligisten RC Lens gekommen, gehörte zu dem 05-Team, das sich ab der 59. Minute am Bruchweg dem Test gegen den FC Sevilla unterzog, für die 0:1-Niederlage gegen den Europaliga-Champion verantwortlich war und aufzeigte, dass der Weg noch weit ist. Weit sowieso, um annähernd an ein Niveau heran zu kommen, wie es die Andalusier in dieser Partie vorexerzierten im fußballerischen, taktischen und individuellen Bereich. Weit aber auch, um den nötigen Wettkampf-Level und eine gewisse Bundesligatauglichkeit zu erreichen.

Das gilt für alle 05er, die zeigten, dass sie in spieltechnischer Hinsicht noch am Anfang der Vorbereitung stehen, besonders aber für die Neuzugänge. Jean-Philippe Gbamin deutete seine Fähigkeiten an, die den 20-Jährigen zu einem der Kandidaten im Kader des Bundesligisten machen, dem die sportliche Führung zutraut, den Weggang von Julian Baumgartlinger im zentralen Mittelfeld aufzufangen. Der Franzose zeigte aber auch, dass er nach drei gemeinsamen Trainingseinheiten mit der Mannschaft noch nicht weiß, wie das im Detail geschehen soll. Gbamin befand sich gegen das starke und in allem schon wesentlich weiterentwickelte Top-Team aus Spanien damit in guter Gesellschaft. Denn auch seinem Mittelfeld-Kollegen José Rodriguez, der in der ersten Stunde auf einer der Sechserpositionen vorspielte, ging es nicht anders.

„José und Jean-Philippe kennen unser Spiel überhaupt noch nicht“, sagte Martin Schmidt nach der Niederlage. „Die kennen unsere Abläufe nicht. Da fehlen die taktischen Abläufe vor allem beim Pressing. Wann machen wir Druck, wie sichern wie ab, wo spielen wir die Bälle hin nach Balleroberung?“. Das sei normal, sagte der 05-Trainer, da der Kader bisher fast ausschließlich im Bereich Grundlagen-Ausdauer gearbeitet habe und die spezifischen Inhalte des 05-Teams nun mit Beginn des Trainingslagers in Italien intensiviert und erarbeitet würden. Ab Samstag quartieren sich die 05er für eine Woche zur Arbeit in Saint-Vincent im Aostatal ein.

„Deshalb sind solche Spiele wie das gegen Sevilla sehr wichtig für uns und lehrreich für diese Spieler. Jetzt können wir mit Bildmaterial arbeiten, die Dinge aufzeigen und die vorhandenen athletischen Rückstände ausgleichen“, betonte der 49-Jährige. Athletische Rückstände heißt konditionelle Defizite. Die sind vor allem bei Gbamin, aber auch bei Rodriguez nach der höchstbelastenden Ausdauervorbereitung auffällig. Schmidts Urteil nach dem Sevilla-Test gilt für beide Neuzugänge im zentralen Mittelfeld, fällt den Umständen entsprechend dennoch zufrieden aus. Die Rückstände würden beide schnell aufholen. Beide, so Schmidt, würden das Team gut ergänzen mit ihrer Ballsicherheit, mit gutem Passspiel nach vorne und in die Tiefe. „Da steckt viel Potenzial drin.“  

Das wird auch benötigt. Denn aktuell sieht es so aus, dass Rodriguez und Gbamin diejenigen sein könnten oder sogar müssten, die im DFB-Pokal und zum Saisonstart die Mainzer Doppelsechs besetzen. Danny Latza hat die halbe Vorbereitung bereits wegen Adduktorenproblemen verpasst. Falls der Trainer den letztjährigen Stammspieler überhaupt mitnimmt nach Italien, wird Latza dort wohl nur ein Aufbauprogramm absolvieren und erst nach der Rückkehr langsam ins intensive Teamtraining einsteigen können. Da läuft die Zeit davon. Fabian Frei steht nach EM und Urlaub ebenso wie Suat Serdar nach der U19-EM erst am Anfang. Die beiden vielversprechenden Neuzugänge sollten also schnell funktionieren.

Gbamin geht sehr selbstbewusst mit dieser Aufgabe um. „Mein erster Eindruck hier ist sehr positiv“, sagte der Franzose, dessen Leistungen in seinen 33 Zweitligaspielen beim RC Lens in der abgelaufenen Saison das 05-Interesse der Mainzer auslöste und die Erwartungen schürte. „Ich freue mich darauf, mich hier entwickeln zu können“, sagte der 20-Jährige. Er freue sich auf ein schönes Jahr, wisse aber auch, dass er sich auf eine andere Spielweise ein- und umstellen müsse. „Die Umstellung ist groß“, betont der 1,83-Meter-Mann mit der stabilen Statur. „In erster Linie, was das Pressing angeht, das von vorne nach hinten gefordert wird. Das ist einfach viel intensiver, als ich es von Frankreich her gewohnt bin.“

Gbamin sieht sich selbst als defensiver Mittelfeldspieler, der aber kein Problem damit habe, auch hinten auszuhelfen. „Ich möchte in jedem Fall eine Etappe weiter gehen und auch selbst sehen, wie mein Wert in einer großer Liga ist“, sagte er. „Ich bin groß, ich bin schnell, ich habe eine gute Spielübersicht“, nannte er seine Stärken. Die zeigte der Franzose andeutungsweise gegen den FC Sevilla. Seine Antrittsschnelligkeit, sein geradliniges Passspiel und eine gewisse Zweikampf-Resolutheit waren zu sehen, sind aber ausbaufähig. Da muss sich in den nächsten Wochen zeigen, wie schnell Gbamin das 05-Spiel verinnerlicht, umsetzt und seine Qualitäten einbringt.  „Ich würde natürlich gerne alle Spiele machen“, sagte der Neuzugang. Mein Ziel ist Stammspieler zu werden und so viel wie möglich zu spielen. Ich will mich von Anfang an durchsetzen.“  

► Alle Artikel zur Saisonarbeit

► Zur Startseite