Onisiwo fängt gerade erst an

Jörg Schneider. Mainz.
Karim Onisiwo hatte mit seinem Treffer zum 3:1 sowie einem Assist maßgeblichen Anteil am Sieg in Stuttgart, mit dem der FSV Mainz 05 sein Ticket nach Europa löste. Der Tor des Österreichers war zugleich der 23. Treffer der 05er in der Rückrunde. Damit hat die Mannschaft schon vor dem Finale am Samstag gegen Hertha BSC Berlin genauso viele Tore geschossen wie in der Vorrunde. Und das, obwohl sie in dieser Halbserie komplett auf Yoshinori Muto, den bis zu seiner Verletzung zweitbesten Torschützen, verzichten musste. Genauso wie auf den im Winter geholten Mittelstürmer Emil Berggreen.

Von den drei Klubs, die an diesem 34. und letzten Bundesliga-Spieltag unter sich ausmachen, wer schließlich direkt in die Gruppenphase der Euro-League durchstartet und wer vorher noch eine Qualifikations- und eine Play-off-Runde durchlaufen muss, hat der FSV Mainz 05 das beste Torverhältnis und steht deshalb auf Platz fünf vor dem punktgleichen Endspielgegner Hertha BSC Berlin sowie dem ebenfalls punktgleichen FC Schalke 04 auf Platz sieben. Interessant dabei ist, dass die 05er einen Spieltag vor Schluss bereits exakt genauso viele Tore geschossen haben, wie in den 17 Vorrundenspielen. Die 23 Tore zeugen von einer gewissen Saison-Konstanz, von einer funktionierenden Angriffsreihe und sind sehr hoch zu bewerten. Weil das Team von Martin Schmidt quasi in der kompletten Rückrunde auf Yoshinori Muto verzichten musste, der in der ersten Halbserie mit seinen sieben Treffern zweitbester Torschütze der Mannschaft hinter Yunus Malli (acht Tore) war.

Jhon Cordoba, der in der Vorrunde wenig Einsätze und keine Tore sammelte, hat den Ausfall des Japaners mit fünf Treffern nahezu kompensiert, Christian Clemens, Jairo und Pablo De Blasis gelang bisher jeweils ein Treffer mehr als im vergangenen Jahr. Julian Baumgartlinger steuerte überraschenderweise zwei Tore zur Gesamtbilanz hinzu. Yunus Malli hat seine Ladehemmung mit dem Ausgleich in Stuttgart behoben. Und nun hat auch Karim Onisiwo beim 3:1-Erfolg gegen den VfB sein erstes Tor im 05-Trikot erzielt. „Es wird nicht immer funktionieren, nur mit einem nominellen Stürmer durch die Saison zu gehen“, sagt der 05-Trainer, der darauf hofft, dass zum Start der Vorbereitungen auf die neue Spielzeit die beiden derzeit ausfallenden Angreifer wieder voll einsatzfähig sind. Muto absolviert momentan in Japan Reha-Maßnahmen nach seinem zweiten Bänderriss in Folge im Knie. Und da gibt es ja auch noch Emil Berggreen, der am Bruchweg daran arbeitet, ein vollwertiges Kader-Mitglied zu werden. Den wuchtigen 1,94-Meter-Mann aus Dänemark hatte der Bundesligist im Winter von Eintracht Braunschweig verpflichtet. „Mehr oder weniger im Vorlauf auf die neue Spielzeit“, sagt Schmidt. „Wir wussten um Emils Verletzungsprobleme, er war deshalb eigentlich unser erster Sommertransfer.“

Kraftvoll, dynamisch und inzwischen auch torgefährlich: 05-Außenbahnstürmer Karim Onisiwo (hier gegen den Ex-05er Lewis Holtby) hat den Durchbruch geschafft und sein Potenzial aufgezeigt. Die Hoffnungen, den Stürmer vielleicht früher einsetzen zu können, erfüllten sich nicht. Berggreen musste operiert werden und absolviert im Moment mit Reha-Coach Axel Busenkell erste leichte Übungen mit dem Ball. „Wir gehen davon aus, dass wir ihn top vorbereitet im Sommer zur Verfügung haben“, betont der Trainer. „Wir brauchen ihn mit seiner Kopfballstärke und seinen Mittelstürmer-Qualitäten.“ Das gilt auch für den japanischen Nationalspieler.

Auch Karim Onisiwo hat seine Zeit benötigt, um in der entscheidenden Schlussphase der Saison seine Stärken einbringen zu können. Der Österreicher hatte ebenfalls mit Verletzungen zu kämpfen, überzeugt aber nun mit großer Präsenz, Durchsetzungsvermögen, Tempo und Dribbelstärke auf der Außenbahn. In Stuttgart stellte Schmidt den 188 Zentimeter langen Angreifer auf den linken Flügel, um Stuttgarts Hoffnungsträger Kevin Großkreutz einzubremsen. „Ich habe Karim gesagt, renn mit deinem Gegenspieler Großkreutz so oft es geht die Linie auf und ab. Irgendwann geht dem das Benzin aus und du hast mehr PS“, berichtet Schmidt.  Der Österreicher deckte die mangelnde Spielpraxis und Wettkampfhärte des Weltmeisters schonungslos auf, bereitete einen Treffer vor, erzielte das 3:1 und hatte zudem mehrere große Chancen sowie einen Kopfball an den Pfosten. Eine Schlüsselmaßnahme des Trainers für den Erfolg. „Wir haben ja schon im Testspiel im Januar gegen den 1. FC Köln gesehen, wie er den Jonas Hector verräumt hat“, erinnert der 05-Trainer an die Winter-Vorbereitung. „Da hat man schon gesehen, wo Karims Potenzial liegt. Er war sechs Wochen lang raus mit seiner Fußgeschichte. Und wenn du in eine neue Liga kommst, wenn die Hürde höher liegt und du bist erstmal verletzt, dann wird der Rückstand noch größer. Er hat sich aber sehr schnell ran gearbeitet, sein Potenzial aufgezeigt. Er ist ein Spieler, der vom Körper, von der Kraft und vom Tempo lebt.“ Onisiwo fange gerade erst an. „Wenn der eine komplette Vorbereitung bei uns macht, wird er noch kräftiger und wirkungsvoller“, vermutet der 05-Coach.

„Ich bin froh, dass es diesmal mit einem eigenen Tor und einem Assist geklappt hat. Das habe ich in der Woche davor versäumt“, sagte der 24-Jährige nach seinem überzeugenden Auftritt bei den Schwaben. Die Freude über diese Vorstellung war groß bei dem Wiener. „Dafür kämpfen wir doch, dass wir ein geiles Spiel hinlegen und erfolgreich vom Platz gehen“, sagt Onisiwo. „Natürlich war das für mich ein Schritt nach vorne. Die Mannschaft hat mir sehr geholfen, mich zu integrieren. Ich denke, ich bin von Woche zu Woche stärker geworden.“ Onisiwo hofft, dass dieser Trend auch im entscheidenden letzten Spiel anhält. Ihm seien nach dem Abpfiff schon viele Gedanken durch den Kopf geschossen, als er mit den Fans die Europapokal-Teilnahme gefeiert habe. Dass es in seiner ersten Bundesligasaison so weit gehen könnte, damit hatte sich der Stürmer bei seinem Wechsel überhaupt nicht befasst. „Wenn man von einem kleineren Verein kommt aus Österreich und gerade den Aufstieg geschafft hat, denkt man nicht daran, Europaliga spielen zu können. Man denkt daran, dass man ordentlich hineinkommt in die Mannschaft, sich beweist und bestätigt, warum man geholt worden ist. Ich denke, das habe ich jetzt so halbwegs geschafft.“ Jetzt gelte es für ihn und die Mannschaft aber, den Deckel drauf zu machen auf diese Erfolgssaison, am Samstag gegen Hertha BSC Berlin diesen fünften Platz zu verteidigen und in die Gruppenphase der Europaliga einzuziehen.

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