Ohrfeigen und rechte Geraden

Jörg Schneider. Marbella.
Die Tumulte und Prügeleien im Skandal-Spiel im Estadio Municipal von Marbella überdeckten den ohnehin nicht sonderlich großen sportlichen Wert der Test-Partie des FSV Mainz 05 gegen Standard Lüttich. Das Team von Martin Schmidt kassierte eine 0:3-Niederlage, hielt sich aber in der körperlichen Auseinandersetzung mit dem belgischen Erstligisten wacker. „Wir haben uns gut geschlagen“, sagte Christian Heidel nachher scherzhaft. Folgen müssen die 05er nicht befürchten, da der Schiri keine Strafen verhängte und dank der Intervention des 05-Managers auch keinen Abbruch verhängte.

Der Auslöser der Prügelei in Marbella: Corentin Fiore (rechts) hat Christoph Moritz übelst gefällt. Henrique Sereno will Christian Clemens von Rache-Aktionen abhalten und fängt wenig später selbst eine rechte Gerade. Foto: ImagoDen Tweet der nullfünfMixedZone „Mainz 05 verliert Testspiel und Hauerei gegen Standard Lüttich“ wollte Christian Heidel am Abend danach dann doch nicht unkommentiert stehen lassen. „Wir haben uns gut geschlagen“, sagte der Manager des Bundesligisten später lachend nach dem Skandalspiel im Estadio Municipal von Marbella, das die 05er mit 0:3 gegen den belgischen Erstligisten verloren hatten und das kurz vor dem regulären Ende vor einem Abbruch stand wegen der beiderseitigen Handgreiflichkeiten. Nach und nach stellte sich heraus, dass die 05-Profis doch aktiver und treffender an der Schlägerei beteiligt waren, die gegen Ende des Testspiels ein gezielter Ballwurf von Christian Clemens an den Kopf des gegnerischen Athletiktrainers und einer üblen Blutgrätsche von Corentin Fiore an Christoph Moritz von hinten in die Beine entzündet hatte.

Viel  Bildmaterial gab es später nicht zur Klärung der Vorfälle, weil der Live-Stream der Partie im entscheidenden Moment ausgefallen war und der entsprechende Beitrag des SWR-Teams aus technischen Übermittlungsgründen nicht rechtzeitig im Mainzer Funkhaus eingetroffen war. Doch die Mainzer ergaben sich nicht nur in der Opferrolle, sondern langten selbst ganz gut hin. Angeführt von Gonzalo Jara rächten die 05er den Faustschlag von Réginal Goreux ins Gesicht von Henrique Sereno. Es gab Ohrfeigen und einige gezielte rechte Geraden. Interessant dabei: Standard Lüttich hat die Vorfälle auf seiner Vereins-Homepage komplett in Wort und Bild unterschlagen.

Ein Nachspiel hat das Ganze allerdings nicht, da der 05-Manager zur rechten Zeit die Initiative ergriff, die Beteiligten beruhigte und mit dem Schiedsrichter, der sich das Ganze gelassen angesehen und keine Strafen verhängt hatte, aushandelte, dass die Partie fortgesetzt wurde. Seine Spieler waren offenbar weniger erbaut davon, nach den Tumulten weiterzuspielen, denn in den verbleibenden Minuten fingen sie sich noch zwei unnötige Gegentreffer ein.

Doch auch die passten zu diesem Tag, an dem die Mainzer offenbar geschlaucht von den Hochbelastungen der vorangegangenen Tage nicht in der Lage waren, eine gute Leistung, ein gutes Spiel auf den Platz zu bringen im ersten der beiden Testspiele gegen belgische Erstliga-Mannschaften. Vor allen Dingen das Aufbau- und Offensivspiel aus eigenem Ballbesitz heraus, das Schwerpunkt der Trainingseinheiten gewesen war, funktionierte nicht besonders. Was wiederum an der schwachen Verteidigungsleistung in der Rückwärtsbewegung lag. „Lüttich hat von Anfang an aggressiv gespielt. Die haben uns gut angelaufen.“ Die Belgier pressten die 05-Offensive intensiv und weit vorne. „Wir haben uns davon etwas einschüchtern lassen und viel zu viele Fehlpässe produziert“, sagte der 05-Trainer.

Die 05er wirkten zu fahrig, bisweilen ohne die nötige Spannung, um einen tief stehenden, fightenden Gegner vernünftig zu bespielen. Das Ganze wurde zwar Mitte der ersten Hälfte besser, wodurch auch einige gute Aktionen und Torgelegenheiten entstanden. Doch die Verteidigungsleistung sorgte dafür, dass der Gesamteindruck, den Schmidts Team hinterließ, eher schwach war. „Wir waren zwar irgendwann spielbestimmend, aber wir haben wieder die wichtigen Zweikämpfe verloren“, sagte der Schweizer. „Auf der rechten Abwehrseite sogar alle.“

Daniel Brosinski kam dort überhaupt nicht zurecht. Besonders beim Lütticher Führungstreffer sah der Rechtsverteidiger schlecht aus und ließ sich vom schnellen Standard-Linksaußen zum wiederholten Male abkochen. Doch Brosinski war bei weitem nicht der einzige, der nicht zu seiner Form fand. Schmidt hatte seine 4-2-3-1-Formation bei eigenem Ballbesitz etwas anders angeordnet, die Sechser etwas versetzt auf den Platz gestellt, um mehr Anspielstationen zu schaffen, doch da werden noch einige Trainingseinheiten und das Testspiel heute Nachmittag in San Pedro de Alcántara (16 Uhr) gegen den FC Brügge nötig sein, um mehr Gewohnheit und mehr klare Linie ins Ballbesitzspiel zu bringen. „Wir wussten, dass die Lütticher nicht den Ball wollten und haben uns bemüht, mal unter Wettkampf-Bedingungen den Ball zu halten und das Spiel zu dominieren“, sagte Schmidt. „Aber die Mannschaft musste feststellen, dass ein internationales Testspiel doch etwas anderes ist als ein Training.“ Unter diesen Gesichtspunkten könne man von einem gelungenen Test sprechen, wenn auch die Leistung nicht besonders gut war und das Ergebnis am Ende um zwei Treffer zu hoch ausfiel.

„Wir können aber auch mitnehmen, dass wir gesehen haben, wie ein Gegner eine Partie mental dominiert mit Aggressivität, so dass das Spielerische nicht mehr viel wert war.“ Pluspunkte auf Mainzer Seite sammelten Yoshinori Muto als Linksaußen, der mit seinem Kopfball in der 23. Minute nach einen Freistoß von Danny Latza den gegnerischen Torhüter zu einer Bestleistung zwang und ein paar weitere gute Aktionen hatte. Oder Jhon Córdoba, der sich ganz gut mit dem Rücken zum Tor behauptete und einige vielversprechende Aktionen schuf. Interessant und überzeugend auch die Vorstellung des bisher kaum in Erscheinung getretenen Henrique Sereno als rechter Verteidiger.

Gegen den FC Brügge soll heute in San Pedro das 05-Team beginnen, das gegen Standard nach 67. Minuten auf den Platz kam. Möglicherweise erhalten auch die zuletzt etwas angeschlagenen Niko Bungert, Maximilian Beister und Suat Serdar einige Spielminuten.

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