Okazakis Reflex der Höhepunkt beim 4:0

Christian Karn. Mainz.
Mit einem genialen Moment hat Shinji Okazaki zum guten Einstieg Japans in die Asienmeisterschaft wesentlich beigetragen. 4:0 schlugen die Ostasiaten den Turnierdebütanten Palästina, der gute Ansätze zeigte, aber gegen einen der Favoriten letztlich überfordert war. In Leicester wird man sich nach Okazakis Kopfballtor ärgern, dass der Mainzer Mittelstürmer nicht auf dem Markt ist, in Mainz wird man es noch mehr bedauern, dass die Rückrunde ohne ihn beginnen wird.

Palästina, so wird es berichtet, sieht es bereits als Erfolg an, überhaupt an der Asienmeisterschaft teilnehmen zu können. Einer hat's nicht geschafft: Verteidiger Haytham Dheeb steht zwar im Kader, ist aber offenbar nicht anwesend. Israel habe dem Stammspieler das Ausreisevisum verweigert. Dheebs 22 Kollegen, die in Australien angekommen sind, um das erste große Turnier ihrer Nationalmannschaft zu spielen, deuteten beim Debüt an, nicht unbedingt chancenlos sein zu müssen. Gegen Japan waren sie's freilich.

Die Manager von Leicester City wiederum werden in der 25. Minute des Auftaktspiels der Gruppe D nochmal überlegt haben, ob sie bei Christian Heidel nachfragen sollen, welchen Stürmer sie dem FSV Mainz 05 kaufen dürfen, um doch noch an Shinji Okazaki heranzukommen. Der Kopfball des Mainzer Mittelstürmers dürfte der herausragende Moment des Spiels gewesen sein.

Viermal trafen die Japaner gegen Palästina, aber das lag ausnahmsweise nicht an ihrer Schwarmintelligenz. Das einzige tatsächlich herausgespielte Tor war das 2:0 von Shinji Okazaki (am Ball). Foto: imagoOkazakis 2:0 begann mit einem Sprint des Linksverteidigers Yuto Nagatomo. Der Profi von Inter Mailand holte auf der Grundlinie einen langen Ball nochmal ins Spiel. Takashi Inui von Eintracht Frankfurt produzierte einen Querschläger zu Shinji Kagawa. Der Dortmunder feuerte einen harten halbhohen Schuss ab, der normalerweise ein paar Meter am langen Eck vorbeigeflogen wäre. Aber im Weg stand Shinji Okazaki.

Im ersten Augenblick sah es so aus, als habe Kagawa seinen Kollegen nur angeschossen, der Abpraller sei zufällig im Netz gelandet. Erst die Zeitlupen verrieten: Das war Absicht vom Mainzer. Okazaki, der kaum Reaktionszeit hatte, musste den Kopf erst in die für ihn etwas zu niedrige Schussbahn bewegen, traf den Ball perfekt und bugsierte ihn kontrolliert ins leere Tor.

Was Mittelstürmerei betrifft, machte der Mainzer bis zu seiner Auswechslung in der 80. Minute ansonsten nicht sein auffälligstes Spiel. Zwei Abschlüsse hatte Okazaki noch. Vier Minuten nach dem Treffer fand er nach seiner Balleroberung seitlich im Strafraum niemanden, den er hätte anspielen zu können, schoss aus ungünstigem Winkel selbst - ein guter Ball für den Torhüter. Und der Schuss in der 35. Minute ging weit vorbei.

Okazakis Wert für den japanischen Offensivschwarm tat das keinen Abbruch. Sein Team war in den entscheidenden Phasen vorne ständig in Bewegung, zeigte schnelle Kombinationen in der Zone vor dem gegnerischen Strafraum, überforderte damit die Palästinenser. Vom Anpfiff weg, ohne einen einzigen Einstiegspass nach hinten, ging es mit einer raschen Kurzpassfolge nach vorne. Der Spielzug blieb zwar nach 30 Metern hängen, dennoch gab es noch in der ersten Minute die erste Torchance. Nagatomo flankte, Okazaki verlängerte den Ball, der inzwischen allerdings ins Abseits gelaufene Keisuke Honda (AC Milan) traf das Außennetz.

Den nächsten Ballkontakt hatte der Mainzer in der eigenen Hälfte, indem er einen Ballverlust seiner Kollegen im Spielaufbau ausbügelte. Kurz darauf fiel das erste Tor: Yasuhito Endo, der Volksheld im Mittelfeld von Gamba Osaka, wurde im Zentrum nicht angegriffen, sah eine Schussbahn und hielt aus 27 Metern einfach mal drauf. Der Schuss des Rekordnationalspielers in seinem 149. Länderspiel war nicht mal besonders hart. Mit einem Zwischenschritt wäre der Torhüter vielleicht rangekommen. Ohne diesen Zwischenschritt passte der Ball in die Lücke zwischen Ramzi Salehs Hand und den Pfosten (8.).

Nach der Führung kamen die Japaner ein paar Minuten lang nicht recht nach vorne. Palästina hatte viel Ballbesitz, auch in der gegnerischen Hälfte, ohne aber mit der Kugel viel Konstruktives anfangen zu können. Okazaki ließ sich in dieser Phase oft weit zurückfallen, um auch am Spiel teilnehmen zu können.

Das Tor des Mainzers eröffnete eine Druckphase, in der die Japaner das 3:0 wollten und viel dafür taten. Saleh glich seinen Fehler beim 1:0 aus, als er Inuis scharfe Flanke wegboxte: Zwei Schritte hinter dem Torwart machte Honda den Flugkopfball, aber halt ohne Ball. Murad Ismail Said von Hilal Al-Quds im palästinensischen Teil Jerusalems bekam derweil sehr oft Fuß, Kopf und Körper in die japanischen Angriffe, sonst wäre es noch hässlicher geworden. Said war als defensiver Mittelfeldspieler vorgestellt worden, de facto war er der dritte Innenverteidiger. Das 3:0 in der 44. Minute konnte er aber auch nicht verhindern. Der Treffer resultierte aus einem eher dämlichen Foul des Offensivspielers Ashraf Numan, der ohne große Not Kagawa im Strafraum umstieß. Die Flanke war nichts Besonderes, das hätte man auch sauber verteidigen können. So bekam Honda den Elfmeter, den er, weil der Torwart ihm zu früh und zu deutlich eine Seite anbot, mühelos verwandelte zum Abschluss einer frustrierenden Hälfte für die Palästinenser. So schlecht waren die nicht. Wenn aber der Schwarm loslegte, wurde das Spiel zu schnell für sie und ganz vorne selbst Druck auszuüben waren sie nicht in der Lage. Und dann steht's auch ohne herausgespielte Tore, zu denen Japan grundsätzlich in der Lage ist, 3:0.

Das 4:0 fiel schnell nach der Pause. Endos Distanzschuss sprang anders auf, als der Torwart dachte. Trotzdem bekam der den Ball mit einem guten Reflex noch am Pfosten vorbei. Die Japaner führten den Eckball aber sehr schnell aus Endos Flachpass in den Strafraum, Kagawas Dreher und kurzer Flanke und dem Kopfballtor des Innenverteidigers Maya Yoshida (Southampton City) in der 49. Minute seines 50. Länderspiels.

Das reichte den Japanern. Offensiv nahm die Mannschaft nun einigen Druck aus dem Spiel. Und Palästina zeigte, grundsätzlich auch zu wissen, wie Offensive funktioniert. Ein paar Mal hatte die japanische Abwehr Probleme, einmal flog Torwart Eiji Kawashima (Standard Lüttich) weit am Ball vorbei, aber hatte noch genug Verteidiger in der Nähe. Gegen den wuchtigen Kopfball des Innenverteidigers Abdelatif Bahdari hätte Kawashima in der 82. Minute keine Chance gehabt, aber der Ball ging neben das Tor.

Erst in der Nachspielzeit drückten die Japaner, die seit einer Gelb-Roten Karte gegen den Innenverteidiger Ahmed Harbi in der 73. Minute für ein völlig überflüssiges Foul im Mittelfeld in Überzahl spielten, noch einmal. In der 91. und 92. Minute flog der Ball kreuz und quer durch den palästinensischen Strafraum, es gab mehrere Abschlüsse, aber irgendwer blockte jeden Schuss ab, bis der Ball endlich weg war. Und Saleh verhinderte mit einer herrlichen Parade gegen den Kopfball von Frankfurts Makoto Hasebe das 5:0.

Wenn nichts Ungewöhnliches passiert, hat Japan einen Freifahrtschein ins Finale. Auch Jordanien und Irak sollten nicht in der Lage sein, ihren Gruppensieg zu verhindern. Der Zweite der Gruppe C müsste ebenso schlagbar sein wie der Sieger der Gruppe B und der Zweite der Gruppe A (wahrscheinlich Südkorea). Palästinas Ambitionen, die Gruppe zu überstehen, müssen gegen die anderen beiden Teams umgesetzt werden.

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